Funde des Stalag VI D: Streit um möglichen Baustopp auf dem Gelände der Westfalenhallen

Zwischen Erinnerungskultur und millionenschweren Neubauplänen

Blick über das Ausgrabungsgelände - im Hintergrund das Stadion.
Auf dem Gelände der Westfalenhallen wurden Überreste einer Baracke des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag VI D freigelegt. Foto: Polina Zatulko für Nordstadtblogger.de

Die archäologischen Funde auf dem Gelände der Westfalenhallen haben eine Debatte über den künftigen Umgang mit den Überresten des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag VI D ausgelöst. Während die Ratsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen & Volt einen sofortigen Baustopp in den betroffenen Bereichen fordert, setzt der Aufsichtsrat der Westfalenhallen auf eine gemeinsame Lösung zwischen allen Beteiligten.

Grüne: Moderne Nutzung und historische Verantwortung miteinander verbinden

„Die jetzt freigelegten Bodendenkmäler sind keine gewöhnlichen archäologischen Funde. Sie sind materielle Zeugnisse eines Ortes von Leid, Entwürdigung und Zwangsarbeit mitten in Dortmund“, erklärt Fraktionssprecherin Katrin Lögering.

Katrin Lögering (Grüne & Volt) Foto: Alex Völkel für nordstadtblogger.de

Wer an diesem Ort baue, übernehme auch Verantwortung für dessen Geschichte. Nach Ansicht der Fraktion müssen die Bauplanungen so angepasst werden, dass die entdeckten Strukturen und Bodendenkmäler vorerst erhalten bleiben.

Die bisherigen Grabungen deuteten darauf hin, dass die Überreste des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers deutlich umfangreicher sind als bislang angenommen. Das Stalag VI D gehörte zu den größten Kriegsgefangenenlagern im westlichen Deutschland. Von 1939 bis 1945 befand es sich auf dem Gelände der heutigen Westfalenhallen und des damaligen Volksparks.

Forderung: Ein lange verdrängtes Kapitel Dortmunder Geschichte sichtbar machen

Mehr als 300.000 Kriegsgefangene verschiedener Nationen durchliefen das Lager, viele wurden zur Zwangsarbeit in der Schwerindustrie des Ruhrgebiets eingesetzt. Tausende überlebten die unmenschlichen Bedingungen nicht.

historisches Luftbild
Mehr als 300.000 Kriegsgefangene verschiedener Nationen durchliefen das Lager an der Westfalenhalle. Repro: Polina Zatulko

Grüne & Volt betonen, dass sie die Entwicklung der Westfalenhallen nicht grundsätzlich verhindern wollen. Vielmehr müsse geprüft werden, wie sich moderne Nutzung und historische Verantwortung miteinander verbinden lassen.

„Die jetzt freigelegten Überreste bieten die seltene Chance, ein lange verdrängtes Kapitel Dortmunder Geschichte sichtbar zu machen“, sagt Lögering. Vor unumkehrbaren Entscheidungen brauche es Zeit für eine wissenschaftliche Prüfung und eine öffentliche Debatte über eine angemessene Form des Erinnerns.

Aufsichtsrat „für eine angemessene Würdigung im Rahmen der Erinnerungskultur“

Auch der Aufsichtsrat der Westfalenhallen Unternehmensgruppe hat sich mit den Funden befasst. In seiner Sitzung am 16. Juni beschloss das Gremium, der Hauptgeschäftsführerin zu empfehlen, gemeinsam mit der Stadt Dortmund, der Unteren Denkmalschutzbehörde, den Planungsverantwortlichen und weiteren Beteiligten kurzfristig eine Lösung für den Umgang mit den Funden zu erarbeiten.

Uwe Waßmann (CDU)
Uwe Waßmann (CDU) Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Der Aufsichtsratsvorsitzende Uwe Waßmann (CDU) zeigte sich überzeugt, dass der Beschluss einen verantwortungsvollen Impuls für die Suche nach einer gemeinsamen Lösung setze. Der Aufsichtsrat spricht sich für eine angemessene Würdigung der archäologischen Überreste im Rahmen der Erinnerungskultur aus.

Gleichzeitig soll das Bauvorhaben nicht erheblich verzögert und die wirtschaftliche Tätigkeit der Westfalenhallen nicht beeinträchtigt werden. Zudem müsse sichergestellt werden, dass die begonnenen Arbeiten für die geplanten Südhallen nicht unangemessen aufgehalten werden.

Damit stehen nun Gespräche zwischen den beteiligten Akteuren an. Ziel ist es, einen Weg zu finden, der sowohl dem historischen Erbe des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers als auch den Entwicklungsplänen der Westfalenhallen gerecht wird.


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Gedenken an die tausenden Kriegsgefangenen im STALAG an den Westfalenhallen Dortmund

Reaktionen

  1. Ulrich Sander

    Eine gute Initiative der Grünen! Jedoch ist zu ergänzen: Der Opfer gedenken! U n d vor den Tätern warnen! Das muss auf dem Westfalenhallengelände geschehen – und auch an der Hainallee, dem Standort der einstigen Springorum-Villa, wo am 7. Januar 1933 die Ruhrlade der Industrieellen tagte, um die Weimarer Republik abzuschaffen und den Hitlerstaat herbeizuführen. Am 30. Januar 1933 hat dann der Reichspräsident Hindenburg dem Adolf Hitler die Reichskanzlerschaft übertragen. Im Katalog zur Steinwache stand: Nicht Hitler wurde an jenem Tag Reichskanzler sondern Herr von Papen. Eine unerhörte Geschichtslüge. Wir brauchen an der Hainallee eine Warntafel. Dem sollten auch die Grünen zustimmen, aber sie lehnten bisher entsprechende Anträge ab. Sie lehnten auch ab, die Noskestraße in Scharnhorst umzubenennen. Und zwar, weil das Stadtarchiv Dortmund behauptete, für Verbrechen Gustav Noskes im Jahr 1919 gäbe es keine neuen Hinweise. Das Zentralorgan der SPD VORWÄRTS berichtete jedoch am 9. Juli 2023: „’Einer muss der Bluthund werden‘. Mit diesem Satz ging Gustav Noske in die Geschichtsbücher ein. Wer war der Mann, der den ‚Spartakusaufstand‘ blutig niederschlagen ließ?“ Und der VORWÄRTS war es auch, der am Abend des 30. Januar 1933 meldete: „Amtlich wird mitgeteilt: Der Reichspräsident hat Herrn Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt und auf dessen Vorschlag die Reichsregierung neu gebildet.“

  2. Montag an der Westfalenhalle: Gedenken

    Ulrich Sander bekam diese EINLADUNG: Erinnern. Gedenken. Mahnen. Montag, 22. Juni 2026, 17.00 Uhr
    Veranstalter: Förderverein Gedenkstätte Steinwache – Internationales Rombergpark-Komitee e.V. – Gedenken am Gedenkstein an der Westfalenhalle, Fußgängerbrücke B 1 – in Erinnerung an den Überfall der Deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 – vor 85 Jahren – und die nach Deutschland verschleppten Kriegsgefangenen, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. – Wir erinnern und gedenken der vielen tausend Kriegsgefangenen, vorwiegend aus der Sowjetunion, aus Polen, Belgien, Frankreich, Jugoslawien und Italien, die im STALAG VI/D-
    Kriegsgefangenenlager Westfalenhalle interniert waren. Viele von ihnen starben infolge von Willkürakten, Krankheit, Unterernährung und bei Bombenangriffen, denen sie schutzlos aus geliefert waren. – In diesem Jahr erhält die jährliche Gedenkveranstaltung eine besondere Bedeutung, nachdem die Untere Denkmalbehörde am 29. Mai die aktuellen archäologischen Untersuchungen auf der Baustelle für eine neue Messehalle mit bedeutenden Ausgrabungsfunden der Öffentlichkeit präsentiert hat, sichtbar und greifbar.

  3. Stellungnahme zu den Ausgrabungen auf dem Gelände der Westfalenhallen zum Stalag VI D und Forderung zur Schaffung eines Erinnerungsortes (PM Förderverein Gedenkstätte Steinwache – Internationales Rombergparkkomitee e.V.)

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    wie Sie sicherlich wissen, wurden bei Bodenuntersuchungen für den geplanten Erweiterungsbau auf dem Messegelände der Westfalenhallen Überreste des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag VI D gefunden.

    Bislang konnten die Fundamente von vier Baracken nachgewiesen werden. Außerdem wurden in einem Bombentrichter persönliche Gegenstände der Gefangenen gefunden, darunter Schuhe, Löffel und andere Alltagsgegenstände.
    Diese Funde erinnern daran, dass die Westfalenhalle nicht nur ein Ort für Sport, Messen und Konzerte ist, sondern auch eine dunkle Geschichte hat. Von 1939 bis 1945 durchliefen mehrere Hunderttausend Kriegsgefangene das Stalag VI D. Im Herbst 1944 waren dem Lager fast 78.000 Männer zugewiesen, von denen die meisten in mehr als 300 Arbeitskommandos in ganz Westfalen Zwangsarbeit leisten mussten. Zu den größten Gruppen gehörten Kriegsgefangene aus Frankreich und der Sowjetunion sowie italienische Militärinternierte.

    Während französische Kriegsgefangene unter dem Schutz der Genfer Konvention standen, blieb dies den italienischen Militärinternierten verwehrt. Sie galten als Verräter und waren einer harten Behandlung ausgesetzt.

    Besonders schwer war auch das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen, die aus allen 15 Sowjetrepubliken stammten, ein Großteil aus der Ukraine. Ihnen wurden die Rechte der Genfer Konvention aus rassistischen Gründen verweigert, sie galten als Untermenschen. Viele starben an Hunger, Krankheiten und den Folgen der Zwangsarbeit und wurden namenlos auf dem Internationalen Friedhof begraben.

    Die aktuellen Ausgrabungen machen deutlich, wie wichtig eine sorgfältige Aufarbeitung dieser Geschichte ist. Deshalb müssen die archäologischen Untersuchungen mit der notwendigen Sorgfalt durchgeführt werden und ausreichend Zeit erhalten.

    Die Stadt Dortmund als Eigentümerin der Westfalenhalle und des Messegeländes muss auch Verantwortung für diesen Teil ihrer Geschichte übernehmen. Ein Erinnerungsort am historischen Ort könnte dazu beitragen, das Schicksal der Gefangenen sichtbar zu machen, die Erinnerung an ihr Leid dauerhaft wachzuhalten sowie für die Lehren aus der Geschichte zu wirken.

    An dieser Stelle weisen wir auf unsere jährlichen Gedenk-und Mahnveranstaltungen an dem Gedenkstein – nahe der B1-Fußgängerbrücke- hin, die immer auch schon die Forderungen beinhalteten, über das reine Gedenken hinaus einen Ort der Erinnerung zu schaffen, der die Auseinandersetzung mit diesem Teil der Geschichte ermöglicht und weitere Informationen beinhaltet.

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    wir sehen nun die Chance, die Weiterentwicklung der Westfalenhallen mit der unbestrittenen Erweiterung des Messe-und Kongresszentrums und eine würdige Erinnerungskultur miteinander zu verbinden.

    Deshalb bitten wir Sie, dieses Vorhaben zu unterstützen und sich für eine sorgfältige Aufarbeitung der Funde sowie für die Schaffung eines angemessenen Erinnerungsortes am ehemaligen Stalag VI D einzusetzen.

    Unsere Vereinigung hat große Erfahrungen in der Erinnerungsarbeit. Wir bieten unsere Mithilfe bei der Erarbeitung einer entsprechenden Konzeption an.

    Mit freundlichen Grüßen

    Georg Deventer

    Vorsitzender
    Förderverein Gedenkstätte Steinwache –
    Internationales Rombergparkkomitee e.V.

    http://www.steinwache-rombergparkkomitee.org

  4. Hannelore Tölke, Historischer Verein Ar.kod.M

    Danke für Ihre so wichtige Berichterstattung über die Funde und archäologischen Grabungen an der Westfalenhalle.
    Auf Gedenkveranstaltungen – auch hier in Dortmund – hören wir immer wieder: Wir müssen uns an diese dunkle Seite der Geschichte erinnern, damit sich Geschichte nicht wiederholt.
    Mit der Westfalenhalle und dem angrenzenden Messegelände verbinden viele Menschen positive Erinnerungen an spannende Sportveranstaltungen, großartige Konzerte und interessante Messen. Doch dieser Ort hat auch eine dunkle Geschichte.
    Erinnern wir uns: Zwischen 1939 und 1945 durchliefen mehrere Hunderttausend Kriegsgefangene das Stalag VI D. Im Herbst 1944 waren dem Lager nahezu 78.000 Männer zugewiesen. Der überwiegende Teil von ihnen musste in mehr als 300 Arbeitskommandos in Westfalen Zwangsarbeit leisten. Für die Kriegsgefangenen waren die Westfalenhalle und das angrenzende Gelände des Stalag VI D ein Ort des Schreckens, ein Ort des Leidens und oft genug auch ein Ort des Sterbens.
    Erinnern wir uns weiter: Die Westfalenhalle gehörte damals wie heute der Stadt Dortmund, die der Wehrmacht zunächst die Halle selbst und dann auch das angrenzende Gelände zur Verfügung stellte. Auch die Stadt Dortmund profitierte von der Ausbeutung der Kriegsgefangenen. Es ist Zeit, dass die Geschichte der Westfalenhalle und des Messegeländes im Zweiten Weltkrieg sichtbar gemacht wird und damit auch die Erinnerungen an die Männer, die dort interniert waren, bewahrt werden.
    Deshalb ist die Errichtung eines Erinnerungsortes an historischer Stelle, auf dem Gelände der Westfalenhallen, so wichtig. Ein Erinnerungsort, der an das Stalag VI D und das Leiden und Sterben der Kriegsgefangenen des Stalag VI D erinnert.

  5. Ulrich Sander

    Dankbar lese ich, dass Nordstadtblogger wenigstens per „Reaktion schreiben“ auf den Tag des Überfalls Nazideutschlands auf die UdSSR hinwies sowie an die 25 Millionen sowjetischen Opfer des Vernichtungskrieges erinnerte. Die regionalen Medien haben kein Wort dazu verloren. Es wurde dort auch mein Leserbrief missachtet:

    Zu Ihrem Artikel über den Nazi Höcke, 17.6.26, und die angebliche Unwissenheit der Deutschen über die Verbrechen in ihrer Nachbarschaft:

    In Essen lebten im Februar 1945 noch zwei Jüdinnen, „noch“ weil sie mit „arischen“ Deutschen verheiratet waren. Das passte einigen Nachbarn nicht und sie verlangten die Räumung der von Bomben verschonten Wohnungen der beiden. Sie denunzierten die Jüdinnen bei der Gestapo. Es kam zur Verhaftung und zum Abtransport nach Dortmund. Im Zuge der Gestapomorde im Rombergpark und in der Bittermark wurden auch die beiden Essenerinnen Julie Risse und Klara Adolph etwa an Karfreitag 1945 ermordet. So war das mit den „unwissenden Deutschen“. Es liegt ein Brief von Emil Risse vom September 1946 vor, in dem er die Staatsanwaltschaft auffordert, dafür zu sorgen, dass die Mörder bestraft werden. Der Ehemann von Frau Risse schrieb: „Der Grund für die Ermordung der beiden Frauen war wohl ihre jüdische Abstammung, denn sonst lag keinerlei Vergehen vor.“

  6. Erinnern. Gedenken. Mahnen. – Gedneken am STALAG IVD

    Erinnern. Gedenken. Mahnen. Unter diesem Zeichen veranstaltete der Förderverein der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache – Internationales Rombergpark-Komitee am 22. Juni 2026 seine schon traditionelle Gedenkveranstaltung am Gedenkstein an der Westfalenhalle (nahe der Fußgängerbrücke über die B 1) in Erinnerung an den Überfall der deutschen Wehrmacht am 22.06.1941 – vor 85 Jahren – und die nach Deutschland verschleppten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.

    Von 1939 bis 1945 waren im sog. Stammlager VI D in der Westfalenhalle und ab 1941 in umliegenden Baracken insgesamt rund 300.000 Männer dem Lager zugewiesen, die in etwa 300 Arbeitskommandos in ganz Westfalen Zwangsarbeit verrichten mussten. Im Herbst 1944 waren rund 78.000 Kriegsgefangene aus Frankreich, der Sowjetunion, Italien, Polen, Belgien und dem ehemaligen Jugoslawien zugewiesen. Viele von Ihnen starben infolge von Willkürakten, Krankheit, Unterernährung und bei Bombenangriffen, denen sie schutzlos ausgeliefert waren.

    In diesem Jahr erhielt die Gedenkveranstaltung eine besondere Bedeutung, nachdem die Untere Denkmalbehörde am 29. Mai 2026 die aktuellen archäologischen Untersuchungen auf der Baustelle für eine neue Messehalle und Kongresszentrum mit bedeutenden Ausgrabungsfunden der Öffentlichkeit präsentiert hat. Bis zu diesem Zeitpunkt waren 5 Barackenfundamente freigelegt, es wurden Schuhe und Alltagsgegenstände gefunden. Nun wurde das unrühmlichste Kapitel der 100-jährigen Geschichte der Westfalenhalle in Teilen sichtbar und greifbar. Aufgrund der archäologischen Arbeiten ist die Baumaßnahme gestoppt worden.

    Georg Deventer konnte bei seiner Begrüßung etwa 25 Teilnehmende begrüßen, darunter auch zwei Vertreter der Unternehmensgruppe der Westfalenhallen GmbH. Wegen der großen Hitze hatte die Westfalenhalle einen großen Sonnenschirm als Schattenspender aufgestellt und für kühle Getränke gesorgt, wofür alle sehr dankbar waren. Hanne Tölke informierte in ihrem Redebeitrag über das Stammlager, Dmitriy Kostovarov gab einige Erklärungen zu dem großen Banner, welches die Lage der Baracken zeigt. 

    Am Vortag, dem 21. Juni 2026, hatte eine Veranstaltergemeinschaft um den historischen Verein Ar.kod.M auf dem internationalen Friedhof am Rennweg in Wambel eine besondere Veranstaltung mit dem Verlesen von 4.473 sowjetischen Kriegsopfern durchgeführt.  Mit dieser Namenslesung wurde an die Opfer erinnert, die oft namenlos, auf diesem Friedhof begraben wurden.

    Im Zusammenhang mit der Kranzniederlegung am Gedenkstein informierte Georg Deventer über die aktuelle Stellungnahme des Fördervereins zu den Ausgrabungen mit der Forderung zur Schaffung eines Erinnerungsortes. Der Förderverein sieht die Chance, die Weiterentwicklung der Westfalenhallen mit der Erweiterung des Messe- und Kongresszentrums – welches in wirtschaftlicher Hinsicht unbestritten ist – und eine würdige Erinnerungskultur miteinander zu verbinden.

    Das Positionspapier beinhaltet auch das Angebot zur Mitwirkung bei der Erstellung einer Konzeption. Die Ausarbeitung wurde dem Oberbürgermeister, allen demokratischen Ratsfraktionen sowie der Bezirksvertretung Innenstadt-West zugeleitet.
    Die Stellungnahme ist auf der Website des Fördervereins nachzulesen.

  7. Vortrag fragt nach einem Erinnerungsort an der Westfalenhalle: Georg Deventer spricht über das ehemalige Kriegsgefangenenlager (PM)

    Die Ausgrabungen von Überresten des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag VI D an der Westfalenhalle stehen im Mittelpunkt einer Vortragsveranstaltung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Dortmund-Berghofen. Am Dienstag, 7. Juli, geht Georg Deventer, Vorsitzender des Fördervereins Gedenkstätte Steinwache – Internationales Rombergpark-Komitee e. V., der Frage nach, ob die Funde die Chance bieten, dort einen Erinnerungsort zu schaffen.

    Deventer plädiert dafür, die Dortmunder Stadtgesellschaft frühzeitig und umfassend an der Diskussion über den Umgang mit dem historischen Ort zu beteiligen. Zur Einführung wird der Film „Wahrzeichen ohne Gedenken“ von Jochen Müter und Benjamin Wassen aus dem Jahr 2004 gezeigt. Darin erläutert die Historikerin Regina Mentner die frühere Nutzung des Geländes als Kriegsgefangenenlager.

    Vortrag im Steigerturm beginnt um 19.30 Uhr Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr im Steigerturm, Berghofer Schulstraße 12. Interessierte sind eingeladen, daran teilzunehmen.

  8. Förderverein fordert Erinnerungsort für das ehemalige Stalag VI D – Resolution setzt sich für Gedenkort an der Westfalenhalle ein – Archäologische Funde sollen dauerhaft an das ehemalige Lager erinnern (PM)

    Der Förderverein Gedenkstätte Steinwache – Internationales Rombergpark-Komitee fordert einen öffentlich zugänglichen Erinnerungsort am ehemaligen Kriegsgefangenenlager Stalag VI D an der Westfalenhalle. Anlass sind die archäologischen Untersuchungen im Zuge des Erweiterungsbaus der Westfalenhalle. Nach Ansicht des Vereins bieten die aktuellen Funde die einmalige Chance, einen lange verdrängten historischen Ort dauerhaft sichtbar zu machen.

    Von Herbst 1939 bis Frühjahr 1945 befand sich auf dem Gelände das Mannschaftsstammlager Stalag VI D. Hunderttausende Kriegsgefangene aus mehreren europäischen Ländern wurden dort registriert und anschließend zur Zwangsarbeit im östlichen Ruhrgebiet, Münsterland und Sauerland eingesetzt. Mehr als 3.000 sowjetische Kriegsgefangene sowie mehr als 700 italienische Militärinternierte starben im Lager. Sie wurden auf dem heutigen Internationalen Friedhof beigesetzt.

    Verein sieht Stadt in der Verantwortung und fordert Beteiligung der Zivilgesellschaft

    Nach Auffassung des Fördervereins trägt die Stadt Dortmund als Eigentümerin des Geländes eine besondere Verantwortung für den historischen Ort. Die laufenden archäologischen Untersuchungen müssten deshalb mit der erforderlichen Sorgfalt fortgesetzt und ihre Ergebnisse in die weiteren Planungen einbezogen werden.

    Zugleich fordert der Verein, die Dortmunder Stadtgesellschaft sowie die Herkunftsstaaten der Kriegsgefangenen frühzeitig an der Entwicklung eines Erinnerungsortes zu beteiligen. Ziel sei es, den Erinnerungsort zeitgleich mit der Eröffnung des neuen Bauabschnitts der Westfalenhalle fertigzustellen. Unterstützer*innen der Resolution können sich per E-Mail an gus.deventer@arcor.de wenden.

  9. Akteneinsicht zum Stalag VI D: Akten zeichnen erschütterndes Bild – Historische Verantwortung fällt dem Baufortschritt zum Opfer (PM)

    Die Fraktion GRÜNE & Volt im Rat der Stadt Dortmund hat ihre Akteneinsicht nach § 55 GO NRW zum Umgang mit den archäologischen Funden des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag VI D abgeschlossen. Das Ergebnis ist aus Sicht der Fraktion alarmierend. Die Unterlagen dokumentieren: Obwohl vielfach von verschiedenen Akteuren der Schutz des Bodendenkmals von internationaler Bedeutung sowie ein ehrwürdiges Gedenken vor Ort eingefordert wurde, priorisieren Stadtspitze und die Westfalenhallen einseitig die Vermeidung von Bauverzögerungen an den Westfalenhallen über den Schutz des Bodendenkmals.

    „Die Akten bestätigen unsere schlimmsten Befürchtungen. Nicht die Frage, wie dieser international bedeutsame Erinnerungsort erhalten werden kann, stand im Mittelpunkt, sondern wie der Bau möglichst ohne Verzögerungen fortgesetzt werden kann. Von Anfang an lehnten die Westfalenhallen eine Gedenkstätte und ein Erinnern am historischen Ort ab. Auch der OB setzt einseitig auf finanzielle Interessen – auf Kosten des Bodendenkmals des Stalag VI D. Das ist angesichts der Geschichte dieses Ortes erschütternd“, erklärt Jenny Brunner, Ratsmitglied der Fraktion GRÜNE & Volt, nach Einsicht in die vorgelegten Akten.

    OB Kalouti: Baufortschritt statt historischer Verantwortung

    Die Unterlagen dokumentieren darüber hinaus eine von oben angeordnete zentrale Steuerung der Öffentlichkeitsarbeit, die dem schnellen Baufortschritt dienen sollte. Der Oberbürgermeister verfügte nach Aktenlage, dass sämtliche Pressearbeit ausschließlich über die Pressestelle und den Oberbürgermeister erfolgen solle und dass die Verhinderung jeder Bauverzögerung Ziel sein müsse. Pressekontakte, Fachvorträge und öffentliche Veranstaltungen mit städtischen Vertreter*innen wie beim BVB (Borusseum am 6.7.2026) oder dem Internationalen Rombergpark-Komitee mit dem Ziel, die Öffentlichkeit über das Stalag VI D zu informieren, wurden stark eingeschränkt oder sogar ganz abgesagt.

    Auch internationales Interesse am Erhalt der Funde

    Besonders irritierend bewertet die Fraktion den Umgang mit internationalen Stellungnahmen. Nachkommen ehemaliger Kriegsgefangener aus Frankreich, das staatliche Ukrainische Institut für Nationales Gedenken, Stiftungen aus den Niederlanden sowie staatliche Stellen aus Belarus und weitere internationale Akteure forderten übereinstimmend den Erhalt der Funde und eine angemessene Erinnerungsstätte.

    „Aussitzen“, „belanglos antworten“, „Politiker vor Ort vermeiden“
    Dennoch findet sich in den Akten aus dem Dezernat des Oberbürgermeisters die Empfehlung, Schreiben anderer Staaten „auszusitzen“, lediglich ein „möglichst belangloses Antwortschreiben“ zu versenden, dieses nicht durch den Oberbürgermeister unterzeichnen zu lassen und Besuche ausländischer Politiker möglichst zu vermeiden. Die Untere Denkmalbehörde widersprach dieser Einschätzung ausdrücklich und verwies auf die historische Verantwortung unabhängig von aktuellen außenpolitischen Konflikten.

    „Wer internationale Opferverbände und staatliche Gedenkinstitutionen im Zusammenhang mit einem NS-Verbrechen ‚aussitzen‘ möchte, sendet ein fatales Signal. Für eine echte Erinnerungskultur müssen wir die Stimmen der Opfer und ihrer Vertreter*innen ernst nehmen“, erklärt Janne Mijdam, Ratsmitglied der Fraktion, nach ihrer Akteneinsicht.

    „Entsorgung“, „dem Materialkreislauf zuführen“

    Besonders deutlich werde dies bereits im ersten dokumentierten Abstimmungsgespräch vom 19. Mai 2026. Dort lehnten die Westfalenhallen eine Integration der Funde am Originalstandort sowie Ausstellungsmöglichkeiten im Neubau grundsätzlich ab, obwohl die denkmalfachliche Bewertung zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen war. Spätere Aktenvermerke dokumentieren zudem Diskussionen über die „Entsorgung“ der Funde; eine Wortwahl, gegen die sich die Untere Denkmalbehörde ausdrücklich verwahrte.

    „Wer bei den Überresten eines ehemaligen Zwangsarbeiterlagers über ‚Entsorgung‘ spricht, zeigt, wie sehr die historische Dimension aus dem Blick geraten ist. Dass die Denkmalbehörde diese Sprache der Westfalenhallen ausdrücklich korrigieren musste, spricht für sich“, so Katrin Lögering, Fraktionssprecherin GRÜNE & Volt, nach ihrer Akteneinsicht.

    Die Akten belegen außerdem, dass die Stadt bereits seit 2021 wiederholt auf zu erwartende Bodendenkmäler hingewiesen hatte. Trotzdem wurde keine frühzeitige denkmalrechtliche Vorprüfung veranlasst. Die Fraktion GRÜNE & Volt sieht hier die Pflichten der Hauptgeschäftsführerin der Westfalenhallen, Sabine Loos, verletzt.

    Positiv hervorzuheben ist dagegen die Arbeit der Unteren Denkmalbehörde sowie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Beide Fachbehörden bewerteten die Funde als Bodendenkmal von nationaler beziehungsweise internationaler Bedeutung und machten sich wiederholt für deren wissenschaftliche Sicherung und eine angemessene Erinnerungsstätte stark.

    Für GRÜNE & Volt bestätigen die Akten die Forderungen, die die Fraktion seit Bekanntwerden der Funde erhebt: den größtmöglichen Erhalt der Bodendenkmäler und einen Baustopp bis zur Vorlage eines würdigen Gedenkstättenkonzepts:

    „Das ehemalige Stalag VI D war kein gewöhnliches Baugrundstück. Hier wurden Hunderttausende Kriegsgefangene zur Arbeit gezwungen, Tausende Menschen verloren ihr Leben. Ein solcher Ort verlangt Demut, wissenschaftliche Sorgfalt und den Willen zum Erinnern – nicht den schnellstmöglichen Abschluss einer Baumaßnahme. Die Akteneinsicht macht deutlich, dass wir über den künftigen Umgang mit diesem Ort grundlegend neu diskutieren müssen“, so Lögering abschließend.

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