Nordstadtblogger

Einblicke in das Leben im Bordell – Ausstellung „Menschen in der Linienstraße“ eröffnet am Samstag in der Petri-Kirche

„Menschen in der Linienstraße“: Arbeiten der Künstlerin Bettina Brökelschen zeigen den Arbeitsalltag.

Von Heike Becker-Sander

„Ich würde Euch gerne malen, in Eurer Umgebung, in Eurem Alltag.“ Die Bitte einer seriösen Künstlerin kann man eigentlich als Frau kaum abschlagen. Doch Bettina Brökelschen wollte nicht irgendwelche Frauen bei der Arbeit oder in ihrem Wohnzimmer darstellen. Ihre Bitte ging an Prostituierte, die in der Linienstraße arbeiten. Einblicke in die Arbeit im Bordell?

Bettina Brökelschen sieht den Alltag der Prostituierten mit ihren Augen

Die Frauen, die dem angeblich ältesten Gewerbe der Welt nachgehen, waren anfangs skeptisch, zögerlich, dann aber fasziniert und letztendlich sehr angetan von der Arbeit der Dortmunder Künstlerin. Was Bettina Brökelschen im Laufe von zwei Jahren mit ihren Augen in der Bordellstraße sah und in ihren Bildern festhielt, kann man ab dem 22. September in der Stadtkirche St. Petri am Westenhellweg betrachten.

Im Dominazimmer: Eine Sozialarbeiterin im Gespräch mit einem Mitarbeiter des Bordells, der als „dritter Mann“ beim Sexspiel mitmacht.

„Menschen in der Linienstraße“ heißt die Ausstellung, die anlässlich des 100jährigen Bestehens der Dortmunder Mitternachtsmission dort gezeigt wird. Seit 1918 betreut die Mitternachtsmission Prostituierte. In den letzten Jahrzehnten kümmern sich die Mitarbeiterinnen der Organisation verstärkt auch um die Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution.

Türen öffnen in eine Welt, die
immer noch im Verborgenen existiert

„Bevor ich jemanden male, muss ich ihn erst etwas kennenlernen, vielleicht einen Kaffee zusammen trinken oder ein bisschen reden.“ Bettina Brökelschen nahm sich diese Zeit, aber auch die Prostituierten, die sie in ihrem Arbeitsumfeld darstellte, mussten sich in Ruhe auf die Künstlerin einlassen, Vertrauen gewinnen.

Die langjährige Leiterin der Dortmunder Mitternachtsmission, Jutta Geißler-Hehlke, die seit 2012 den Förderverein der Mitternachtsmission leitet, half der Künstlerin, die Türen zu öffnen zu einer Welt, die auch im 21. Jahrhundert eher im Verborgenen bleibt und allenfalls als „Rotlichtmilieu“ im bürgerlichen Sprachgebrauch vorkommt.

„Ich habe von Anfang an versucht, die Frauen der Linienstraße mit einzubeziehen“, erläutert Brökelschen ihre Annäherung an Mensch und Motiv. Sie malte Skizzen, zeigte sie und sprach mit den Prostituierten darüber. Die wiederum lieferten eigene Ideen und gaben Tipps. „Man könnte sagen, die Frauen haben bei jedem Bild mitgearbeitet.“

Lack und Leder – aber auch Eindrücke aus der Gemeinschaftsküche im Bordell

Und so entstanden nicht nur Bilder der Sexarbeiterinnen in Lack und Leder, vom Blick ins Kober-Fenster oder vom Gespräch zwischen Frau und Freier. Auch Bilder des ganz normalen Alltags in den Häusern der Bordellstraße in der Nordstadt fing die Künstlerin ein. Die kleine Pause oder das Mittagessen in der Gemeinschaftsküche, das Portrait einer der Wirtschafterinnen oder ein Bild von einem der Hausbesitzer. In den Zimmern der Linienstraße geht’s nicht nur um Sex. Auch mit den Männern, die zu den Stammgästen zählen, wird über Job und Familie, Freud und Leid geredet.

Bettina Brökelschen hat bewusst keine der Prostituierten direkt portraitiert. „Ich habe versucht, den Frauentyp und die Situation einzufangen“, erklärt sie. Geholfen hat ihr dabei sicher, dass sie einige der Arbeitszimmer der Frauen sehen durfte.

Keine Selbstverständlichkeit. Normalerweise sind diese Räume für Außenstehende – abgesehen von den Kunden – tabu. Was sie erstaunt hat: „Alle Zimmer sind individuell gestaltet und könnten in jeder normalen Wohnung sein.“ Einziger Unterschied: Arbeitsmaterial wie Kondome, Kleenex und Sexspielzeug.

Schulden und Schicksalsschläge ebnen
häufig den Weg in die Linienstraße

Neben vielen Äußerlichkeiten blieb der Dortmunder Künstlerin auch der Blick in die private Welt der Linienstraßen-Bewohnerinnen nicht verborgen. „Das Schicksal vieler Frauen hier ist nicht leicht“, erzählt sie. „Alleinerziehende Mütter verdienen sich ihr Geld, weil der Vater der Kinder nicht zahlt, oft müssen Schulden beglichen werden oder es wird Geld für kranke Familienangehörige benötigt.“

Was Bettina Brökelschen besonders aufregt: „Es gibt hier viele Frauen, die sich wirklich für ihre Familien aufopfern und trotzdem werden sie von der Gesellschaft verachtet und an den Rand geschoben.“

Ihre Bilder, die ab kommendem Samstag in der Petri-Kirche ausgestellt werden, sollen einen vorurteilsfreien Blick auf die Welt der Bordelle und den Beruf der Prostituierten lenken. „Das sind Frauen wie andere auch.“

Mehr Informationen:

  • Die Ausstellung „Menschen in der Linienstraße“ anlässlich des 100jährigen Bestehens der Mitternachtsmission wird am Samstag, 22. September, um 19 Uhr in der Petri-Kirche, Westenhellweg, eröffnet.
  • Wim Wollner sorgt mit seinem Saxophon für die musikalische Gestaltung.
  • Bis 23 Uhr wird Bettina Brökelschen jeweils zur vollen Stunde ihre Arbeiten vorstellen und erläutern.
  • Der Eintritt ist frei.
  • Die Ausstellung ist zu sehen bis Donnerstag, 4. Oktober, jeweils Dienstag bis Freitag von 11 bis 17 Uhr, Samstag 10 bis 16 Uhr.
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