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Christen und Muslime im Dialog: Seminar für JournalistInnen zum Thema Islam in Deutschland: Wer spricht für wen?

Einblicke in den Moscheealltag bekamen die Teilnehmenden beim Mittagsgebet. Foto: Alex Völkel

Dortmund sorgt regelmäßig für Schlagzeilen: Die Nordstadt als Ghetto, Dorstfeld als Nazi-Kiez. Und das Thema Islam bzw. Islamismus sorgt generell für Schlagzeilen, wenn von Parallelgesellschaften, Moscheebauten und einer angeblich drohenden Islamisierung des Abendlandes die Rede ist. Daher sind unaufgeregte Informationen und hintergründige Berichterstattung wichtiger denn je – und Gespräche mit Muslimen, statt nur Berichten über sie. Daher gab es jetzt ein Seminar für JournalistInnen – in der Abu-Bakr-Moschee in der Nordstadt.

Schätzungsweise fünf Prozent der Bevölkerung sind muslimischen Glaubens

Pfarrer Ralf Lange-Sonntag, Islambeauftragter der EKvW. Foto: Andreas Duderstedt

„Das Thema ist für mich jetzt viel komplexer geworden“ sagt Marcel Krombusch, Volontär bei der Funke-Mediengruppe, am Ende des Tages: „Ich bin stärker sensibilisiert.“

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In der Dortmunder Abu-Bakr-Moschee hat er zusammen mit elf weiteren JournalistInnen an dem Seminar „Christen und Muslime im Dialog“ teilgenommen. Und nicht nur jede Menge Fakten gelernt, sondern auch viel über aktuelle und grundsätzliche Fragen und Konflikte des interreligiösen Dialogs erfahren. 

Darum ging es den beiden Veranstaltern, der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) und der Medienakademie Ruhr: den JournalistInnen Arbeitshilfen für den Umgang mit einem komplexen und emotional besetzten Thema zu vermitteln, damit sie kompetent und differenziert berichten können. Was verbindet? Was spaltet? Was hat der Dialog eigentlich für ein Ziel? Wie gelingt das Zusammenleben?

Die Schwierigkeit beginnt schon mit den Zahlen. Genau weiß niemand, wie viele Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland leben. Die allgemein genannte Zahl von fünf Prozent der Bevölkerung ist eine Schätzung, erklärt Pfarrer Ralf Lange-Sonntag, Islambeauftragter der EKvW. 

Schwierigkeit: Wer spricht für wen? Fehlende zentrale Organisation bei islamischen Verbänden

Ahmed Aweimer gab JournalistInnen Einblicke in den Moschee-Alltag in der Nordstadt. Foto: Alex Völkel

Denn es gibt keine Mitgliederstruktur wie etwa bei den christlichen Kirchen: Wer sich als Muslim versteht, muss nicht unbedingt irgendwo registriert sein. Die einzelnen Islamverbände repräsentieren nur einen kleinen Teil der Muslime in Deutschland.

Und hier wird ein Problem für JournalistInnen deutlich: Wen soll man ansprechen, wenn man über Fragen zum Islam recherchiert? Wer spricht für wen? Klar, dass es darauf keine allgemein gültige Antwort gibt. Es hilft nur eins: sich immer darüber im Klaren sein, dass es sich um Einzelstimmen handelt, die entsprechend eingeordnet werden müssen.

Friedrich Stiller und Ahmed Aweimer kennen das. Der Pfarrer für gesellschaftliche Verantwortung des Evangelischen Kirchenkreises Dortmund und der Vorsitzende des Rates der muslimischen Gemeinden haben oft mit Medien zu tun. Beide sind in Dortmund Pioniere des interreligiösen Dialogs, zu dem in der Ruhrgebietsmetropole auch das Judentum gehört. 

Dialog statt Konfrontation in Dortmund: „Wir sind nicht blauäugig, wir sind hartnäckig“

Sehr unscheinbar ist die Abu-Bakr-Moschee – in einer ehemaligen Industriehalle. Foto: Andreas Duderstedt

Sie kennen die Vorwürfe wohl, naive „Gutmenschen“ zu sein, die vor Konflikten die Augen verschließen. Aber: „Wir sind nicht blauäugig, wir sind hartnäckig“, sagt Stiller. Mit Aweimer ist er sich einig, dass es zum Dialog keine Alternative gibt. Und der aus Palästina stammende Araber spitzt noch zu: „Ein Dialog ohne Konflikte ist kein Dialog.“ 

Das hat sich in Dortmund schon oft gezeigt, etwa bei Moschee-Bauprojekten, wenn die Anwohner kein Minarett in der Nachbarschaft wollen. Der Dortmunder Dialogkreis um Stiller und Aweimer lädt zu Runden Tischen ein, vermittelt, ist im Kontakt mit der Stadt und hat auf seine geduldige, beharrliche Weise schon viel erreicht. 

Dabei unterscheidet Stiller zwischen dem Dialog des nachbarschaftlichen Miteinanders und dem theologischen Gespräch: In praktischen Fragen des Zusammenlebens könne man nicht auf theologische Ergebnisse warten, so wichtig diese auch seien. 

Denn es geht ihm und seinen muslimischen und jüdischen Partnern eben nicht darum, Unterschiede einzuebnen, sondern das jeweils Andere zu respektieren. Deshalb verzichtet man auch bewusst auf ein gemeinsames Gebet. 

Religionsfreiheit in Deutschland bedeutet auch die Freiheit, Moscheen zu bauen

Alexander Völkel, Pfarrer Dieter Bökemeier und Ahmed Aweimer diskutierten. Foto: Andreas Duderstedt

Ralf Lange-Sonntag nannte verschiedene Arten der Begegnung zwischen Christen und Muslimen. Man kann das Ziel verfolgen, den anderen zu überzeugen, zu „missionieren“.

Man kann den Dialog aber auch im „Partnerschaftsmodus“ führen und kooperieren. Das führe auch zu einem tieferen Verständnis des eigenen Glaubens: „Wenn ich erklären muss, wovon ich überzeugt bin, gewinne ich selber mehr Klarheit darüber.“ 

Auch Pfarrer Dieter Bökemeier, Islambeauftragter der Lippischen Landeskirche, hält nichts von „Mission als Kampf“. Im Gespräch mit Aweimer, das der Journalist Alexander Völkel moderierte, ging er auch auf eine Forderung ein, die immer wieder zu hören ist: Wenn in der Türkei keine Kirche gebaut werden darf, soll auch bei uns keine Moschee gebaut werden. Bökemeier: „Bei uns gilt Religionsfreiheit – wir dürfen sie nicht beschränken, weil sie woanders missachtet wird.“

Ganz abgesehen davon sind Moschee-Neubauten auch ein gutes Zeichen: Jahrzehntelang wurde gefordert, dass die Moscheen „aus den Hinterhöfen heraus ins Licht“ sollten. Nun wird öffentlich(er) und sichtbar(er) gebaut – auch ein Zeichen von Transparenz und Gleichberechtigung. Die Muslime sind also längst in Deutschland heimisch geworden.

 

 

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