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Fachkräfte im Psychosozialen Zentrum Dortmund helfen gegen die Folgen von Flucht und Vergewaltigung

(v. l.) Rodica Anuti-Risse, Bintou Bojang, Lina Stotz und Cinur Ghaderi. Viele Geflüchtete leiden unter den Folgen traumatischer Erlebnisse. Im PSZ kann ihnen professionell geholfen werden. Fotos: AWO Dortmund

„Gewalt gegen Frauen, gibt es in allen sozialen Schichten. Jede vierte Frau hat Gewalterfahrung. Besonders schlimm trifft es die Frauen, die auf der Flucht sind.“ Was Dortmunds AWO-Vorsitzende Gerda Kieninger in ihrer Begrüßung zum Fachtag des Psychosozialen Zentrums (PSZ) für Flüchtlinge des Verbandes ansprach, führten die Referentinnen in den folgenden vier Stunden aus. 

Seit drei Jahren leistet das PSZ wichtige Arbeit bei der Behandlung psychischer Krankheiten

Das Team des psychosozialen Zentrums der AWO in der Langen Straße 44.

2016 wurde das PSZ eröffnet. Foto: Archivbild

Cinur Ghaderi, Professorin an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, hatte ihren Vortrag „Eine gendersensible Analyse sexualisierter Kriegsgewalt“ genannt; Lina Stotz von der Gesellschaft für bedrohte Völker zeigte den Film „Geliebt und geächtet – Kinder des Krieges“, in dem vergewaltigte Frauen und die durch eine Vergewaltigung gezeugte Frau erzählten, wie diese Gewalt sich auf ihr Leben auswirkt. 

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Bintou Bojang vom Verein Crocodile berichtete von der immer noch praktizierten Genitalverstümmelung an Frauen und wie die Frauen im Verein dagegen kämpfen und beraten. Gut 60 Tagungsteilnehmer*innen, hauptamtlich und ehrenamtlich arbeitende aus diversen Verbänden und Vereinen und aus vielen Städten, füllten den Saal an der Klosterstraße

Das dritte Wort nach Gerda Kieninger und Stephan Siebert vom Gesundheitsamt hatte aber Rodica Anuti-Risse, die Leiterin des Psychosozialen Zentrums, das an der Lange Straße in Dortmund untergebracht ist. Am 1. Oktober 2016, vor gut drei Jahren begann dort die Arbeit, nachdem alle in der Flüchtlingshilfe Arbeitenden „zahllose Meldungen über schwere Krankheitsverläufe hörten“. 

Gesellschaftliche Ächtung der Täter wird zum Problem für Vergewaltigungskinder

Mit Bildern wie diesem bringen betroffene Frauen ihre Erlebnisse zum Ausdruck, um die erfahrene Gewalt zu verarbeiten.

Die nächste Beratungsstelle war in Düsseldorf. Mit Geld vom Land und einem 20-prozentigen Anteil der Stadt, wurde das PSZ in Dortmund gegründet. Die Mitarbeiter*innen sprechen Englisch und Arabisch, Französisch und Serbisch, Wolof und Rumänisch und Hebräisch – und haben jede Menge zu tun. 

Die Wartezeit beträgt im Schnitt zehn Monate. Von den 242 Frauen und Männern, die in den vergangenen drei Jahren von den Fachkräften der AWO im PSZ beraten wurden, haben 192 ihre Behandlung abgeschlossen, 50 sind noch in Behandlung. Und das Geld ist knapp. „Wir kämen nie im Leben mit der Pauschale für Sprach- und Kulturmittler hin, wenn wir nicht unsere eigenen Sprachkenntnisse hätten“, so Anuti-Risse.

Was Cinur Ghaderi in ihrem Vortrag schilderte – Frauen werden durch die Vergewaltigungen nicht nur Opfer der Kriegsfeinde, sondern später häufig aus ihren Familien und Gemeinschaften ausgeschlossen, vor allem, wenn sie ein Kind erwarten und gebären – erzählten betroffene Frauen in dem später gezeigten Film persönlich. 

Kinder werden dafür bestraft, dass sie gezeugt wurden

Bintou Bojang ist Gründerin und Vorsitzende des Crocodile e.V. Foto: Stadt Dortmund

Die Väter der Kinder, die Vergewaltiger, würden geächtet, aber die Väterseite sei die, die zähle. Der Vatername würde für Dokumente benötigt. Kein Name, keine Dokumente. Die Kinder würden ausgestoßen, die Frauen würden ausgestoßen. „Damit führt die Gesellschaft fort, was der Feind begonnen hat.“ Die Frauen und ihre Kinder werden ein zweites Mal Opfer, dafür bestraft, dass sie vergewaltigt wurden, dass sie gezeugt wurden.

Der Verein Crocodile entstand aus einer Initiative von etwa 60 geflüchteten Frauen mit Vergewaltigungserfahrung. Die Frauen besprachen und besprechen unter sich, welche Gefahren ihnen drohten und drohen: Zwangsheirat und Zwangsprostitution, Menschenhandel und Genitalverstümmelung. 

Erst waren sie landesweit aktiv, jetzt haben sie sich auf Dortmund konzentriert, so Bintou Bojang. Frauen, die zu ihnen kämen, würde sofort geholfen. Auch gegen die drohende Genitalverstümmelung. Zusammen mit Amnesty International und dem PSZ der AWO habe man eine Kampagne gegen Genitalverstümmelung gestartet. Das Plakat gestalteten die Frauen selbst. Ein Flyer kommt im Dezember dazu und soll, zusammen mit dem Plakat, überall dort ausliegen, wo viele Frauen zusammenkommen.

Im Verein Crocodile organisieren sich geflüchtete Frauen und helfen anderen Betroffenen

Der Verein widmet sich der Aufklärung und Sensibilisierung zu. Thema Genitalverstümmelung. Foto: Screenshot

In Praxen und Beratungsstellen, Krankenhäusern und Begegnungsstätten. Das scheint nötig zu sein. Denn viele Familien würden in den Ferien mit ihren Töchtern ins Geburtsland fliegen, um sie dort verstümmeln zu lassen. Auch deshalb ist von Crocodile vorgesehen, in Dortmund eine Beratungsstelle einzurichten.

Diese ganzen Aktivitäten vom PSZ sieht Sozialdezernentin Birgit Zörner mit Wohlgefallen. „Wir wollen die Weichen stellen für ein Ankommen in der Gesellschaft.“ Eine Flucht sei ja etwas völlig anderes als eine Reise. Dass das PSZ in Dortmund notwendig gewesen und immer noch sei, belegte sie mit Zahlen: 

In Düsseldorf, einer Stadt mit einer annähernd gleichen Einwohner*innenzahl wie Dortmund, gebe es 290 Psychotherapeut*innen und 44 Psychiater*innen. Die Zahlen für Dortmund: 69 Psychotherapeut*innen und 19 Psychiater*innen. „Psychische Krankheiten verschwinden ja nicht einfach“, so Zörner und sprach sich damit indirekt dafür aus, diese Einrichtung so lange in Dortmund zu halten, wie sie gebraucht wird.

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Weitere Informationen:

Kontakt zum Psychosozialen Zentrum:
PSZ, Lange Straße 44, 44137 Dortmund
Tel: 0231/880881-14
Crocodile e.V. bei Facebook: hier
Erbpachtstraße 13
44287 Dortmund
Telefon: +49 (0) 231 84192800
E-Mail: info@crocodile-ev.de
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