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114 Millionen Euro Sanierungsbedarf für die 19 Bäder in Dortmund – CDU prescht bei Nordstadt-Bädern vor

Nachdem die CDU jüngst im Rat noch  – gemeinsam mit der SPD und den Grünen  und gegen den Willen von mehreren anderen Fraktionen und der Bezirksvertretung Innenstadt-Nord – abgelehnt hatte, über die Zukunft der Bäder in der Nordstadt zu diskutieren, bevor nicht das gesamtstädtische Bäderkonzept auf dem Tisch liegt,  preschen die Christdemokrat*innen nun vor. Ihr neuster Vorschlag: „Die Schwimmbad-Infrastruktur im Norden nachhaltig erneuern“. Das löst Kopfschütteln bei den anderen Parteien aus – nicht nur, weil die CDU gegen ihren eigenen Ratsbeschluss verstößt. Sondern auch deshalb, weil der Vorschlag fehlerbehaftet ist.

Sowohl das Freibad Stockheide als auch das Nordbad sind dringend sanierungsbedürftig

Protest vor der Ratssitzung im Februar.

Worum geht es? Seit vielen Jahren hat das denkmalgeschützte Freibad Stockheide im Hoeschpark mit einem Investitionsstau und immer neuen technischen Problemen zu kämpfen. Aktuell beläuft sich der Finanzbedarf auf mindestens 7,5 Millionen Euro. Allerdings würde das am Angebot des Bades überhaupt nichts ändern – das gesamte Bad steht unter Denkmalschutz. 

Verbesserungen, Attraktivierungen oder gar Neuanlagen von Becken wären hier daher gar nicht möglich. Denn das 1952 eröffnete Freibad hat ein Becken von 25 x 50 Metern. Ob ein 50-Meter-Becken überhaupt noch benötigt wird oder stattdessen ein Becken für Schwimmer*innen und eins für Familien sinnvoller wäre – solche Fragen stellen sich dort eigentlich nicht. Denn verändert werden dürfte dort nichts.

Auf der anderen Seite gibt es das Nordbad. Das Hallenbad mit mehr als 125 Jahren Tradition, wurde aber Ende der 70-Jahre abgerissen und neu gebaut. Doch auch der Neubau des Hallenbades – direkt am Dietrich-Keuning-Haus angedockt – ist im Verwaltungsdeutsch „abgängig“. Auch hier stellt sich die Frage, ob eine Sanierung überhaupt noch lohnt. Ein Neubau scheint wirtschaftlicher, falls es überhaupt einen politischen Willen gibt, ein neues Hallenbad zu errichten.

Der Rat wollte keinen Vorentscheid für das Freibad Stockheide – die CDU stimmte zu

Die letzten Arbeiten liefen am Donnerstag auf Hochtouren.

Das Freibad Stockheide im Hoeschpark bleibt eine Dauerbaustelle – der Investitionsstau liegt bei mindestens 7,5 Millionen Euro. Archivfotos (4): Alex Völkel

Daher stehen beide Bäder zur Disposition. Sportdirektor André Knoche von den städtischen Sport- und Freizeitbetrieben hatte im Februar 2021 selbst die Idee aufgegriffen, perspektivisch sowohl Nordbad als auch das Freibad Stockheide zu schließen und durch einen gemeinsamen Neubau an anderer Stelle zu ersetzen – falls es dafür einen politischen Willen gebe. 

Allerdings drängte er darauf, wie vom Rat beschlossen, dass erst ein gesamtstädtisches Bäderkonzept auf den Tisch gelegt werden sollte. Darauf wollte die Nordstadt-BV nicht warten, sondern forderte zumindest die kurzfristige Instandsetzung des Freibades, damit die Sommersaison 2021 nicht ins Wasser fällt. 

Dem machte der Rat nur einen Tag später einen Strich durch die Rechnung – die Mittel wurden nicht bewilligt. Auch hier der abermalige Appell der Ratsmehrheit, dass man nicht über ein einzelnes Bad sprechen wolle, solange nicht die gesamtstädtische Bäderanalyse auf dem Tisch liegt. 

Wegen Corona startete das Beteiligungsverfahren erst zwei Monate später

Rechnerisch gibt es – mit Blick auf alle Nutzer*innen und Bäder – 20 Bahnen zu viel in Dortmund.

Das dafür nötige Beteiligungsverfahren sollte eigentlich im Februar beginnen. Allerdings machte Corona das Präsenzkonzept unmöglich, so dass in dieser Woche ein digitales Beteiligungsverfahren begonnen hat. Unter Beteiligung von Oberbürgermeister Thomas Westphal und  Sportdezernentin Birgit Zoerner nahmen rund 60 Vertreter*innen aus Sport, Schule, Politik und Verwaltung am Auftakt teil. 

André Knoche hob im Sportausschuss ausdrücklich hervor, dass der nun startende Prozess mit seinen unterschiedlichen Veranstaltungen ergebnisoffen sei. Dieses Verfahren sieht nach der Auftaktinformation verschiedene Arbeitsgruppen, unter anderem mit den beteiligten vom Schul- und Vereinssport, vor. 

Ziel ist, den gesamtstädtischen Bedarf an Wasserfläche in Dortmund zu ermitteln. In einem weiteren Ziele-Workshop am 18. Mai wird dann ein konkreter Handlungsleitfaden erarbeitet. Begleitet werden die einzelnen Arbeitskreise von externen Fachplanern. 

Als Ergebnis des Ziele-Workshops werden die einzelnen Standorte der Bäder mit Blick auf ihre zukünftige Ausrichtung betrachtet. Am Ende dieses Workshops steht ein erarbeiteter Handlungsleitfaden zur möglichen Zukunft der Bäderlandschaft in Dortmund. Was davon im Einzelnen und was an welchem Standort umgesetzt wird, entscheidet dann in den Folgejahren die Politik.

Für die 19 städtischen Bäder gibt es einen Investitionsbedarf von 114 Millionen Euro

Das marode Westbad in Dorstfeld wird durch einen Neubau im Revierpark Wischlingen ersetzt.

Dann würde die Zeit aber nicht mehr reichen, um das Thema noch vor der Sommerpause vom Rat entscheiden zu lassen. Daher sollte nach der Sommerpause der politische Gremienlauf beginnen und das Bäderkonzept am 18. November im Rat entschieden werden. Doch das war dem Sportausschuss zu spät. Er machte am Dienstag Druck, dass man früher Informationen und Entscheidungsgrundlagen haben wolle. 

Daher soll es nun am 28. Juni zumindest einen Informationstermin geben, auf dem „der interessierten Politik“ das mögliche neue Bäderkonzept vorgestellt werden soll.  Am Mittwoch wurden zumindest die ersten Zahlen vorgestellt. Für die 19 Bäder in Dortmund – elf Hallenbäder, sieben Freibäder und den Revierpark Wischlingen – sieht das Gutachten mindestens 114 Millionen Euro Sanierungsbedarf. Außerdem sind wohl rechnerisch 20 Bahnen zu viel für die Bedarfe vorhanden. 

Dem Gutachter lagen für die Analyse alle Nutzer*innen-Zahlen vor – von Freizeit-, Schul- und Vereinssport vor Corona vor. Erst nach der Diskussion der Ziele und der Vorlage des Konzeptes könnte seriös über die Zukunft der Nordstadt-Bäder diskutiert werden – so zumindest die Einschätzung mehrerer Fraktionen und der Verwaltung.

CDU prescht vor und will einen Hallenbad-Neubau am Freibad Stockheide 

Ute Mais ist neue 3. Bürgermeisterin der Stadt Dortmund. Foto: Leopold Achilles

Ute Mais. Foto: Leopold Achilles

Unbeachtet dessen hat die CDU nun ihre Grundhaltung über den Haufen geworfen und einen eigenen Diskussionsvorschlag eingebracht. Die CDU-Fraktion möchte ein Konstrukt von Frei- und Hallenbad am Standort Stockheide im Hoeschpark. 

„Das bedeutet: Sanierung des Freibads Stockheide und Neubau des Hallenbads Nordbad im Hoeschpark. Der jetzige Standort Nordbad könnte dann z.B. mit einem Kita-Neubau sinnvoll genutzt werden. Ob als Allwetterbad mit zu öffnendem Dach oder als separater Hallenbau – darüber könnte ein planerischer Ideenwettbewerb entscheiden“, betont CDU-Sprecherin Ute Mais.

Ihre Fraktion setze auf Synergieeffekte. „Ähnlich wie am Standort Wischlingen, wo der Ersatzbau des Hallenbades West in die vorhandene Badlandschaft integriert wurde, könnten auch hier Kosten gespart werden“, so Mais. 

Das Nordbad ist ebenfalls marode - ein Neubau ist überfällig. Foto: Alex Völkel

Das Nordbad am Dietrich-Keuning-Haus ist ebenfalls marode – ein Neubau ist ebenfalls überfällig.

Sie betont, dass „die Schätzungen für eine Sanierung des Freibads mittlerweile bei gut sechs Millionen Euro liegen. Die Kosten für die Sanierung des Nordbad übersteigen eine Rechtfertigung zur Aufrechterhaltung des Badbetriebes dort“, so Mais. Allerdings: Die CDU schaut dabei auf alte Zahlen aus dem Jahr 2011. Der Sanierungsbedarf liegt mittlerweile bei mindestens 7,5 Millionen Euro. 

Wesentlich gravierender wiegt dabei, dass die CDU-Fraktion den Denkmalschutz außer acht lässt, der am Freibad keinerlei Attraktivierungen möglich macht. Zudem wäre weder auf dem Freibadgelände noch im benachbarten Hoeschpark dafür Platz – außer man wolle die neu gemachten Sportplätze oder die anderen Attraktivierungen, mit denen gerade begonnen wurde, wieder unterpflügen.

Daher gibt es heftiges Kopfschütteln von vielen Akteur*innen – sie reden u.a. von einem „fragwürdigen Profilierungsversuch, der schief gegangen ist“.

SPD-Kritik: Die CDU ignoriert die eigenen Beschlüsse und die Faktenlage

Torsten Heymann ist sportpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion Dortmund.

„Leider prescht die CDU-Fraktion mit diesem Vorschlag vor und ignoriert dabei die Beschlüsse des Rates, die sie selbst mitgetragen hat und ignoriert zudem die Faktenlage“, kommentiert der sportpolitische Sprecher der SPD-Ratsfraktion, Torsten Heymann, diesen Vorschlag. Dieser Prozess, den die SPD-Fraktion mit einem weiteren Antrag noch forciert hatte, hat mit einer Informationsveranstaltung zur Faktenlage gerade begonnen und wird vor der Sommerpause beendet sein. 

„Hierbei hat die SPD-Fraktion eine klare Präferenz für eine Freibadnutzung am Standort Stockheide, aber wir haben mehrfach verabredet, Entscheidungen zu Bäderstandorten gemeinsam mit den Akteuren des Wassersports und der Öffentlichkeit zu erarbeiten. Wir möchten hier einen breiten Diskussionsraum mit sämtlichen Akteuren sowie den Bürger*innen ermöglichen, um dann einen möglichst breiten Konsens zu erzielen. Diesen Konsens tritt die CDU jetzt mit Füßen“, so Torsten Heymann. 

„Für die SPD-Fraktion steht fest, wir werden die Ergebnisse des Bäderkonzeptes und den breiten Diskussionsverlauf konstruktiv begleiten, eigene Ideen mit einbringen und auf dieser Basis die notwendigen Beschlüsse im Sinne der Dortmunder Bäderlandschaft fassen“, erklärt Torsten Heymann abschließend.“ 

 

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2 Gedanken über “114 Millionen Euro Sanierungsbedarf für die 19 Bäder in Dortmund – CDU prescht bei Nordstadt-Bädern vor

  1. Carola Hiby-Asianowaa

    „Das bedeutet: Sanierung des Freibads Stockheide und Neubau des Hallenbads Nordbad im Hoeschpark. Der jetzige Standort Nordbad könnte dann z.B. mit einem Kita-Neubau sinnvoll genutzt werden. Ob als Allwetterbad mit zu öffnendem Dach oder als separater Hallenbau – darüber könnte ein planerischer Ideenwettbewerb entscheiden“, betont CDU-Sprecherin Ute Mais.

    Ideen sammeln und Vorschläge machen, ist gut, „die Schwimmbad Infrastruktur im Norden nachhaltig erneuern“ klingt auch erstmal gut…Nur worauf zielt denn dieser Vorschlag hin?
    Der Bau eines Hallenbades im Hoeschpark? Der Hoeschpark wird gerade mit 6,25 Mio. Euro umgebaut, nach einem Entwicklungskonzept mit zeitlichen Vorgaben. Die Umbauarbeiten sind in vollem Gange. Wieso macht die CDU mit dem Bau eines Hallenbades im Hoeschpark jetzt einen Vorschlag, der gar nicht umsetzbar ist?

  2. Grüne in der Nordstadt stehen weiterhin zur Sanierung von Nordbad und Stockheide (PM)

    Grüne in der Nordstadt stehen weiterhin zur Sanierung von Nordbad und Stockheide

    Beide Schwimmbäder haben einen hohen Sanierungsbedarf. Aus diesem Grund schlug die CDU vor, die bisherigen Bäder stillzulegen und ein neues Kombibad am Standort Stockheide neu zu bauen. Das finden die Nordstadtgrünen bedenklich.

    Katrin Lögering, Mitglied im Sportausschuss des Rats:

    „Der CDU-Vorschlag ist vielleicht gut gemeint, aber wenig zielführend. Die beiden Sanierungsmaßnahmen müssen getrennt voneinander gesehen werden. Beim Nordbad muss zuerst geprüft werden, ob eine Sanierung am gleichen Standort oder ein Neubau woanders sinnvoller ist. Aber auch ein neues Hallenbad muss zentral liegen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln auch in den Abendstunden gut erreichbar sein. Ein Grüne-Wiese-Hallenbad, das nur mit dem Auto erreichbar ist, schließt viele Kinder und Jugendliche, ältere Menschen, aber auch sozial Benachteiligte aus. Diese Position werden wir auch im Beteiligungsprozess zum Bäderkonzept vertreten.“

    Marko Unterauer, Fraktionssprecher in der Bezirksvertretung:

    „Mit der Grundsanierung beim Freibad Stockheide muss endlich begonnen werden. Zuerst muss der Beckenkopf wieder fit gemacht werden, damit das Freibad schnellstmöglich wieder genutzt werden kann. Danach kommen sukzessive die Gebäude dran. Jede weitere Verzögerung macht die Sanierung nur noch teurer. Wir betrachten die grundhafte Sanierung der Stockheide als Investition in die Lebensqualität und die soziale Infrastruktur der Nordstadt und darüber hinaus. Und die sollte uns wertvoll genug sein.“

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