Rechtsextremismus: Gedenken und Geschichten im Dortmunder Norden

Mit „Nordstadt to go!“ erkundeten Besucher:innen und Anwohner:innen Orte der Erinnerung

Spuren der Geschichte in der Dortmunder Nordstadt, hier an der Alten Steinwache Foto: Planerladen

Menschen aus verschiedenen Dortmunder Stadtteilen mit Interesse am Thema Geschichte und Erinnern sammelten sich jüngst vor der bekannten Mahn- und Gedenkstätte Steinwache für einen Rundgang durch die Nordstadt. Gemeinsam mit zwei Expertinnen wurden sie von Fatlinda Bajramaj und Anna Tenholt vom Projekt „Nordstadt to go!“ des Planerladens zur Tour „Spuren der Gewalt“ begrüßt. Die Gruppe stieg hier direkt in das Thema ein, denn die Steinwache hat eine turbulente grausame Geschichte als Polizeistation und später Gefängnis hinter sich. Unter anderem waren hier Gegner*innen des NS-Regimes und Verschleppte inhaftiert.

„Wer gegen Nazis kämpft, kann sich auf den Staat nicht verlassen“

Die „dunkle“ Geschichte der Polizei wurde auch am Nordmarkt zum Thema, denn direkt am Folgetag der „Schlacht am Nordmarkt“ im Oktober 1932 wurden hier bei den Anwohner*innen Razzien veranstaltet. Dabei hatten die Betroffenen versucht, Widerstand gegen die gewalttätige SA zu leisten. Beim Rundgang zeigten manche sich überrascht, da das Denkmal auf dem Nordmarkt kaum auffällt und man aktiv danach suchen muss, um es zu entdecken.

Vorbei ging es am ehemaligen Eingang der Steinwache in der Nordstadt Foto: Planerladen

Seit kurzem erinnert zusätzlich noch ein Graffito an den Widerstand, der auch in der Nordstadt geleistet wurde. Die Edelweißpiraten sind für ihre (körperliche) Gegenwehr u.a. gegen die Hitlerjugend inzwischen relativ bekannt geworden. Dies lag auch an den Bemühungen des Edelweißpiraten Kurt Piehl, den Katharina Ruhland von der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache am vor kurzem nach ihm benannten „Kurt-Piehl-Platz“ an der Flensburger Straße/Brunnenstraße vorstellte.

Neben Katharina Ruhland begleitete eine Expertin von „NSU-Watch NRW“ die Tour. Sie wies die Teilnehmenden auf das Engagement von Esther Bejarano hin, die in ihrem Leben den Bogen gespannt hat – vom Kampf gegen Nazis früher zum Kampf gegen Nazis heute. Ein Zitat bleibt vor allem im Ohr: „Wer gegen Nazis kämpft, kann sich auf den Staat nicht verlassen.“

„Ich möchte immer noch wissen, wer für den Mord an meinem Vater verantwortlich ist“

Dies wurde schmerzhaft spürbar, nachdem Mehmet Kubaşık am 4. April 2006 in seinem Kiosk auf der Mallinckrodtstraße erschossen wurde. Die Ermittlungen richteten sich lange Zeit nur gegen die Familien der Opfer des NSU. Am Ort des Anschlags mischte sich auf der Tour eine Passantin ein: Es sei eine Schande, dass die Tat nicht aufgeklärt wurde. Dem konnte die Gruppe nur zustimmen.

Gamze Kubaşık ist die Tochter des Dortmunder NSU-Opfers.
Gamze Kubaşık, Tochter von Mehmet Kubaşık, am Dortmunder Gedenk- und Mahnmal für die Opfer des NSU-Terrors. (Archivfoto) Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Gamze Kubaşık sagte in einem Interview: „Für mich ist die Aufklärung nicht zu Ende. Auch das Urteil des Oberlandesgerichts München hat meine Fragen nicht beantwortet. Ich möchte immer noch wissen, wer für den Mord an meinem Vater verantwortlich ist. Es geht nicht nur darum, wer selbst geschossen hat, sondern auch darum, wer Unterstützer, Helfer oder weiterer Mörder war. Ich will wissen, welche Helfer der NSU in Dortmund und anderswo hatte. Ich will wissen, warum die Morde und Anschläge nicht verhindert wurden. Ich will wissen, was Polizei und Verfassungsschutz wussten und warum deren Spitzel bis heute geschützt werden. Ich möchte, dass die NSU-Akten den Anwälten übergeben werden.“

Vor dem Gebäude der Auslandsgesellschaft, neben der Steinwache, fand der Rundgang sein Ende. Ein Mahnmal erinnert hier an alle Opfer des NSU. Mahnmale und Platz- oder Straßennamen sind das eine, aber auch mit Aktionen wie dem jährlichen Gedenkmarsch oder dem „Mehmet-Kubaşık-Kinderfest“ wird die Erinnerung lebendig gehalten und kann den Familien der Ermordeten ein klein wenig Trost geben: dass der geliebte Mensch, den sie verloren haben, nicht vergessen wird.

„Nordstadt to go!“: für ein friedliches und respektvolles Zusammenleben

Der Planerladen setzt mit einer Förderung vom Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat (BMI) seit 2021 das Projekt „Nordstadt to go!“ um. Bei dem Projekt geht es um die Förderung eines respektvollen und friedlichen Zusammenlebens unter dem Leitbild der Entwicklung einer vielfältigen und offenen Gesellschaft.

Grafik: Veranstalter

Im Zentrum stehen Stadtteilrundgänge, Aktionen und Veranstaltungsformate zu den Themen Stadt, Wohnen, Rassismus und Zusammenleben, die Gelegenheiten für Begegnungen und soziale Interaktion zwischen Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte bieten.

Mit einem sowohl sozialräumlichen als auch stadtteilübergreifenden Ansatz sollen milieu- und gruppenübergreifende Diskurse und Austauschprozesse angestoßen werden. Bei den Stadtteilrundgängen steht die Nordstadt als vielfältiger Stadtteil im Fokus. Zu Fuß erkunden das Projektteam und die Teilnehmenden das Viertel und erhalten neue, einzigartige Eindrücke zu diversen Themen.

Die nächsten Rundgänge und andere Termine veröffentlicht „Nordstadt to go!“ auf Instagram und facebook @nordstadttogo und auf der Website planerladen.de

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