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Eine vereinte Welt ohne Grenzen: „Pizza Pangaea“ vor Ort – von visionären Gedankenspielen zur medialen Kreativpraxis

Ein Kontinent, ein gemeinsames Haus ohne Grenzen, hier zum Verzehr: „Pizza Pangaea“. Fotos (3): Thomas Engel

Sie hat den Namen des Urkontinents, auf dem es vor vielen Millionen Jahren keine Grenzen gab. Symbolisieren soll sie eine zusammenwachsende Welt, in der sich Menschen und Kulturen quasi barrierefrei begegnen können. Präsentiert wird sie als belegte Teigscheibe, individuell gestaltet in fünf Städten des Ruhrgebiets. Über die Umsetzung der Idee von Interkultur Ruhr und als ein Teil von ihr berichten junge Leute aus einer Schulklasse der Anne-Frank-Gesamtschule in der Nordstadt. Mit Interviews und Videos: „Pizza Pangaea“ eben.

Ruhrgebiet als Industrieregion: entstanden Anfang des 19. Jahrhunderts über Migration

Mit der Schwerindustrie kamen die Menschen ins Ruhrgebiet. Foto: Archiv Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur.

Eine Welt, so bunt wie eine Pizza nur sein kann. Eine Welt, die zusammengewachsen ist, wo sich beständig Wege unterschiedlichster Menschen kreuzen. Sich die Vielfalt von Herkunft, Kulturen, Sprachen mit gegenseitiger Anerkennung kombiniert – kurzum, eine Welt, die offen und freundlich ist und in der alle ihren Platz finden können.

Eine Vision, die sich in einem Ballungsraum wie dem Ruhrgebiet mit seinen an die 180 verschiedenen Nationalitäten alltäglich sicher hier und da verwirklicht; eine Vision, die aber auch gefährdet ist. Angesichts einer sich verbreitenden rechtspopulistischen Demagogie, die Menschen aus verschiedenen Kulturen gegeneinander hetzt, Diskriminierungen entlang ethnischer Zugehörigkeiten das Wort redet.

Im Ruhrgebiet haben so gut wie alle einen Migrationshintergrund; die Industrieregion lebt nicht nur seit ihrem Bestehen mit Zuwanderung: es gäbe sie schlicht nicht ohne. Bevor die Schwerindustrie mit dem beginnenden 19. Jahrhundert Fuß zu fassen beginnt, gleicht es hier landschaftlich eher dem Münsterland. Dortmund zählt zu diesem Zeitpunkt gerade 5.000 EinwohnerInnen.

Erst als innerhalb einiger Jahrzehnte überall Kohlebergwerke entstehen, ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Stahlwerke hinzukommen, steigen die Bevölkerungszahlen sprunghaft. Erreicht werden konnte dies nur durch Anwerbung von Arbeitskräften aus anderen Teilen Westfalens und Deutschlands; nach etwa 1850 kommen die ArbeiterInnen auch aus Nachbarländern wie Frankreich, Belgien, Irland oder Italien, später, ab 1880 vor allem aus dem Osten.

„Pangaea“, der Superkontinent: ohne ihn weder Kohle noch Bergbau in der Region

Pangaea zerbricht – es bilden sich die Kontinente, wie wir sie kennen. Animation: Wiki

Die Idee mit der Pizza kam von Interkultur Ruhr, und sie hat einen Namen: „Pizza Pangaea“. Das ist kein Zufall und hat ebenfalls etwas damit zu tun, dass Menschen aus aller Welt hier zusammenleben. Ohne sie hätte es in der Region nämlich niemals Kohlebergbau gegeben; also ohne Pangaea, nicht wegen der Pizza.

Es war im Paläozoikum, der Erdaltzeit vor etwa 300 Millionen Jahren, als die Kontinentalplatten gegeneinander knallten. Das hatte unter anderem Gebirgsbildungen zur Folge, die in einigen Gegenden zu Magma-Aufstiegen aus der Erdtiefe führten. Dadurch entstanden im Ruhrgebiet wiederum Kohlenflöze, später der Untertagebergbau.

Der aus den Kontinentalschollen entstandene Superkontinent, der sämtliche Landmassen auf dem Planeten für die darauffolgenden ca. 70 Millionen Jahre vereinte, bevor er langsam wieder zerfiel, wurde später „Pangaea“, das „Erdganze“ genannt.

Dann wäre da noch der Blick in die Zukunft. Einige ForscherInnen glauben, dass durch die Bewegung der Kontinente diese am Ende sich wieder vereinen werden („Pangaea Ultima“); andere sprechen lieber von „Pangaea Proxima“, vom nächsten Pangaea, um ein erneutes Auseinanderdriften nach der gedachten Wiedervereinigung nicht auszuschließen.

Eigenkreative Vielfaltspizza à la Pangaea in fünf verschiedenen Ruhrgebietsstädten

Logo: Interkultur Ruhr

„Pizza Pangaea“ ist eine kooperative Aktion von Interkultur Ruhr mit The Laboratories of Manuel Bürger, der Youngsters-Akademie von „Machbarschaft Borsig11“, der Anne-Frank-Gesamtschule in der Nordstadt und insgesamt fünf Pizzerien im Ruhrgebiet.

Das vom Kulturministerium NRW und dem RVR gegründete Großprojekt Interkultur Ruhr verortet sich inmitten des Potts, dem Dialog der Kulturen verpflichtet. Kulturelle Vielfalt wird hier als Chance begriffen. In Formen diversifizierter Gemeinschaften und durch Unterstützung entsprechender Projektideen soll deren als Heterogenität schlummerndes Potential fruchtbar gemacht werden.

Da wäre etwa „Pizza Pangaea“, der Workshop. Wie funktioniert das? Als Metapher steht die belegte Teigscheibe für die Vision einer zusammenwachsenden Welt, Pangaea eben. Stichworte: Globalisierung, Migration, Melange der Kulturen. Es entsteht immer etwas Neu-Einzigartiges, die Welt ist in Bewegung, alte Grenzen erodieren. Diese Prozesse werfen Fragen auf: Wie stellen wir uns eine solche Welt im permanenten Fluss vor, wie wollen wir in ihr leben?

Die praktische Seite der Pizza-Nummer: Über einige Tage, kurz vor den Ferien im letzten Schuljahr setzten sich zwei Gruppen aus dem Kunstunterricht, Jahrgangsstufe 11 der Anne-Frank-Gesamtschule, assistiert von der Youngsters-Akademie, in Bewegung. Ihr Ziel: die fünf verschiedenen Städte des Ruhrgebiets, in denen auf Einladung von Interkultur Ruhr fünf PizzabäckerInnen ihre je eigene Kreation einer Vielfaltspizza à la Pangaea in den Ofen schieben.

SchülerInnen machen in Pizzerien Interviews, drehen mit Handys Videos, schneiden drei Filme

Kunstklassen Jahrgangsstufe 11 und 12 in der Anne-Frank-Gesamtschule

Während der Expedition durch das Ruhrgebiet sprechen die jungen Leute mit Gästen, drehen mit ihren Handys drei Videos, die das Projekt vorstellen, später mit Hilfe des Künstlers Manuel Bürger geschnitten wurden.

Kunstlehrer Holger Schwitalla hat im letzten Schuljahr den Workshop mitbetreut. Jetzt zeigt er den TeilnehmerInnen die Videoproduktion gemeinsam mit den Jüngeren aus dem elften Jahrgang. Nebenher durfte ein wenig geplauscht werden.

Sezayi Yilmaz, der seinerzeit mit dabei war, ist sich sicher: Klar, ein gutes Projekt, aber „es würde nicht funktionieren, weil die Erde bis dahin sowieso schon kaputt ist“, hat Sezayi wenig Hoffnung auf Realisierbarkeit der Vision. Kritische Stimmen müsse es eben auch geben; wichtig seien die Denkanstöße über Pizza Pangaea, sagt Guido Meincke, verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit bei Interkultur Ruhr.

Jako ist da etwas optimistischer: „Dass die Welt friedlich ist, werd‘ ich nicht mehr erleben – aber wir werden es schaffen“, legt er kämpferisch nach. Ein cooles Projekt sei es gewesen; hätte man auch mit Döner machen können. Der Vorteil der Pizza für ihn: sie sei gut teilbar, trotzdem hinge sie zusammen. Das sei so wie im Ruhrgebiet, stellt ein anderer fest. Insgesamt scheinen die SchülerInnen sehr zufrieden mit dem, was sie produziert haben.

Ein erster Blick nach „Pangaea“: bunte Pizzen, individuelle Gäste, entspannte Atmosphäre

TeilnehmerInnen am Workshop: „Pizza Pangaea“

Die Dortmund-Version, Unionviertel, ein Eckhaus an der Sudermannstraße, mittlerweile eine Institution, Pizzeria da Geanni: Schnittlauch, Broccoli, Champignons, Koriander, Knoblauch, Peperoni, Basilikum, Käse optional, sonst eben vegan.

„Ich habe gedacht, das muss mindestens vegetarisch sein. Pangaea hat mit der Welt zu tun, mit Multikulti. Man denkt vielleicht an Thailand oder andere Kontinente. Es klingt grün. Deswegen verwende ich nur frische Zutaten, kein Gewürzpulver“, sagt Lucelia zu ihrer Kreation. So bunt wie der Stadtteil; dort ist beispielsweise die größte Tamilen-Community in der Bundesrepublik entstanden.

Auch in den anderen Städten ein ähnliches Bild, ob in Bochum, Hattingen, Essen oder Duisburg, egal wo: Kreativrezepte für eine individuelle „Pizza Pangaea“-Interpretation – für individuelle Gäste. Einheitlich ist lediglich der Auslieferungskarton, eigens entworfen für die Aktion. Die Videos der SchülerInnen zeigen: Sonst ist es einfach nur bunt, entspannt, dabei immer ein bisschen anders, wenig nach traditionellem Vorbild in Deutschland „getaktet“ – „einnorden“ war einmal.

Es geht eben wirklich anders. Klar wird: ein einheitlicher Kontinent, wo die Leute sich nach Herzenslust miteinander irgendwie verbinden können, der ist das Gegenteil von Einheitsbrei, kein Schmelztiegel der Deindividuation.  Portugiesisch, Albanisch, Türkisch, Italienisch – mit diesen Sprachen sind zum Beispiel die BesitzerInnen der teilnehmenden Pizzerien aufgewachsen. Was sich daraus so alles ergeben hat: Begegnungen, Eindrücke, Meinungen, Atmosphärisches vom Abenteuer um das Land ohne Grenzen – davon versuchen die jungen Leute der Anne-Frank in ihren Videos etwas zu vermitteln. Zu sehen, hier:

Weitere Informationen:

  • Interkultur Ruhr, Homepage, hier:

Unterwegs als BotschafterInnen für ohne Grenzen:

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