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70 Jahre Israel: Feierstunde im Zeichen von Freundschaft, Völkerverständigung und dem Kampf gegen Antisemitismus

In der Bürgerhalle des Rathauses fand die Feierstunde 70 Jahre Israel statt. Fotos: Alex Völkel

Eine verspätete Feierstunde zum 70. Jahrestag der Gründung des Staates Israel im Dortmunder Rathaus: Stadt, Jüdische Kultusgemeinde und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit hatten dazu eingeladen. Die würdige Veranstaltung in der Bürgerhalle des Rathauses – darunter zahlreiche Ehrengäste wie Regierungspräsident Hans-Josef Vogel – war ein eindrucksvolles Fanal in Zeiten von zunehmendem Antisemitismus, Rassismus und Judenfeindlichkeit.

Staat als Reaktion auf Antisemitismus und Übergriffe auf jüdischen Minderheiten

„Antisemitismus – Dagegen habe ich was.“ Aufkleber in der Nordstadt.

Rabbiner Baruch Babaev erinnerte an die „jahrtausendalte Sehnsucht des jüdischen Volkes nach Zion“ und den 2000 Jahre währenden Wunsch zur Rückkehr in das „Gelobte Land“. „Und doch ist dieser Wunsch erst vor 70 Jahren wahr geworden“, erinnerte Babaev.  Erst 50 Jahre vor der Staatsgründung – im Jahre 1897 auf Drängen von Theodor Herzl – wurde der erste Zionistenkongress in Basel abgehalten, ein Jahr nach dem Erscheinen seines Werkes „Der Judenstaat“. 

Im Programm des ersten Kongresses wurde die klare Zielsetzung der Zionisten formuliert: „Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für diejenigen Juden, die sich nicht anderswo assimilieren können oder wollen.“

In seinem Buch beklagt Herzl den ausgeprägten Antisemitismus und die Übergriffe der Völker und Staaten gegenüber der jüdischen Minderheit, doch es war die rechtswidrige Verurteilung des französischen Hauptmanns Alfred Dreyfus, die als der entscheidende Grund dafür gilt, dass Herzl die Entwicklung des Zionismus anstrebte. 

Antisemitismus, Antizionismus und Judenfeindlichkeit auf dem Vormarsch

OB Ullrich Sierau

Doch erst 50 Jahre später – nach der Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden, rang sich die Völkergemeinschaft zum Teilungsbeschluss für Palästina durch, der einen jüdischen und einen arabischen Staat vorsah. 

Der Staat Israel ist für viele Menschen jüdischen Glaubens „der sichere Hafen“. Denn Antisemitismus, Antizionismus und Judenfeindlichkeit sind weltweit auf dem Vormarsch. Daher erinnerte Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau an die besondere Verantwortung Deutschlands für den jüdischen Staat. 

Klare Kante gab es daher gegen Rechtsextremisten und auch Rechtspopulisten: „Der Holocaust war kein Vogelschiss, sondern der wahrhaft dunkelste Punkt in unserer Geschichte. Da gibt es nichts zu beschönigen und zu verharmlosen“, sagte Sierau in Richtung der AfD. Deren drei Stadtverordnete nahmen ebenfalls an der Feierstunde teil. 

„Deutschland wurde 1945 vom NS-Regime befreit, jedoch nicht vom Antisemitismus“

Alltag: Polizeipräsenz vor dem Kindergarten der Jüdische Gemeinde in Dortmund.

Daran knüpfte auch Rabbiner Babaev an: „Ich persönlich, wie auch alle jüdischen Bürger der Bundesrepublik, wissen diese besondere Beziehung zu Israel zu schätzen. Und doch gerade wegen der schrecklichen Vergangenheit wünschen wir uns mehr Einsatz und entschlossenes Entgegentreten gegen jede Form des Antisemitismus und Judenhasses in unserer Mitte hier in Deutschland“, forderte der Rabbiner eindringlich.

„Solange jüdische Einrichtungen geschützt werden müssen, solange Kippaträger verprügelt werden, solange zum Boykott aufgerufen wird, solange die Nazis durch die Straßen ziehen und Israel- und Judenfeindliche Parolen skandieren. Das beweist, dass Deutschland 1945 zwar vom NS-Regime befreit wurde, jedoch nicht vom Antisemitismus“, sagte Babaev.

„Es hat einen Grund, warum seit fünf Jahren kein Israeltag am Friedensplatz gefeiert wird, es hat einen Grund, warum Gemeinden ihre Festlichkeiten in der Öffentlichkeit absagen. Heute mehr denn je ist unsere Gesellschaft gefragt, sich für die demokratischen Werte einzusetzen und gleichzeitig gegen Hass und Vorurteile vorzugehen“, machte der Rabbiner deutlich.

Jugendaustausch und Erinnerungsarbeit haben eine besondere Bedeutung

Rabbiner Baruch Babaev

„Dabei müssen die Täter ganz klar als solche bezeichnet und mit allen Mitteln des Rechtsstaates verfolgt werden“, so Babaev.  Bei OB Sierau rennt der Rabbiner offene Türen ein. Er sprach Polizeipräsident Gregor Lange ein Lob aus, dass seine BeamtInnen durchgriffen und mehrfach Neonazis ins Gewahrsam geschickt hatten und auch die Justiz hatte mehrfach Haftstrafen verhängt: Dies sei ein Mittel, solche Demokratiefeinde zum Nachdenken zu bringen. 

„Hinter Gittern soll man dazu ja Zeit haben“, so Sierau. Auch wenn diese Hoffnung trügen kann – Hitler hatte „Mein Kampf“ in der Festungshaft geschrieben – ist der Ansatz, Jugendliche für das Thema zu sensibilisieren, richtig. Daher kommen dem Jugendaustausch und der Erinnerungsarbeit besondere Bedeutung zu. 

In der Städtepartnerschaft zwischen Dortmund und Netanya wurde der Jugendaustausch explizit in der Partnerschaftsurkunde verankert. Mehrere Dortmunder Schulen haben Partnereinrichtungen auf israelischer Seite. Aber auch auf anderen Feldern – Wirtschaft und Wissenschaft, Bildung und Kultur – gibt es Kontakte und Kooperationen. 

Trotz Kritik aus eigener Reihe – Israel suchte nach einem Freund in Europa

Der Holocaust hat zu einer Auswanderung von europäischen Juden nach Palästina geführt.

Die Beziehungen seien wichtig und richtig. Schließlich sei Israel die einzige funktionierende Demokratie im Nahen Osten. „Der Staat hat auch Schwächen, aber nicht exklusiv. Da können wir auch in Europa ein Lied von singen“, so Sierau.

Vor drei Jahren feierte man auf beiden Seiten das fünfzigste Jubiläum der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten. Der 12. Mai 1965 – ganze 17 Jahre nachdem der Staat Israel von David Ben Gurion ausgerufen wurde – gilt als Beginn der diplomatischen Beziehungen, an dem es zum Notenaustausch zwischen den beiden Staaten gekommen ist. 

„Viele Historiker behaupten, dass es gerade der junge Staat Israel war, der trotz des Widerstands in der eigenen Bevölkerung eine diplomatische Beziehung mit der BRD anstrebte“, so Babaev. „Umgeben von der ständigen Gefahr durch die feindlich gesinnten Nachbarstaaten, suchte Israel dringend nach einem Freund in Europa. Es war die schreckliche Vergangenheit, die die Beziehungen so langsam angehen ließ, und es ist die schreckliche Vergangenheit, die diese Beziehung heute so stark macht.“

Ein bedrohtes Land: 70 Jahre und sieben Kriege – ständige Terrorgefahr

„Heute ist Deutschland der wichtigste Partner Israels in Europa. Beide Länder verbindet eine langjährige Tradition der Zusammenarbeit auf politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und zivilgesellschaftlichen Ebenen“, beteuerte der Dortmunder Rabbiner.

„70 Jahre Israel – und jedes Jahr vorausgehend den Feierlichkeiten der Unabhängigkeit Israels wird während des Gedenktages der gefallenen Soldaten und Opfern des Terrorismus gedacht, denn Israel musste sich seine Unabhängigkeit – nach dem Überfall der arabischen Nachbarstaaten – erst erkämpfen“, erinnerte der Dortmunder Gemeinderabbiner. In diesen 70 Jahren musste der Staat Israel sieben Kriege bestehen – „und auch heute die ständigen Anschläge der Terroristen abwehren“, so Babaev.

Doch der Rabbiner erinnerte auch an die Errungenschaften des Staates: Israel habe es geschafft, die Sümpfe in eine blühende Landschaft zu verwandeln. Der kleine Staat sei in vielen Bereichen weltführend – von der Agrarkultur bis in die Nanotechnologie. „Israel nimmt Flüchtlinge auf, auch dann, wenn diese aus den Staaten stammen, die sich Israels Vernichtung zu ihrem Ziel gemacht haben“, so Babaev. 

Sierau: „Die Freundschaft muss auch kritische Fragen aushalten“

„Israel leistet aktiv Entwicklungs- und Katastrophenhilfe weltweit, ohne dabei auf die Religion oder Herkunft der Empfänger zu achten. Uneigennützig überlässt Israel sein Know-How den Entwicklungsländern und kämpft somit gegen die weltweite Hungersnot und Wasserknappheit“, erinnerte der Rabbiner, ohne allerdings auf die Probleme der Palästinenser einzugehen.

Kantor Baruch Chauskin sorgte mit seinem Liedbeiträgen für Gänsehautmomente im Rathaus.

Dies tat allerdings OB Ullrich Sierau – unter besonderer Berücksichtigung der besonderen deutsch-israelischen Beziehungen. Diese seien mittlerweile so gut und stabil, dass man unter Freunden auch Kritik äußern dürfe. „Man muss nicht alles an der israelischen Politik verstehen und manches auch hinterfragen. Die Freundschaft muss auch kritische Fragen aushalten“, so Sierau. 

Dies bestätigten auch die jüdischen und israelischen Gäste. „Ich möchte allen Beteiligten ich für die Ausrichtung dieses Festaktes danken. Damit wird in unserer Stadt ein wichtiges Zeichen gesetzt. Denn Dortmund ist alles andere als eine Hochburg der Rechten“, zog der Rabbiner eine positive Bilanz. 

„Neben der Stadtspitze engagieren sich tausende Dortmunderinnen und Dortmunder gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. All das lässt uns zuversichtlich in die Zukunft schauen und gerne in Dortmund leben“, betonte Babaev.

Weitere Informationen:

  • Im Rahmen der Feierstunde im Rathaus las Andrea von Treuenfeld aus ihrem kürzlich erschienenem Werk „Israel – Momente seiner Biografie“. 
  • Für den musikalischen Rahmen sorgten Kantor Baruch Chauskin, am Flügel begleitet von Dr. Evgeny Kosyakin. 

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Ein Gedanke zu “70 Jahre Israel: Feierstunde im Zeichen von Freundschaft, Völkerverständigung und dem Kampf gegen Antisemitismus

  1. Jens Meyers

    Ein wichtiges Zeichen der Solidarität in Dortmund, das man sich von Demokraten häufiger wünschen würde. Seit 70 Jahren ist Israel ein Vorposten der westlichen Zivilisation in einer demokratiefeindlichen Umgebung. Zionismus und Israel sind untrennbar verbunden. Antizionismus und sogenannte Israelkritik sind antisemitisch und müssen in Deutschland stärker strafrechtlich verfolgt werden.

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