Auf Dortmunder Friedhöfen unterwegs: Forschungsprojekt sucht nach Spuren jüdischen Lebens in der Stadt

Inschriften der jüdischen Gräberfelder auf dem Ostfriedhof sind der Grundstein für das ambitionierte Forschungsprojekt. Fotos: Klaus Hartmann

Von Thea Ressemann

Auf bedeutende Entwicklungen Dortmunds in der Zeit zwischen dem 1870 und 1933 hatte die jüdische Gemeinde einen großen Einfluss. Wer also wissen möchte, wie sich beispielsweise die großen Einkaufsstraßen entwickelt haben, der muss in der Vergangenheit suchen. Genau das tut ein Forschungsprojekt und geht auf Spurensuche auf Dortmunder Friedhöfen. Auf dem Ostfriedhof trafen wir maßgebliche Akteure.

Die Bedeutung der jüdischen Gemeinde in Dortmund wird erforscht

Das Forschungsprojekt „Jüdische Identität, jüdisches Leben und jüdische Friedhöfe in Dortmund“ will die Inschriften aller jüdischen Grabsteine auf den Friedhöfen der Stadt – soweit noch nicht geschehen – aufzeichnen und digitalisieren. Für die inhaltliche Konzeption ist die Dortmunder Geschichtsmanufaktur zuständig. Geschäftsführerin Christina Steuer betont, dass durch das Sammeln der Grabinschriften auf die wichtige Bedeutung der jüdischen Gemeinde für das Leben in Dortmund zwischen dem 19. Jahrhundert und dem Nationalsozialismus aufmerksam gemacht werden soll. Ziel sei es, dies zu dokumentieren und den Bürger*innen ins Bewusstsein zu rufen. ___STEADY_PAYWALL___

Der Heimatforscher Klaus Winter (l.) stellt seit Jahren Nachforschungen zur jüdischen Geschichte in Dortmund.

Die gesammelten Erkenntnisse ermöglichen der Forschung, Schlüsse über mögliche Verbindungen zu gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Zuständen in der Stadtgeschichte zu ziehen. „Wir werden bestimmt Rückschlüsse ziehen können, warum sich der Westenhellweg und der Ostenhellweg zu den Einkaufsstraßen entwickelt haben, wie man es heute kennt“, ist sich Klaus Winter sicher. Der Projektleiter setzt sich schon seit Jahren mit dem Thema auseinander. Er ist Mitglied des Historischen Vereins für Dortmund und die Grafschaft Mark e.V. Für ihn ist die Grundidee des Projekts, herauszufinden, wer diese Leute waren und wie sie die Stadt beeinflusst haben.

Die Mitarbeiter*innen des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts für deutsch-jüdische Geschichte der Universität Duisburg- Essen, welches der Projektträger ist, wollen für das Projekt alle jüdischen Grabsteine auf dem Ostfriedhof und Hauptfriedhof registrieren. Momentan werden die Inschriften eins der letzten Gräberfelder auf dem Ostfriedhof gesammelt. Anschließend wird das Projekt auf dem Hauptfriedhof weitergehen.  Die Beteiligten planen, mit diesen Erfassungen  bis Ende November 2022 fertig zu werden. Für das Vorhaben hat das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes NRW (über sein Programm „Heimat. Zukunft. Nordrhein-Westfalen“) dem Historischen Verein ungefähr 304.000 Euro an Fördermitteln zur Verfügung gestellt.

Einige Schwierigkeiten bei der Entzifferung der alten Inschriften auf den Grabsteinen

Um die Inschriften auf den Grabsteinen zu entziffern, müssen diese erst einmal vom Bewuchs befreit werden. Einige sind so zugewachsen, „da kommt man mit der Rosenschere nicht weit“, scherzt Klaus Winter. Wenn die Grabsteine dann leserlich sind, werden sie fotografiert und die Inschriften transkribiert. In den Fällen, in denen die Grabinschriften auf Hebräisch sind, werden diese zusätzlich ins Deutsche übersetzt.

Einige Grabsteine sind stark bewachsen.

Die Zustände einiger Steine zeigen die Notwendigkeit des Projekts zum jetzigen Zeitpunkt. Es ist unklar, wie lange die Daten auf den Grabsteinen noch lesbar sein werden. Einige sind bereits so verwittert, dass die Schriften kaum noch zu erkennen sind. „Wir arbeiten mit Spiegeln, mit Reflektoren“, erklärt Winter. Dadurch sei es möglich, das Sonnenlicht so auf die Steine zu lenken, dass die Inschriften lesbar würden.

Bei ihrer Arbeit findet das Team auch immer mal wieder Steine, die in Vergessenheit geraten sind. Einige stehen auch nicht mehr an ihrer ursprünglichen Stelle. Der Grund dafür sei das Einschlagen von Bomben im zweiten Weltkrieg, erklärt Winter. Welche Ursachen noch eine Rolle spielen könnten, lässt sich nicht genau bestimmen. Zumal unklar ist, wo oder wie in der NS-Zeit jüdische Gräber verloren gingen. Bei wiederum anderen Steinen lässt sich erkennen, dass der Originalgrabstein ausgetauscht worden ist.

Einige bekannte Namen können auf dem Ostfriedhof entdeckt werden

Auf dem Ostfriedhof fanden die Mitarbeiter*innen des Forschungsprojekts einige Gräber von bekannten jüdischen Kaufleuten. Zu diesen gehörten auch die Familien Biermann, Jonas und Rose. Die Kaufhäuser dieser Familien haben die Einkaufsstraßen Dortmunds bis heute geprägt.

Die Ruhestätte der Kaufmannsfamilie Rose ist auf dem Ostfriedhof zu finden.

Am Grab der Familie Jonas fällt eine Besonderheit auf: In den Grabinschriften lässt sich erkennen, dass nach 1951 Inschriften hinzugefügt wurden. So steht bei dem Sohn der Familie sogar die Zusatzinformation „gestorben in Panama“. Zu diesem Zeitpunkt war die Familie nicht mehr in Deutschland. Wer die Inschriften hat anfertigen lassen, ist unklar.

Auch einige bekannte Mitglieder der Synagogengemeinschaft sind auf dem Ostfriedhof beerdigt. Die um 1900 eingeweihte Alte Synagoge (die am heutigen Dortmunder Stadttheater stand und 1938 von den Nazis zerstört wurde) ist nur eins der vielen Beispiele für den damaligen Stellenwert der jüdischen Bevölkerung in Dortmund.

Eins der größten Gräber ist das der Familie Heymann. „Die Hintergründe dieser Familie werden nicht leicht zu erforschen sein“, weiß Klaus Winter. Schließlich war der Familienname in abgewandelten Schreibweisen in der Umgebung weit verbreitet. In solchen Fällen sei man froh, auf digitale Datenbanken wie das Sterberegister des Landesarchivs Westfalen-Lippe zurückgreifen zu können. Denn Sterberegister seien ausführlicher als Geburts- und Hochzeitsregister.

Auch nach Ende der Erfassungen ist das Forschungsprojekt noch lange nicht beendet

Christina Steuer berichtet vom geplanten Vorhaben mit den gesammelten Daten.

Die gesammelten Daten werden dafür benutzt, die Bedeutung der jüdischen Gemeinde im Stadtbild zu verankern. Deswegen werden sie auf der Website www.juedische-heimat-dortmund.de veröffentlicht, welche seit dem 25. Mai 2021 online verfügbar ist. Dort lädt das Team schrittweise auditive und visuelle Materialien hoch. Geplant ist auch eine Dokumentation.

Zusätzlich will der Historische Verein 2022 einen Beitragsband herausbringen, der sich mit dem Thema befasst. Auch sei pädagogisches Material für Schulen geplant, berichtet Christina Steuer.

Auf den Friedhöfen selbst sollen Tafeln mit Informationen angebracht und eine Veranstaltungsreihe angeboten werden. In Diskussionsrunden, Führungen und Vorträgen wird dann über die Vorgehensweisen des Projekts informiert werden.

 

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