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Der Kampf der „Hoesch-Frauen“ um Arbeitsplätze von Männern: Ein vergessenes Kapitel Dortmunder Geschichte

Der Einsatz der „Hoesch-Frauen“ in der Stahlkrise hat bis heute wenig Beachtung gefunden: Ende 1980 solidarisierten sich engagierte Frauen in Dortmund mit der Arbeiterschaft des Montanunternehmens Hoesch. In einer Ausstellung erinnert das Hoesch-Museum mit Fotografien und anderen Dokumenten von Zeitzeuginnen an die Initiative der Frauen, die in einem Hungerstreik gipfelte. Die Ausstellung wird am Sonntag eröffnet und ist Bestandteil des „f2-Fotofestivals“ mit zehn Ausstellungen an neun Orten in Dortmund und Essen.

Von Angelika Steger

„Wir waren zwar nicht alle bei Hoesch beschäftigt, aber abends beim Essen wurde aktiv über Politik diskutiert.“ Die Zeitzeugin Rita Schenkmann-Raguse wirkt so lebendig, als ob sie heute gleich noch zu einer Demonstration gehen wollte. Zusammen mit anderen Frauen hatte sie sich im November 1980 zu einer Gruppe zusammengeschlossen, als Reaktion auf den Nichtbau eines neuen Stahlwerks in Dortmund. „Das Stahlwerk hat die ganze Stadt ernährt, deshalb bekam das jeder mit, was das bedeutete, wenn viele Arbeitsplätze (4200 Arbeitsplätze, Anm. d. Red.) wegfallen würden.“

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Die Situation der Hoesch-Belegschaft bewegt nicht nur die Stadt, sondern das ganze Land

Unter einem Banner zum Hungerstreik der Hoesch-Fraueninitiative (v.li.): Isolde Parussel (Leiterin des Hoesch-Museums), Dr. Jens Stöcker (Direktor des Museums für Kunst und Kulturgeschichte), Mit-Kuratorin Svenja Grawe (Ruhr-Universität Bochum), Zeitzeugin Rita Schenkmann-Raguse und Dr. Karl Lauschke, Vorsitzender der Freunde des Hoesch-Museums.

Isolde Parussel (Hoesch-Museum), Dr. Jens Stöcker (MKK), Mit-Kuratorin Svenja Grawe (RUB), Rita Schenkmann-Raguse und Dr. Karl Lauschke, (Freundeskreis).

Das „Hoesch-Viertel“, heute das Gebiet um den Borsigplatz, sollte erhalten bleiben. In den frühen 1970er Jahren hatte die europäische Stahlkrise begonnen, das bestehende Werk an der Westfalenhütte war veraltet gewesen, dafür sollte ein Neubau errichtet werden.

Im Oktober 1980 gab die Firmenleitung dann aber überraschend bekannt, dass es doch nicht zu einem neuen Stahlwerk kommen solle. Auch vor dem Stadtrat musste die Hoesch AG sich rechtfertigen. Die schlechte Finanzlage des Unternehmens wurde als Grund für die Absage des Neubaus genannt.

„Mein Mann hat dann 150 DM Rente bekommen. Bei den Vorständen ging es nur um Milliarden.“ Rita Schenkmann-Raguse schüttelt verärgert den Kopf. Das mache sie heute noch wütend. Und dennoch wirkt sie agil, aktiv und fast streitlustig, von Frust und Traurigkeit ist wenig zu spüren.

„Das hätten sie von Hoesch nämlich gern gehabt: dass wir uns frustriert zurückziehen. Doch wir hatten Lebenslust statt Trauer und Kaffee.“

Vorteil für die DemonstrantInnen: die Zeit war fruchtbarer Boden für soziales Engagement

In einer Zeit ohne Internet einen Protest zu organisieren – auch das ging und laut der Zeitzeugin funktionierte das recht schnell. „Man rief sich einen Tag lang gegenseitig an: hast du morgen abend Zeit? Ok, dann treffen wir uns. Dann haben wir die Presse eingeladen. Der Saal war voll. Einen Forderungskatalog hatten wir nicht, aber wir wussten, was wir wollten. In der Euphorie der Versammlung habe ich davon mitreißen lassen.“

In einer Vitrine sieht man die handgeschriebenen Buttons der gegründeten Initiative „Stahlwerk jetzt“, alles noch Handarbeit. „Am nächsten Tag war ein Bericht über diese Versammlung in der Zeitung.“ Sie wirkt etwas überrascht von ihrem eigenen Mut. Dieser Text ist ebenfalls in der Ausstellung zu sehen.

„Die ganze Stadt hängt dran. So was kann man nicht planen. Es kommt, und wenn man dort ist, muss man zugreifen.“

Die Begeisterung für den Protest und das Engagement ist bei Rita Schenkmann-Raguse heute, fast 40 Jahre nach der Protestaktion gegen den Abbau von Arbeitsplätzen bei der Hoesch AG zu spüren.

Nicht alle waren Mitarbeiterinnen des Stahlkonzerns, hatten aber Verwandte, die „Hoeschianer“ waren.

Bald wurde nicht nur in der WAZ, sondern in allen Zeitungen der Bundesrepublik über die Hoesch-Fraueninitiative gegen den Abbau der Stahlarbeiterarbeitsplätze berichtet. In einer Vitrine sind mehrere Solidaritätsschreiben verschiedener Organisationen zu sehen.

Besonderer Zeitgeist: „Wir waren von den 1968ern geprägt, wollten alternativ sein“

Öffentliche Versammlungen, Unterschriften sammeln… das waren ein Teil der Protestaktionen. Doch einmal stahlen sich einige der Hoesch-Frauen sogar in eine Versammlung der Vertrauensleute von Hoesch.

Eigentlich hätten sie gar keinen Zutritt gehabt. „doch das mussten wir tun, um auf unsere Forderungen aufmerksam zu machen. Dann saßen wir da, um 6 Uhr morgens, hörten zu, was besprochen wurde und hielten unsere Plakate in den Händen.“

Es schwingt auch Stolz in der Stimme mit, wenn Rita Schenkmann-Raguse dies erzählt. Es seit auch die Zeit gewesen, die zu einem Protest beigetragen habe: Ende der 1970er Jahre, Anfang der 1980er Jahre gab es aktive Gewerkschaftsmitglieder, die Zeit sei politischer als heute gewesen.

„Wir waren von den 1968ern geprägt, wollten alternativ sein. Sie selbst habe auch studiert und wollte es anders machen als die Eltern. Gerade weil sie auch in der Lebensphase waren, in der sie eigene Familien gründen hatten wollen.

Die 1980er Jahre: Zeit der Friedensbewegung und Frauenbewegung

Zeitzeugin Rita Schenkmann-Raguse

So war die Zeitzeugin Rita Schenkmann-Raguse auch bei der Dortmunder Frauenbewegung und lief beim Friedensmarsch vier Wochen lang nach Brüssel zum Nato-Hauptquartier mit. Vorbilder gab es für die Hoesch-Frauen bereits: bei einem Zementwerk in Unna.

Als die Unternehmensführung sich keinen Schritt bewegte, griffen die Hoesch-Frauen zu einem zunächst strittigen Mittel: einen mehrtägigen Hungerstreik vor den Werkstoren der Hoesch-AG. Das Original-Banner hängt nun im Hoesch-Museum.

Und wie reagierten die Männer, die den Großteil der Hoesch-Belegschaft ausmachten? Die Zeitzeugin macht im Gespräch die Ambivalenz der männlichen Haltung zur Hoesch-Fraueninitiative deutlich. Einerseits hätten sie gemerkt, dass ihnen der Protest was nützt. „Andererseits haben wir ihnen die Show gestohlen.“

Prominente Unterstützer für die Protestaktionen und Vorbilder für die Hoesch-Frauen

Im September 1969 zogen sie von hier aus in die Innenstadt.

In einem Film, einer Studienarbeit, wird in einem konstruierten Gespräch am Abendbrottisch deutlich, wie die Situation zuhause in den Familien, zwischen den Eheleuten gewesen war. Es gab natürlich viele Diskussionen, weil es mal nicht der „Herr Vorstand“ war, sondern Frauen, die als Gruppe auftraten.

Die „Hoesch-Frauen“ bekamen auch prominente Unterstützung: Liedermacherin Fasia Jansen kam von Hamburg nach Dortmund, zog bei Schenkmann-Raguse ein, schrieb Lieder für die Demonstrantinnen und machte aktiv als Musikerin bei den Protesten mit. „Ich habe nie soviel gelacht als wie mit ihr.“

Fasia Jansen war als Kind eines dunkelhäutigen und weißen Menschen, als Mitglied der ‚people of colour‘ während der NS-Zeit in einem KZ inhaftiert und hatte gesundheitliche Schäden durch die NS-‚Verbrechen erlitten; deshalb sollte sie erst nicht bei den Protesten der Hoesch-Frauen mitmachen – sie entschied sich aber, dabei zu sein. Die griechische Sängerin Maria Farantouri holte die Hoesch-Frauen bei einem Konzert spontan auf die Bühne und sang ein Lied über die Bergarbeiter.

Protest und Demonstrationen: was die Hoesch-Fraueninitiative bewirkte

Bei allem Engagement, der Freude, einer aktiven Gruppe anzugehören und den Erinnerungen daran hat die Unternehmensführung der Hoesch AG die Forderungen der Hoesch-Frauen nicht erfüllt. Es wurde kein neues Stahlwerk gebaut. Die gewerkschaftliche Forderung nach der 35-Stunden-Woche wurde dagegen erfüllt.

Im Hinblick auf die Gegenwart sagt Zeitzeugin Rita Schenkmann-Raguse: „heute lässt man sie tot laufen, bzw. wartet darauf. Oder man versucht sie zu kriminalisieren, um sie verbieten zu können.“ Bei diesen Worten muss man als ZuhörerIn zwangsläufig an die Proteste von „Fridays for Future“ denken. Bei ihnen sei das nicht so gewesen, weil sie nicht so „berühmt“ gewesen seien, weil sie keine Rolle im Betrieb der Hoesch AG gehabt hätten.

Der Zusammenschluss zu einer Gruppe und die gemeinsam durchgeführten Protestaktionen hätten den Frauen viel Selbstbewußtsein gegeben, über alle gesellschaftlichen Grenzen hinweg. Auch eine Hausfrau, die das Mikrofon in die Hand bekam, wurde plötzlich laut. „Was wir da gelernt haben, kann uns niemand nehmen“, davon ist sie überzeugt.

Entstehung der Ausstellung „sich ins Geschehen werfen: Die Hoesch-Fraueninitiative“

Im Januar dieses Jahres sei man im Museum für Kunst und Kulturgeschichte ins Gespräch gekommen, so Museumsdirektor Dr. Jens Stöcker. Die Zeitzeugin Rita Schenkmann-Raguse lacht.

Claudia Schenk vom Kulturzentrum Depot war ebenfalls anwesend und machte den Vorschlag, dass das Engagement der Hoesch-Frauen gut zum Motto des Fotofestivals „Gerechtigkeit“ passen würde.

Um Gerechtigkeit ging es auch den Hoesch-Frauen. Missstände erkennen und deutlich zu machen sei eine wichtige Aufgabe. Die zahlreichen Zeitungsartikel, Fotos und vieles andere sollten an einen sichtbaren Ort gebracht werden.

„Allein hätte ich die zehn Kisten oder noch mehr Material nie sichten können“ wendet Hoesch-Museumsleiterin Isolde Parussel ein. Zwei Studierende, darunter Svenja Grawe von der Ruhr-Universität Bochum (Studienfach Geschichte und Anglistik) und Herr Roth halfen bei der Erstellung der Ausstellung.

Für die Museumsleiterin war diese Streikbewegung auch neu. „Aber sie ist sehr wichtig, denn sie ist gleichzeit8ig eine Bürgerbewegung, ein Frauenthema und ein Stück Streikgeschichte.“ Das Medium Foto sei auch gut geeignet, um im Rahmen des Fotofestivals Dortmund die Ausstellung über die Hoesch-Fraueninitiative zu zeigen.

Mehr Informationen zur Ausstellung:

  • Sich ins Geschehen werfen“ Ausstellung zur Hoesch-Fraueninitiative gegen den Abbau von Arbeitsplätzen bei der Hoesch AG zu Beginn der 1980er Jahre
  • Eröffnung am Sonntag, den 11. November 2019 um 11 Uhr, Eintritt frei.
  • Öffnungszeiten:Dienstag, Mittwoch 13 bis 17 Uhr, Donnerstag 9 bis 17 Uhr, Sonntag 10 bis 17 Uhr, An Feiertagen geschlossen. 26. bis 29.12.2019, 13 bis 17 Uhr geöffnet.
  • Donnerstag, 28. November 2019, 18 Uhr – Museumsgespräch: „Unsichtbare Motoren“. Die Fraueninitiative Hattingen während des Hüttenstreiks 1986/87. Referentin: Alicia Gorny, Institut für soziale Bewegung Bochum
  • 2. Februar 2020, 11 Uhr: Sonntagsmatinée: Der Hungerstreik 1981 der Hoesch-Fraueninitiative mit Rita Schenkmann-Raguse, Brigitte Sonnenthal-Walbersdorf und weiteren Zeitzeuginnen.
  • Führungen durch die Sonderausstellung können unter Tel.: 0231 84 45 856 oder hoesch-museum@web.de gebucht werden.
  • Am Ende der Ausstellung gibt es noch ein Bild mit einer Grafik, von der die KuratorInnen den Aufenthaltsort suchen. Sachdienliche Hinweise werden von den MuseumsmitarbeiterInnen gern entgegengenommen.
  • Informationen zum Hoesch-Museum hier.
  • Seite des Dortmunder Foto-Festivals hier.

f²-Fotofestival mit zehn Ausstellungen an neun Orten: Einige der besten FotografInnen zeigen Arbeiten im Depot Dortmund

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3 Gedanken über “Der Kampf der „Hoesch-Frauen“ um Arbeitsplätze von Männern: Ein vergessenes Kapitel Dortmunder Geschichte

  1. Hoeschmuseum (Pressemitteilung)

    Stahlzeit in Dortmund: Sonntagsführung durch das Hoesch-Museum

    Die Anfänge der Eisen- und Stahlindustrie seit 1840, das Leben und Arbeiten der „Hoeschianer“ und der Strukturwandel – um diese Themen geht es in der öffentlichen Führung „Stahlzeit in Dortmund“ am Sonntag, 17. November, 14 bis 15.30 Uhr im Hoesch-Museum (Eberhardstr. 12). Originale Werkzeuge, authentische Objekte und interaktive Stationen lassen Vergangenheit und Gegenwart lebendig werden. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

    Die Führung kostet 3 Euro, ermäßigt 1,50 Euro. Der Eintritt in die Ausstellung ist frei.

  2. Hoeschmuseum (Pressemitteilung)

    Stahlzeit in Dortmund: Sonntagsführung durch das Hoesch-Museum

    Die Anfänge der Eisen- und Stahlindustrie seit 1840, das Leben und Arbeiten der „Hoeschianer“ und der Strukturwandel – um diese Themen geht es in der öffentlichen Führung „Stahlzeit in Dortmund“ am Sonntag, 24. November, 14 bis 15.30 Uhr im Hoesch-Museum (Eberhardstr. 12). Originale Werkzeuge, authentische Objekte und interaktive Stationen lassen Vergangenheit und Gegenwart lebendig werden. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
    Die Führung kostet 3 Euro, ermäßigt 1,50 Euro. Der Eintritt in die Ausstellung ist frei.
    http://www.hoeschmuseum.dortmund.de

  3. Hoesch-Museum (Pressemitteilung)

    Museumsgespräch im Hoesch-Museum über die Fraueninitiative Hattingen während des Hüttenstreiks

    Das nächste Museumsgespräch im Hoesch-Museum bestreitet Alicia Gorny vom Institut für soziale Bewegungen Bochum: Sie spricht unter dem Titel „Unsichtbare Motoren über die Fraueninitiative Hattingen während des Hüttenstreiks 1986/87. Los geht es am Donnerstag, 28. November, 18 Uhr im Hoesch-Museum Dortmund (Eberhardstr. 12). Alicia Gorny gibt dabei Einblicke in ein noch fast unbekanntes Kapitel der Ruhrgebietsgeschichte.

    Am 26. Februar 1987 formierte sich anlässlich der drohenden Schließung der Henrichshütte in Hattingen eine eigene Fraueninitiative. Sie setzte sich aus Lebensgefährtinnen und Ehefrauen der Beschäftigten zusammen, aber auch Lokalpolitikerinnen und Angestellte kamen hinzu. Diese Frauen organisierten unabhängig von den Gewerkschaften eigene Proteste und Solidaritätsaktionen. Wie die Dortmunder Fraueninitiative traten auch sie in einen mehrtägigen Hungerstreik. Sie wollten vor allem zeigen, dass Massenentlassungen zu weiteren Belastungen der Familien- und Sozialgefüge führen. Es gelang ihnen, das Interesse von Öffentlichkeit und Medien in besonderer Form auf sich zu ziehen.

    Die Historikerin Alicia Gorny ist Mitarbeiterin am Institut für soziale Bewegung in Bochum und wertete für ihre Untersuchung zahlreiche Interviews von Beteiligten aus.

    Das Museumsgespräch ist Teil der Ausstellung „‘Sich ins Geschehen werfen‘. Die Hoesch-Fraueninitiative“, die noch bis 9. Februar 2020 im Hoesch-Museum zu sehen ist. Der Eintritt ins Museum und zum Vortrag ist frei!

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