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Holocaust-Gedenken: Neue Stolpersteine in der Nordstadt erinnern an die Familie des israelischen Botschafters

OB Ullrich Sierau begrüßte die iraelischen Gäste in der Nordstadt - im Hintergrund setzen die Botschafter*innen der Erinnerung Zeichen. Fotos: Alex Völkel

Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau begrüßte die israelischen Gäste in der Nordstadt – im Hintergrund setzen die Botschafter*innen der Erinnerung ein Zeichen gegen Antisemitismus. Fotos: Alex Völkel

Seit vielen Jahren werden auch in Dortmund durch den Kölner Künstler Gunter Demnig sogenannte „Stolpersteine“ verlegt. Der Künstler erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing im Bürgersteig einlässt. ’Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist‘, zitiert Gunter Demnig den Talmud. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Mehr als 77.000 Steine wurden bereits verlegt. Zwei weitere wurden heute (10. August 2020) in der Leopoldstraße in der Nordstadt verlegt – unter verstärktem Polizeischutz. 

Die neuen Stolpersteine in der Nordstadt erinnern an Rosa und Abraham Hacker

Der israelische Botschafter Jeremy Issacharoff, Ehefrau Laura Kam und Tochter Ella wohnten der Stolperstein-Verlegung bei.

Botschafter Jeremy Issacharoff, Ehefrau Laura Kam und Tochter Ella wohnten der Verlegung bei.

Der Grund für die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen: Die Steine erinnern an Rosa und Abraham Hacker. Sie waren die Urgroßeltern von Laura Kam. Sie ist die Ehefrau des israelischen Botschafters Jeremy Issacharoff, der gemeinsam mit Frau und Tochter Ella der Verlegung beiwohnte.  ___STEADY_PAYWALL___

In der Leopoldstraße 54 in der Nordstadt wurden die Steine in Gedenken an Rosa (*1873) und Abraham Hacker (*1868) verlegt. Sie waren Einwanderer aus Galizien, die sich Anfang der 1900er Jahre in Dortmund niederließen. Sie waren im Geschäftsleben und auch familiär erfolgreich – ihre Ehe war mit fünf Kindern gesegnet.

Doch die private Idylle wurde durch die zunehmenden Restriktionen und Verfolgungen durch die Nazis beendet. Am 29. Oktober 1938 wurde die Familie im Rahmen der „Polenaktion“, der ersten Zwangsvertreibung im Deutschen Reich lebender Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit, deportiert.

Die Nachkommen der Familie leben heute vor allem in den USA, Israel und Brasilien

In der Leopoldstraße 54 in der Nordstadt wurden die Steine in Gedenken an Rosa (*1873) und Abraham Hacker (*1868) verlegt.

An der Leopoldstraße 54 in der Nordstadt wurden die Steine in Gedenken an Rosa und Abraham Hacker  verlegt.

Das lebensältere Ehepaar wurde gewaltsam durch die Nazis aus Dortmund vertrieben und unter schwierigen Bedingungen in Zbąszyń (Polen) nahe der deutschen Grenze interniert. Über Umwege konnten sie in ihre Wohnung in der Leopoldstraße 54 zurückkehren und stellten fest, dass ihre Wohnung während der Reichspogromnacht im November 1938 von örtlichen Nazis und Stadtbewohnern geplündert worden war.  

Ihr gesamtes persönliches Hab und Gut wurde gestohlen oder zerstört. Sie waren ohne jegliche Bürgerrechte und ohne Einkommen. Es war ihnen nicht gestattet, ohne Genehmigung Radios, Telefone oder die Straßen zu benutzen. Rosa und Abraham Hacker wurden anschließend verhaftet, in ein jüdisches Ghetto eingesperrt und gezwungen, unter unmenschlichen Bedingungen in der Parsevalstraße 2/6 mit anderen verbliebenen Juden in der Stadt zu leben. 

Rosa Hacker starb dort am 2. Dezember 1941 im Alter von 68 Jahren. Abraham Hacker wurde aus dem Ghetto deportiert und am 19. April 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet. Er war 76 Jahre alt. Doch die Kinder überlebten. Deren Nachkommen leben heute vor allem in den USA, Israel und Brasilien.

Die Botschafter*innen der Erinnerung beeindruckten die israelischen Gäste

Die Botschafter*innen der Erinnerung beeindruckten den israelischen Botschafter und seine Familie.

Die Botschafter*innen der Erinnerung beeindruckten den israelischen Botschafter und seine Familie.

Wegen der prominenten Nachfahren der Familie war auch die Zahl der Teilnehmenden an der Zeremonie groß: Geleitet wurde die Zeremonie von OB Ullrich Sierau und Rabbiner Baruch Babaev von der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund. Ihr wohnten der Vorstand der Jüdischen Gemeinde, Polizeipräsident  Gregor Lange, Manfred Kossack, Sonderbeauftragter für Vielfalt der Stadt Dortmund und Dr. Stefan Mühlhofer, Leiter des Stadtarchivs Dortmund bei.

Gemeinsam erinnerten sie an die Verantwortung, die der Geschichte innewohne. Daher stellte OB Sierau der israelischen Botschafter-Familie nicht ohne Stolz die zahlreichen Aktivitäten im Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus, aber insbesondere auch die Dortmunder Initiative „Botschafter*innen der Erinnerung“ vor. 

Junge Menschen werden vom Jugendring zu Botschafter*innen ausgebildet, um die Erinnerung an jüdisches Leben hoch zu halten und gemeinsam dafür einzutreten, dass sich diese schreckliche deutsche Geschichte, die zur Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden geführt hatte, nicht wiederholt. Sie organisieren daher Gedenkstättenfahrten, Gedenkfeiern und tragen „die Fackel der Erinnerung“ insbesondere in Schulen.

Botschafter-Familie sorgt sich wegen zunehmenden Hass und Antisemitismus weltweit

Weiträumig abgesperrt wurde der Bereich der Stolpersteinverlegung. Der Verkehr auf der Leopoldstraße kam zum Erliegen.

Der Bereich wurde weiträumig abgesperrt. Der Verkehr auf der Leopoldstraße kam zum Erliegen.

Diesen Gedanken stellte auch Botschafter Jeremy Issacharoff in den Mittelpunkt:„Als Juden müssen wir uns immer dafür einsetzen, dass der Holocaust nie vergessen wird. Als Israelis dürfen wir unsere Entschlossenheit, eine Wiederholung des Holocaust zu verhindern, nie vergessen. Als Menschen sollten wir beides tun.“

Daran knüpfte auch seine Ehefrau Laura Kam an, als sie sichtlich bewegt an ihre Ur-Großeltern erinnerte: „Als Nachkommin deutscher Juden, die aufgrund ihrer Religion unerträgliche Grausamkeiten erlebten, bin ich zutiefst besorgt über die Zunahme antisemitischer Einstellungen und Vorfälle hier in Deutschland und in weiten Teilen der Welt“, betonte Laura Kam.

„Die Kinder werden nicht zum Hass geboren, sie lernen ihn zu Hause und durch die Kultur, in der sie leben. Es ist klar, dass in diesem Kampf um Anstand an allen Fronten noch viel Arbeit zu leisten ist, und ich schätze jeden, der sich gegen Antisemitismus und alle Formen des Hasses gegen ‚den anderen‘ einsetzt“, dankte sie der Stadt Dortmund und insbesondere den Botschafter*innen der Erinnerung.

Judenfeindlichkeit – Rabbiner: „Ich möchte unsere Namen hier nicht lesen müssen“

Gunter Demnig verlegt die Steine, Rabbiner Baruch Babaev schaut zu.

Gunter Demnig verlegte die Steine, Rabbiner Baruch Babaev schaut zu.

Beide Gäste machten dabei aber deutlich, dass das heutige Deutschland in weiten Teilen ein fortschrittliches Land und ein wichtiger Partner des Staates Israel sei. Dennoch dürfe man nicht in den Bemühungen nachlassen – noch immer sei „Jude“ auf vielen Schulhöfen ein Schimpfwort.

Daher müsse man gemeinsam alles unternehmen, dass auch zukünftig Menschen jüdischen Glaubens sicher und glücklich in Deutschland leben könnten.

Diesem Appell schloss sich auch Dortmunds Rabbiner Baruch Babaev an: Noch immer gebe es Zeitzeugen dieses dunkelsten Kapitels deutscher und jüdischer Geschichte. Daher erteilte er der Forderung nach einem Schlussstrich in der Erinnerungsarbeit eine klare Absage. Diese müsse weitergehen. Auch deshalb sei die Arbeit des Künstlers Gunter Demnig so wichtig – in 26 Ländern wurden seine Gedenksteine verlegt. 

Diese erinnerten zwar an die Toten, seien aber für die Lebenden bestimmt. Sie legten Zeugnis ab, was den Menschen jüdischen Glaubens damals angetan wurde. „Ich möchte unsere Namen hier nicht lesen müssen“, sagte Babaev sichtlich bewegt. Anschließend stimmte Kantor Arie Mozes das Kaddish, das Totengebet, an. 

„Wir können die Geschichte nicht verändern, aber die Geschichte kann uns verändern“

In den Räumen der Jüdischen Gemeinde trug sich der Botschafter in das Goldene Buch der Stadt Dortmund ein.

In den Räumen der Jüdischen Gemeinde trug sich der Botschafter in das Goldene Buch der Stadt Dortmund ein.

Das, was Nazi-Deutschland den Juden angetan habe, sei eine sich niemals schließende Wunde, machte Zwi Rappoport, Vorstand der jüdischen Gemeinde, anschließend deutlich.

Dass die Eintragung ins Goldende Buch der Stadt in den Räumen der Jüdischen Gemeinde und nicht im Rathaus stattfand, hatte für Rappoport in vielerlei Hinsicht große Bedeutung. 

Dies zeige die enge Verbundenheit und das vertrauensvolle Miteinander der Gemeinde mit der Stadt Dortmund. Aber der Besuch des israelischen Botschafters dokumentiere die Verbundenheit der hier lebenden Jüdinnen und Juden mit dem Staat Israel. Die Existenz des Staates Israel sei der Garant dafür, dass Menschen jüdischen Glaubens auch in der Diaspora leben könnten.

Den Stellenwert der Geschichte und der Erinnerung unterstrich anschließend auch der Botschafter: „Wir können die Geschichte nicht verändern, aber die Geschichte kann uns verändern.“ Dazu gehöre auch, dass Deutschland ein wichtiger strategischer Partner für den Staat Israel sei. 

Das Engagement der Stadt Dortmund und des BVB beeindruckte die Botschafter-Familie

„Antisemitismus - Dagegen habe ich was.“ Aufkleber in der Nordstadt. Foto: Alex Völkel

„Antisemitismus – Dagegen habe ich was.“

Und der Stadt Dortmund bescheinigte er ein beispielhaftes Engagement – gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wie auch beim Einsatz für die Städtepartnerschaft und den Jugendaustausch zwischen beiden Ländern. „Jugendaustausche sind die beste Zukunftsinvestition“, so Botschafter Jeremy Issacharoff. 

Den bekanntesten Dortmunder Verein ließ er dabei nicht unerwähnt: Beim Besuch des BVB hatte die Familie beeindruckt, wie groß dessen Engagement im Einsatz gegen Rassismus, Antisemitismus und Vorurteile ist. 

Nicht nur deshalb kommen sie ja vielleicht bald mal wieder nach Dortmund. Denn perspektivisch werden weitere Stolpersteine mit Bezug zur Botschafter-Familie verlegt. Auch für vier der fünf Kinder könnten noch Steine an der Leopoldstraße verlegt werden – die Forschungen zu deren Biographie und Dortmunder Vita sind aber noch nicht abgeschlossen.

 

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