Digitale Gewalt im Alltag: Wie eine Betroffene sich gegen den Hass wehrt und Solidarität hilft

Queere Menschen geraten im Netz immer häufiger ins Visier

Das Bild zeigt eine Regenrinne mit einem roten Sticker. Darauf steht in großen weissen Buchstaben "Hass ist keine Meinung" sowie demokratie-leben.de und no-hate-speech.de
Hassrede ist nicht nur im Internet ein Problem (Symbolbild). Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Hasskommentare, Drohungen, Hetze: Queere Menschen sind im Netz besonders gefährdet. Warum digitale Gewalt kein virtuelles Problem ist und wie Plattformen, Polizei und Gesellschaft gegensteuern (könnten).

Hasskommentare unter Make-Up Videos

„Deine Make-Up-Routine kostet dich zwei Stunden mehr von deinem Schönheitsschlaf?“, fragt Bäh in die Handykamera. „Dann probier’s doch einfach so!“, sagt sie, nimmt einen Lippenstift zur Hand und streicht grob über ihren Mund, Augenbrauen und Nase. Das Video ruckelt, sie fährt gerade mit dem Skateboard. Die Schminke verschmiert, wirkt aber kreativ.

Die Künsterin Bäh Bizarr liegt schräg auf einem Sessel
Foto: Merle Schlicker

In den Kommentaren schreiben Leute: „Warum sieht es aber lowkey so gut aus?“. Oder auch: „Innovation durchgespielt“. Doch es gibt auch andere Stimmen. „Was ist das für ein Wesen“, schreibt jemand. Und: „Solche Viecher gehören ins Arbeitslager“. Bäh will das nicht hinnehmen. In einem Folgevideo geht sie auf die Kommentare ein und kontert sie humorvoll: „Ich denke, du wolltest schreiben: So eine Diva gehört auf die große Bühne“.

Bäh Bizarr, ihr Künstlername, ist DJ sowie Performance- und Musikkünstlerin aus Dortmund. Im Januar 2026 fing sie an, auf Social Media Make-Up Clips zu posten. Das Makeup ist immer sehr reduziert, sie nutzt nur einen Lippenstift oder einen Eyeliner. Sie will damit Geschlechts- und Schönheitsstereotype aufbrechen.

Für ihre Kunst und ihre Sichtbarkeit als nicht-binäre Transperson wird sie im Internet mit Hass konfrontiert. Zuerst versucht sie, sich über die Kommentare zu erheben: Sie spricht sie an, gibt ihnen jedoch nicht zu viel Raum. Sie will sich nicht zum Opfer machen lassen. Danach entscheidet sie sich, Anzeige zu erstatten. Ein Schritt, den nur wenige gehen. Sie will, dass die Täter Konsequenzen für ihre menschenfeindlichen Aussagen spüren.

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Queerfeindlicher Gewalt statistisch oft unsichtbar

Hass gegen queere Menschen und besonders Transmenschen nimmt zu, wie Statistiken zeigen. Vor allem im Internet. Im Jahr 2023 hat das Bundeskriminalamt 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ*-Personen (lesbisch, schwul, bisexuell, trans, inter, queer) erfasst. Die meisten davon sind Beleidigungen, Volksverhetzung und Gewalttaten. 2025 verzeichnete die Polizei in NRW 284 queerfeindliche Straftaten. Das ist eine Verzehnfachung in den letzten sieben Jahren.

Regenbogenfahnen vor dem Rathaus in Dortmund.
Regenbogenfahnen vor dem Rathaus Dortmund Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Digitale Gewalt umfasst Hassrede, sexualisierte Gewalt oder Drohungen. Sie wird dabei als Erweiterung analoger Gewalt verstanden, jedoch werden Diffamierung und Bedrohung durch die hohe Geschwindigkeit und Reichweite des Internets massiv verstärkt.

Die Berliner Polizei hat 2024 in einem Monitoring erhoben, dass fast 18 Prozent der polizeilich erfassten queerfeindlichen Fälle Onlinedelikte sind. Bei Verfahren gegen bekannte Täter werden 40 Prozent der Fälle eingestellt, bei Ermittlungen gegen Unbekannte sogar 82,2 Prozent.

In nur 14,1 Prozent der Fälle konnte die Staatsanwaltschaft Anklage erheben. Die Polizei NRW erklärt auf Anfrage: „Im Mittelpunkt stehen dabei weniger einzelne Täterinnen oder Täter, sondern vielmehr die dynamischen Strukturen des Internets: Inhalte verbreiten sich sehr schnell, bleiben häufig anonym und sind technisch wie rechtlich oft schwer zuzuordnen.“

Tatsächliche Anzahl an Vorfällen unbekannt

Ein Problem ist, dass nur ein geringer Teil der Vorfälle überhaupt angezeigt wird. Laut einem Bericht der Europäischen Agentur für Grundrechte von 2024 geben 92 Prozent der Opfer von Hate Speech in Deutschland an, solche Vorfälle nicht zur Anzeige zu bringen – weil sie das Vergehen für zu gering halten, oder Angst vor homo- oder transfeindlichen Reaktionen der Polizei haben.

Die Beratungsstelle „BackUp“ bestätigt das: „Ein wichtiger Grund ist die Angst vor sekundärer Viktimisierung, also vor weiterer Diskriminierung oder fehlender Sensibilität im Umgang mit queerfeindlicher Gewalt.“ Wenn nur wenige Menschen queerfeindliche Gewalt melden, bleibt das Ausmaß des Problems unsichtbar und Täter erfahren keine Konsequenzen.

Ständige Belastung im Alltag bei betroffenen Personen

Die ständige Erreichbarkeit über digitale Geräte erschwert die Abgrenzung. „Manchmal, wenn ich kurz am Handy bin und nicht damit rechne, sehe ich eine neue Nachricht.

Demonstrationsschild Aktion von SLADO zur Bundestagswahl.
Demonstrationsschild Aktion von SLADO zur Bundestagswahl. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Manchmal ist das dann ein negativer Kommentar, in dem mir das Menschsein abgesprochen wird“, berichtet Bäh aus ihrem Alltag. In Verbindung mit analoger Gewalt bedeutet das für queere Menschen, dass sie sich im öffentlichen Raum nie sicher fühlen können.

Dennoch gibt es für Bäh einen deutlichen Unterschied: „Wenn jemand queerfeindlich ist oder mir Gewalt androht habe ich in der echten Welt Angst um mein Leben und meine körperliche Unversehrtheit. Im Internet kann jemand zwar meine Adresse rausfinden, aber er steht nicht direkt vor mir.“

Internetplattformen übernehmen wenig Verantwortung

Plattformen wie Instagram oder Tiktok werden dafür kritisiert, Hasskommentare nicht ausreichend zu löschen. Viele gemeldete Inhalte bleiben lange online. Meta, der Konzern hinter Instagram, kündigte 2026 zudem an, die Regeln für die Moderation zu lockern und bestimmte transfeindliche Aussagen zuzulassen. Auf X, ehemals Twitter, findet kaum noch Moderation statt.

Paul Klammer spricht in ein Mikrofon.
Paul Klammer (SLADO) Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Zudem sorgen rechtliche Lücken dafür, dass es keinen zuverlässigen Schutz gibt. Betroffene sowie queere Verbände sehen die Firmen in der Pflicht, für die Sicherheit ihrer Nutzenden zu sorgen.

Gleichzeitig scheitert die Strafverfolgung oft an der bürokratischen Praxis. Zugleich haben viele Betroffene nicht das Gefühl, das ihnen die Polizei weiterhelfen wird. Bäh erinnert sich an ihre eigenen Zweifel vor der Anzeige: „Ich hatte das Gefühl, wenn ich da hingehe und eine Anzeige stelle, machen die vielleicht nichts. Ich habe immer wieder von Sachen gelesen, wo das Justizsystem versagt hat und die Polizei nicht die Institution der Gerechtigkeit war.“

Paul Klammer, Geschäftsführer des Dortmunder Dachverbands der LGBTIQ-Vereine SLADO e.V., nennt die Aufnahme der sexuellen Orientierung und der geschlechtlichen Identität in das Grundgesetz als zentralen rechtlichen Schutzmechanismus.

Das wirksamste Mittel sei aber der Austausch: „Wir benötigen Solidarität von unseren Mitmenschen, die Hasskommentaren und Vorurteilen widersprechen. Schon ein einfaches: „Das sehe ich anders“, und das Berichten eigener authentischer Erfahrungen hilft dagegen, dass sich Queerfeindlichkeit ungehindert verbreitet.“

Noch gibt es Hürden bei der Erstattung einer Anzeige

Das Innenministerium hält dagegen, dass mit Kampagnen wie „Ich zeige an“, die Anzeigebereitschaft erhöht werden soll. In Städten wie Köln, Münster und Bielefeld wurden zudem besondere Stellen für „Queerbeauftragte“ geschaffen, um Hürden abzubauen. Die Polizei NRW betont, dass der angemessene und sensible Umgang mit queeren Menschen bereits seit Jahren Teil der Ausbildung generell sei.

Symbolbild der Polizei.
Symbolbild der Polizei. Foto: Paulina Bermúdez

Bäh denkt dazu: „Die Polizei hat so viel Vertrauen verloren, auch gerade in Dortmund. Sie würden mein Vertrauen ein Stück weit zurückbekommen, wenn die Anzeigen vernünftig bearbeitet werden und ich eine Rückmeldung bekomme.“

Nach ihrer Auffassung könnte das System zudem besser aufgestellt sein, denn: „Es ist nicht so, dass Online-Anzeigen für beleidigende oder morddrohende Kommentare gemacht sind.“ Momentan sei es noch „ähnlich kompliziert wie eine Steuererklärung“. Die Polizei sagt, sie will ihre digitalen Kompetenzen stetig weiterentwickeln und Vertrauen bilden um die Anzeigebereitschaft von digitaler Gewalt zu erhöhen.

Queerfeindlichkeit als Gradmesser für die Demokratie

Bei Hasskriminalität geht es zudem nicht um den einzelnen Menschen, wie auch Bäh anmerkt. Die Taten sollen die ganze Gruppe einschüchtern. Bäh sagt dazu: „Ich bin für die eine Projektionsfläche.

Banner mit der Aufschrift „Queer gegen Rechts“.
Banner mit der Aufschrift „Queer gegen Rechts“. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Bei vielen geht es darum: Du passt nicht in die Geschlechterrolle, die wir für dich sehen, die dir bei der Geburt zugewiesen wurde, das heißt, du bist nicht richtig Mensch.“

Hinzu kommt: Queerfeindlichkeit ist ein Werkzeug rechtsextremer Bewegungen, die „traditionelle“ Geschlechterrollen als „natürlich“ propagieren und queere Menschen als „Bedrohung“ darstellen.

Paul Klammer sagt dazu: „Als Gesellschaft muss uns klar werden, dass Queerfeindlichkeit einer von mehreren Gradmessern dafür ist, wie bedroht unser aller gesellschaftlicher Frieden, unsere demokratische Streitkultur und die Freiheit des einzelnen Menschen sind.“

Spezialisierte Anlaufstellen bieten Unterstützung für Betroffene

Für queere Menschen, die Opfer von Gewalt werden, gibt es dabei spezialisierte Beratungsstellen, wie „SLADO“ in Dortmund. Sie bieten psychosoziale Angebote, emotionale Unterstützung und Hilfe bei der Einordnung von Gewalttaten.

Neben dem „SLADO“ gibt es auch weitere Beratungsstellen, die Hilfe anbieten. Das Land NRW kooperiert mit dem „Rubicon e.V.“ in Köln und bietet die Landesfachstelle „Queere Anti-Gewalt-Arbeit“ an.

Außerdem hat sich die Beratungsstelle „HateAid“ zwar auf digitale Gewalt spezialisiert, hilft bei Fällen von queerfeindlicher Beleidigung im Internet aber auch bei der Anzeige. Zudem können queerfeindliche Vorfälle anonym bei der Melde- und Informationsstelle „Queerfeindlichkeit“ in NRW registriert werden. Damit kann Queerfeindlichkeit sowohl im Netz und als auch analog besser beobachtet werden.

Gesellschaftliches Engagement gegen Queerfeindlichkeit

Um gesellschaftlich gegen Queerfeindlichkeit – im Netz und im Alltag – vorzugehen braucht es einen engen Austausch von Zivilgesellschaft, Fachstellen und Polizei, sagt das Innenministerium. Beratungsstellen wie „SLADO“ setzen es sich mit Aufklärung und Prävention gegen Queerfeindlichkeit ein. So soll die Kampagne „dortMUNDauf“ Betroffene unterstützen und die Anzeigebereitschaft erhöhen.

Ein Flyer der Kampagne #dortMUNDauf mit dem Text: "Dein Shitstorm gegen mein queer sein." Sowie "Nicht mit mir, ich zeig' es an."
Bild: helloyou.studio für SLADO e.V.

Die Opferberatungsstelle „BackUp“ fordert zudem die gesellschaftliche Normalisierung queerer Lebensrealitäten sowie Begegnungsorte und Schutzräume. Sie appelliert auch an Zivilcourage und solidarisches Handeln im Alltag.

Bäh wünscht sich, dass die Politik aktiv auf bestehende queere Strukturen zugeht und Angebote gemeinsam gestaltet werden. Für andere Betroffene hat sie einen Rat:

„Es ist gruselig, es ist unsicher, aber es ist wichtig zu wissen, dass du nicht alleine bist und gut so, wie du bist. Ich will meine Queerness als Normalität leben und bekomme Solidarität, bekomme Zuspruch von meinen Leuten aus meinem Netzwerk und auch von fremden Menschen im Internet und das ist irgendwie surreal, aber es ist total schön. Und das macht mindestens so viel wie diese scheiß Hate-Kommentare.“


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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