
Wie jeden Sommer finden aktuell in NRW „Christopher-Street-Day” Demonstrationen statt, und auch in diesem Jahr gibt es Gegendemonstrationen. Zuletzt hatte die rechtsextreme Partei „Die Heimat“ zu einem Protest gegen den CSD in Wesel letzten Samstag aufgerufen. Beim CSD kommt es daher oft zu queerfeindlichen Vorfällen. Die Melde- und Informationsstelle Queerfeindlichkeit NRW hat heute dazu ihren ersten Jahresbericht veröffentlicht. Sie berichtet von 258 queerfeindlichen Vorfällen in 2025. Im Bericht gezählt werden sowohl strafrechtlich relevante Vorfälle, als auch Vorfälle die keine Straftat darstellen.
Was bedeutet Queerfeindlichkeit?
Queerfeindlichkeit bezeichnet die Diskriminierung und Gewalt gegenüber queeren oder als queer wahrgenommenen Personen.
„Queer“ umfasst dabei verschiedene Identitäten und sexuelle Orientierungen, wie schwul, bisexuell, trans*, inter*, nichtbinär etc. Oft wird auch die Abkürzung LSBTIQ+ verwendet.
Queerfeindliche Diskriminierung beeinträchtigt das Zugehörigkeits- und Sicherheitsgefühl von Betroffenen und schadet so dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zudem begünstigt die Normalisierung von Queerfeindlichkeit die Zunahme von queerfeindlichen Straftaten.
Wo passiert Queerfeindlichkeit?

Belästigungen wie Anfeindungen, Erniedrigungen und Beleidigungen machen mit 64 Prozent den größten Anteil an Vorfällen aus. 30 Prozent der Vorfälle beinhalten physische Gewalt.
Mikroaggressionen beschreiben beispielsweise Lächerlichmachen oder Deadnaming und Misgendering von trans* Personen und machen 27 Prozent der Meldungen aus. Die Vorfälle ereigneten sich zu einem Großteil (43 Prozent) im öffentlichen Raum, zu 12 Prozent in Bildungseinrichtungen sowie zu 9 Prozent in digitalen Räumen.

Die Autor*innen vermuten, dass die hohe Verbreitung von Angriffen und Diskriminierung in digitalen Räumen dazu geführt haben könnte, dass Betroffene digitaler Gewalt zunehmend als „normal“ empfinden und daher seltener melden.
Als häufigste Orte wurden dabei zu 33 Prozent der Regierungsbezirk Köln, zu 25 Prozent der Bezirk Düsseldorf und zu 20 Prozent der Regierungsbezirk Arnsberg, indem auch Dortmund liegt, genannt.
Diese Verteilung entspricht dabei, bis auf Köln, annähernd der Bevölkerungsverteilung in NRW.
Hannah Richardy von der Opferberatung Rheinland sagt dazu: „Gerade in urbanen Räumen, in denen marginalisierte Gruppen sichtbarer sind, richtet sich rechte Gewalt gezielt gegen gelebte Vielfalt und Selbstbestimmung“.
Bericht hilft, das Dunkelfeld abzuschätzen

Die am häufigsten gemeldeten Formen von Queerfeindlichkeit sind Trans*- und Schwulenfeindlichkeit (jeweils 35 Prozent).
Dabei werden von Betroffenen und Zeugen nur 11 Prozent der Vorfälle bei der Polizei gemeldet und nur knapp 4 Prozent suchen eine Beratungsstelle auf.
Knapp 39 Prozent der Betroffenen berichten von Angst, Ohnmachts- und Minderwertigkeitsgefühlen sowie Hilflosigkeit als Auswirkungen von Queerfeindlichkeit.
Queerfeindlichkeit kann dazu führen, dass Betroffene öffentliche Räume meiden, die eigene Identität verbergen und keine Zuneigung gegenüber Partner*innen in der Öffentlichkeit zeigen.
Queerfeindliche Narrative sind in der Gesellschaft weit verbreitet
In 17 Prozent der Fälle zeigt sich in den Vorfällen explizit das Narrativ „Queerness ist nicht normal“. Dieses wird teilweise genutzt, um Queerness als Bedrohung für die gesellschaftliche Ordnung darzustellen.

Entweder als Krankheit oder psychische Störung oder als andere Abweichung (bspw. als „ekelhaft“ oder „schmutzig“) von der Norm. Weitere queerfeindliche Narrative sind „Zwei-Geschlechter-Biologismus“ sowie „Kindeswohlgefährdung“ und „NS-bezogene Queerfeindlichkeit“. Diese Narrative sind auch in der gesellschaftlichen Mitte verankert und werden genutzt, um mit emotional aufgeladenen Themen wie Geschlecht und Sexualität, Bedrohungs- und Schreckensszenarien aufzubauen.
Als dominante queerfeindliche Ideologien werden „rechte politische Ideologie“, „religiös-fundamentalistische Ideologie“ und „antifeministische Ideologie“ genannt. Verursacher*innen der Diskriminierungen waren zu 67 Prozent unbekannte Personen, zu 19 Prozent institutionelle, professionelle und umgebungsbezogene Kontakte sowie zu 14 Prozent das persönliche Umfeld.
Patrick Orth vom Vorstand des Queeren Netzwerks NRW, die zusammen mit dem rubicon e.V. und dem LSVD+ Verband Queere Vielfalt e.V. Träger der Melde- und Informationsstelle sind, sagt dazu: „Queerfeindlichkeit richtet massiven Schaden an. Der Bericht untermauert die Dringlichkeit von Präventions- und Schutzmaßnahmen für queere und insbesondere trans*, inter* und nichtbinäre Menschen. Die politische Zögerlichkeit bei der Bekämpfung von Queerfeindlichkeit ist nicht hinnehmbar“.
Abschließend formuliert der Bericht Empfehlungen für Politik und Verwaltung sowie für die Gesellschaft, wie Queerfeindlichkeit bekämpft werden kann. Unter anderem sollen die Rechte queerer Menschen besser geschützt werden, indem sie konkret in das Grundgesetz aufgenommen werden und bestehende Antidiskriminierungs- und Beratungsarbeit langfristig finanziert und ausgebaut wird.
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