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Fünf Jahre „Wir schaffen das!“: Arbeitsagentur und Jobcenter ziehen Bilanz zur Integration in den Arbeitsmarkt in Dortmund

Schlangestehen beim Jobcenter - doch wer Arbeiten darf, darüber entscheidet der ausländerrechtliche Status.

Schlangestehen beim Jobcenter – der neu geschaffene Integration Point war stark gefragt. Archivbilder: Alex Völkel

Im Sommer 2015, vor genau fünf Jahren, eskalierte der Bürgerkrieg in Syrien und Millionen Menschen mussten Schutz, Hilfe und eine Zukunft außerhalb ihrer Heimat suchen. Ende August 2020 hat sich das „Wir schaffen das“ zum fünften Mal gejährt. Ein Resümee der Integration in den Arbeitsmarkt in Dortmund.

Fünfter Jahrestag des nunmehr fast historischen Satzes von Angela Merkel: „Wir schaffen das!“

Am Sonntag werden in Dortmund drei Flüchtlingszüge erwartet. Der erste Zug brachte 800 Menschen, die im DKH versorgt und dann landesweit verteilt wurden.

Ab September 2015 wurde Dortmund Drehscheibe für Züge mit Geflüchteten, die über Ungarn nach Deutschland kamen.

Im Sommer 2015 sind Hunderttausende Menschen auf der Suche nach Schutz in die Bundesrepublik und in andere Länder Europas geflohen – im September kamen die ersten Züge aus Ungarn mit geflüchteten Menschen nach Dortmund. Sie mussten aus ihrem Land fliehen, in benachbarte Staaten wie Jordanien, den Libanon und die Türkei, aber auch nach Europa und Deutschland. Nach Europa nahmen die meisten den beschwerlichen und gefährlichen Weg über die „Balkanroute“. ___STEADY_PAYWALL___

Die Asylanträge beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nahmen stark zu und auch die Kommunen standen vor organisatorischen Problemen bei der Unterbringung. In dieser Situation sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montag, den 31. August 2015, um 13.30 Uhr, auf ihrer alljährlichen Sommerpressekonferenz: „Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das! Wir schaffen das, und dort, wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden, muss daran gearbeitet werden.“

In Erinnerung ist der eine Satz geblieben: „Wir schaffen das.“ Ende August 2020 jährt sich „Wir schaffen das“ zum fünften Mal. Das gibt Anlass, eine Bilanz der Integration in den Arbeitsmarkt zu ziehen.

„Ziel ist es, dass die Menschen möglichst gut ausgebildet als Fachkräfte eine Anstellung finden“

An der Steinstraße in der Nordstadt ist der gemeinsame „Integration Point“ von Jobcenter und Arbeitsagentur.

An der Steinstraße in der Nordstadt ist der gemeinsame „Integration Point“ von Jobcenter und Arbeitsagentur.

Die Agentur für Arbeit und das Jobcenter Dortmund sind wichtige lokale Player bei der Integration geflüchteter Menschen. Sie bilden mit weiteren Akteuren aus Politik und Vereinen, Verbänden, Kitas, Sozialämtern und Schulen, ein wichtiges Netzwerk, um die hilfsbedürftigen Menschen zu unterstützen.

„Ziel ist es hierbei, dass die Menschen möglichst gut ausgebildet als Fachkräfte eine Anstellung finden. Das geht am ehesten über eine fundierte Qualifizierung und den kontinuierlichen Erwerb von Sprachkenntnissen“, erklärt Heike Bettermann, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Dortmund.

„Wir haben schon damals, als die ersten Flüchtlinge aus Syrien Dortmund erreichten, gesagt, dass Ankommen Zeit braucht. Auch jetzt bewerten wir die Situation am Arbeitsmarkt nicht anhand weniger Monate, sondern für einen Zeitraum von sechs bis sieben Jahren. Von daher sind wir zufrieden mit den Integrationsschritten“, betont Heike Bettermann. Wirft man einen Blick auf die sozialversicherungspflichtige  Beschäftigung aus den Hauptherkunftsländern der Asylbewerber, ist diese seit 2014, als die ersten Menschen auf der Suche nach Schutz Dortmund erreichten, stark gestiegen.

Das Ruhrgebiet braucht Einwanderung – Geflüchtete von gestern als Fachkräfte von morgen

Gingen im Jahr Dezember 2014 rund 450 geflüchtete Menschen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach, waren dies im Dezember 2019 rund 3.370 Personen. Das ist ein Anstieg von 2.918 Personen oder 685 Prozent. Davon arbeiten 1.485 Personen als Fachkraft oder mit höherem Anforderungsniveau. 1.877 Personen sind als Helfer tätig.

Klar sei, dass das Ruhrgebiet Einwanderung brauche. Die Geflüchteten von gestern sollen die Fachkräfte von morgen werden. Die Wirtschaft sucht händeringend neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es ist offensichtlich, dass die Fachkräftenachfrage auch noch weiter zunehmen wird, gerade weil die deutsche Gesellschaft altert und der demographische Wandel nicht zu stoppen ist.

„Wir werden auch weiterhin Zuzug in unsere Region haben. Das ist gut so. Aber das bedeutet auch, dass wir uns den damit einhergehenden Herausforderungen stellen müssen. Unser Ziel ist es von Beginn an, einen möglichst nahtlosen Übergang zwischen den sprachlichen und beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen zu organisieren. Auf diese Weise haben wir die Chance, dass die geflüchteten Menschen hier zu Fachkräften heranwachsen. Davon profitieren nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch die gesamte Gesellschaft“, erklärt die Geschäftsführerin des Jobcenters Dortmund, Dr. Regine Schmalhorst.

Risiken für Arbeitslosigkeit: Mangelnde formale Qualifikation sowie defizitäre Sprachkenntnisse

Aktuell steigerten zwei Faktoren das Risiko, in der Krise eher arbeitslos zu werden: „Mangelnde formale Qualifikation sowie defizitäre Sprachkenntnisse. In der jetzigen Situation fallen diese beide Faktoren ungünstig zusammen. Desto wichtiger ist es, dass wir unsere Bemühungen auf die individuelle Unterstützung der Personen mit Fluchthintergrund legen. Für eine überlegte berufliche Qualifizierung müssen wir uns Zeit nehmen. Hier sind weiter auch alle Unternehmen gefragt. Sollten die hohen Erwartungen an eine Fachkraft nicht gleich erfüllt werden, bieten sich Weiterbildungsmöglichkeiten und Förderprogramme der Agentur und des Jobcenters an“, betonen beide Arbeitsmarktexpert*innen.

Beschäftigung

Die meisten Personen aus den Hauptherkunftsländern der Asylbewerber die zwischen 2014 und 2019 in Beschäftigung gegangen sind, stammen aus Syrien, gefolgt vom Irak, Iran und Afghanistan.

Knapp 4.000 ehemals geflüchtete Menschen sind in Dortmund arbeitslos gemeldet

Aktuell sind 3.919 Personen im Kontext von Fluchtmigration arbeitslos gemeldet (Stand: Juli 2020) – 448 Personen bei der Arbeitsagentur und 3.471 Menschen beim Jobcenter Dortmund. Insgesamt waren im Juli 2.682 Männer und 1.237 Frauen arbeitslos gemeldet.

Personen aus Syrien bilden hier mit 2.423 Meldungen die größte Gruppe. Es folgen 444 Personen aus dem Irak und 212 Personen aus Afghanistan. Im Vergleich zur Beschäftigung stieg die Arbeitslosigkeit jedoch anteilig nur halb so stark wie die Beschäftigung zunahm.

Zu beachten ist hierbei, dass in dieser Auswertung auch Personen aufgeführt werden, die schon vor der großen Fluchtwelle in Deutschland lebten. Es handelt sich also nicht nur um die Geflüchteten, die insbesondere verstärkt ab 2015 nach Deutschland kamen. Den Großteil der Steigerung machen jedoch geflüchtete Menschen aus, die ab 2015 nach Deutschland kamen.

Geflüchtete Menschen stehen dem Arbeitsmarkt häufig aufgrund von notwendiger Förderung nicht unmittelbar zur Verfügung. Zur Einschätzung ihrer Gesamtsituation ist es daher sinnvoll, die Unterbeschäftigung hinzuzuziehen. In der Unterbeschäftigung ist neben der Zahl der Arbeitslosen die Zahl der Personen enthalten, die zum Beispiel an Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik oder Sprachkursen teilnehmen. Die Unterbeschäftigung von Personen im Kontext von Fluchtmigration belief sich im April (drei monatige Nachlaufzeit) auf 5.242 Personen. Das sind 79 Personen mehr als im Vormonat und 439 Personen mehr als im Vorjahr.

Förderungen von Personen im Fluchtkontext – insbesondere Sprachkurse waren wichtig

In diesem Bereich zeigt sich, dass seit Juli 2016 bis Ende 2019 mit 16.987 Maßnahme-Eintritten sehr viel mit Personen im Kontext von Fluchtmigration gearbeitet wurde, um sie für eine Berufstätigkeit in Deutschland vorzubereiten und eine Beschäftigungsaufnahme zu unterstützen.

Dies war erforderlich, da viele Personen im Kontext von Fluchtmigration in einem großen Ausmaß nicht über ausreichende bis gar keine Sprachkenntnisse verfügten sowie überwiegend (82,4 Prozent im Juni 2017) keine oder keine anerkannte Berufsausbildung besaßen und nach einer Helferstelle suchten. So wurden im Zuge der Eingliederung auch die Eignung für bestimmte Arbeitsbereiche herausgefunden und berufliche Kenntnisse erfasst.

Die Zahl der Weiterbildungen zur Erlangung von beruflichen Fachkenntnissen stieg deutlich

Der Großteil der Maßnahme-Eintritte erfolgte in Aktivierungs- und beruflichen Eingliederungsmaßnahmen, wie zum Beispiel Trainingsmaßnahmen bei Trägern oder Arbeitgebern. Die Zahl der beruflichen Weiterbildungen zur Erlangung von beruflichen Fachkenntnissen stieg im Zeitverlauf deutlich an, von 67 im 2. Halbjahr 2016 auf fast 850 im Jahr 2019.

Arbeitsagentur, Jobcenter und Sozialamt haben den Integration Point für Flüchtlinge gestartet, der beim Start in Ausbildung und Beruf helfen soll.

Arbeitsagentur, Jobcenter und Sozialamt hatten den Integration Point für Flüchtlinge gestartet, der beim Start in Ausbildung und Beruf helfen soll(te).

Dies war, nach dem zuerst erforderlichen Spracherwerb, der zweite Schritt der Integration in den Arbeitsmarkt. Auch haben nach der beruflichen Grundqualifizierung mit Sprachanteil Deutsch  ca. 25 Prozent aller Teilnehmer*innen  im Anschluss eine weitergehende Qualifizierung oder Umschulung begonnen.

Im Bereich Handwerk und Verkauf waren es ca. 35 Prozent. Im Bereich „Berufskraftfahrer*in“ und „Lager“ nahmen hingegen nach Absolvierung der FbW mehr als 50 der Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auf.

Die Förderungen zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit, die sogenannten Eingliederungszuschüsse, werden ebenfalls in der Grafik aufgeführt. Diese stiegen von 67 im Jahr 2016 auf über 500 Förderfälle im Jahr 2019 an und machen deutlich, dass Menschen im Kontext von Fluchtmigration mehr und mehr auf dem Arbeitsmarkt eintreffen und hier Angebote der Arbeitsverwaltung seitens vieler Unternehmen und Betriebe immer stärker nachgefragt werden.

 

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