15 Jahre „Weil Hannelore jüdisch war“: Erinnern, damit Ausgrenzung nicht wieder beginnt

Die Dauerausstellung in der Droste-Hülshoff-Realschule feiert Jubiläum:

Die Ausstellung „Weil Hannelore jüdisch war“ feiert am 12. September 2026 ihr 15. Jähriges Jubiläum. Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de

Seit 15 Jahren erinnert die Dauerausstellung an der Droste-Hülshoff-Realschule an das Schicksal der Familie Hayum, eine aus Dortmund Kirchlinde stammende jüdische Kaufmannsfamilie Familie. Zum Jubiläum blickt die Ausstellung auf ihre Entstehung im Jahr 2007 zurück und zugleich auf die Frage, welche Bedeutung die Erinnerung heute noch hat.

Die Geschichte darf nicht vergessen werden

Was bedeutet es, wenn aus Ausgrenzung Verfolgung wird? Und wann beginnt man eigentlich, wegzusehen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Dauerausstellung „Weil Hannelore jüdisch war“ seit inzwischen 15 Jahren. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Geschichte von Millionen Menschen, sondern das Schicksal einer einzelnen jüdischen Familie aus Kirchlinde. Gerade das macht die Geschichte für viele Schüler:innen greifbar.

Der Familienstammbaum der Familie Hayum. Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de

Für Victoria ist das ein wichtiger Punkt. Die 15-Jährige aus der zehnten Klasse findet, dass die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit nicht nur aus Zahlen und historischen Fakten bestehen sollte.

Bei einer einzelnen Person oder Familie werde das Schicksal konkreter und damit auch emotional verständlicher. „Manche haben keine Empathie“, sagt sie. Die Geschichte einer einzelnen Person könne helfen, einen Zugang zu dem Thema zu finden.

Auch Alex beschäftigt sich gerne mit Geschichte. Der 15-Jährige ist in der AG für Vielfalt aktiv und hilft dabei, die Ausstellung zu betreuen. Für ihn ist vor allem eines entscheidend: Die Vergangenheit dürfe nicht in Vergessenheit geraten. Nur wenn man sich mit ihr auseinandersetze, könne man verhindern, dass sich Geschichte wiederhole.

Mila ist mit elf Jahren die Jüngste in der Gruppe. Sie hat sich bereits intensiv mit Anne Frank beschäftigt. Für sie ist deshalb klar: „Jeder soll erfahren, was damals passiert ist.“

Aus einer Projektwoche wird eine Dauerausstellung

Die Idee für die Ausstellung entstand 2007. Die Schule wollte damals im Rahmen einer Projektwoche den Titel „Schule ohne Rassismus“ erwerben. Verschiedene Gruppen beschäftigten sich mit Ausgrenzung und der Frage, was daraus entstehen kann.

Die Ausstellung wurde von Schüler: innen und Lehrkräften recherchiert und entworfen. Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de

Eine Gruppe stieß dabei auf eine jüdische Familie, die in Kirchlinde gelebt hatte. Sie war nach dem damaligen Kenntnisstand die einzige jüdische Familie, von der bekannt war, dass sie dort gelebt hatte.

„Das Schicksal dieser Familie ist sehr eindringlich, weil fast keiner von denen überlebt hat“, erinnert sich Heinz Höne, der die Entwicklung der Ausstellung begleitet hat.

Aus der Recherche entstand die Idee, anhand dieser Familie zu zeigen, wie Ausgrenzung funktioniert und wohin sie führen kann. Es ging nicht nur um Vertreibung, sondern letztlich um Vernichtung.

Mit der Recherche wuchs auch die Menge an Material. Die Verantwortlichen suchten nach einem geeigneten Ort, um es dauerhaft zugänglich zu machen. Fündig wurden sie in einem alten Luftschutzbunker der Schule, der bis dahin lediglich als Abstellkammer genutzt worden war. Der Bunker musste während des Zweiten Weltkriegs nie genutzt werden.

Schüler:innen werden selbst zu Vermittler:innen

Von Beginn an sollte die Ausstellung nicht ausschließlich von Lehrer:innen vermittelt werden. Schüler:innen wurden ausgebildet, um Führungen für andere Klassen und Besucher:innen zu übernehmen. Unterstützt wurde die Schule dabei unter anderem vom Jugendring Dortmund.

Die Ausstellung besteht zu großen Teilen aus selbst gebastelten Modellen und Kulissen der Schüler:innen. Sigrid_Kreische_/NordstadtBlogger.de

Die Erfahrungen prägten viele der beteiligten Schüler:innen. Gleichzeitig entwickelte sich die Ausstellung zu einem festen Bestandteil des Unterrichts.

Vor allem die zehnten Klassen besuchen sie, bevor sie zur Gedenkstätte Buchenwald fahren. Auch im Religionsunterricht wird die Ausstellung genutzt.

Ein Höhepunkt der vergangenen 15 Jahre waren für Höne die Begegnungen mit Zeitzeug:innen. Einige Überlebende aus den Niederlanden kamen an die Schule, besuchten die Ausstellung und erzählten den Schüler:innen von ihrem Leben. „Das ist nicht zu toppen“, sagt Höne.

Erinnerungsarbeit steht vor neuen Herausforderungen

In den vergangenen Jahren hat sich die Arbeit jedoch verändert. Während die Ausstellung früher einen großen Zulauf hatte, ist es schwieriger geworden, Schüler:innen für die AG zu gewinnen. Einen Einschnitt brachte auch die Corona-Pandemie: Führungen waren zeitweise nicht möglich und wurden digital angeboten.

Die Ausstellung besteht aus verschiedene Stationen. Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de

Gleichzeitig beobachtet Höne, dass die historische Distanz für manche Schüler:innen größer wird. Der Gedanke „Das war damals, damit haben wir nichts mehr zu tun“ sei häufiger zu hören.

Auch beim Besuch der Gedenkstätte Buchenwald gebe es Schüler:innen, die sich fragten, was die Geschichte mit ihnen zu tun habe.

Für Höne liegt darin eine der wichtigsten Aufgaben der Erinnerungsarbeit: zu vermitteln, dass Geschichte nicht mit dem Ende des Nationalsozialismus abgeschlossen ist. Die Ausstellung soll deshalb nicht nur über jüdisches Leben und die Verfolgung im Nationalsozialismus informieren. Sie soll auch zeigen, wie Ausgrenzung Schritt für Schritt entstehen kann.

„Der nächste Schritt ist aber diese Ausgrenzung, dass man denen alles wegnimmt“, erklärt Höne. Gemeint seien nicht nur materielle Dinge, sondern auch Bewegungsfreiheit und andere Rechte. Gerade diese schrittweise Entwicklung müsse sichtbar werden.

Von der Geschichte zur Frage nach der Demokratie

Zum 15-jährigen Bestehen stellt sich deshalb auch die Frage, wie die Ausstellung künftig aussehen soll. Die Verantwortlichen überlegen, das Konzept zu erweitern und stärker auf die Gefährdung der Demokratie einzugehen.

Die ausgestellten Koffer stehen für die Lebensgeschichten der Familien. Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de

Denn die Geschichte der jüdischen Familie soll nicht als abgeschlossene Geschichte betrachtet werden. Sie dient als Beispiel dafür, was passieren kann, wenn Vorurteile und Ausgrenzung unwidersprochen bleiben.

Damit bleibt die Ausstellung auch nach 15 Jahren eine Frage an die Gegenwart: Was passiert, wenn Ausgrenzung beginnt und wer schaut hin?

Gefeiert wird das 15. Jährige bestehen der Ausstellung an diesem Samstag (12. September 2026) an der Droste-Hülshoff-Realschule.


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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