Der Nordmarkt-Kiosk ist ein Unikum: Die Nordstadt-Bude ist die einzige ohne Bier und Kippen im Ruhrgebiet

Reiner Rautenberg und Eva Jekel vor dem Nordmarkt-Kiosk der Diakonie.
Reiner Rautenberg und Eva Jekel vor dem Nordmarkt-Kiosk der Diakonie. Fotos: Alex Völkel

Von Alexander Völkel

„Nee, wir verkaufen kein Bier. Wir sind ein sozialer Kiosk.“ Wie oft die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Dortmunder Nordmarkt diesen Satz sagen, das zählt hier schon lange niemand mehr. Die Trinkhallen im Ruhrgebiet sind weit verbreitet und haben eine lange Tradition. Doch diese Bude hier in der Nordstadt ist ein Unikum – hier werden weder Alkohol noch Zigaretten verkauft.

„Die Politik war total überfordert. Sie wollte, dass alle Probleme verschwinden.“

Es ist auch der Kiosk mit dem kleinsten Angebot: Kaffee, Tee, Wasser und auch Saft gibt es hier. Im Sommer auch ein Wassereis. Das war´s. Doch dazu gibt es ein offenes Ohr, Ratschläge und individuelle Hilfe.

Denn der Kiosk wird seit Anfang der 1990er Jahre von der Diakonie betrieben. Der Kiosk stand zuvor jahrelang leer. Ein Betreiber war nicht zu finden – denn damals war der Ort vor allem die Heimat von Alkoholikern, Drogensüchtigen und Punkern.

Auch die Toiletten auf dem Nordmarkt sind mit "Anti-Junkie-Beleuchtung" ausgestattet.
Auch die Toiletten auf dem Nordmarkt stehen unter Denkmalschutz.

Doch abreißen kam nicht in Frage: Das Büdchen wie auch das Toilettenhaus stehen unter Denkmalschutz. „Die Politik war total überfordert. Sie wollte, dass alle Probleme verschwinden und es wieder wie in den 1950er Jahren wird“, erinnert sich Reiner Rautenberg.

Es war damals an dem Sozialarbeiter, sich ein erstes „Nordmarkt-Konzept“ auszudenken. Die ersten Projektideen hatten nicht funktioniert und er bekam die Aufgabe, eine neue Nutzung zu etablieren, bevor auch noch die Diakonie vor Ort und Aufgabe kapitulieren muss.

Im Kiosk sah es damals aus wie in einem Rohbau. „Und ich saß bei -16 Grad drin und überlegte, ob wir Schluss machen oder uns was einfällt“, erinnert sich Rautenberg. „Ich habe aber schnell gemerkt, was für ein Potenzial in dem Kiosk steckt.

Er ist eine ganz offene Anlaufstelle ohne große Bürokratie – heute würde man es ein „niederschwelliges“ Angebot und die Tätigkeit „Streetwork“ nennen. Es ging um ganz alltägliche Sachen, Beratung und „Mitleben” für extrem unterschiedliche Menschen.

Diakonie als Dienstleisterin und Ansprechpartnerin auf dem Nordmarkt

Tanja Ghasan und Markus Lohse arbeiten gerne im Kiosk.
Tanja Ghasan und Markus Lohse arbeiten gerne im Kiosk.

Bei allen Anstrengungen von verschiedenen Seiten: Die Probleme verschwanden nie – sie waren nur unterschiedlich intensiv. Auch wechselten die Zielgruppen. Die Diakonie aber blieb. Sie war Ansprechpartnerin am Ort und Dienstleisterin – auch für die Reinigung der Toiletten.

Das Team hat große Feste auf dem Nordmarkt auf die Beine gestellt und mit den Nachbarn zusammengearbeitet. Das Herzstück ist aber die Arbeit mit Langzeitarbeitslosen, die sich hier im Kiosk eine neue Perspektive erarbeiten können.

Das macht sie auch heute noch. Allerdings ist das Angebot deutlich größer – und firmiert unter „Passgenau“. Ursprünglich als Zuverdienst-Schreinerei unweit des Nordmarktes gestartet, gibt es heute eine ganze Reihe von Arbeitsgelegenheiten und Zuverdienstmöglichkeiten für Langzeitarbeitslose.

Sie arbeiten im Kiosk, sorgen für Sauberkeit und Grünpflege auf dem Nordmarkt und bieten eine ganze Reihe weiterer Dienstleistungen an, verdeutlicht Eva Jekel. Sie arbeitet als Streetworkerin im Kiosk und ist damit eine der Nachfolgerinnen von Reiner Rautenberg in dieser Funktion.

Chronische Unterfinanzierung: Längere Öffnungszeiten wären wichtig

Obwohl es den Kiosk schon eine gefühlte Ewigkeit gibt, ist die Arbeit chronisch unterfinanziert. Man hangelt sich von Förderung zu Förderung und Projekttopf zu Projekttopf. Eigentlich müssten die Öffnungszeiten in den Abendstunden verlängert werden, um auch dann die Betreuung der Toiletten zu gewährleisten.

Auch wäre ein täglicher Einsatz der Reinigungstrupps auf dem Platz wünschenswert. Doch die Arbeitsgelegenheiten können nur montags bis freitags eingesetzt werden. Samstags gibt es noch den Einsatz von Menschen, die sich etwas dazuverdienen. Die Folge: Samstags und vor allem sonntags sieht es aus wie Kraut und Rüben. Montags haben die sechs Mann von „Passgenau“ dann alle Hände voll zu tun, wieder aufzuräumen. „Die kommen dann zu nichts anderem“, bedauert Jekel.

Nordmarkt-Kiosk als „Umwälzanlage für Kaffee und Gespräche“

Der Nordmarkt-Kiosk ist sehr beliebt - aber Alkohol und Kippen sucht man hier vergeblich.
Der Nordmarkt-Kiosk ist sehr beliebt – aber Alkohol und Kippen sucht man hier vergeblich.

Doch die Streetworkerin freut sich, wenn Menschen, die ganz unten waren, sich eine neue Perspektive erarbeiten können. Menschen wie Manfred Neumann, den hier nur alle „Manni“ nennen. Heute ist er das Herz und die Seele des Kiosks.

Mittlerweile ist er fest bei „Passgenau“ beschäftigt. Er kümmert sich um die Einkäufe, Abrechnungen und Dienstpläne der Sozialhelfer. Diese machen ihre Arbeit hier gerne. So auch Tanja Ghasan und Markus Lohse.  Sie arbeiten in der „Umwälzanlage für Kaffee und Gespräche“.

Mit der Zeit kennen sie die Namen der Stammgäste. „Wenn wir morgens um 7 Uhr aufmachen, warten schon einige auf uns“, sagt Lohse. Sie setzen dann den Kaffee auf. Das Frühstück bringen sich die Gäste – wenn überhaupt – selbst mit.

Denn zum Essen gibt es hier nichts zu kaufen. Sie könnten natürlich überlegen, das Sortiment zu erweitern. „Aber es gibt ja genügend andere Buden um uns herum“, verdeutlicht Tanja Ghasan. Wer Kippen, Alkohol oder Süßkram will, wird dort fündig.

Gesundheitsamt hält donnerstags Sprechstunden im Kiosk ab

Zum Nordmarkt-Kiosk kommen Rentner, Arbeitslose, Alkoholiker oder Junkies. Sie kommen zum Klönen, Zeitunglesen und (Kaffee-)Trinken – oder wenn sie ärztlichen Rat brauchen. Immer donnerstags ist Dr. Jens Feigel, er ist Arzt beim mobilen medizinischen Dienst des Gesundheitsamtes, zur Sprechstunde da. Begleitet wird er im Wechsel von den Diakonie-Krankenschwestern Heike Ester und Kathrin Oehlschläger.

Zu tun haben sie es mit dem ganzen Spektrum einer Hausarztpraxis: Bauchschmerzen, Atemwegsinfekte, Hautveränderungen, Suchtfolgeerkrankungen. Aber auch wegen gynäkologischen oder pediatrischen Fragestellungen wird er konsultiert.

Dr. Jens Feigel und Krankenschwester Heike Ester helfen einem Patienten - Eva Jekel übersetzt.
Dr. Jens Feigel und Krankenschwester Heike Ester helfen einem Patienten – Eva Jekel übersetzt.

„Ich bin zwar Allgemeinmediziner und habe weder Angst vor Schwangeren noch Kindern. Aber das überlasse ich lieber den Spezialisten“, sagt der Arzt und verweist dann auf die kostenlosen Angebote im Gesundheitsamt. Dort gibt es auch die entsprechende medizinische Ausstattung.

Im Kiosk hält er die Sprechstunden im Hinterzimmer ab – mit einer Tischdecke als Sichtschutz vor allzu neugierigen Blicken. Feigel macht gerne Dienst hier. Denn hier begegnen ihm besonders viele Sprachen. Bei rumänisch, russisch, englisch, spanisch, französisch oder italienisch weiß er sich selbst gut zu helfen. „Nur bei polnisch muss ich Frau Jekel um Übersetzung bitten.“

Sie kümmert sich derweil um andere Fragen: Zu Notunterkünften, Hartz IV, Drogenentgiftung oder auch nach der x-ten Frage, warum es hier kein Bier zu kaufen gibt. Doch das ist okay. Dafür ist da Team ja da – niederschwelliger kann ein Hilfsangebot ja auch kaum sein. Denn eine Schwelle müssen sie erst gar nicht überschreiten – eine Frage durch die Scheibe des Kiosks oder an der Tür tut es ja auch.

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