Nordstadtblogger

Fahrradunfälle: Hier liegen die Brennpunkte in Dortmund

Radfahren in Dortmund ist vergleichsweise gefährlich und unattraktiv. Wir haben genau hingeschaut.

Von Pauline Baur, Nathan Niedermeier und Karsten Wickern

Im vergangenen Jahr verunglückten auf Dortmunds Straßen drei Radfahrer tödlich. An rund 450 weiteren Verkehrsunfällen waren Radfahrer 2018 beteiligt, das geht aus der Verkehrsstatistik der Polizei Dortmund hervor. Wir haben die Unfalldaten ausgewertet und Brennpunkte identifiziert, an denen sich im vergangenen Jahr besonders viele Radfahrunfälle ereignet haben. Möglich ist diese Datenauswertung, weil die Polizei Dortmund seit 2018 ihre Unfallstatistiken mit GPS-Daten versieht. Diese interaktive Karte zeigt die Unfall-Brennpunkte:

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Eine Tour mit dem Rad  durch die Stadt Dortmund

Peter Fricke von VeloCityRuhr

Der Dortmunder Peter Fricke engagiert sich bei dem Radfahrnetzwerk VeloCityRuhr und ist seit vielen Jahren begeisterter Radfahrer. Er kennt die Problemstellen auf Dortmunds Straßen sehr genau.

Peter Fricke ist für VeloCityRuhr Mitglied im Beirat Nahmobilität der Stadt Dortmund und setzt sich darüber für eine fahrradfreundlichere Stadt ein.

Mit ihm machen wir uns per Fahrrad auf den Weg zu den Brennpunkten im Innenstadtbereich. Eine Tour, die die Probleme der Dortmunder Radverkehrsinfrastruktur verdeutlicht. Den genaue Unfallhergang kennen wir allerdings nicht. Unsere Tour zeigt die grundlegenden Probleme der örtlichen Radinfrastruktur.


1. Station: Die Kreuzung Unionstraße/ Übelgönne

Unsere Tour beginnt an der Kreuzung Unionstraße/Übelgönne. Die Unionstraße hat an dieser Stelle ein Gefälle, das dazu führt, dass RadfahrerInnen hier fast so schnell wie die Autos unterwegs sind. 2018 ereigneten sich hier gleich sieben Fahrradunfälle, so viel wie an keiner anderen Kreuzung in der Stadt.

Für die RadfahrerInnen sind hier sowohl die Links- als auch die RechtsabbiegerInnen gefährlich, erklärt Fricke. Beide sehen die RadfahrerInnen viel zu spät oder gar nicht.

Für die RechtsabbiegerInnen versperren (falsch) parkende Autos und ein Baum die Sicht, für die LinksabbiegerInnen der Gegenverkehr. Hinzu kommt, dass der Radfahrstreifen zu schmal ist.

Mögliche Lösungen könnten laut Fricke sein, die Parkplätze und den Baum, der die Sicht auf die RadfahrerInnen erschwert, zu beseitigen. Eine andere Möglichkeit wäre es eine Ampel zu bauen. Auch Werner Blanke, Vorstandsvorsitzender des ADFC Dortmund, kennt die Problemstelle. Blanke schlägt vor, den Radweg nicht als Hauptradroute zu beschildern oder eine Aufpflasterung zu bauen. Dann müssten Autos, die in oder aus der Straße abbiegen über eine Erhöhung fahren müssen.


2. Station der Tour: Die Lindemannstraße

Bei der Lindemannstraße kritisieren sowohl Fricke als auch Blanke die zu schmalen Radwege ohne Abstand zu parkenden Autos. Die RadfahrerInnen würden sich hier sehr unterschiedlich verhalten, weil teilweise auch auf dem Gehweg gefahren werden darf.

RadfahrerInnen, die sich auf der Straße wegen des schmalen Radweges unsicher fühlen und auf den Gehweg ausweichen, leben aber im Zweifel sogar noch gefährlicher, weil AutofahrerInnen dort nicht mit RadfahrerInnen rechnen, erklärt Fricke.

Insgesamt ereigneten sich auf der Straße sieben Fahrradunfälle. Davon die meisten an der Kreuzung zur Straße „Neuer Graben“.


3. Station der Tour: Die Hohe Straße

Standbild der brenzligen Situation.

Auf der Hohen Straße werden wir auf unserer Tour Zeugen einer äußerst brenzligen Situation. Dort, wo die Hohe Straße in den Wall mündet, wird der Radweg zweigeteilt.

Geradeaus fahrende RadlerInnen werden auf einer eigenen Spur zwischen rechtsabbiegenden Autos und geradeaus fahrenden Autos geführt. Rechtsabbiegende RadlerInnen werden rechts am Autoverkehr vorbeigeleitet.

Das Problem: Die linksabbiegenden Autos müssen so die Radspur kreuzen. Wenn dann der Schulterblick fehlt, kann das für die RadfahrerInnen schnell sehr gefährlich werden. Und so auch heute. Eine Autofahrerin kreuzt den Radfahrstreifen unmittelbar vor einem heranfahrenden Radfahrer, der gerade noch scharf abbremsen kann und wütend mit der flachen Hand gegen das Auto schlägt. „Sie hätten mich beinahe überfahren“ brüllt er.

Insgesamt gab es auf der Hohen Straße 2018 sieben Unfälle. Peter Fricke findet, dass sich bei der Hohen Straße etwas weiter entfernt vom Ring ein weiteres allgemeines Problem zeigt und das heißt Schrägparkplätze. Bei solchen Parkplätzen parken Autos quasi blind aus und haben fast keine Möglichkeit, RadfahrerInnen zu sehen, erzählt Fricke.

Außerdem sei der Radweg viel zu schmal und habe auch keinen ausreichenden Sicherheitsabstand zu den parkenden Autos. Wir messen per Zollstock nach und tatsächlich ist der Radweg an einer besonders schmalen Stelle gerade einmal einen Meter breit. Fricke fordert 1,85 Meter plus einen Sicherheitsstreifen als Abstand zu den parkenden Autos von 50 bis 75 Zentimetern.


4. Station der Tour: Märkische Straße

Auch auf der Märkischen Straße ereigneten sich 2018 besonders viele Radfahrunfälle, insgesamt sechs Mal hat es dort gekracht. Gleich zwei der Unfälle passierten an exakt der gleichen Stelle.

Hier wird der sehr schmale Radweg auf dem Bürgersteig geführt und die Sicht darauf ist durch parkende Autos und Bäum für Autofahrer größtenteils verdeckt. Hinzu kommt ein Gefälle, so dass auch hier RadfahrerInnen schneller als üblich unterwegs sind.

Erneut sind es die RechtsabbiegerInnen, die geradeaus fahrende RadfahrerInnen übersehen. Direkt an der Unfallstelle ist eine Apotheke. Der Apotheker Dr. Haryanto arbeitet dort und erinnert sich, dass es an dieser Stelle immer mal wieder zu brenzligen Situationen kommt.

Damit die RadfahrerInnen nicht mehr so leicht übersehen werden können, schlägt Peter Fricke einen Radweg auf der Straße als Lösung vor. Dafür müssten die AutofahrerInnen allerdings auf eine Fahrbahn verzichten.


Im außerstädtischen Bereich Dortmunds ergibt die Auswertung der Polizeidaten eine Häufung von Unfällen an der Kreuzung Greveler Straße/Kurler Straße in Kurl und auf der Stockumer Straße in Barop.

LKW-Unfälle deutlich häufiger mit tödlichem Ausgang

An den allermeisten Radfahrunfällen waren PKWs beteiligt. Unfälle mit LKWs gab es lediglich zwölf, davon aber gleich zwei mit tödlichem Ausgang für die RadfahrerInnen.


An Radfahrunfällen beteiligte Fahrzeuge mit dem Verletzungsgrad der Unfälle. Quelle: Polizei Dortmund


Das Ghostbike an der Schützenstraße.

Einer der tödlichen Unfälle ereignete sich auf der Kreuzung Schützenstraße/ Mallinckrodstraße. Beide Straßen dürften Dortmunder RadfahrerInnen als besonders gefährlich bekannt sein und sind auch dem ADFC ein Dorn im Auge.

Im August 2018 erfasste ein rechtsabbiegender LKW an der Kreuzung einen geradeaus fahrenden Radfahrer, der hier Vorfahrt hat. Nach sechs Tagen erlag der 85-Jährige im Krankenhaus seinen Verletzungen. Dortmunder RadfahrerInnen stellen daraufhin ein sogenanntes „Ghostbike“ an der Unfallstelle auf. Es soll an den tödlichen Unfall erinnern. Es ist das vierte Fahrrad, das in Dortmund an einen verunglückten Radfahrer erinnert.

Fragt man Werner Blanke nach weiteren Problemstellen sagt er: „Im Grunde sind sämtliche Hauptverkehrsstraßen in Dortmund ein Problem, denn insgesamt sind die Radwege häufig zu schmal, falsch geführt, hören einfach im Nichts auf oder sind in katastrophalem Zustand“.

Für besonders kritische Kreuzungen schlägt Blanke eine getrennte Grünphase vor. Die würde so aussehen, dass RadfahrerInnen und FußgängerInnen auf der gesamten Kreuzung zeitgleich eine gemeinsame Grünphase hätten.


Auch Peter Fricke sieht in Dortmund viel Nachholbedarf und hat konkrete Ideen, was sich ändern müsste:

In den letzten Jahren ist die Anzahl der Radfahrunfälle in Dortmund kontinuierlich gestiegen. Waren es 2014 noch rund 317, stieg die Zahl bis 2018 auf rund 450 Unfälle an. Insgesamt ereigneten sich in Dortmund im letzten Jahr allerdings rund 24.500 Verkehrsunfälle. Alle Radfahrunfälle 2018 sind auf dieser interaktiven Karte dargestellt:


Schlechte Noten für die Dortmunder Radinfrastruktur

Dass Dortmund in Sachen Fahrradfreundlichkeit kein Musterbeispiel ist, belegt auch das Städteranking des ADFC. Bei dem Ranking aus dem Fahrradklima-Test des Verbandes belegt Dortmund den vorletzten Platz unter deutschen Großstädten.

In Bremen, der Stadt auf Platz eins des ADFC-Rankings ereigneten sich 2018 insgesamt deutlich mehr Fahrradunfälle, nämlich rund 1.200 statt der 450 in Dortmund. Anders als in Dortmund steigen die Zahlen in der Hansestadt jedoch nicht kontinuierlich, sondern schwanken. In Bremen, von der Fläche und Einwohneranzahl in etwa mit Dortmund zu vergleichen, liegt allerdings der Anteil der FahrradfahrerInnen am Gesamtverkehr nach Angaben der Stadt bei rund 25 Prozent. In Dortmund sind es laut Angaben der Befragung zum Mobilitätsverhalten der Dortmunder Bevölkerung lediglich sechs Prozent. Die Daten stammen allerdings aus dem Jahr 2013. Der ADFC hat auch Zählungen zum Radverkehr durchgeführt. Demnach blieben die Zahlen lange etwa konstant, aber in den letzten Jahren hätten sich leichte Anstiege abgezeichnet.


Neue Stellen für den Radverkehr geplant

30.000 Unterschriften konnten die “Aufbruch Fahrrad” Unterstützer in Dortmund sammeln. Foto: Jan Rocho

Dortmund strebt an, den Anteil des Radverkehrs bis 2030 auf 15 Prozent anzuheben. „Nicht besonders ambitioniert“ findet Werner Blanke – andere Kommunen würden sich 25 Prozent vornehmen.

Außerdem hat der Dortmunder Stadtrat am 4. Juli 2019 beschlossen, acht neue Stellen in der Verwaltung für den Radverkehr schaffen. Diese Stellen sollen innerhalb des Tiefbauamtes ein neues Team bilden, dass die Radinfrastruktur in Dortmund verbessern soll.

Damit reagiert die Stadt auch auf die Petition „Aufbruch Fahrrad“, bei der NRW-weit nirgends so viele Menschen unterschrieben haben wie in Dortmund, satte 30.000 nämlich.

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Ein Gedanke zu “Fahrradunfälle: Hier liegen die Brennpunkte in Dortmund

  1. Sonja Lemke

    Die Übelgönne ist sogar noch gefährlicher geworden. Sie wurde neu gemacht, sodass es dort keine Schlaglöcher mehr gibt und die Autos mit noch mehr Geschwindigkeit auf den Radweg fahren. Außerdem gab es vorher die Möglichkeit stattdessen ein Stück über den danebenliegenden Parkplatz zu fahren, der Weg ist jetzt aber durch einen Zaun versperrt.
    Eine Möglichkeit wäre auch die Straße komplett für Autos zu sperren. Vom Berufskolleg bis zu der Kreuzung ist sie eigentlich nur eine Zufahrt für Parkplätze, die auch über die Parallelstraße erreicht werden können, die schon eine Ampel hat.

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