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„Jugend im Dialog“ mit dem Bundespräsidenten a.D. in der Nordstadt – „Gehört der Islam zu Deutschland?“ in der FH

Bundespräsident a.D. Christian Wulff diskutierte mit Jugendlichen in der Nordstadt.

Bundespräsident a.D. Christian Wulff diskutierte mit Jugendlichen in der Nordstadt. Fotos: Alex Völkel

Jugendliche vom Dortmunder Flüchtlingshilfeverein „Train of Hope e.V.“ hatten sich für Veranstaltungsreihe „Jugend im Dialog“ als Gast Alt-Bundespräsident Christian Wulff gewünscht. Aus gutem Grund: Wulff war nämlich 2010 der erste, der mit  Aygül Özkan bundesweit eine Sozialministerin mit Migrationshintergrund in seine damalige Landesregierung in Niedersachsen holte. Und der Wunsch wurde wahr. Christian Wulff sagte zu und enttäuschte die Jugendlichen in der Diskussion auf Augenhöhe nicht.

Wulff sieht seine Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland und Europa“ bestätigt

Sowohl vor den Jugendlichen wie auch auf Abendveranstaltung in der FH Dortmund und Prof. Ahmet Topraks neuer Veranstaltungsreihe „Gehört der Islam zu Deutschland?“ blieb Christian Wulff bei seiner seinerzeit stark polarisierenden Aussage am Tag der Deutschen Einheit 2010, der Islam gehöre zu Deutschland und Europa.

Mit der er damals eine Anmerkung des damaligen Innenministers Wolfgang Schäuble auf der ersten Islamkonferenz er aufgenommen hatte, zu der selbst stand. Und heute mehr denn je der Meinung sei, dass sein Satz richtig war und ist.

Das zu sagen sei ihm damals auf dem Höhepunkt der Sarrazin-Debatte, welche das Klima in Deutschland vergiftet hatte, eine Herzensangelegenheit gewesen. 

Wulff forderte in der Nordstadt, Ängste ab- statt aufzubauen

Von vielen EinwandererInnen und MigrantInnen mit muslimischen Glauben sei seine Aussage, so Wulff, als wirkliches Zeichen aufgefasst worden. Damals hätten ihm laut Umfragen 60 Prozent der befragten Menschen zugestimmt, 40 Prozent hätten ihm widersprochen. Heute, sagte Wulff, habe sich das Verhältnis umgekehrt. Woran das liege, darüber müsse man reden.

Mit Vehemenz setzte sich Christian Wulff in Dortmund dafür ein Demokratie zu leben. Ängste gehörten ab- statt aufgebaut. Nach dem Kriege habe man hierzulande Millionen Menschen integriert, wie auch nach dem Ende der DDR viele Millionen von deren einstigen BürgerInnen.

Nun gelte es in der dritten Phase der Migration wieder Menschen zu integrieren. Wulff: Wäre es denn angesichts von 500 Millionen EU-Bürgern ein Problem, drei Millionen Geflüchtete aufzunehmen?

 Nichts ist gottgegeben: Demokratie leben, sich einmischen: „Sie haben alle Chancen“

 Wulff warnte betreffs der Demokratie: Nichts sei gottgegeben. Alles kann sich wieder ändern. Sein Vater, ein Sozialdemokrat, habe den Untergang der Weimarer Republik erlebt und ihm früh zu auf den Weg mitgegeben: „Engagiere dich für eine demokratische Partei!“

Demokratie sei die stärkste Staatsform, aber auch die schwächste Staatsform, wenn sie angegriffen werde. Denn sie gebe auch denen die dazugehörigen Rechte (Pressefreiheit, Meinungsfreiheit), die sie abschaffen wollten.

Christian Wulff redete einer Vielfalt Europas das Wort. Die Gleichförmigkeit unserer Städte  – wo überall nur noch die selben Ladenketten zu finden seien – beunruhige die Menschen. Dabei gehe es nicht um Nationalismus. Die Menschen wollten einfach ihre Besonderheiten bewahren.

Das habe in gewissen Weise gewiss auch die Zustimmung zum Brexit befeuert. Die Parteien bräuchten Verjüngung, machte er den jungen Leuten von „Train of Hope“ Mut sich einzumischen: „Sie haben alle Chancen.“

Bundespräsident a.D.machte einen Spaziergang durch die Nordstadt

Bevor „Jugend im Dialog“ startete, hatte der Bundespräsident a.D. einen Spaziergang durch einen Teil der Dortmunder Nordstadt, begleitet u.a  von Fatma Karacakurtoglu (1. Vorsitzende von „Train of Hope), unternommen.

Seine ersten Eindrücke waren durchaus positiv: viele Menschen, wie sie  ihm im Gespräch gesagt hätten,  wären  zufrieden in der Nordstadt: „Das sie mit ihrer Kultur, ihrer Art zu leben, hier leben können wie wollen.“

Um die Situation wirklich beurteilen zu können, so Wulff, müsste man das länger beobachten und auch „nächtens noch mal kommen“ und mit Vertretern verschiedener Generationen sprechen. Und darüber  „wie die Bürger sich die Friedlichkeit und das Zusammenleben in der Nordstadt mit all den Problemen, auch der Armut, das Miteinander vorstellen“.

Jedenfalls stelle sich den Menschen das Leben im Stadtteil ganz anders dar, als die, die zuweilen „darüber schreiben“, so Wulff.

Das Ehrenamt darf nie ersetzen was des Staates Aufgabe ist

Auf die Frage des Moderators, wie er das Ehrenamt in Deutschland einschätze, schätzte Wulff dies als „etwas sehr Besonderes in Deutschland“ ein. Wo immer Deutsche gewesen seien, hätten sie stets viele Vereine gegründet.

Vor ein paar Wochen sei er in China, in Tsingtau, einer einstigen deutschen Kolonie, gewesen. Die Chinesen hätten ihm gegenüber bekannt, dass die Deutschen seinerzeit auch mittels von ihnen gegründeter Vereine viele Dinge nach Tsingtau gebracht, von denen man sich einiges abgeschaut habe.

Dank wissenschaftlicher Studien sei heute bekannt, sagte Christian Wulff, dass ehrenamtlich tätige länger leben. „Weil man etwas gibt, aber gleichzeitig auch ganz viel zurückbekommt.“ Nicht zuletzt sehe man das etwa an einem traumatisierten, unsicheren, nicht Deutsch sprechenden Geflüchteten, den man als Mentor betreue. „Wenn man sieht, was dieser Mensch leistet nach einem Jahr, nach zwei Jahren – dann hat man ständig Erfolgserlebnisse“, machte Wulff an diesem Beispiel deutlich.

Allerdings dürfe das Ehrenamt nie ersetzen was eigentlich Aufgabe des Staates sei. Es solle den Staat ergänzen, aber nicht ersetzen, unterstrich der Altbundespräsident. Er hoffe in diesem Sinne, dass die Stadt Dortmund wisse, was sie an der Flüchtlingshilfe hat und die Flüchtlingshilfe weiß, was sie an der Stadt Dortmund hat und man gut miteinander kooperiert. Wulff: „Das menschliche Wort, die Aufmunterung, die Ermunterung, das ist durch nichts zu ersetzen.“

Viele Fragen von jungen Menschen erfrischend sachkundig beantwortet

Eingeleitet wurde die Veranstaltung durch die vereinseigene Gruppe „Music of Hope“ aus der Nordstadt, die arabische Weisen intonierte und auf die Diskussion einstimmte. Der Altbundespräsident bekam hausgemachtes arabisches Gebäck und original marokkanischen Tee serviert.

Von welchem er aber nur hin und wieder nippen konnte, denn es wurden ihm sogleich viele Fragen gestellt. Von denen er jede einzelne bereitwillig, erfrischend sachkundig und wenn nötig ausführlich zu beantworten verstand. Um Verständnis bat Wulff allerdings, dass er Fragen zur aktuellen Politik nicht beantworte. Es sei üblich, dass sich Altbundespräsidenten da traditionell zurückhielten.

Wulff vermittelte den Eindruck, dass er um die Sorgen, Nöte und Befindlichkeiten von Geflüchteten, die nach Deutschland gekommen sind, weiß. Dabei sprach er auch über die vielleicht ungewohnte, hierzulande aber übliche Bürokratie.

Die vereinseigene Gruppe „Music of Hope“ aus der Nordstadt intonierte arabische Weisen.

Die vereinseigene Gruppe „Music of Hope“ aus der Nordstadt intonierte arabische Weisen.

Ob er denn die gleichen Probleme damit habe wie „das normale Volk“, wollte Moderator Qussai Shikh Sulaiman dann vom Gast wissen. Christian Wulff antwortete: „Also wenn Sie die Hoffnung haben, dass Sie irgendwann mal in Deutschland, Deutscher sind und integriert sind, Kinder haben und dann keine Bürokratie mehr haben, dann muss ich Ihnen die Hoffnung komplett rauben.“

Aber die Bürokratie sei ja ein Grund, warum in Deutschland vieles funktioniert, meinte der Bundespräsident a.D., der auch heute noch seine Steuererklärung machen müsse, wie jeder andere auch. Erlebe er denn das Gleiche wie andere Bürger, oder werde das vereinfacht, fragte der Moderator nach.

Schmunzelnd gab Wulff zurück: „Ich bin so ein Fall“, und spielte damit gewiss auf die ihm  im Amte des Bundespräsidenten gegenüber gemachten, im Grunde lächerlichen Vorwürfe an, die letztlich zu seinem Rücktritt führten, „bei mir ist alles so genau angeguckt worden.“ Und Christian Wulff setzte hinzu: „Bei allem was ich auch immer ausführe, es morgen in der Zeitung stehen können und Bestand haben.“

Altbundespräsident Wulff ist nach wie vor vielfältig gesellschaftlich engagiert

Er wollte aber aus der Frage von Moderator Qussai Shikh Sulaiman  auch herausgehört haben, dass es ihm auch um die Belange von Migranten und Vorbehalten gegenüber ihnen gegangen war. Er glaube wir seien diesbezüglich auf einem besseren Weg. Dass das Grundgesetz, die Würde eines jeden Menschen ist unantastbar, zunehmend die Amtstuben, die Behörden durchdringe – ein Umdenken habe eingesetzt.

Manche Vorgänge in diesem Lande hätten uns da sehr nachdenklich gemacht. Als Beispiel nannte er die NSU-Morde und erinnerte auch an den in Dortmund, welcher „gar nicht weit von hier“ stattgefunden habe.

Ein Vertreter des Vereins Junger Deutsch-Afrikaner wollte wissen, ob Wulff denn auch nach seiner Amtszeit noch Dinge bewegen könne. Es war zu erfahren, dass Christian Wulff Vorsitzender Deutschlandstiftung Integration mit fast tausend Stipendiaten ist. Des Weiteren sei er Präsident des Deutschen Chorverbandes. Er glaube daran, dass Musik Menschen unterschiedlicher Herkunft mit verschiedenen Sprachen zusammenführt und damit auch Traumatisierungen aufgearbeitet werden können.

Intensiv setze sich Christian Wulff, den Fragesteller persönlich ansprechend, für die Entwicklung afrikanischer Länder ein. Auch sei er  für die Demokratiebewegung in Nordafrika engagiert. Besonders  fördere er Kontakte nach Tunesien. Ebenfalls unterwegs sei er betreffs des Dialogs der Religionen. 

Die „hochpolitische Frage“ einer Lehrerin aus Oberhausen

Qussai Shikh Sulaiman moderierte die Veranstaltung.

Qussai Shikh Sulaiman moderierte die Veranstaltung in den Räumen von „Train of Hope“.

Eine Lehrerin aus Oberhausen war mit SchülerInnen nach Dortmund gekommen, lobte deren Kreativität, kritisierte jedoch die Bedingungen unter denen man an ihrer Schule unterrichten müsse als „steinzeitmäßig“: Kaputte Fenster, defekte Toiletten und obwohl man das Jahr 2018 schreibe habe man kein WLAN.

Warum, fragte sie, investiere man in einem der reichsten Länder der Welt so wenig Geld in Bildung. Dies sei „sehr eine hochpolitische Frage“, merkte Christian Wulff an. Er schließe aber  nicht aus die Elsa-Brändström-Schule in Oberhausen einmal zu besuchen. Die spezielle Problematik sah Wulff in der Situation der Stadt Oberhausen, sprich: „öffentlicher Armut“ begründet.

Der Altbundespräsident zitierte den US-Präsidenten Abraham Lincoln, der einmal gesagt habe, die meisten Zinsen brächten Investitionen in Bildung. Sein Rat an die Lehrerin: das Problem in den örtlichen Ratsfraktionen thematisieren und den Oberbürgermeister von Oberhausen einladen. Der würde schon kommen, „wenn Sie ihm sagen, ich hätte Ihnen gesagt, dass die kommen“, sagte der Altbundespräsident lächelnd. Unter Umständen würde er selbst dazu kommen.

Bürgerliches Engagement ist gegen den Rechtsruck in der EU gefragt

Mit großer Sorge betrachte Christian Wulff im Vorfeld der Europawahl 2019 das Vorhandensein vieler rechter, rechtsextremistische Kreise, „die die Nation hochhalten, Nationalismus hochhalten und gegen internationale Zusammenarbeit, gegen europäische Zusammenarbeit, gegen die Europäische Union Stimmung machen“.

„Sie versuchen, zum Teil von Amerika gesteuert, den Zerfall der EU in Nationalstaaten voranzutreiben“, sagte Wulff und nannte Trumps früheren Chefideologen Stephen Bannon, der in Europa versuche, die rechten Kräfte zu stärken.

Dagegen sollten sich die BürgerInnen Europas stark machen, protestieren und demonstrieren. Ehrenamtliches und bürgerschaftliches Engagement, so antwortete Christian Wulff auf die dem vorausgegangene Frage, sei da deshalb sehr gefragt. 

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„Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Vielfalt und Respekt – über Offenheit und Haltung“

Nach dem Termin in der Nordstadt gibt es für Wulff an der Fachhochschule Dortmund weiter. In der Sonnenstraße hielt er einen einstündigen Impulsvortrag – „eine Reise mit sechs Stationen“  unter dem Titel: „Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Vielfalt und Respekt – über Offenheit und Haltung“. 

Prof. Dr. Wilhelm Schwick, Bundespräsident a.D. Christian Wuff und Prof. Dr. Ahmet Toprak in der FH.

Prof. Dr. Wilhelm Schwick, Bundespräsident a.D. Christian Wuff und Prof. Dr. Ahmet Toprak in der FH.

Er sprach über eine auch in Deutschland zu spürende explosive Mischung aus Ängsten, aus Gefühlen, Vertrautes zu verlieren, das viele Menschen Unsicherheit empfänden über die Globalisierung oder befürchteten in einer Flut von Nachrichten in einer digitalisierten Welt unterzugehen. 

In drei Stationen befasste sich Christian Wulff mit den möglichen Ursachen von schlechter Stimmung in Deutschland: Terror, Ungerechtigkeiten bei der Globalisierung und die fortschreitende Digitalisierung. Sowie in weiteren drei Station damit, wie man die Situation zum Positiven wenden könnte. Nämlich: Bekenntnis zur Vielfalt, Bekenntnis zu Europa, internationaler Zusammenarbeit und das Verteidigen unserer Heimat als etwas Schützenswertem.

Forderung des Bundespräsidenten a.D.: Über Vielfalt ganz neu nachdenken

VertreterInnen haben sich mit insgesamt 1000 Schals mit dem Aufdruck „Dortmund ist Vielfalt“ eingedeckt.

Wulff erinnerte daran, das einst schon der Soziologe Niklas Luhmann daraufhin gewiesen habe, wie wichtig Vertrauen sei. Erst recht in Zeiten wie heute, die äußerst unübersichtlich seien, bemerkte seinerseits Christian Wulff.

Der Gast aus Hannover regte an, dass über Vielfalt ganz neu nachgedacht werden müsse und wir uns positiv positionieren müssten. „Vielfalt ist anstrengend. Viele sind verschieden nach Sprachen, Aussehen, Geschichte und Herkommen. Aber die Alternative zur Vielfalt ist Einfalt“, betonte Wulff.

„Die Vielfalt hat Deutschland in der Vergangenheit stark gemacht. Diversität hat ab dem 17. Jahrhundert zu einer kulturellen Blüte geführt“, schrieb er seinen zahlreichen ZuhörerInnen an der Fachhochschule ins Stammbuch. Das Ruhrgebiet habe von polnischen Einwanderern und von den südeuropäischen Gastarbeitern profitiert. 

Aus Akzeptanz und Toleranz muss Respekt, Anerkennung und gegenseitiges Verständnis erwachsen

Gut besucht war er Diskussionsabend mit Christian Wulff in der FH.

Gut besucht war er Diskussionsabend mit Christian Wulff in der Fachhochschule. Fotos (2): Claus Stille

In Deutschland funktioniere das Nebeneinander und ein immer besseres Miteinander von Tempeln, Moscheen, Synagogen und Kirchen. Aus bloßer Akzeptanz und Toleranz müsse Respekt, Anerkennung gegenseitiges Verständnis erwachsen. Denn nur darauf könne ein dauerhafter Frieden gedeihen. 

Christian Wulff warb um Verständnis, dass all das Zeit – viel Zeit – benötige. Und wies daraufhin, wie schwierig einst das Verhältnis in deutschen Landen zwischen Katholiken und Protestanten gewesen sei.

Er erinnerte sich in diesem  Zusammenhang an die einstige Umstrittenheit, ob die Juden zu Deutschland gehören, an das Wort des Reichstagsabgeordneten Ludwig Windthorst (1812-1891), der der Meinung war, dass man fest entschlossen sein müsse,  die Andersdenkenden wie Brüder zu behandeln und zu lieben. Das müsse heute, so Wulff, auch für die Muslime gelten. 

Grundgesetz und Freiheitlich Demokratische Grundordnung sind verbindlich für alle 

Indes müsse für alle hier lebenden Menschen das Grundgesetz und die Freiheitlich Demokratische Grundordnung selbstredend verbindlich sein. Auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau habe akzeptiert zu werden.

All das dies sei bei uns über eine lange Zeit erkämpft worden, das werde man, unterstrich Wulff unmissverständlich, nicht preisgeben. Allerdings hüte er sich, schaltete der Altbundespräsident ein, etwa Ländern wie Afghanistan da von oben herab Ratschläge zu erteilen. Müssten wir doch wissen, wie lange es bei uns gedauert habe die Gleichberechtigung der Frau durchzusetzen.

Es sei doch noch gar nicht so lange her, dass Frauen in Westdeutschland noch ihren Ehegatten fragen mussten, wenn sie eine Arbeit aufnehmen wollten. Nie, gab Christian Wulff seinen ZuhörerInnen mit, dürften wir zu selbstgerecht sein.  

Er ermutigte die Menschen sich für eine liberale, offene Demokratie, sich für Europa als Friedensprojekt in der Geschichte der Menschheit einzusetzen im Geiste von Haltung, von Mut, von Offenheit, von Zukunft und nicht zu ängstlich, apokalyptischen Panikmachern auf den Leim zu gehen.

Da wo Probleme sind, müssten sie angesprochen werden. Demütig sein sollten wir und Hilfe anbieten, wo sie nötig ist. Wir würden sehen, dass uns das viel mehr zurückgibt, als wir hineingegeben haben.  

Gemeinsamkeiten der Religionen: Beide Seiten müssten offen für Integration sein 

In der sich anschließenden Fragerunde wurden viele weitere interessante gesellschaftliche, politische und religiöse Aspekte – auch kontroverser Natur – angesprochen und zwischen den ZuhörerInnen und dem Altbundespräsidenten engagiert, aber sachlich diskutiert. 

Christian Wulff empfahl die Gemeinsamkeiten zwischen den monotheistischen Weltreligionen zu betonen – denn in all denen sei der Mensch das Wichtigste. Das Gemeinsame überwiege, das Trennende sei eine Minderheit. Jeder Jude, jeder Moslem, jeder Christ müsse später Rechenschaft ablegen. Ansonsten fand Altbundespräsident Wulff, dass sich alle in unserer Gesellschaft lebenden Menschen an die bestehenden Regeln dieser Gesellschaft halten müssten.

Der Altbundespräsident weiter: „Um so vielfältiger die Gesellschaft, desto mehr sich versammeln, um so wichtiger werde es, dass die Regeln die man sich gegeben hat, nicht infrage gestellt sondern gelebt werden. Und Integration gelinge auch nicht, wenn sich nur eine Seite darum bemühe und alte Vorbehalte weiter behalte.

Lob für das Dortmunder Publikum: Wir müssen im Gespräch bleiben

Sie erfordere auch, offen zu sein, die andere Seite sich integrieren zu lassen. Wer beispielsweise den Koran Vorrang vor weltlichen Recht gebe und nicht in der Zeit seiner Entstehung auslegt, ihn als absolut setze, sei – antwortete Wulff auf eine entsprechende Frage – für ihn ein Islamist. Im Übrigen wäre es gut, meinte Wulff, die Kirche, die Moschee, die Synagoge, den Tempel im Dorf zu lassen.

Zum Ende des Abends gab sich Christian Wulff von seinen Dortmunder ZuhörerInnen beeindruckt. Selten erlebe er zweieinhalb Stunden Veranstaltungen mit einem sehr interessiertem Publikum.

Er hoffe für die Zukunft, dass sich „die Dinge in Dortmund weiter zusammengeruckelt“ haben werden. Wir müssten – ob einer Meinung oder nicht – weiter im gemeinsamen Gespräch bleiben. Von nichts komme nichts. Statt Spalter brauche es Brückenbauer.

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