Nordstadtblogger

Zum Gedenken an drei homosexuelle Opfer: Stolpersteine in Dortmund erinnern an Verbrechen der Nazi-Gewaltherrschaft

Bei BODO wurde an das Schicksal der homosexuellen Opfer erinnert – erstmals war ein Obdachloser darunter.

Von Gerd Wüsthoff

Kurt Dorr, wohnungslos und schwul, Dr. Hugo Cohen, ein schwuler jüdischer Arzt, Friedrich Heimann, jüdisch und schwul: Alle drei lebten zuletzt in Dortmund. Ihre Stolpersteine befinden sich nun an der jeweils letzten selbst gewählten Adresse der Opfer des Nazi-Terrors. Der Stein für den obdachlosen Kurt Dorr wurde vor dem Rathaus in Dortmund verlegt. Vor ihrer Ermordung in einem Konzentrationslager trugen sie dort die berüchtigten „Rosa Winkel“ für Schwule beziehungsweise den „Schwarzen Winkel“ für sogenannte Asoziale. Sie waren somit in der untersten Gruppe in den „industriellen Mordanlagen“. Am Abend vor der Verlegung der Stolpersteine fand eine kleine Feier bei der Obdachloseninitiative Bodo statt.

Weimarer Freiheit: ausgenutzt von Nazis und in nackte Terrorherrschaft gedreht

Nach dem Ende des Kaiserreichs 1918 brach sich die Freiheit in fast allen Bereichen des Lebens ihre Bahn – trotz der politischen und wirtschaftlichen Wirren. 1919 erkämpften sich Frauen in Deutschland neben denen in Österreich das allgemeine und freie Wahlrecht. Frauen arbeiteten und verdienten eigenes Geld, bis zur gesetzlichen Gleichheit war aber noch ein langer Weg. Viele Tabus der Kaiserzeit verschwanden fast über Nacht.

Sogar für Schwule und Lesben brachen neue und freiere Zeiten an, denn der berüchtigte und seit 1871 geltende Paragraph 175 wurde selten angewandt – und wenn, dann nur bei Vorfällen in der Öffentlichkeit. Zeitschriften für Homosexuelle wurden offen verkauft und in der bildenden Kunst war die Darstellung homosexueller Themen kein Tabu mehr. Zur geplanten Abschaffung des Paragraphen 175 kam es aber wegen der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise nicht mehr.

Innerhalb von vier Jahren stiegen die braunen Horden dann schließlich, „bürgerlich gewandet“, zur stärksten Fraktion im Parlament auf. Im Januar 1933 übernahmen sie die Macht. Zugleich drehten die Nazis den gesellschaftlichen Fortschritt zurück und verfolgten ihr aberwitziges Bild einer „idealen Volksgemeinschaft“.

NS-Gedenkstätte weitet den Blick für das Gedenken auf weitere Opfer-Gruppen aus

Die Gedenkstätte an der Steinwache hatte lange Zeit nach dem Krieg nur die Opfer von Widerstand und Verfolgung im Visier. Die homosexuellen Opfer waren quasi unsichtbar. Viel zu sehr war noch nach dem Naziterror der Gedanke der „Unwertig- und Unwürdigkeit“ von Homosexuellen in das Gedankengut der Menschen eingebrannt.

Man konnte zwar als Homosexueller, insbesondere Schwuler, nicht mehr umgebracht, jedoch jederzeit deswegen verurteilt werden. Gleiches galt seit 1871, im Zuge der Industriellen Revolution, mit Beginn des Kaiserreiches der Deutschen für die Obdach- oder Wohnungslosen. Auf dem auch in Weimar weiter lebenden Gedanken, bauten die Nazis den Begriff des Asozialen weiter aus.

Zwar wurde die Strafbarkeit nach Paragraph 175 zu Beginn der 1970er Jahre abgeschafft. Jedoch erfolgte die wirkliche Befreiung erst mit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Hier wurde einmal positiv „vereint“ und die Homosexualität frei, ohne jegliche gesetzlichen Einschränkungen. Das dies in der ehemaligen DDR allerdings anders gehandhabt wurde, steht auf einem anderen Blatt. Schließlich folgte im Oktober 2017 endlich die tatsächliche rechtliche Gleichstellung mit der Ehe für alle.

Der falsch verwendete Begriff „asozial“ für Unangepasste, Andersdenkende und vor allem für Obdachlose ist noch immer im allgemeinen Gedankengut verankert. Der Begriff wird im Sinne von „antisozial“ (= gemeinschaftsschädigend) verwendet. Beides sind Kunstworte, die häufig dazu missbraucht werden, Gruppen zu stigmatisieren und abzuwerten, die von geforderten gesellschaftlichen Normen (z.T. bewusst) abweichen.

„Asozial“ bezeichnet an sich ein von der anerkannten gesellschaftlichen Norm abweichendes Verhalten: Ein Individuum oder eine Gruppe verstößt durch die eigenen Handlungen gegen geltende gesellschaftliche Normen und gegen Interessen anderer Mitglieder der Gesellschaft. Als „Asoziale“ wurden und werden teilweise bis heute insbesondere Obdachlose, Bettler, Fürsorge­empfänger, Erwerbslose, Sucht­kranke (z. B. Alkoholiker), Landstreicher, Prostituierte und andere soziale Randgruppen – zum Beispiel sogenannte Zigeuner (Sinti und Roma) bezeichnet.

 

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“  (Talmud)


Kurt Dorr, geboren 1909 in Marienwerder, war wohnungslos und für die Nazis ein typischer Vertreter der Asozialen. Zudem war er schwul. Er wurde schon 1937, wegen „Umhertreibens“, wegen des Paragraphen 175 StGB und Mordverdachts verhaftet und in der Steinwache inhaftiert. Es war typisch und ist es leider immer, das Wohnungslose schnell als Täter gesehen werden. Der Mordverdacht allerdings ließ sich nicht beweisen.

Nach seiner Freilassung wurde Dorr 1938 erneut wegen des „175ers“ und Bettelei verhaftet. Als Obdachloser passte Dorr nur zu gut in die Aktion „Arbeitsscheu Reich“. Dorr wurde zuerst in das KZ Sachsenhausen, dann Mauthausen, transportiert. Dort, mit dem „Schwarzen Winkel“ versehen, starb Dorr an „Allgemeiner Schwäche, Herz- und Kreislaufversagen“.

„Wie wir vermuten dürfen, nicht die Wahrheit“, erklärt Dr. Frank Ahland. Der Ausdruck „Asoziale“ war hauptsächlich seit 1871 eine politisch genutzte Sammelbezeichnung für als minderwertig eingeschätzte Menschen aus der sozialen Unterschicht.


Dr. Hugo Cohen, geboren 1876, seit 1906 als Arzt in Dortmund tätig, ist jüdisch und in seiner Familie und bei seinen Patienten geachtet. Seine Homosexualität war seiner Familie und engen Freunden bekannt, und stellte nach Aussage des Enkels seiner Schwester Hedwig kein Problem dar. Allerdings war dies im Nachruf zum Todes seines Vaters 1929 einen unverhohlenen Wink des Verfassers wert.

Obgleich in der Weimarer Republik an die Abschaffung des Paragraphen 175 und den damit einhergehenden §§ gedacht worden war, wurde gegen Cohen 1931 ermittelt. „Die Sozialdemokratische Politikerin und Bundestagsabgeordnete Jeanette Wolff, während des Nationalsozialismus in Dortmund, berichtete 1962, ‚man hatte ihm (Cohen), soviel mir bekannt ist, seitens der Gestapo vorgeworfen, er habe unerlaubte Beziehungen zu einem jungen Mann gehabt. Der Betroffene hat das nach 1933 angegeben, als er in die SA eintrat; so viel erzählte man mir’“, berichtete Ahland am Abend vor der Stolpersteinzeremonie im Bodo.

„Herr Cohen hatte den jungen Mann mit einer Hautkrankheit behandelt, als er 13 Jahre alt war. 1933 war der Mann schon Mitte 20“, berichtet Ahland weiter zu Cohen. Dieser wäre mit Sicherheit in Schutzhaft, und damit ins KZ gekommen, hätte die Gestapo der Anklage Glauben geschenkt. 1936 wird Cohen mit einem anderen 39-jährigen Mann in die Steinwache eingeliefert, weil, so aus der damaligen Presse zu entnehmen, beide mit 16 bis 18-Jährigen Unzucht betrieben hätten.

Ende 1937 wird Cohen wieder verhaftet und wegen wechselseitiger Onanie mit einem Erwachsenen zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt – damals üblich. Nach der Haft muss sich Cohen eine neue Bleibe suchen, weil seine Wohnung und Praxis „arisiert“ wurden. Während des Novemberpogroms, „Reichskristallnacht“, wird Cohen von der SA misshandelt und von der Pension von Wolff direkt in das KZ Sachsenhausen abtransportiert. Ende 1938 kehrt Cohen nach Dortmund zurück, denkt offensichtlich an eine Flucht aus Deutschland, die er aber nicht antreten kann, weil seine Mittel durch die Reichssteuerbehörde blockiert werden. Nach einem Umzug nach Halle und wieder zurück nach Dortmund wird Cohen zusammen mit Wolff in das Ghetto von Riga verschleppt, um in Dünamünde ermordet zu werden.


Friedrich Heimann, geboren 1889 in Dortmund, wurde 1942 im Generalgouvernement ermordet. Heimann, Jude und schwul, wird gegen Mitternacht im Januar 1939 in die Steinwache eingeliefert, was darauf hindeutet, dass er in Flagranti von der Polizei erwischt wurde. Er wurde nach den Paragraphen 175 und 183 (Erregung öffentlichen Ärgernisses) StGB verurteilt, und nach Verbüßung im Mai 1939 entlassen.

Im Februar 1942 wird Heimann mit 177 weiteren GlaubensgenossInnen nach Zamość ins sogenannte Generalgouvernement verschleppt. Diesem ersten Transport nach Riga folgten zwei weitere nach Theresienstadt. Transporte, von denen zu viele nicht zurückkehren sollten. Die Todesdaten und genauen Todesorte der Verschleppten sind nicht bekannt.

„Man kann davon ausgehen, das diese Menschen in den Gaskammern und Verbrennungsöfen der Vernichtungslager in Polen ihr Leben beendeten“, sagt Ahland. Aus Zamość, südlich von Lublin, kam niemand zurück. Der Neffe von Friedrich Heimann übergibt nach dem Krieg die Daten seines Onkels an die Gedenkstätte in Yad Vashem.

Stolperstein-Steckbriefe (als PDF zum Download):

Weitere Informationen:

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Infos

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen