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Der Sprungturm im Volksbad ist Denkmal des Monats Juni 2021: Ein Sprung ins kühle Nass ist bald wieder möglich

Sobald das Infektionsgeschehen eine Öffnung wieder zulässt, kann wieder von der Drei- und Fünf-Meter-Plattform im Volksbad am Signal-Iduna-Park gesprungen werden. Da die Beckentiefe für einen Sprung aus zehn Metern nicht ausreicht, bleibt der Zugang dort gesperrt. Foto: Michael Holtkötter

Jahrelang durften die Besucher*innen des Freibads in der Nähe von Stadion und Westfalenhalle „ihren“ Sprungturm nicht mehr benutzen. Nach einer umfangreichen Sanierung wäre es ab dem 1. Mai wieder möglich gewesen – wenn Corona dies nicht verhindert hätte. Aufgrund der sinkenden Inzidenz-Zahlen besteht aber die Hoffnung, dass man in Kürze endlich wieder ins Wasser springen kann. Zumindest aus einer Höhe von drei und fünf Metern wird der Sprung ins kühle Nass demnächst wieder möglich sein. Doch im Laufe der Jahre haben sich die Richtlinien für den Bäderbau geändert. Aufgrund der zu geringen Beckentiefe bleibt der Zugang zum Zehn-Meter-Turm daher weiterhin gesperrt.

„Rationalisierte Erholungs- und Kräftigungsbetriebe“ nach Stadtbaurat Hans Strobel

Damals wie heute ist das Bad bei den Gästen sehr beliebt. Archivfoto: Sportwelt Dortmund

So sah Stadtbaurat Hans Strobel (1881 – 1953) die von ihm nach dem Ersten Weltkrieg geplanten Dortmunder Sport- und Erholungsstätten. Vom damaligen Volkspark mit der Westfalenhalle sind heute neben dem Volksbad noch das Stadion Rote Erde, die Rosenterrassen, Teile der Kleingartenanlage „Ardeyblick“ und das Theodor-Fliedner-Heim mehr oder weniger authentisch erhalten.

Vor allem die Sportstätten sollten die „gesundheitlichen Folgen des Zusammenlebens in dichtgedrängten rauchigen Mietkasernenvierteln“ nicht nur lindern, sondern selbst der „Produktion von Gesundheit“ dienen.

Obwohl Hans Strobel mit seinen Planungen bereits 1919 begann, wurden aufgrund der wirtschaftlichen Lage die Bauarbeiten für das Volksbad erst 1924 aufgenommen und zogen sich wegen Finanzierungsproblemen weitere drei Jahre hin. Schließlich eröffnete Stadtbaurat Strobel das Volksbad am 18. Juli 1927 feierlich.

Das Dortmunder Volksbad lud zum erholsamen Badeaufenthalt ein und erfüllte damals die modernsten Ansprüche an ein Schwimmbad. Es verfügte über ein Schwimm- und Sportbecken mit 50-m-Bahnen für Wettkämpfe, ein Nichtschwimmer- und Schwimmerbecken der gleichen Länge sowie ein 16 m langes Sprungbecken mit 10-m-Turm.

Modernes Wettkampfbad in konservativer Architektur sorgte für Besucher*innenandrang

Die Gebäude der Schwimmanlage wurden im Heimatstil mit dem regionalen Ruhrsandstein erbaut. Archivfoto: Leopold Achilles

Während der Sprungturm in seiner schlanken Gestalt sehr modern wirkte, bevorzugte Strobel für die Gebäude für Garderoben, Sanitäranlagen und Verwaltung den Heimatstil – eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts einsetzende Architekturrichtung, die auf traditionelle Handwerktechniken und regionale Baumaterialien zurückgriff, wie den Ruhrsandstein beim Volksbad.

Der Architekt schwärmte regelrecht vom Ruhrsandstein mit „seinen wundervollen wechselnden Farben“ und empfand weiteren Bauschmuck als „überflüssiges Beiwerk“.

Im Oktober 1927 berichtete die Dortmunder Zeitung, dass bereits zwei Wochen nach Eröffnung des Volksbads die für das ganze Jahr erwartete Besucher*innenzahl erreicht worden sei. Tageweise kamen bis zu 18.000 Besucher*innen. Die Zeitung stellte weiter fest, dass nur etwa ein Drittel von ihnen die Schwimmbahn nutzten. 

Die anderen erholten sich auf den knappen Liegewiesen. Noch im selben Jahr beschloss die Stadt deshalb die Erweiterung um ein sogenanntes Licht- und Luftbad mit großzügigen Wiesen und einem abgetrennten FKK-Bereich. Diese Anlage musste leider in den 2000er-Jahren Parkplätzen für das Fußballstadion weichen.

Korrosion und Sanierung – Eisenbeton des Turms durch Witterung stark beschädigt

Der offene Eisenbeton des Sprungturms vor der Sanierung. Foto: Michael Holtkötter

Anders als die vergleichsweise gut erhaltenen Gebäude litt der Eisenbeton des Sprungturms stark unter Witterungseinflüssen. Teile des Betons platzten ab, Feuchtigkeit drang in die Konstruktion ein und setzte der Eisenbewehrung zu.

2004 musste die Sprunganlage deshalb aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. Die Sportwelt Dortmund gGmbH als Betreiber des Bades sah 2018 nur noch die Möglichkeit, den Sprungturm abzubrechen und einen neuen zu errichten, war sich aber bewusst, dass damit ein wichtiger Teil des Volksbades verloren ginge.

So wurde Michael Holtkötter von der Denkmalbehörde zu Rate gezogen. Er recherchierte intensiv zu vergleichbaren Objekten sowie angewandten Sanierungsmethoden und stieß dabei auf einen Sprungturm in Bielefeld. Dieser Turm wies nicht nur ein ähnliches Schadensbild auf, sondern entspricht dem Dortmunder Beispiel in der Konstruktion und dem Aussehen. 

Erfolgreiche Sanierung eines baugleichen Sprungturms in Bielefeld diente als Erfahrungsgrundlage

Beim Zwillingsbau führte man erfolgreich eine klassische Betonsanierung durch. Dieses positive Beispiel gab der Suche nach einer Lösung des Problems einen neuen Kick und ebnete letztlich den Weg für den Erhalt des Dortmunder Sprungturms.

Im Herbst 2020 begann eine Fachfirma mit den Betonsanierungsarbeiten und klopfte zunächst die Betonflächen ab, um nach Hohlstellen zu suchen und Schadstellen zu kennzeichnen. Nachdem diese freigestemmt waren, zeigte sich, dass die Bewehrungseisen noch intakt waren und lediglich von Rost befreit werden mussten. 

Nach den Entrostungsarbeiten brachten die Fachleute einen Korrosionsschutz auf und schlossen die Schadstellen mit einem Spezialmörtel. Nach der Grundierung und farblichen Anpassung wurde schließlich ein Oberflächenschutz auf den Turm aufgetragen. Die Plattformen erhielten eine rutschfeste Auflage.

Engagierte Bürger*innen haben die Sanierung durch Spenden unterstützt

Seit 2004 war der Sprungturm gesperrt.  Archivfoto: Leopold Achilles

Finanziert wurde die Maßnahme unter anderem durch einen Sonderzuschuss der Stadt Dortmund und Spenden von engagierten Bürgern. Trotz der erfolgreichen Sanierung gibt es einen Wermutstropfen:

Für einen Sprung aus 10 Meter Höhe ist das Sprungbecken nach den vom Koordinierungskreis Bäder herausgegebenen Richtlinien für den Bäderbau heute nicht mehr tief genug. 

Der Koordinierungskreis, dem die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen, der Deutsche Schwimm-Verband und der Deutsche Olympische Sportbund angehören, passt diese Richtlinien ständig den neuen Erkenntnissen aus Wissenschaft und Technik an. 

Da die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung dieses Regelwerk übernimmt, hat es für die Betreiber verbindlichen Charakter. Die Regeln sehen auch eine überklettersichere Version des Geländers vor, über deren Form in Dortmund noch entschieden werden muss. Zumindest der Sprung vom 3- oder 5-m-Brett ins kühle Nass wird bald wieder möglich sein.

 

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