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Zwölf Verbände schreiben offenen Brief an den OB und fordern Autospuren zu Radfahrstreifen umzuwandeln

Brenzlige Situation auf der Hohen Straße. Zum einen ist der Radstreifen sehr schmal und führt zwischen zwei Autospuren ohne ausreichenden Sicherheitsabstand hindurch. Zudem müssen rechtsabbiegende Autos ihn kreuzen.

Ein Bündnis von zwölf Fahrrad- und Umweltverbänden fordert die Stadt Dortmund auf, an einigen mehrspurigen Hauptverkehrsstraßen den rechten Fahrstreifen mindestens für die Dauer der Corona-Krise in einen Radfahrstreifen umzuwandeln. In einem offenen Brief (siehe Anhang des Artikels) wenden sie sich gemeinsam an Oberbürgermeister Ullrich Sierau, um ihren Forderungen Ausdruck zu verleihen. Am morgigen Dienstag, 19. Mai 2020, lädt das Bündnis zu einer Testfahrt in den Heiligen Weg. Dort wird in Höhe der Ernst-Mehlich-Straße ein temporärer Radfahrstreifen installiert. Bewusst haben die Verantwortlichen diesen Ort ausgewählt, denn gerade im Bereich der verschiedenen Brücken, die die Straße überspannen, haben sie große Sicherheitsbedenken und angepasste Verbesserungsvorschläge.

Forderung nach einer Infrastruktur, die Radfahren ohne Angst ermöglicht

Peter Fricke von VeloCityRuhr. Fotos (3): Karsten Wickern/Archiv

„Viele vierstreifige Straßen in Dortmund sind überdimensioniert, dort würde ein Fahrstreifen pro Richtung eigentlich ausreichen“, so Sven Teschke von Aufbruch Fahrrad Dortmund, „und in der Corona-Krise gilt das wegen des stark zurückgegangenen Verkehrs natürlich umso mehr.“ Gerade in solchen Straßen entsprächen die Radverkehrsanlagen oft nicht den heutigen Anforderungen oder fehlten ganz. ___STEADY_PAYWALL___

In einem offenen Brief an den Oberbürgermeister schlägt das Bündnis vor, in solchen Fällen Teile der Fahrbahn temporär für den Radverkehr zu nutzen. Berlin, Brüssel, Mailand und Paris seien diesen Weg bereits erfolgreich gegangen. Dortmund könne das auch und solle dem Vorbild dieser Städte folgen, fordert das Bündnis, zu dem auch die Dortmunder Gliederungen von ADFC, VCD und VeloCityRuhr und von BUND, Greenpeace und Nabu gehören. Auch das Klimabündnis Dortmund, der Bund Deutscher Architekten Dortmund Hamm Unna und die Parents for Future‚ sind mit an Bord.

„Gerade Umsteiger*innen, die das Rad vor der Corona-Krise nur selten genutzt haben, brauchen Infrastruktur, die Radfahren ohne Angst ermöglicht. Breite, vom Autoverkehr getrennte Streifen sind da eine gute Lösung“, erklärt Peter Fricke von VeloCityRuhr und Aufbruch Fahrrad. Wer jetzt zu Fuß gehe, brauche mehr Platz auf den Gehwegen, um die Distanzregeln einhalten zu können. Von guten temporären Radverkehrsanlagen auf der Straße profitiere also auch der Fußverkehr, weil dann weniger Radverkehr im Seitenraum stattfinde.

Testfahrt auf dem Heiligen Weg am Dienstag, 19. Mai 2020, von 17 bis 18 Uhr

Selbst dort, wo bereits Schutzstreifen vorhanden sind, sehen die Rad-Aktivist*innen Gefahren, die beseitigt werden müssen. Foto: VeloCityRuhr

Am 19. Mai gibt es Gelegenheit für eine Testfahrt: Auf dem Heiligen Weg wird es nördlich der Ernst-Mehlich-Straße von 17 bis 18 Uhr einen temporären Radfahrstreifen auf dem rechten Fahrstreifen geben. Die Aktion ist als Demonstration angemeldet und wird von der Polizei begleitet. Der Heilige Weg wurde aus gutem Grund gewählt: 

„Der Abschnitt unter den Brücken ist für den Radverkehr nicht gut gelöst,“ erklärt Thomas Quittek vom BUND, denn der Schutzstreifen höre dort einfach auf. Entweder man fahre auf der Fahrbahn zwischen drängelnden Autos, oder man wechsele auf den holprigen Gehweg. Das sei dort zwar erlaubt, aber keine gute Lösung.

„Wo es auf dem Heiligen Weg schmale Schutzstreifen gibt, ist es eigentlich noch schlimmer“, meint Lorenz Redicker vom Verkehrsclub Deutschland und erklärt: „Die Autos orientieren sich an der Linie, und so wird man von fahrenden und parkenden Autos in die Zange genommen. Wenn da plötzlich eine Autotür aufgeht, dann war es das.“

Unkomplizierte Verbesserungsmaßnahmen sollen in Pilotprojekten getestet werden

Ghostbike in der Schützenstraße erinnert an einen tödlich verunglückten Radfahrer.

Dabei sei die Rechtslage in der neuen Straßenverkehrsordnung ganz klar beschrieben: Autos müssten beim Überholen immer mindestens 1,5 m Abstand zu Radfahrenden halten, ganz egal, ob da eine Linie sei oder nicht, erklärt Redicker. Wenn ein Rad auf dem Schutzstreifen fahre, müsse das Auto dahinter bleiben oder den Fahrstreifen wechseln. 

Das Bündnis betont, dass es nicht pauschal in allen Straßen Radfahrstreifen anlegen will. Man kenne die Bedenken der Verwaltung, die Mehrarbeit befürchtet für Wege, die dann vielleicht nur einige Monate lang genutzt würden. Darum schlage man einige wenige Pilotprojekte an solchen Stellen vor, an denen die Umsetzung ganz besonders einfach sei. 

Änderungen von Ampelschaltungen seien beispielsweise aufwändig, darum habe man gezielt solche Vorschläge gemacht, wo diese nicht erforderlich seien: Heiliger Weg, Hohe Straße und den Straßenzug Treib-/Grüne/Steinstraße. Mit den gesammelten Erfahrungen aus den Pilotprojekten könne dann entschieden werden, ob eine Ausweitung sinnvoll sei oder nicht.

 

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5 Gedanken über “Zwölf Verbände schreiben offenen Brief an den OB und fordern Autospuren zu Radfahrstreifen umzuwandeln

  1. GRÜNE setzen sich für Pop-up Bike-Lanes ein (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Dortmund Pressemitteilung)

    GRÜNE setzen sich für Pop-up Bike-Lanes ein

    Die GRÜNEN im Rat begrüßen die Anregung der zwölf Radverkehrs- und Umweltverbände, temporäre Radspuren, so genannten Pop-up Bike-Lanes, auch in Dortmund einzurichten. Die Verbände haben dazu auch gleich Vorschläge gemacht, an welchen Stellen in der Stadt das sinnvoll sein könnte. Mit einem Antrag bringen die GRÜNEN die Vorschläge der Verbände nun zur Abstimmung in den nächsten Verkehrsausschuss.

    „Mit dem offenen Brief sprechen uns die Verbände aus dem Herzen. Pop-up Bike-Lanes wurden während der Corona-Krise schon in vielen Städten in Europa und auch in Berlin umgesetzt. Wir hätten uns in Dortmund eine solche Aktion schon im Zusammenhang mit der Wall-Sperrung für die Raser gewünscht. Denn gerade mit dem Rad gelingt das Abstandhalten besonders einfach. Durch die Corona-Krise hat sich der Verkehr in Dortmund aktuell deutlich reduziert. Das ist ein guter Zeitpunkt, um durch zusätzliche Fahrradstreifen potenzielle Umsteiger*innen zu motivieren und damit auch gleich das städtische Programm UmsteiGERN zu bewerben“, so Ingrid Reuter, Fraktionssprecherin der GRÜNEN.

    „Die Einschränkungen in der Corona-Zeit haben die Eckdaten der Mobilität verändert: Fußgänger*innen brauchen mehr Platz auf den Gehwegen, Radwege auf den Fußwegen erschweren jetzt das Einhalten der Distanzregeln. Der kommende Sommer und die Ferien sind zudem eine gute Zeit, um einen Fahrstreifen an den großen Straßen umzunutzen. Ein Regelplan zur temporären Einrichtung und Erweiterung von Radverkehrsanlagen, wie er in Berlin aufgestellt wurde, könnte auch in Dortmund die schnelle Umsetzung von temporären und gleichzeitig sicheren Radfahrstreifen ermöglichen.“

  2. B. Stanke

    Sehr geehrte Damen und Herrn,

    ich habe das Gefühl, das durch die Corona-Krise einige Menschen zu viel Langeweile haben und leider gesundheitlich erhebliche Gerhinschaeden erlitten haben müssen.

    Ich melde mich an dieser Stelle stellvertretend für alle die, die während der letzten Wochen Tag für Tag ihren Mann/Frau gestanden hab und durch ihre Arbeit dieses Land und unsere Stadt in der Corona-Krise vor noch größerem wirtschaftlichen Schaden bewahrt haben.

    Die Gastronomie liegt weiterhin am Boden, und ob der Friseur, Bäcker oder die Fleischerei um die Ecke jemals wieder öffnet steht weiterhin in den Sternen. (auf Grund der Auflagen des Ordnungsamtes).
    Vor den Geschäften bilden sich Tag für Tag Schlangen und es wird akribisch auf Maskenpflicht und Personenbeschränkung geachtet.

    Jetzt haben wir Dienstag und es gibt Gott sei Dank langsam mal wieder so etwas wie Feierabendverkehr, was als Indiz dafür gilt, das viele Leute wieder ihrer Arbeit nachgehen können und irgendwelche Möchtegern-Weltverbesserer, die erfahrungsgemäß weder rechts vor links, noch rote Ampeln kennen, weil sie ja bekanntlich die Schwächeren sind, blockieren tausende Autofahrer, die nach ihrem wohlverdienten Feieraben endlich nach Hause wollen, oder sich noch in einer Schlagen vor dem Lebensmittelgeschaeft anstellen müssen, um einzukaufen und lösen ein regelrechtes Verkehrschaos aus.
    Und über den Umweltaspekt brauchen wir da wohl gar nicht zu reden.

    Aber das schlimmste ist ja, das Ordnungskräfte dulden bzw. hinwegsehen, das jegliche Corona-Sicherheitsbestimmungen, was z.B. Sicherheitsabstand, Masken usw. angeht völlig missachtet worden sind.
    Da wird sich nochmal schön für Fotos in Pose gestellt usw.

    Wenn das die Zukunft und Bestreben dieses Landes ist dann gute Nacht.
    Wir kaufen uns dann in Zukunft alle ein Fahrrad, damit wir zum Amt fahren können, um unsere Stütze abzuholen und haben viel, viel Zeit.
    Und wenn es dann zu Langweilig wir pflanzen wir überall Bäume, wo uns was nicht passt.

    1. BicycleFriend

      guten Tag Herr oder Frau Stanke. Leider bringen Sie in Ihrem Kommentar einiges durcheinander. Den DemonstrantInnen war und ist nicht langweilig und sie leiden auch nicht an einer Hirnkrankheit. Die Sehnsucht nach Normalität ist verständlich, aber mal ehrlich: finden Sie es normal und gut, wenn sich Massen von Autos auf den Straßen Dortmunds stauen? Inklusive dem Gestank, den Autos verursachen. Niemandem soll der eigene Feierabend verweigert werden. Bei Demos für PopUpBikeLanes, kurz PBL, geht es um lebenswerte Städte mit weniger Autoverkehr, in denen jede*r mit weniger Streß als wie beim Autofahren nach Hause oder zur Arbeit kommt. Ihr Argument, daß Einzelhandel/Gastronomie am Boden lägen wg. der coronakrise hat nichts mit der Demo für PBLs zu tun. Radfahrende sind eher die, die den Einzelhandel stärken, weil sie nicht lang Parkplätze suchen müssen und durch den direkteren Kontakt direkt vor dem Ladengeschäft stehen und mehr Kaufanreize spüren. Eine PBL mag für Sie als Autofahrer*in ungewohnt sein und erst mal eine Behinderung darstellen, aber im Endeffekt profitiert jede*r Stadtbewohner* davon: weniger Abgase und sichere Ankunft durch sichere Wege für Radfahrer* und Fußgänger. Der Großteil des verfügbaren Platzes ist Autos zugeteilt, vergessen Sie das nicht. Scheinbar rücksichtsloses Verhalten, wie Sie es an Radfahrenden kritisieren, entsteht selten aus bösem ‚Willen, sondern aufgrund mangelnden Platzes, schlechter Ampelschaltungen und Gedankenlosigkeit anderer motorisierter Verkehrsteilnehmer*.

    2. Ivy Kundt

      Es würde viel mehr Menschen geben, die ihren wohlverdienten Feierabend auf dem Rad genießen würden, wenn es nicht viel zu viele Autostraßen, stinkende und lärmende Autos und aggressive Autofetischisten gäbe.

  3. BicycleFriend

    Platz, der Autos im öffentlichen Raum, also in der Stadt zugerechnet wird, Studie der TU Berlin: https://www.pressestelle.tu-berlin.de/menue/tub_medien/publikationen/medieninformationen/2020/mai_2020/medieninformation_nr_822020/

    Warum Radfahren in der Coronakrise sinnvoll ist: https://www.adfc.de/artikel/corona-adfc-fahrrad-als-rueckgrat-des-resilienten-verkehrssystems-ernst-nehmen/

    Warum Einzelhändler* von radfahrenden Kunden* profitieren: http://www.einkaufen-mit-dem-rad.de/index.shtml

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