Auf dem jüngsten Friedhof finden sich noch Grabmale vom ältesten

In Hörde gab es drei jüdische Friedhöfe

Jüdischer Friedhof am Hörder Kampweg
Der Jüdische Friedhof am Hörder Kampweg ist der dritte jüdische Friedhof im Stadtbezirk Hörde. Klaus Winter | Nordstadtblogger

Von Klaus Winter

Um 1740 lebten nur drei jüdische Familien in Hörde, das damals eine eigenständige Stadt war. Bis 1789 stieg ihre Zahl auf sieben mit insgesamt 54 Personen an. 1822 wohnten dann 68 Juden in Hörde. Obwohl die Zahl der jüdischen Einwohner Hördes in der Mitte des 18. Jahrhunderts sehr gering war, gab es für sie schon 1741 einen eigenen Friedhof. Das geht aus Unterlagen des Haushalts der Stadt Hörde hervor, denn die dokumentieren, dass die Juden für ihren Friedhof jährlich einen Reichsthaler an die Stadtkasse zahlen mussten.

Erster Friedhof lag vor dem Mühlentor

Ein Grabstein, der schon auf dem Friedhof an der Seekante gestanden hat.
Ein Grabstein, der schon auf dem Friedhof an der Seekante gestanden hat. Klaus Winter | Nordstadtblogger

Der erste jüdische Friedhof Hördes lag im Norden der Stadt vor dem Mühlentor an der Seekante und wurde bis in die 1880er Jahre genutzt. Nach seiner Schließung blieb die Anlage noch jahrzehntelang als Friedhof erkennbar.

Tageszeitungen berichteten im Sommer 1913 über Vandalismus auf dem alten Friedhof: „Aus Zerstörungswut haben auf dem alten jüdischen Friedhofe an der Seekante in der vergangenen Nacht rohe Burschen gehaust. Mit wenigen Ausnahmen sind sämtliche Grabsteine und Einfassungen umgeworfen und zerstört worden.“

Die Täter waren einige Tage später ermittelt. Es handelte sich um schulpflichtige Jungen.

Friedhof störte den Ausbau eines Promenadenwegs

1917 erwarb die Stadtverwaltung Hörde von der Synagogengemeinde den alten Friedhof. Die Stadt war an dem Erwerb des Geländes interessiert, weil der Friedhof die Anlage eines neuen Promenadenweges verhinderte.

Für das 22,24 Ar große Grundstück zahlte die Stadt der Synagogengemeinde 25.600 Mark. Außerdem musste sie rund 4.000 Mark für die Überführung der auf dem alten Friedhof bestatteten Leichen nach dem neuen Friedhof aufwenden.

Zweiter Judenfriedhof wurde vom Hörder Hüttenwerk umschlossen

Jüdischer Friedhof am Hörder Kampweg
Der Jüdische Friedhof am Hörder Kampweg ist der dritte jüdische Friedhof im Stadtbezirk Hörde. Klaus Winter | Nordstadtblogger

Im Jahre 1854 war im Bickefeld ein neuer evangelischer Friedhof angelegt worden. Als der jüdische Friedhof vor dem Mühlentor ab 1880/85 nicht mehr belegt wurde, wurde an der Ostseite des evangelischen Friedhofs einen neuer jüdischer Friedhof eingerichtet.

Die Bickefelder Friedhofsanlage wurde bald durch das ständige Wachsen des Hörder Hüttenwerks bedroht. Um 1900 war das Friedhofsgelände weitestgehend von Industrieanlagen eingekesselt.

Der dritte Friedhof liegt in Benninghofen

Kaufmann Julius Udewald, damals Vorsteher der Synagogen-Gemeinde Hörde, beantragte angesichts der schwierigen Friedhofssituation im Bickefeld 1911 die Nutzung eines Grundstücks an der südlichen Stadtgrenze Hördes für einen neuen, den dritten Hörder Juden-Friedhof. Weil die Parzelle aber nicht Hörde, sondern in Benninghofen lag, musste er den Antrag beim Amt in Wellinghofen stellen. ___STEADY_PAYWALL___

Noch vor Jahresende hatte Udewald die erbetene Genehmigung in der Hand. Der dritte jüdische Friedhof Hörde hat eine etwa quadratische Grundfläche mit Zugang vom Hörder Kampweg. Das Gelände fällt nach Norden und grenzt an das Grundstück des Hörder Hüttenhospitals.

Lehrer Stern hatte zwei Hörder Friedhöfe geweiht

Grabmal für den Lehrer Isidor Stern
Grabmal für den Lehrer Isidor Stern Klaus Winter | Nordstadtblogger

Die Einweihung des Friedhofes am Hörder Kampweg wurde am 17. Dezember 1911 „unter guter Beteiligung der Gemeindemitglieder“ vorgenommen. Lehrer Isidor Stern, der damals mehr als 30 Jahre das Rabbineramt innehatte, nahm den weihevollen Akt vor.

Dabei wies er darauf hin, dass er nun bereits zum zweiten Mal einen Friedhof für die Hörder Gemeinde weihte. Denn das hatte er auch bei dem Friedhof im Bickefeld getan.

Die Leichen von 59 Erwachsenen und 14 Kindern wurden vom Friedhof im Bickefeld an den Hörder Kampweg umgebettet. Auch Grabsteine, die ursprünglich auf dem ersten Friedhof, vor dem Mühlentor gestanden hatten, wurden hierhin versetzt.

Vandalismus auch am Hörder Kampweg – Stele erinnert an Zwangsumbettungen

Gedenkstein zur Zwangsumbettung aus Lüdinghausen
Gedenkstein zur Zwangsumbettung aus Lüdinghausen Klaus Winter | Nordstadtblogger

Zu den wenigen Nachrichten über den Friedhof am Hörder Kampweg gehört eine Zeitungsnotiz vom 20. März 1931 über ungebetene Besucher: „Junge Burschen klettern über das Tor und treiben Unfug. Das Torschloß wurde, nachdem es erst vor drei Wochen erneuert worden war, jetzt wieder zerstört. Die Anwohner mögen auf das Treiben der Burschen achten.“

Das Ausmaß der Schändung des Friedhofes während der Zeit des nationalsozialistischen Regimes ist nicht bekannt. Jedoch steht fest, dass der Friedhof nicht verschont wurde.

Im Oktober 1942 wurden 16 Leichen vom jüdischen Friedhof in Lüdinghausen nach Hörde umgebettet. Das war ein nationalsozialistischer Willkür-Akt. An die Zwangsumbettung erinnert heute eine Stele auf dem Hörder Friedhof.

Die letzte Beisetzung hat 1952 stattgefunden

Die Trauerhalle des Friedhofs ist heute nicht mehr vorhanden, so wie auch eine unbekannte Anzahl von Grabmalen verschwunden ist. Gemäß den Daten auf den erhaltenen Grabsteinen war die Beisetzung des Rechtsanwalts und Notars Dr. Jakob Koppel, gestorben 1952, die letzte.

Heute ist der Landesverband der jüdischen Gemeinden in Westfalen Eigentümer des Friedhofs am Hörder Kampweg mit seinen mehr als 80 Grabmalen. Die gärtnerische Pflege des Geländes wird von der Stadt Dortmund durchgeführt.

Hintergrund:

  • Der Historische Verein für Dortmund und die Grafschaft Mark e. V. (gegr. 1871) ist Träger des Projekts „Jüdische Identität, jüdisches Leben und jüdische Friedhöfe in Dortmund“.
  • Ausgehend von einer wissenschaftlich fundierten Bestandsaufnahme aller historischen jüdischen Friedhöfe im Stadtgebiet sollen neue Erkenntnisse über das Leben und Wirken jüdischer Mitbürger gewonnen und dokumentiert werden.
  • Das Projekt wird gefördert mit Mitteln aus dem Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen („Heimatzeugnis“).
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Kommentare

    • Klaus Winter

      Die Lage des ersten Friedhofs kann ich tatsächlich nicht präziser beschreiben als ich es im Text getan habe.
      Die Friedhof im Bickefeld ist auf alten Stadtkarten von Hörde durchaus verzeichnet. Leider liegt mir keine Karte vor.

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