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Dienstleistungsgewerkschaft ver.di gut aufgestellt für große Tarifauseinandersetzung im öffentlichen Dienst

Verdi-Jahresempfang 2014

Gut besucht war der Jahresempfang von ver.di im Reinoldinum. Foto: Alex Völkel

Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di blickt zuversichtlich in die Zukunft: Erstmals seit der Fusion der fünf Einzelgewerkschaften vor zwölf Jahren verzeichnet die Gewerkschaft ein – wenn auch sehr leichtes  – Mitglieder-Plus. Zumindest bundesweit: 2,065 Millionen Mitglieder zählt ver.di am Jahresende 2013.

Im Bezirk (Dortmund, Castrop, Lünen und Schwerte) kann ver.di die guten Vorjahresergebnisse nicht ganz halten und verzeichnet einen leichten Rückgang um 0,55 Prozent auf 42.821 Mitglieder. Damit liegt Dortmund aber im Landestrend. Allerdings ist NRW die Bastion der Gewerkschaft: Jedes vierte Mitglied arbeitet an Rhein und Ruhr.

Achtmonatiger Arbeitskampf im Einzelhandel brachte gutes Ergebnis

Verdi-Jahresempfang 2014

Das Führungstrio:  Bezirksvize Uli Mathiak, Vorsitzende Erika Wehde und Geschäftsführer Michael Bürger (v.l.).

„Bei Auseinandersetzungen kommen die meisten neuen Mitglieder“, macht Geschäftsführer Michael Bürger deutlich. Dortmund hat – zumindest im Einzelhandel – 2013 eine besondere Tarifrunde gehabt: Innerhalb von acht Monaten gab es an 25 Tagen Streiks in unterschiedlichen Betrieben. Insgesamt 135 betriebliche Streiktage verzeichnet der Bezirk.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Drei Prozent mehr zum 1. August 2013 und nochmals 2,1 Prozent ab 1. Mai 2014 bekommen die Beschäftigten. Außerdem wurde der Manteltarifvertrag wieder in Kraft gesetzt, den die Arbeitgeber gekündigt hatten. Aber auch bei den Landesbeschäftigten, Post und Postbank, Versicherungen, Groß- und Einzelhandel und bei den Zeitungsredakteuren (sofern nach dem Kahlschlag bei WAZ und WR in Dortmund überhaupt noch vorhanden) gab es Tarifrunden.

Größte Tarifrunde im öffentlichen Dienst beginnt im März

Doch die größte Runde erwartet die Gewerkschaft erst in diesem Jahr: Dann stehen im öffentlichen Dienst bei Bund und Kommunen die große Tarifrunde an – mit 15.000 organisierten Mitgliedern geht es hier um ein Drittel der ver.di-Mitglieder. Entsprechend wichtig ist die Runde. Einen Sockel von 150 Euro mehr für alle Beschäftigten plus 3,5 Prozent mehr Geld, dazu die Erhöhung von 29 auf 30 Urlaubstage, das sind zumindest die Dortmunder Vorstellungen für die Bundestarifkommission, die am 11. Februar tagt. Die Verhandlungen – und damit auch mögliche Warnstreiks – beginnen am 13. März.

Rekordzahl bei Jubilaren wegen Streiks vor 40 Jahren

Warnstreik-Verdi - ver.di

Die Tarifrunde im öffentlichen Dienst ist die wichtigste Auseinandersetzung für ver.di. (Archivbild)

Doch genau darin liegen für die Gewerkschaft auch Chancen: Bei drohenden Auseinandersetzungen treten die meisten neue Mitglieder ein – so wie bei der letzten großen Runde. „Aus Dankbarkeit macht das keiner“, verdeutlicht Bürger. Denn bei der letzten Auseinandersetzung hatte ver.di das beste Ergebnis erreichen können. Doch nach der Auseinandersetzung trat niemand mehr ein – wohl aber davor.

Das zeigt die Zahl der Jubilare, die in diesem Jahr besonders hoch ausfällt. 637 Mitglieder im Bezirk feiern 40-Jähriges in der Gewerkschaft – 200 mehr als noch im Vorjahr. Die meisten von ihnen sind bei den Auseinandersetzungen im öffentlichen Dienst 1974 eingetreten – der erste Streik in dieser Branche seit der Gründung der Bundesrepublik. „Unter anderem gab es einen dreitägigen Erzwingungsstreik“, erinnert Bürger, „und elf Prozent mehr Lohn und Gehalt.“

Erstmals Warnstreiks bei der AOK-Direktion

Bereits am kommenden Montag gibt es den ersten Warnstreik überhaupt bei der AOK: „Bislang war dies nicht nötig“, macht Erika Wehde, Vorsitzende des ver.di-Bezirks deutlich. Bei den Krankenkassen, in der Druckindustrie, der privaten Abfallwirtschaft, bei Speditionen, Banken, der Papierverarbeitung und der Telekom stehen Auseinandersetzungen an, ergänzt Wehdes Stellvertreter Uli Mathiak.

Bei dem ehemaligen Staatsunternehmen fordert die Gewerkschaft 5,5 Prozent mehr Geld. Allerdings sind noch rund 50 Prozent der Beschäftigten verbeamtet und dürfen nicht streiken. Sie hängen an der Bundestarifrunde, die allerdings fast zeitgleich stattfindet. „Hier ist gegenseitige Unterstützung denkbar, auch wenn das schwierig zu organisieren ist“, verdeutlicht Bürger.

Betriebsratswahlen in 300 bis 400 Unternehmen im Bezirk

Verdi-Telekom-Warnstreik - ver.di

Harte Auseinandersetzungen sind eher die Regel als die Ausnahme. (Archivbild)

Ganz „nebenbei“ müssen sie sich auch um die Betriebsratswahlen kümmern. Zwischen März und Mai stehen die Neuwahlen an. 300 bis 400 Unternehmen im Bezirk werden ein Gremium wählen, darunter etwa 50 zum ersten Mal.

Die Neuorganisation einer betrieblichen Interessenvertretung ist ein aufwändiges und schwieriges Geschäft – nicht selten müssen fast schon konspirativ die Vorbereitungen getroffen werden, weil viele Arbeitgeber die Gründung verhindern wollen. „Wir haben zwar nicht Burger King und Mc Donald’s“, verdeutlicht Bürger. Doch auch in ihren Branchen gebe es viel Gegenwind. Ganz abgesehen davon, dass die immer stärker zunehmenden Befristungen ihrer Arbeitsverträge mögliche Kandidatinnen und Kandidaten zurückschrecken lassen.

Verbesserungen im Koalitionsvertrag können für ver.di nur ein Anfang sein

„Ganz nebenbei“ bewertete ver.di auf dem gut besuchten Neujahrsempfang im Reinoldinum die Ergebnisse des Koalitionsvertrags aus Arbeitnehmersicht: Zwar komme ein Mindestlohn mit 8,50 Euro, aber auch nicht sofort.

Verdi-Jahresempfang 2014

Der ver.di-Jahresempfang lockte Vertreter aus allen Kommunen des ver.di-Bezirks.

„Das verbessert zwar die Einkommenssituation vieler Beschäftigter und die Wettbewerbssituation von Unternehmen mit fairen Löhnen“, so Wende. „Aber das ist aus unserer Sicht zu spät und mit 8,50 Euro auch zu gering.“

Wehde: „Rente mit 63 ist nur eine Mogelpackung“

Die abschlagsfreie Rente ab 63 Jahren höre sich zwar gut an – allerdings bedeute sie keine Abkehr von der Rente mit 67: „Es wird sich aber erweisen müssen, wie viele von uns die Voraussetzung, nämlich 45 Beitragsjahre, überhaupt erreichen können“, so Wehde. Ganz abgesehen davon: Wer wirklich bis 67 Jahre arbeiten müsse, könne dann auch erst mit 65 Jahren abschlagsfrei ausscheiden. „Die Rente mit 63 ist also eine Mogelpackung“, so Wehde weiter. Und viele andere Ziele der großen Koalition sind bislang nicht mehr als Absichtserklärungen…

 

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