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Rechtsextreme Gewalt in Dortmund: Auch 16 Jahre nach dem Mord an Thomas Schulz gedenken ihm Antifaschist*innen

„In Gedenken an Schmuddel“: eine kleine Kundgebung an der Kampstraße mit Abstand und Maske.

Von David Peters

16 Jahre ist es inzwischen her, dass der Punker Thomas Schulz (Spitzname „Schmuddel“) an der U-Bahn-Haltestelle Kampstraße in der City von einem Neonazi erstochen wurde. Der Skinhead wurde aber nicht wegen Mordes verurteilt – auch die politische Motivation konnte oder wollte das Gericht nicht erkennen. Dabei ist Schulz eines von fünf Todesopfern rechtsextremer Gewalt in Dortmund.

Die jährlichen Demonstrationen sollten nicht zum Selbstzweck verkommen

Am 28. März 2005 geschah die Gewalttat in der U-Bahn Haltestelle Kampstraße.  Fotos: Leopold Achilles

Jährlich wurde Thomas Schulz mit großen Demonstrationen gedacht. 2015 war dann erstmal Schluss.Man wolle die Gedenkdemonstrationen nicht zum Selbstzweck verkommen lassen, hieß es damals seitens der Organisator*innen.

Im letzten Jahr sollte die Gedenkdemonstration wieder aufgenommen werden – allerdings kam die Coronapandemie dazwischen und die geplante Demonstration wurde abgesagt. Auch in diesem Jahr gab es keine große Demonstration, sondern eine kleine Kundgebung an der Kampstraße mit Abstand und Maske. Im Bereich der Haltestelle waren Plakate angebracht, die an Thomas Schulz und andere Todesopfer rechter Gewalt erinnerten. Rund 60 Menschen nahmen an dem Gedenken im kleinen Rahmen teil.

Die Initiative „Erinnern verändern Dortmund“ wies in ihrem Redebeitrag darauf hin, dass bei der Kundgebung die Perspektiven der Angehörigen und Freund*innen von Thomas Schulz fehlen würden. Deshalb sei es besonders herausfordernd, eine solche Gedenkaktion zu gestalten.

„Die Straßengewalt der Neonazis war in dieser Zeit allgegenwärtig.“

Eine Rednerin der Initiative berichtete, dass der Mord an Thomas Schulz sie als damals 15-Jährige politisiert habe. „Als Dortmunderin begriff ich, dass es auch mich oder meine Freund*innen hätte treffen können“, führt sie aus. Der Mord sei für sie ein einschneidendes Erlebnis gewesen. „Auch heute denke ich noch oft daran, wenn ich mit der U-Bahn fahre und die Bahn an der Kampstraße hält.“

Zwar löse es bei ihr Unbehagen aus, bei einer Gedenkkundgebung auch über den Täter zu sprechen, es sei aber eine Notwendigkeit um die Tat politisch einzuordnen. „Die Straßengewalt der Neonazis war in dieser Zeit allgegenwärtig. Die Szene feierten den Mord. Bewaffnete Überfälle aus dem Kameradschaftsbulli, Buttersäure- und Farbanschläge auf linke Veranstaltungsorte und Wohnhäuser, gehörten in den 00er Jahren zum Alltag“, beschreibt die Rednerin Hochzeiten der rechten Gewalt in Dortmund. „Die bewaffneten Angriffe aus dem Umfeld des Täters auf die Hirsch-Q haben Antifaschismus in Dortmund zu einem notwendigen Selbstschutz gemacht.“

Die Initiative sparte nicht an Kritik an „Dortmunder Verhältnissen“: „Wir haben nicht vergessen, dass der damalige Oberbürgermeister sich nicht mit den Trauernden solidarisierte. Wir haben nicht vergessen, dass der von Freund*innen geschaffene Gedenkort von den Stadtwerken geräumt wurde. Wir haben nicht vergessen, dass die Presse angesichts des rechten Mordes von einem ‚Dauerkonflikt zwischen linken und rechten Gruppierungen‘ schrieb.“ Der Mord an Thomas Schulz sei vom Gericht bis heute nicht als politisch motivierte Tat anerkannt worden.

Schmerzhafte Erinnerung an die Gefährlichkeit der rechtsextremen Ideologie

Flyer erinnerten am Jahrestag in der Haltestelle Kampstraße an die Tat.

„Wir wollen Thomas nicht zu einem Helden verklären und so einen linken Mythos erschaffen“, so ein Redner der Initiative. Es müsse aber eine Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den Geschichten der Opfer und den Perspektiven der Überlebenden rechter Gewalt. Die Initiative betonte: „Eine kritische Erinnerungskultur ist mehr als ein ritualisiertes Gedenken an Jahrestagen oder ein Hashtag.“

Die zweite Rede der kurzen Kundgebung hielt die Autonome Antifa 170: „Als Antifa-Gruppe sehen wir es als unsere Aufgabe an, immer wieder zu betonen: Nazis sind gefährlich.“ Der Gedenktag sei eine schmerzhafte Erinnerung an die Bedeutung dieses Satzes. Die Gruppe berichtete ebenfalls von einer Historie des „Wegschauens“ in Dortmund.

Stadt, Polizei und Zivilgesellschaft hätten immer wieder geleugnet, dass Dortmund ein Naziproblem habe, so die Antifaschist*innen. Dieses Wegschauen haben sich in den Jahren nach dem Mord an Thomas Schulz fortgesetzt. Deshalb sei es wichtig weiterhin Druck aufzubauen, damit auf allen Ebenen gegen Neonazis und ihre Ideologie gekämpft werde. Den Redebeitrag schlossen die Antifaschist*innen mit den Worten: „Kein Vergeben. Kein Vergessen.“

 

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