
Auf der Baustelle für die neuen Messehallen haben Archäologen Spuren des Krieggefangenenlagers gefunden. Stalag VI D, so die militärische Bezeichnung des Lagers, bestand von September 1939 bis April 1945. Es war zeitweise eines der größten Lagerstandorte im westlichen Deutschland. Rund 76 000 Menschen waren im Lager zugewiesen, aber die tatsächlichen Zahlen könnten höher gewesen sein, erklärten Ingmar Luther, Leiter Untere Denkmalbehörde, und Frederik Heinze, Grabungsleiter von der Firma Eggenstein Exca, bei einer Begehung des Ausgrabungsortes. Nicht alle Gefangenen waren gleichzeitig im Lager interniert. Tausende Menschen wurden zur Arbeit in Zechen, an Hochöfen und in der Rüstungsindustrie gezwungen und kamen dort durch unmenschliche Behandlung zu Tode. Die Behörden ersetzten die verstorbenen Insassen mit anderen Gefangenen
Das Lager veränderte sich mit dem Kriegsgeschehen
Zwischen 1939 und 1945 entstand auf dem Gelände ein Lager, das sich ständig veränderte. Es wurde erweitert, angepasst, beschädigt und wieder genutzt. Die ersten Insassen waren polnische Kriegsgefangene. Später kamen weitere Kriegsgefangene aus der Sowjetunion, aus Frankreich und Italien dazu. Außerdem internierten die Nazis dort auch Kriegsgefangene aus Belgien, Großbritannien, Jugoslawien, den Niederlanden und der Tschechoslowakei.

Heute sind noch gute Einblicke in die Geschichte des Lagers möglich. Die Bodenstruktur mehrerer Barackenstandorte sind gut erhalten. Einige Baracken konnten die Archäologen bereits fast vollständig erfassen. Sie waren knapp 50 Meter lang und etwa neun Meter breit. In den Innenräumen fanden sich Spuren, die darauf hindeuten, dass sich dort Schlafbereiche befanden.
An den Wänden konnten Standspuren von Stockbetten nachgewiesen werden. Die Betten standen in Reihen, dazwischen verlief ein Gang. In den mittleren Bereichen der Baracken entdeckten die Archäologen Reste von Wasserleitungen, Abwasserleitungen und Schächten.
Das Lager hatte eine interne Hierarchie
Historische Aufnahmen zeigen: Die Anlage blieb nicht von den Bombenangriffen auf Dortmund verschont. Für die Gefangenen bedeutete das eine besondere Gefahr: Während andere Menschen Schutz in Bunkern oder Kellern suchen konnten, konnten sich die Lagerinsassen nicht in Sicherheit bringen und blieben vor den Bomben ungeschützt.

Die Spuren sind bis heute im Boden sichtbar sind: „Wir haben diese Momente, die Leben ausgelöscht haben, auch noch im archäologischen Planum sichtbar“, sagte Luther.
Was heute kaum erkennbar ist, ist, dass Stalag VI D in mehrere Bereiche unterteilt war: Die Verantwortlichen achteten streng darauf, Menschen unterschiedlicher Nationalitäten voneinander zu trennen.

„Die sowjetischen Kriegsgefangenen, die von den Nazis als Untermenschen angesprochen wurden, hatten die wesentlich weniger Rechte als die französischen oder belgischen.“, so Luther.
Sie lebten in andere Baracken als westeuropäische Kriegsgefangenen und hatten keinen Kontakt zur Außenwelt, während Franzosen mit ihren Verwandten in Kontakt treten und um Care-Pakete bitten konnten. Die räumliche Trennung sorgte auch dafür, die unterschiedliche Behandlung sicherzustellen.
Hinweise zwischen den Zeilen
Zahlreiche kleine Funde auf dem Ausgrabungsgelände bilden das Leben und den Lageralltag des Gefangenen ab – von Arzneigefäßen und Lederschuhen bis hin zu Uniformknöpfen und Löffeln. Außerdem fanden die Forscher 197 Briefe in verschiedenen Sprachen, die die Gefangenen sie an ihre Familien geschrieben hatten. Aber sie haben ihre Adressaten nicht erreicht.

„Hier steht drin, liebe Frau, liebe Mutter, lieber Vater, mir geht es gut, macht euch bitte keine Sorgen. Ich hoffe, es geht euch auch gut. Das ist sogenannte Standardfloskel, die man fast in jedem Brief sieht“, erklärt Luther. „Deswegen müssen wir zwischen den Zeilen lesen.“
Auf vielen Briefen steht ein Zensurstempel der Lagerverwaltung. Die Gefangenen konnten nicht offen schreiben, dass sie schlecht behandelt wurden oder geschlagen worden waren.
Wie lange die Ausgrabungen noch dauern werden, kann er schlecht einschätzen, sagte Frederick Heinze. Die Arbeiten werden mit dem Auftraggeber und der Baufirma abgestimmt. Klar sei aber, dass Archäologen noch Zeit brauchen, um Details über das Lager herausarbeiten zu können.
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