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Dringlichkeit ökologischen Handelns als interreligiöses Thema: Schöpfungsverantwortung im christlich-alevitischen Dialog

Alevitische Gemeinde in Dortmund-Eving, Bühne der Dialogveranstaltung. Fotos: Thomas Engel

Alevitisch-christlicher Dialog in der Fastenzeit: im Evinger Gemeindehaus der häufig zum Islam gerechneten Gemeinschaft war Verantwortung für die Schöpfung aus verschiedenen religiösen Perspektiven Thema. Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem Glauben für umweltbewusstes Handeln? Einiges an Aufklärung gab es dazu bei der ersten Veranstaltung dieser Art zwischen der Alevitischen Gemeinde Deutschland und der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Wegen Gefährdung der Pariser Klimaziele von 2015: konsequent-ökologisches Handeln ist geboten

Vor der nahenden UN-Klimakonferenz in Katowice scheint ein Handeln aus konsequent ökologischer Perspektive gebotener denn je. Während es Anfang Dezember in Polen um die Umsetzung der Ziele des Pariser Weltklimaabkommens von 2015 gehen wird, sind unterdessen dafür die Chancen nicht besser geworden. Denn die Vereinigten Staaten haben im vergangenen Sommer bekanntlich ihren Rückzug aus der Konvention angekündigt.

Die in Paris vereinbarten Klimaziele, wonach die Erderwärmung auf deutlich unter zwei, möglichst auf 1,5 Grad Celsius gegenüber den vorindustriellen Temperaturen gesenkt werden soll, sind ambitioniert, aber stark gefährdet und vermutlich nicht mehr, wie vorgesehen, realisierbar.

Dies gilt schon für das 2-Grad-Ziel, das nach ernstzunehmenden Studien, sollte es dennoch erreicht werden, nicht hinreichend sein könnte, um irreversible Rückkopplungseffekte im globalen Klimasystem zu verhindern, durch die eine Heißzeit auf den Planeten zukäme. In diesem Klima überschritten die Durchschnittstemperaturen die heutigen Werte nochmals um mehrere Grad – mit katastrophalen Folgen für Mensch und Umwelt.

Erster alevitisch-christlicher Dialog beginnt mit Fragen zur Schöpfungsverantwortung in beiden Religionen

Pfarrer Ralf Lange-Sonntag, Islam-Beauftragter der EKvW, hatte die alevitischen Gemeinde kontaktiert.

Was können Religionsgemeinschaften hier tun? Nehmen sie sich überhaupt als verantwortlich wahr? Sind sie es vielleicht gar nicht, weil sich ihr Geschäft in anderen Sphären abspielt? – Ob ihrer Glaubensheterogenität sind diese allgemeinen Fragen gewiss unsinnig. Aber es lassen sich beispielsweise aus einem bestimmten interreligiösen Dialog heraus konkretere Aussagen treffen und Vergleiche anstellen. Das ist nun geschehen.

Die Gelegenheit dazu lieferte das Zusammenwirken zweier Umstände. Da wäre zum Einen die alevitische Community in der Bundesrepublik. Die fastete jüngst wie jedes Jahr im arabischen Muḥarram – dem ersten Monat des islamischen Kalenders – über zwölf Tage. Dazu gehört das gemeinsame Fastenbrechen als Gelegenheit zur Begegnung.

Aziz Aslandemir, stellvertretender Vorsitzender der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF), betont, wie wichtig für AlevitInnen solche Zusammentreffen seien. Das habe damit zu tun, dass ihre Lehre impliziere, „mit den Menschen im Austausch zu stehen“.

Andererseits ist da Pfarrer Ralf Lange-Sonntag, seit etwa einem Jahr Islam-Beauftragter der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW). Mit Beginn seiner Tätigkeit habe er verschiedene Gemeinden anderer Religionen angeschrieben, erklärt er den noch wenigen ZuhörerInnen; und, erfreulich: die Antwort der Alevitischen Gemeinde habe nicht lange auf sich warten lassen.

Unterschiedliche Traditionen im Alevitentum und Christentum beim Umgang mit der Natur

Erster alevitisch-christlicher Dialog in Dortmund-Eving

Das Resultat dieser beiden Begebenheiten ist nun hier im alevitischen Gemeindezentrum in Dortmund-Eving zu beobachten. Versammelt haben sich gemeinsam, kurze Zeit vorm anstehenden Fastenbrechen, AlevitInnen und ProtestantInnen, um aus ihrer jeweiligen Sicht über Verantwortlichkeiten wie Handlungsoptionen zum Schutz der Umwelt, des Klimas, des Lebens auf Erden – kurz: der Schöpfung zu debattieren.

Zugleich feiert eine solche Dialogveranstaltung der beiden Religionen mindestens in Dortmund und Umgebung Premiere. Deren Thema ist nicht nur wegen der Größendimension ökologischer Folgen des Raubbaus an der Natur kein Zufall, sondern auch, weil im Alevitentum umgekehrt die Verehrung dieser Natur wie die Sorge um sie konstitutiv für dessen heute relevante Traditionsbildung ist.

Das sah im Wirkungsbereich des institutionalisierten Christentums lange Zeit anders aus. Die sich von der Theologie emanzipierende Philosophie der frühen Neuzeit – statt Madame die Schleppe hinterher-, ihr die Fackel: das Licht der Erkenntnis fortan vorantragend – stellt den Menschen und seine Rationalität (oder die instrumentelle Vernunft) in den Mittelpunkt irdischen Geschehens.

Seiner Herrschaft und Willkür unterstellen etwa Descartes oder Francis Bacon – analog zum dominium terrae im Alten Testaments (AT) – Erde wie Tier. Seitens des Christentums regte sich gegen Forschung und Wissenschaft, gegen Eroberung und Kultivierung zu dieser Zeit kein nennenswerter Widerstand. Mehr noch: die Kirche verdiente fleißig mit.

Mit beginnender Neuzeit: rücksichtslose Ausbeutung der Natur – bis es scheppert oder Einsicht leuchtet

Parallel zur Aufklärung wird der eher grundsätzlich gemeinte Herrschaftsbefehl Gottes aus dem 1. Buch Moses des AT – sich die Erde in ihrer Gesamtheit untertan zu machen – zum Programm. Dessen Zweck: systematische und rücksichtslose Ausbeutung aller natürlichen Ressourcen zum gedachten Wohle des Menschen – oder wenigstens einiger unter ihnen.

Mit dem Anthropozentrismus aber nimmt das Verhängnis seinen Lauf – Aufklärung, einst Emanzipationsmedium von Vernunft und Freiheit gegen die klerikale Orthodoxie, schlägt um in ihr Gegenteil. – Und damit wären wir irgendwann mittendrin, in der ökologischen Krise unserer Zeit.

Unter Protestanten ist sie in ihren Ausmaßen spätestens seit 2009 – mit der Denkschrift der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD): „Umkehr zum Leben. Nachhaltige Entwicklung im Zeichen des Klimawandels“ – angekommen.

Darin heißt es im Vorwort mit dem Blick aufs Ganze: „Es geht im Kern um die Frage, wie wirtschaftliche Interessen, die grundlegenden Lebensbedürfnisse einer wachsenden Zahl von Menschen, die Rechte künftiger Generationen und die Erhaltung der natürlichen Ressourcen miteinander in Einklang gebracht werden können.“ (S. 9; Link: s.u.)

Moderater Synkretismus im Alevitentum: Offenheit für Neuerungen ohne dogmatische Strukturen

Aziz Aslandemir, stellvertretender Vorsitzender der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF)

Letztlich scheint es also doch zarte Verbindungslinien zwischen Alevitentum und Christentum in Sachen Naturschutz zu geben. Ein wenig zu deren Klärung beizutragen – dafür steht die interreligiöse Versammlung; jetzt im Muḥarram zum Ende der Fastenzeit, im Evinger Gemeindezentrum, einem Ort des alevitischen „Cem“. Das ist das heilige Zusammensein der Gläubigen, ein Kultus, auf Deutsch mit „Gottesdienst“ kaum zu übersetzen, denn es soll hier niemand dienen.

Da schlägt das freiheitsliebende Herz natürlich sofort höher: Gehorsam, Unterwürfigkeit, Denkverbote, Unmündigkeit – als Prädikate untrennbar mit der Kirchengeschichte verbunden, d.h. mit dem in ihr und durch sie definierten, hierarchischen Zwangsverhältnis des Menschen zu Gott: hier spielen diese Machtstrukturen offenbar keine Rolle.

Also Aufgeschlossenheit für einen moderaten Synkretismus, durch den die „Lehre“ infolge der gelebten Erfahrungen im Kontakt mit anderen Religionen in äußeren Schichten modifiziert und bereichert werden kann? Zumindest dort, wo keine Kernfragen des Glaubens berührt werden?

Vielschichtigkeit der Lehre und häufig nur mündliche Überlieferung von Glaubensinhalten

Aus dem Vortrag von Aziz Aslandemir: ein Ziyaret (heiliger Ort) in Anatolien: eine Gläubige bringt Brot.

Solche Offenheit wäre eine gewaltige Stärke, denn sie lässt Vielfalt zu, wo auf vielschichtige Probleme in einer unübersichtlichen, komplexen Zeit häufig phantasievoll-pragmatische Antworten benötigt werden.

Aziz Aslandemir bestätigt gegenüber den ZuhörerInnen: Bei den AlevitInnen gäbe es keine dogmatischen Strukturen; vielmehr seien sie offen für Neuerungen; auch solchen, die hier aus der Bundesrepublik in die Lehre mitaufgenommen werden könnten.

Weniger greifbar dagegen ist infolgedessen die Lehre, das Doxographische; es prävaliert eher Heterodoxie. Auch, weil im Alevitentum vieles mündlich tradiert wurde (und bis heute wird) – nicht zuletzt wegen der schwierigen Entwicklungsbedingungen seinerzeit in Anatolien und Mesopotamien. Und sowieso wegen der fortgesetzten Oppression der Glaubensgemeinschaft in der späteren Türkei.

Wer sind „die Aleviten“ dann eigentlich? – Eine komplizierte Frage, auf die es keine einfachen Antworten oder knappe Definitionen gibt (s.u.: Link zu „Mitschrift: Aleviten. Wer ist das denn?“).

Alevitentum: eine eigenständig synkretistische Religion mit besonderen Bezügen zum Islam

Darstellung des Namens ʿAlī b. Abī Ṭālib in arabischer Sprache: im Alevitentum der erste von zwölf Imamen als Nachfolger Muḥammeds. Quelle: Wiki

„Streng nach religionswissenschaftlichen Kriterien beurteilt, wäre das Alevitentum am ehesten als eine eigenständige synkretistische Religion mit besonderen Bezügen zum Islam zu bewerten,“ heißt es in einem Gutachten der Direktorin des Instituts für Religionswissenschaften an der Universität Marburg, Ursula Spuler-Stegemann (S. 41; Link: s.u.)

Da die heutigen AlevitInnen sich mehrheitlich als MuslimInnen verstünden und vielerorts auch als solche gälten, etwa in der Türkei, müssten sie als eigenständige Größe innerhalb des Islams bezeichnet werden, führt das Gutachten weiter aus.

Allerdings verstehen sich bei weitem nicht alle AlevitInnen als Muslime. Melek Yildiz, aus dem Vorstand der alevitischen Gemeinde Deutschland, sagte vor einigen Jahren in einem Interview, bei ihnen gälte das Kontroversitätsprinzip: „Kontroverse Meinungen werden als solche behandelt, Position und Gegenposition haben einen gleichberechtigten Anspruch auf Entfaltung. Nur so können wir mit dieser Vielfalt umgehen, bei uns zählt die Einheit in der Vielfalt.“ (Mitschrift: Aleviten. Wer ist das denn?, S. 2; Link: s.u.)

Alevitische Konfessionsangehörige in Türkei wegen ihrer Religion oder brutal als KurdInnen verfolgt

Verbreitung von AlevitInnen in der Türkei. Quelle: Wiki

Die Alevitischen Gemeinde Deutschland bildet in der Bundesrepublik die zweitgrößte Konfessionsgruppe mit türkischem Migrationshintergrund – hinter den EinwanderInnen, die sich dem sunnitischen Islam zurechnen. Viele AlevitInnen sind allerdings nur formal türkische StaatsbürgerInnen; in Wirklichkeit gehören sie der vom Regime in der Türkei terrorisierten kurdischen Minderheit an.

Als religiöse AlevitInnen werden die 15-20 Millionen Konfessionsangehörigen, sofern sie ihren Glauben praktizieren wollen, westlich und östlich des Bosporus von der Diktatur unterdrückt. So werden seitens der Behörden beispielsweise alevitische Gebetshäuser (Cem Evi) nicht als solche akzeptiert.

Verfolgte fliehen unter anderem in die Bundesrepublik. AlevitInnen gelten als gut integriert, fallen kaum auf. Für Nicht-MuslimInnen ohne nähere Islamkenntnisse sind sie nur mit Mühen von offizieller auftretenden Teilen des Islam zu unterscheiden.

Die Informationen zur Gesamtzahl der AlevitInnen hierzulande schwanken zwischen 300.000 und 700.000; Eigenangaben ihrer Gemeinde von 2011 zufolge, sind in dem Zusammenschluss mit den Familienangehörigen insgesamt etwa 100.000 Gläubige organisiert. – Eine beträchtliche Zahl (mehr oder weniger) aktiver Gläubiger.

Fastenzeit im Alevitentum erinnert an zwölf Imame als bedeutende Nachkommen des Propheten

Imam Hüseyin. Quelle: s.u. Link zum Muḥarram-Fasten

Jetzt in der Muḥarram-Zeit leben die AlevitInnen vegetarisch, über zwölf Tage, manchmal auch vegan. Es ist die Zeit des Fastens und Gedenkens, auch der Trauer wegen der Ereignisse um Imam Hüseyin (al-Ḥusain b.ʿAlī) in der zentralirakischen Stadt Karbalāʾ.

Das war im Jahr 680 nach christlicher Zeitrechnung, am 10. Oktober (des Muḥarrams, der erste Monat des islamischen Kalenders).

Bei dem Imam handelte es sich um einen Nachkommen aus der Familie des Propheten Muḥammed, der sich gegen die Gewaltherrschaft der Omayyaden-Dynastie erhob. An jenem Tag wurde er von bewaffneten Einheiten der Omayyaden mitsamt seinen Gefolgsleuten und allen Verwandten (bis auf einen Sohn) ermordet.

Imam Hüseyin ist einer von insgesamt 12 Imamen, die im Alevitentum als die bedeutenden Nachkommen Muḥammeds gelten; keiner von ihnen starb eines natürlichen Todes. Entsprechend dauert die alevitische Fastenzeit zwölf Tage.

Zwei Schöpfungsnarrative zur Aufklärung christlicher Verantwortung gegenüber der Erde

Friedrich Stiller, Referat für Gesellschaftliche Verantwortung beim Ev. Kirchenkreis Dortmund

Auch das zu Beginn der Veranstaltung fast noch leere Cem-Haus der alevitischen Gemeinde in Eving an der Bayrischen Straße füllt sich jetzt nach und nach, während sich der interreligiöse Dialog vor dem bevorstehenden Fastenbrechen am Abend entfaltet.

Geht es um begriffliche Ansprache, besteht das Zwiegespräch des Abends aus nicht viel mehr als den beiden aufeinander folgenden Beiträgen von einem repräsentativen Protagonisten der jeweils inhaltlich zur Debatte stehenden Konfessionen in Sachen Ökologie. Immerhin, man sah sich, könnte mit bissigem Unterton hinzugefügt werden. Oder milder: es war ein Anfang – und der ist besser als keiner.

Neben Aziz Aslandemir für die alevitische Community, versucht Pfarrer Friedrich Stiller, Grundlagenfragen zur Schöpfungsverantwortung aus dem Blickwinkel der Evangelischen Kirche bzw. der Hl. Schrift zu klären und aus der Exegese an Handlungsbeispielen Möglichkeiten zu deren Umsetzung in der Praxis des Kirchenalltages aufzuzeigen.

Zunächst geht es dem langjährigen Leiter des Referats für Gesellschaftliche Verantwortung beim Evangelischen Kirchenkreis Dortmund natürlich um die beiden biblischen Schöpfungsnarrative. Die sollen dann abschließend unter ökologischen Gesichtspunkten in ihrer handlungsrelevanten Bedeutung zueinander gewertet werden.

Auftrag Gottes an den Menschen: Erde unterwerfen oder sie bebauen und bewahren?

Erkenntnisleitendes Interesse Stillers ist folglich, aus der Offenbarung Motive für umweltbewusstes Handeln heute, „Impulse für Schöpfungsbewahrung“ herauszulesen, wie er sagt.

Was auf den ersten Blick kein großes Kunststück sein dürfte, da insbesondere die Überlieferungen im AT hinsichtlich ihrer normativen Implikationen weite Interpretationsspielräume gestatten. Dennoch, es will erst einmal getan sein. Geht es nämlich um die Schaffung des Lebendigen durch Gott, fällt auch dem Laien sofort ein Satz ein: „Machet Euch die Erde untertan!“ – Eine Formulierung, die keinen sehr freundlichen Umgang mit ihr nahelegt.

Als Ebenbild Gottes habe der Mensch zwar eine Art Ritterschlag erhalten, und wiewohl er über Erde wie Tiere herrschen soll, schafft Gott Landtiere und den Menschen im ersten Buch Moses an einem, dem sechsten Tag (Gen 1,24 – 1,31) – „schon eine ziemliche Kränkung für den Menschen“, so Stiller. In der anderen Schöpfungsgeschichte setzt Gott den Menschen in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre (Gen 2,15).

Die Erde ist nur Leihgabe Gottes, mit welcher der Mensch verantwortungsbewusst umgehen muss

Nach den – seit der erwähnten Denkschrift u.a. zum Klimaschutz verpflichtenden – ökologischen Grundsätzen der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) interpretiert Friedrich Stiller nun den Herrschaftsauftrag Gottes bereitwillig im Lichte der zweiten Schöpfungsgeschichte aus Gen 2,15ff.

Dahingehend, dass Gott dem Menschen die Erde lediglich anvertraut habe; es handelt sich gewissermaßen um eine Leihgabe: also pfleglich behandeln und immer schön aufpassen, dass nix kaputt geht!

Pikanterweise ist zu diesem Zeitpunkt, als Gott „den Menschen“ ins Paradies des Garten Edens setzt und ihm die Verantwortung überträgt, die Erde treuhänderisch zu verwalten, die betreffende Kreatur, Adam, übrigens noch gar kein Mensch. Denn sie ist nicht frei, weil sie nicht zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch unterschieden kann und sich daher wie alle Tiere nur als (weitgehend) instinktdeterminiert verhalten, aber nicht handeln kann.

Exkurs (I): Eva befreit Menschen aus Sklaverei des tierischen Instinkts durch Ungehorsam gegenüber Gott

Freiheit erlangt – und zum eigentlichen Menschen wird – diese Kreatur namens „Mensch“ (Adam) erst (ab Gen 2,17). Dies geschieht durch die heldenhafte Tat jenes geheimnisvollen Wesens, das, aus einer seiner Rippen geschaffen, die Frucht vom verbotenen Baum der Erkenntnis von Gut und Böse isst.

Nach diesem „Sündenfall“ fortan verdammt, im Schweiße seines Angesichts, aber als freier Mensch die Erde zu bebauen, wird der Herrschafts- und Bewahrungsauftrag Gottes erst zur wahren Herausforderung für den Menschen.

Denn, um zu überleben, muss er einerseits einer nun feindseligen Natur abringen, was er dazu benötigt, andererseits soll er sie – bewahren? Oder gilt dieser Aspekt des ursprünglichen Postulats Gottes, die Erde zu erhalten, das ja einst unter ganz anderen, gleichsam tierischen Voraussetzungen des Paradieses ausgesprochen wurde, nun nicht mehr?

Exkurs (II): Mit dem freien, kulturschaffenden Menschen wird Natur feindselig und zum Problem

Adam und Eva im Garten Eden. Lucas Cranach d.Ä. (1530). Quelle: Wiki

Hatte sich Gottes Wille, adressiert an jene Kreatur im Paradies, als solcher nicht sowieso erübrigt, da jenes Geschöpf eigentlich nie eine andere Wahl hatte, als zu gehorchen, solange es nicht frei war, eine andere Entscheidung zu treffen? Offenbar nicht. – Es muss mithin bereits zuvor die Möglichkeit zur Freiheit gegeben haben, wenn auch nur eine winzige.

Sonst hätte Eva erstens nicht tun können, was sie tat; und sonst wäre zweitens das Verbot Gottes, vom Baum der Erkenntnis (und des Lebens) zu essen, unsinnig, weil schlicht überflüssig gewesen. So, als verböte Dir jemand als Erwachsener, durch das Nadelöhr einer gewöhnlichen Stecknadel zu springen.

Wie dem auch sei: jetzt steckt die Karre jedenfalls im Dreck – und es geht für die Menschheit auf Erden fortan um die grundsätzliche Frage, wie die widrige Natur, die äußerliche wie jene in uns, zum Zwecke menschlichen Fortbestandes auf Erden genutzt – und im Zuge von Rationalisierung und Säkularisierung: möglichst effizient benutzt – werden kann.

Exkurs (III): Gefährdet seine maßlose Ausbeutung der Natur ihn selbst, entdeckt der Mensch das Moralische

Die entscheidenden Merkmale aller Zivilisation und Kultur in den nächsten knapp zwei Jahrtausenden versinnbildlichen dieses Paradigma zunehmend: „die Natur“ soll/muss in den Dienst des Menschen gestellt werden, auf dass die Menschheit in ihm fortlebe. – Und dort, wo das Natürliche jedweder Couleur seiner ausbeuterischen Funktionalisierung entgegensteht, ist es zu unterdrücken oder ggf. zu vernichten.

Niemand kommt in dieser langen Zeit auf die Idee, dass etwas aus dem Ruder laufen könnte, im Gegenteil: Kultur und Zivilisation konnten sich nur gegen die wüst-chaotische Natur entwickeln, sonst hätten sie stagniert. Insofern war die Natur stets lediglich Mittel zum Zweck.

Die Idee, dass der Menschheit der Natur gegenüber eine bewahrende Verantwortung zukommt, setzte sich bezeichnender Weise erst durch, als zum Ende des 20. Jahrhunderts sich endgültig die Erkenntnis verdichtete, dass wir mit ihrer rücksichtslosen Ausbeutung, den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Damit wird „Natur“ nicht zum Selbstzweck, es handelt sich lediglich um eine Reorganisation ihrer Mittelfunktion.

Anders ausgedrückt: wo es uns selbst an den Kragen geht, werden wir liebend gern moralisch. Insofern macht die freundliche Reinterpretation der Dogmatik christlicher Schöpfungsgeschichte auf den Naturschutz hin ebenso aus der Not eine Tugend wie die gesamte ökologische Bewegung mit ihr.

Kehrtwende: statt als Steinmetz nur eigenmächtig formen, nachhaltig bebauen und bewahren

Die Umsetzung dessen: Jetzt soll der Mensch nicht mehr willkürlicher Ausbeuter der Erde sein, sondern vielmehr als Gärtner fungieren, wie Friedrich Stiller formuliert. Der jätet beim Bebauen und Bewahren freilich noch, oder schlägt immer noch formend zu wie ein Steinmetz, soll aber gleichzeitig etwas anlegen; „Nachhaltigkeit“ heißt das heutzutage.

Dies bedeute auch, dass Tiere keine Sachen, Gegenstände seien, sondern Mitgeschöpfe (etwa auch Zweck an sich selbst?). Und, fährt der evangelische Geistliche fort: Gott werde dem Menschen die Treue halten, symbolisiert durch den Regenbogen, reumütig nach der Sintflut-Katastrophe den Menschen geschickt.

Dann kommt Friedrich Stiller zum „unangenehmen Teil“, wie er sagt. Denn der Schöpfung ginge es gegenwärtig offenbar nicht gut. Kurz: seit etwa 50 Jahren („Grenzen des Wachstums“) gäbe es die Erkenntnis, dass die Ressourcen endlich sind; ein Umdenken setzt ein.

Diskurse entzünden sich an Fragen der Energieerzeugung, Stichwort Atomkraft, Kohlekraftwerke; an der Emission von Treibhausgasen; und dann besonders am Klimawandel mit einem scheinbar unkontrollierten Temperaturanstieg weltweit.

Die neuartige Gefahr: der Mensch ist in der Lage, die Schöpfung dauerhaft zu zerstören

„Der Mensch kann inzwischen die Schöpfung so gefährden, dass ihre Zukunft nicht sicher ist, oder er kann sie zerstören.“ Während man früher gedacht habe, dass könnte durch Krieg geschehen, durch die Atombomben, sei heute klar: „das geht sozusagen zivil“, so Stiller. Christen müssten anerkennen, dass „wir in eine Lage geraten sind, die sicher nicht Gottes Wille ist“.

Für die Kirche sei wichtig, was 2015 in Paris auf der UN-Klimakonferenz verabredet worden wäre. In Zusammenhang mit der Erderwärmung und dem dort vereinbarten Ziel, sie unter zwei Grad als kritischer Grenze für die Ökosysteme zu senken, deutet Stiller das entscheidende Argument zur Stützung der Klimaziele an.

Es sei möglich geworden, die Schöpfung nachhaltig zu zerstören. Auch, wenn der Streit der WissenschaftlerInnen noch zu keiner Einigung geführt habe: „die Gefährdungsszenarios sind so eindeutig, dass ein verantwortungsvoller Mensch jetzt schon umdenken muss.“ Es sei falsch, zu sagen: „lassen wir es drauf ankommen“, gibt Friedrich Stiller ein wichtiges Stichwort eines sein Postulat stützenden Arguments.

Exkurs (IV): Globales Handeln für den Klimaschutzes ist vom Typus: Handeln unter Nicht-Wissen

Temperaturänderungen der letzten 2.000 Jahre. Was die Ursache ist – fürs Handeln ist es egal. Quelle: Wiki

Anders ausgedrückt: Für die Frage, ob wir heute dem Klimawandel global entgegensteuern müssen, ist die gegenwärtige Debatte um einen Kausalzusammenhang zwischen menschlichem Handeln und Erderwärmung solange belanglos, wie sie nicht entweder eindeutig aus erdgeschichtlichen Klimaveränderungen erklärt werden kann, auf die menschliches Handeln keinen Einfluss hat. Oder, umgekehrt, aus menschlichem Handeln. Diese Annahme vereinfacht vieles.

Daher kann die diesbezügliche Debatte methodisch ausgeklammert werden. Dies ist schon deshalb sinnvoll, weil ein Konsens wegen unterschiedlicher Interessenlagen zeitnah sowieso nicht zu erwarten ist. Entscheidend ist aber: sollte menschliches Handeln die Ursache für die Klimaveränderungen sein, drängt die Zeit. Es handelt sich beim Klimaschutz dann um einen bestimmten Handlungstypus, den des Nicht-Wissens (über den Zusammenhang Klimaveränderung – menschliches Handeln). Es entsteht als analytische Konsequenz ein einfaches Vierfelder-Schema.

Tritt Erderwärmung durch erdgeschichtliche Klimaveränderungen ein, dann ist es egal, was wir tun oder nicht tun: in beiden Fällen sind die Folgen bzw. die modellierten Szenarien/Katastrophen unabwendbar. Was immer das sein mag.

Ist menschliches Handeln dagegen für die Erderwärmung verantwortlich, tritt ohne Klimaschutzanstrengungen ebenfalls die Katastrophe ein – mit ihnen allerdings wird sie vermieden. Ergo muss globales menschliches Handeln danach ausgerichtet werden – denn Passivität führte zwingend in die Katastrophe, während so zumindest eine Chance bestünde, ihr zu entkommen.

Restitution eines ursprünglichen Begriffs von Nachhaltigkeit: was ich wegnehme, gebe ich zurück

Friedrich Stiller erinnert in diesem Zusammenhang an den Begriff der „Nachhaltigkeit“ in seiner ursprünglichen, auf den Waldbesitzer Carlowitz zurückgehenden Bedeutung (die weitgehend seiner wissenschaftlichen Verwendung entspricht): nur soviel abzuholzen (wegzunehmen), wie nachwächst (zurückgegeben wird).

Heutzutage – zum Mode- und politischen Schlagwort geworden – bedeutet „Nachhaltigkeit“ allerdings vor allem sehr viel Schwammiges; meist allgemein, dass ein Handeln lange nachwirkt.

„Ethische“ Orientierungs- bzw. Verantwortungsebenen sieht der für gesellschaftspolitische Fragen von der EKvW freigestellte Pfarrer bei Personen, Unternehmen/Organisationen, Gesellschaft/Staat/Staatengemeinschaft. Was könne im Einzelnen getan werden?

Friedrich Stiller: Handeln, wo es Eigenverantwortung gibt, um glaubwürdig zu bleiben

Eine Menge natürlich, weiß Stiller, der sich sichtbar seit langem mit der Problematik auseinandersetzt: das könne Food-Sharing sein, oder gelebte christliche Spiritualität, ob in Liedern, dem Gebet, beim Erntedankfest oder Klima-Pilgern – hervorgehoben werden solle die Bedeutung der Natur als Schöpfung, die bedroht ist.

Da landeten mittlerweile auch schon mal anverwandte Weisheiten von alten Indianerhäuptlingen im Gesangbuch. – Es ginge um eine innere Haltung, die nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen einen Ort bräuchte.

Wichtig sei, so der Liaison-Geistliche: „wenn wir selber [als Kirche] in dem Bereich, wo wir Verantwortung tragen, uns nicht so verhalten, wie es richtig ist, dann können wir den Anderen schlecht sagen, wie wir es für richtig halten“ – „dann wäre alles hohles Gerede“.

Als ein Beispiel aus der Evangelischen Kirche nennt Stiller die Kampagne „Klimaschutz EkvW 2020“, die sich mit mannigfaltigen Projekten auf die innerkirchlichen Handlungsbereiche Gebäude (deren Energiemanagement), Mobilität (Alternativen zum Auto), Beschaffung (von Produkten nach ökologischen und sozialen Standards) und Flächen (etwa: nachhaltige Bewirtschaftung) erstreckt.

„Für die Wirtschafts- und Lebensweise in den reichen Ländern … kann es kein Weiter-So geben“

Sein Impetus: Nehmen Christen die Rede von der Schöpfungsverantwortung ernst – und das seien noch ungefähr 60 Prozent der Bevölkerung in der Bundesrepublik als Anteil in den beiden Kirchen, davon etwa 30 Prozent Protestanten: „Für die Wirtschafts- und Lebensweise in den reichen Ländern der Erde kann es kein Weiter-So geben“, zitiert er den Präses der westfälischen Landeskirche, Anette Kurschus.

Und schließlich die Brücken zu Andersgläubigen: mit den Menschen anderer (Schöpfer-)Religionen verbände, „dass wir die Erde nur als Geschenk haben und dass wir nicht mit ihr machen können, was wir wollen“.

Auf die Idee, nachzufragen, wie das denn zu verstehen sei, weil ein Geschenk definitionsgemäß in den Besitz der Beschenkten übergeht, daher verfügungsfrei ist, sofern dies dem Gemeinwohl nicht zuwiderläuft, kam allerdings niemand.

Was Konfessionslose beträfe – mit Bezugnahme auf einen älteren Herrn, der nach eigenem Bekunden wegen der rational nicht auflösbaren Theodizee Gott durch die „Natur“ ersetzt hätte: die Ziele in der Evangelischen Kirche seien so aufgebaut, dass sie auch Atheisten annehmen könnten.

Entscheidend sei in diesem Fall die Einigkeit bei den Zielen, nicht die Differenz in deren Begründung. „Ich finde, sonst kommen wir auch nicht weiter in der Gesellschaft“, schließt Stiller pragmatisch.

Alevitische Schöpfung: alles ist aus dem Licht der Wahrheit entstanden, das in allem ist

Deutlich herauszuhören, das Bemühen um Konsens. Es steht in den Augen von Friedrich Stiller zu viel auf dem Spiel. Ob nun die Erde als Produkt göttlichen Wirkens oder ein nach dem Urknall schließlich entstandener Planet aktuell in Gefahr schwebt – ist egal vor dem Hintergrund: darauf gibt es Leben, menschliches eingeschlossen, das bewahrt werden soll. Weltanschauliche Streitigkeiten waren angesichts der Bedrohungslage gestern.

Aus dem Alevitentum dürfte kaum Widerspruch anheben; zumal hier verbindlichem, gleichwohl interpretationsbedürftigem Offenbarungsgeschehen – allein schon wegen der überwiegenden Mündlichkeit seiner Vermittlung – keine besonders bedeutende Rolle zukommt. Nichtsdestotrotz: es gibt natürlich alevitische Schöpfungsmythen, aber die diesbezüglichen Vorstellungen unterscheiden sich deutlich von ihren biblischen Gegenstücken..

Vielmehr lassen sich stärkere Bezüge zum Neuplatonismus erkennen: Alles sei aus dem Licht entstanden, aus dem Licht des Haks, der Wahrheit, Ali und Mohammed eingeschlossen, erklärt Aziz Aslandemir. Die Sonne und der Mond symbolisierten diese beiden Figuren.

Dem alevitischen Glauben zufolge schuf Gott eine Perle, die sich in grünes und weißes Licht spaltete. Deshalb ist eine CEM-Zeremonie, ein Ritual ohne Kerzen, nicht denkbar. Und wie steht es um Gott selbst?

Der Mensch, und nur er, steht im Zentrum religiöser Motivationen des Alevitentums

Es gibt im Alevitentum keinen launischen Patriarchen wie im AT; und da ist auch nicht der bis zum äußersten vergeistigte, unfassbare All-Vater des Neuen Testaments (NT): allmächtig, allwissend, allgütig mit den entsprechenden Begründungslasten aus der Theodizee zu seiner Rechtfertigung, die mit berüchtigten Hinweis auf den unergründlichen Ratschluss Gottes – höher als alle (menschliche) Vernunft usf. – „locker“ abgebügelt werden können.

Ebenso keine der bekannten Variationen anderer Strategien, sich aus der göttlichen Verantwortung für die selbst gesetzten Voraussetzungen kreatürlichen Versagens zu stehlen – nichts. Kein Ganz-Anderes, keine negative Theologie, sondern stattdessen erst einmal: nur Mensch, soweit das Auge reicht: „Bei uns in der Lehre steht im Zentrum der Mensch“, so Aziz Aslandemir knapp. Ein Mensch, dem eigenverantwortliches Handeln aufgegeben ist.

Dieser Mensch des Alevitentums, der steht in der Folge natürlich in einem existentiellen Spannungsverhältnis. Sonst wäre er keiner nach religiösem Bild, worin sich stets eine Hoffnung ausdrückt: nach Reinigung, Läuterung, Kraft oder Erlösung an der Seite oder im Medium des Heiligen.

Aus pantheistischer Perspektive: Überhöhung des Menschen und Verweltlichung von Gott ineins

Aber nicht wie im Christentum zwischen zwei konträren Polen – dem Guten bzw. Bösen – wird dieser Mensch vorrangig verortet. Sondern das Spannungsverhältnis in ihm, dem er sich beständig ausgesetzt sieht, ist das zwischen dem Jetzt, was er ist, und der Antizipation dessen, was er sein kann bzw. werden möchte. Es bezeichnet mithin ein Streben, das durch eine grundlegende Annahme im Alevitentum ermöglicht wird:

„Gott ist im Menschen, der Mensch ist in Gott. Alles, was Du suchst, ist im Menschen vorhanden. Sowohl das Gute wie das Schlechte“ – mit diesen Worten fasst Aziz Aslandemir das alevitische Paradigma zusammen. Darin steckt freilich ein ausgeprägter Pantheismus: Gott ist in allem, alles ist in Gott.

Die Tragweite dieser Annahme ist immens: der transzendente Gott verdunstet, mit ihm die Transzendenz wie jede andere, in diesem Sinne kategorial vom Menschen getrennte Sphäre überhaupt. Es gibt keine getrennte Anderswelt jenseits irdischer Dimensionen, kein Jenseits mehr.

Das Heilige, das Rätselhaft-Wundersame, das Ehrerbietung zeitigt, das Geheimnis des Lebendigen – es liegt nicht mehr irgendwo in der Ferne, unerreichbar; sondern wir brauchen unseren dort suchenden Blick gleichsam nur zu senken: zum Fuße des Leuchtturms.

Alevitische Fastenzeit – Zeit der Einkehr: leben in Einklang mit sich selbst, der Gemeinschaft und Natur

Ernst Bloch, Atheismus im Christentum

Religion, indem sie dieses Heilige allein in der Natur wie im Menschen aufsucht und findet, säkularisiert sich selbst zur menschlichen Verantwortung für die Schöpfung(en). Wieweit diese pantheistischen Grundgedanken mit stärker atheistischer Stoßrichtung (wie etwa bei Ludwig Feuerbach oder Ernst Bloch) im Sinne der AlevitInnen fortgeführt werden könnten, ist eine theologische/religionsphilosophische Frage und an diesem Abend sowieso unerheblich.

Auf die Schöpfungsverantwortung kommt es an; und auf die Bedeutung des Fastens in diesem Zusammenhang. Die zwölf Tage des Fastens seien eine Zeit des In-sich-Kehrens, sagt Aziz Aslandemir. Was in dieser Zeit besonders thematisiert wird, ist für die Religionsgemeinschaft von zentraler Bedeutung: ein Leben in Einklang mit sich selbst, mit der Gemeinschaft – und natürlich mit der Natur.

Aslandemir drückt es überspitzt aus: Nicht nur kein Tier, sondern auch kein Ast, keine Blume solle eigentlich in der Natur beschädigt werden, „weil wir in allem und jedem das Göttliche sehen.“ Das sei „im Grunde eine pantheistische Herangehensweise“, fasst er zusammen und sieht hier durchaus Berührungspunkte mit jenen, die an die Natur glaubten.

Die Fastenzeit sei da genau der richtige Anlass, um über die Schöpfung und deren Bewahrung zu sprechen. Sie sei ein Vorbild dafür, dass „wir im Einklang mit der Natur leben sollten“; sie müsse in diesem Sinne als Richtschnur genau genommen auch die restlichen 353 Tage gelten.

„Der Dienst am Menschen ist für uns der Gottesdienst“ – wie der Dienst an der Natur

Mittlerweile gut gefüllt: Ansprache des Geistlichen Cafer Kaplan im alevitischen Gemeindesaal in Eving.

Das Fastenbrechen besteht bei den AlevitInnen aus einem bescheidenen Mahl; überhaupt spielt Bescheidenheit eine große Rolle. Der hohe Stellenwert von Religiosität ergibt sich für sie eben aus der Omnipräsenz des Göttlichen. Zwar steht der Mensch im Zentrum allen Handelns, aber: „Der Dienst am Menschen ist für uns der Gottesdienst, aber auch der Dienst an der Natur ist für uns … Gottesdienst“, schiebt Aziz Aslandemir einer möglichen Hierarchisierung Mensch – Natur gleich einen Riegel vor.

Auf die Frage, wenn Gott im Menschen ist, und der Mensch in Gott – woher dann das Böse komme?, antwortet er: „Das Böse ist auch in uns.“ – Auch dann in Gott? Früge man weiter, siehe Theodizee, so Aslandemir: „Wir gehen davon aus, dass in jedem etwas Gutes ist, aber auch etwas Schlechtes ist.“ Ziel sei es, das Gute hervorzuheben, das Schlechte in uns zu besiegen.

Freilich: ihr Gottesbild unterscheide sich schon von dem der drei großen monotheistischen Religionen. „Sicherlich muss man hinterfragen, wie kann es denn sein, dass Gott, Hak, die Wahrheit, auch etwas Schlechtes in sich hat. Das ist eine berechtigte Frage“, weicht der Vorsitzende der Gemeinde dem Theorie-Problem keineswegs aus.

Doch es kommt vor allem darauf an, was auf dem Platz läuft – auf die Praxis, soll dann der Natur freundlich begegnet werden. Da haben die AlevitInnen in Eving allerdings bereits einiges getan – und noch mehr vor.

Konkrete Umsetzung ökologischer Grundsätze beim geplanten interkulturellen Zentrum

ÖkoCan, Flyer

Aziz Aslandemir weist auf ein von der Alevitischen Gemeinde Deutschland veröffentlichtes Buch mit dem Titel „ÖkoCan“ hin, in dem es dann konkret wird. „Can“, Seele, bedeutet für die sie, zusammen mit dem Programm naturfreundlichen Wirkens, sich die Frage zu stellen: Worauf kann eine alevitische Gemeinde verzichten, wie kann sie umweltfreundlich agieren?

Eine Außenwandsanierung nach energetischen Kriterien an dem Gemeindehaus in Eving, zudem eine Erneuerung des Dachs, erklärt Aziz Aslandemir: so habe man mit der Umsetzung ökologischer Perspektiven begonnen. Beim jetzt anvisierten Projekt, dem geplanten Neubau eines interkulturellen Zentrums in dem Vorort, solle dies fortgesetzt werden.

Zuletzt musste das Vorhaben wegen Bedarfsanmeldung der Polizei für die anvisierte Baufläche verschobenen werden; ein Alternativgrundstück in der Nachbarschaft ist aber bereits ausgesucht worden.

Von Heiligen Orten in der Natur, der Verbindung zu Gott durch Musik und Erziehung zur Bescheidenheit

Zakir Imam Yildirim

Ziyarets sind heilige Orte der AlevitInnen. Das können heilige Berge, heilige Wasserquellen, Bäume, Seen, Flüsse sein. Im Alevitentum muss deshalb niemand nach Mekka pilgern, das Göttliche liegt gleichsam vor der Haustür. – Stimmt allerdings nicht ganz: Die Orte lägen irgendwo abgelegen in der Natur, erzählt Aziz Aslandemir. Der Weg, dorthin zu gehen, sei das eigentliche Ziel – um im Einklang mit der Natur zu sein.

Bei der mehrmals im Jahr abgehaltenen Cem-Zeremonie sind alle gleichberechtigt. Hier wird gebetet, werden die Heiligen geehrt, ein gesegnetes Mahl geteilt. Ein Cem kann überall abgehalten werden; auch in der Natur. Nicht die Räumlichkeit mache die Heiligkeit, erläutert Aslandemir, „sondern die Menschen, die zusammenkommen, machen das Gebet zu etwas besonderem“.

„Du heiliger Baum, Du grüner Wald“. In jedes ihrer Gebete wird die Natur miteinbezogen. In den Zeremonien spielt Musik eine große Rolle, sie verbindet zu Gott. Zakir Imam Yildirim spielt an dem Abend mehrfach auf der Bağlama (- Saz), dem traditionellen Saiteninstrument der Aleviten, ein heiliges Instrument, geschaffen aus heiligem Holz. Später spricht der Geistliche Cafer Kaplan zu den Versammelten auf Türkisch.

In einem Lied, das an dem Abend gesungen wird, heißt es sinngemäß: Der einzig wahre Freund, den ich habe, ist die Erde. Und die Erde ist bescheiden. Die Bedeutung von Einvernehmlichkeit, untereinander wie mit der Natur, und Bescheidenheit brächten sie auch den Kindern bei, sagt Aziz Aslandemir.

Bei Festen der alevitischen Gemeinschaft in der Natur pflanzten die Kinder manchmal einen Baum; mit Zetteln an den Bäumen wünschten sie sich ein andermal etwas: „Natürlich nicht für sich selbst, sondern für die Allgemeinheit, aber auch für die Welt, dass sie eine friedlichere werde.“

Weitere Informationen:

  • „Bebauen und Bewahren“ bei der EKD, hier:
  • Umkehr zum Leben. Nachhaltig Entwicklung im Zeichen des Klimawandels. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) (2009), hier:
  • Zahlen zur Evangelischen Kirche in Deutschland (Stand: Dezember 2017), hier:
  • Mitschrift: Aleviten. Wer ist das denn? (Religionen im Gespräch 3, 2012). Gäste:
    Melek Yildiz, Religionslehrerin, Vorstand der Alevitischen Gemeinde Deutschland, Unna;
    Yilmaz Kahraman, Islamwissenschaftler, Projekt „Zeichen setzen!“, Köln; Moderation: Prof. Dr. Wolfgang Reinbold, Evangelisch-luth. Landeskirche Hannovers, hier:
  • Eine detaillierte, an persönlichen Erfahrungen orientierte Darstellung der türkischen Aleviten und ihres Glaubens heute von John Shindeldecker, hier:
  • ÖkoCan der Alevitischen Gemeinde Deutschlands e.V. (AABF), hier:
  • Positives Gutachten zur Alevitischen Gemeinde Deutschlands als Religionsgemeinschaft und qualifizierter Ansprechpartner für die Erteilung konfessionellen Religionsunterrichts in der Schule von Ursula Spuler-Stegemann (2003), hier:
  • Überblick zum Muḥarram-Fasten der AlevitInnen, hier:
  • Sich der Natur nicht religiös, sondern intellektuell nähern: dies ist in der westlichen Welt das Geschäft der Naturphilosophie. Eine kenntnisreiche Darstellung, wie dies über zwei Jahrtausende bis in die Neuzeit geschah, gibt Renate Huber, Natur-Erkenntnis, Bd. 1: „Naturphilosophie von der Antike bis Descartes“, Paderborn 2002.
  • Zur Erinnerung, dass Religion alles andere als quietistisch sich geben muss: Ernst Bloch, Atheismus im Christentum. Zur Religion des Exodus und des Reichs, Frankfurt a.M. 1973 (= Bd. 14 Werkausgabe).
  • Im November feiert die Alevitische Gemeinde Dortmund ihr 30-jähriges Bestehen mit einer Kulturwoche vom 4.-10. November. Höhepunkt ist die Feier im Diertrich-Keuning-Haus am Samstag, den 10.11.

Mehr zum Thema bei nordstadtblogger.de:

Die Alternativlosigkeit des Dialogs: Christen und Muslime beim Ifṭār (Fastenbrechen) in der Abū-Bakr-Moschee zu Dortmund

 

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