
Wer heute Nachrichten liest, teilt oder kommentiert, tut das meist auf Plattformen, die einem Handvoll US-amerikanischer und chinesischer Konzerne gehören. Meta, Alphabet, TikTok – sie alle entscheiden über Algorithmen, was Menschen sehen, was sie glauben und worüber sie reden. Die Konsequenzen für Demokratie und Öffentlichkeit werden immer dramatischer. Darüber wollen die ver.di-Vertrauensleute der Stadtverwaltung Dortmund gemeinsam mit dem ver.di-Bezirk Westfalen jetzt sprechen – und laden dazu am 16. Juni 2026 zu einer öffentlichen Veranstaltung ein.
„Das freie Internet wird abgeschafft“
Es ist eine These, die provoziert – und die Björn Staschen mit Fakten untermauert: Das freie Internet, einst als Versprechen grenzenloser Kommunikation gestartet, wurde von den großen Tech-Monopolen übernommen. In seinem Buch „In der Social-Media-Falle“ beschreibt Staschen, wie Konzerne wie Meta oder TikTok nicht nur Marktmacht angehäuft haben, sondern aktiv demokratische Strukturen untergraben.
Staschen, der hinter der Initiative Save Social – Networks for Democracy (savesocial.eu) steht, kommt als Referent nach Dortmund. Er wird in einem Impulsvortrag seine zentralen Thesen vorstellen – und anschließend mit dem Publikum diskutieren.
Parasiten der Demokratie: Was Social-Media-Konzerne wirklich tun
Staschen zeichnet in seinem Werk ein düsteres Bild: Plattformen wie Facebook und Instagram sind keine neutralen Kommunikationsräume. Sie sind darauf ausgelegt, Nutzerinnen so lange wie möglich zu binden – durch psychologisch ausgefeilte Mechanismen wie den Like-Button, der gezielt Dopaminausschüttungen auslöst. Für Jugendliche kann das gravierende Folgen haben: Angststörungen, Depressionen und Essstörungen werden in der Forschung zunehmend mit exzessiver Plattformnutzung in Verbindung gebracht.

Doch die Schäden gehen weit über das Individuelle hinaus. Algorithmen, die ausschließlich den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie gehorchen, bevorzugen emotionale, polarisierende und oberflächliche Inhalte gegenüber faktenbasiertem Journalismus.
Filterblasen und Echokammern fragmentieren die Gesellschaft. Und unabhängige Medien verlieren ihre wirtschaftliche Grundlage, weil Big-Tech-Konzerne den Werbemarkt beherrschen – Journalismus wird zum Verlustgeschäft.
Eine kleine Gruppe entscheidet über die globale Öffentlichkeit
Hinter den mächtigen Plattformen stehen bemerkenswert wenige Menschen. Staschen beschreibt, wie eine kleine, homogene Gruppe aus dem Silicon Valley – überwiegend weiße Männer mit libertären Weltanschauungen – die digitale Infrastruktur der Welt kontrolliert. Einige dieser Akteure stehen demokratischen Werten offen ablehnend gegenüber.
Hinzu kommt die Rolle autoritärer Staaten: TikTok, im Besitz des chinesischen Unternehmens ByteDance, steht im Verdacht, Informationen strategisch zu filtern. Wenn wenige Milliardäre oder staatlich kontrollierte Konzerne bestimmen, welche Inhalte Wählerinnen erreichen, ist demokratische Souveränität in Gefahr.
Die Gefahr wird durch generative KI weiter verschärft: KI-gestützte Suchmaschinen fassen Inhalte zusammen, anstatt auf Originalquellen zu verweisen – oft mit veränderten Aussagen, unter Verstoß gegen Urheberrecht, und auf Basis intransparenter Prozesse, die journalistische Medien weiter marginalisieren.
„Die bedeutendste Herausforderung unserer Tage ist nicht der Klimawandel, der Verlust an Biodiversität oder Pandemien, sondern unsere kollektive Unfähigkeit, zwischen Fakten und Fiktion zu unterscheiden.“
— Club of Rome, Earth for All
Dortmund ist nicht machtlos – und handelt bereits
Das Thema ist für Dortmund kein abstraktes. Die Stadtverwaltung ist bereits auf Mastodon aktiv – einem dezentralen, nicht-kommerziellen Netzwerk im sogenannten Fediverse, das auf offenen Standards basiert und keinem Einzelkonzern gehört. Solche Alternativen zeigen: Es gibt einen anderen Weg.

Staschen und die Veranstalterinnen wollen bei der Diskussion konkret werden: Was bedeutet digitale Souveränität für eine Stadtverwaltung? Welchen strategischen Kurswechsel sollte Dortmund einschlagen – etwa durch den Ausbau einer eigenen Instanz (dortmund.social) und die schrittweise Abkehr von kommerziellen Plattformen? Und wie kann die Zivilgesellschaft kollektiv handeln?
Was an diesem Abend passiert
Der Abend beginnt um 18 Uhr (Einlass ab 17.30 Uhr) mit einem strukturierten Impulsvortrag von Björn Staschen. Im Anschluss folgt eine von Nordstadtblogger Alexander Völkel moderierte Diskussionsrunde, die bewusst Vielstimmigkeit anstrebt: Jugendschutz, algorithmische Verzerrung, einseitige Nachrichtenflüsse und Nachrichtenmonopole sollen ebenso zur Sprache kommen wie konkrete Alternativen und nächste Schritte – auch für eine mögliche gewerkschaftliche Arbeitsgruppe zum Thema Social Media in Dortmund. Der Eintritt ist kostenfrei.
Die Veranstaltung im Überblick
- Wann: Dienstag, 16. Juni 2026, 18:00 bis ca. 20:30 Uhr
- Wo: Studio B, Max-von-der-Grün-Platz 1–3, 44137 Dortmund (direkt am Hauptbahnhof, an der Stadt- und Landesbibliothek)
- Referent: Björn Staschen (Save Social – Networks for Democracy)
- Veranstalter: ver.di-Vertrauensleute der Stadtverwaltung Dortmund & ver.di-Bezirk Westfalen
- Eintritt: kostenfrei
- Weitere Informationen zur Initiative savesocial.eu und zur Kampagne: di.day (https://di.day)
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

