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Theatrale Gesellschaftskritik: „POSER (SIC!)“ – ein letztes Plädoyer auf dem Friedhof der Gedankenfreiheit

„POSER (SIC!)“: Ein fantastischer Trip endet in einem höllischen, nicht enden wollenden Kater.

Von Florian Kohl (LJOE)

Nach „Dantons Dilemma“, „The Great Democracy Show“ und „Wohin des Weges Volksvertreter“ hat das Theaterkollektiv Sir Gabriel Dellmann ein weiteres gesellschaftskritisches Bühnenstück kreiert. „POSER (SIC!) – gebt Gedankenfreiheit!“ hatte im Theater im Depot Vorpremiere.

Auseinandersetzung über Konsequenzen einer nahezu vollständig vernetzten Welt

Sir Gabriel Dellmann widmen sich erneut einem gesellschaftskritischen Thema. Fotos: Alex Völkel

Überwachung auf Schritt und Tritt, Kontrolle und Analyse der persönlichsten Daten, Profilerstellung eines Menschen durch Staat oder/und Unternehmen – wir erleben inzwischen die Konsequenzen einer konsequent durchdigitalisierten und nahezu vollständig vernetzten Welt.

Die Allumfassendheit dieser Überwachung ist kein Geheimnis mehr, dennoch fällt die Reaktion darauf sehr verschieden aus; zumindest die bewusste und (individuell?) kommunizierte.

Nicht jeder verklebt seit Edward Snowdens Enthüllungen seine Kamera am Notebook, surft nur noch verschlüsselt durchs Internet oder verbietet Softwareanbietern an Computer und Smartphone das Datatracking. Es gibt auch jene, die sagen, sie hätten nichts zu verbergen, die freudig mitteilen, wo sie sind oder was sie machen.

Dennoch wirkt sich das Wissen um das Überwachtwerden auf jeden Menschen aus, ganz gleich, zu welcher Seite er sich zählen mag.

Wie wirkt sich das Wissen über die Überwachung auf das Verhalten aus?

Martin Hohner und Mathias Hecht.

Genau diesem Sachverhalt widmet sich das neueste Werk des Dortmunder Theaterkollektivs: Wie verändert sich das Verhalten der Menschen, wenn sie wissen, dass sie stets beobachtet, jeder ihrer Schritte protokolliert wird?

Und nicht zuletzt: Was richten die Einschnitte der Privatsphäre mit dem Denken an? Ebnen diese Entwicklungen nicht der Selbstzensur als Vorsichtsmaßnahme den Weg?

Ist die Wirklichkeit wirklich lebenswerter als die Inszenierung?

John le Posa, Nachfahre des Marquis de Posa muss erfahren, wie ihm Schritt für Schritt die von seinem Vorfahren geforderte Gedankenfreiheit abhandenkommt.

Ein fantastischer Trip endet in einem höllischen, nicht enden wollenden Kater

Sir Gabriel Dellmann arbeiten im Theater im Depot erneut mit vielen Projektionen auf der Bühne.

Ob sie ihm genommen wird, oder er sie sich selbst nimmt, ist dabei schwer zu beantworten. In zunehmend rasantem Tempo verliert er sich in der Unsicherheit, was wirklich ist und was nicht – und, ob die nackte Wirklichkeit tatsächlich lebenswerter ist als die inszenierte Welt.

Ein fantastischer Trip endet in einem höllischen, nicht enden wollenden Kater; einem Zustand, der so furchtbar ist, dass man, um ihn zu beenden, zu allem bereit ist. Und so wird die Gedankenfreiheit beerdigt, während die aus der Feder eines der Anwälte Snowdens stammende Grabrede verlesen wird.

Das Trio Björn Gabriel (Regisseur und Text), Steffi Dellmann (Ausstattung) und Anna Marienfeld (Produktion) entwirft mit Hilfe der Schauspielerinnen und Schauspieler Martin Hohner, Fiona Metscher, Aischa-Lina Löbbert und Mathias Hecht ein düsteres Bild, bedrückend, beklemmend und furchterregend ist die Atmosphäre, aber auch laut und energisch, bisweilen sogar bunt und fröhlich.

Die offizielle Premiere ist im August beim Festival „Favoriten“

Von der französischen Revolution bis zu Edward Snowden reicht die thematische Bandbreite.

In gewohnt unkonventionellem Stil wagt sich Sir Gabriel Dellmann an eine höchst zukunftsweisende Debatte und stößt auf eindringliche, zugleich aber nicht humorbefreite Weise einen für unsere Gesellschaft notwendigen Gedankenprozess an.

Die Premiere von „POSER (SIC!) – gebt Gedankenfreiheit“ wird am 28. August beim Festival Favoriten stattfinden. Bis dahin ist nichts in Stein gemeißelt, wie Anna Marienfeld anschließend erklärte: „Sollte sich noch etwas bedeutsames entwickeln, ist es gut möglich, dass wir dies noch aufgreifen und einarbeiten werden.“

Ihre Aktualität werden die in dem Stück verarbeiteten Überlegungen bis dahin aber so oder so nicht verloren haben.

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