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74. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz: den AktivistInnen in Dortmund ist Gedenken zugleich Verpflichtung für heute

Auschwitz, Güterbahnhof: sog. Selektion der Neuankömmlinge aus Ungarn an der „Judenrampe“, 1944. Quelle: Wiki

Es ist das Symbol und er war die grausamste, unvorstellbare Wirklichkeit des Nazi-Regimes: der Lagerkomplex Auschwitz-Birkenau. Zum 74. Jahrestag seiner Befreiung, am 27. Januar 1945, durch die Rote Armee organisieren engagierte BürgerInnen wie demokratische Institutionen erinnerndes Gedenken in vielfältigen Formen: vom Dortmunder Jugendring mit der DSW21 über das Museum für Kunst und Kulturgeschichte bis zum Bündnis Dortmund gegen Rechts. – Die Aktivitäten sind beileibe kein Selbstzweck, sondern Mahnung. Denn, wo Menschlichkeit eine Heimstatt finden will, darf dies nie wieder geschehen – und allen Anfängen ist entschlossen zu wehren.

Das Engagement gegen das Vergessen ist zugleich Einsatz für Menschenrechte und Demokratie

Nachdem am 27. Januar 1945 die Rote Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit hatte, wurde der Welt nach und nach das Unermessliche – und menschlich für immer Unfassbare – der Nazi-Tyrannei bewusst: mit ihrem ideologisch motivierten Rassenwahn führte sie bis in den industriell betriebenen Völkermord.

Daraus erwächst für alle DemokratInnen und AntifaschistInnen unwiederbringlich Verantwortung, für Gegenwart wie Zukunft: dass es nie wieder geschehe. – Zum Jahrestag der Befreiung, am kommenden Sonntag, werden sich in Dortmund viele BürgerInnen, Vereine und Institutionen in diesem Sinne engagieren.

Der Erinnerung an das, was in deutschem Namen geschah, wie dem Gedenken der Opfer kann aus Verpflichtung und Verantwortung angemessen nur folgen, wachsam zu sein und allen Anfängen entschlossen zu wehren. Dies bedeutet auch, die Wahrung der Menschenrechte und demokratische Strukturen als Gegeninstanzen zu verteidigen. – Hier ein kleiner Überblick über die wichtigsten Aktivitäten an diesem denkwürdigen Tag.

„Gedenken unterwegs“: Jugendring bringt mit der Stadtbahn Erinnerung und Mahnung in die Stadt

„Gedenken unterwegs“: eine Kooperation vom Dortmunder Jugendring, DSW21 und anderer PartnerInnen. Foto (2): Jugendring Dortmund

Für den diesjährigen Holocaust-Gedenktag haben sich der Jugendring Dortmund und seine KooperationspartnerInnen eine besondere Aktion einfallen lassen. Bereits seit dem 22. Januar ist eine speziell gestaltete Stadtbahn auf den Linien U43 und U44 unterwegs.

Sie erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus und fordert zugleich mehr Demokratie und Menschenrechte. Am 27. Januar werden Sonderfahrten Erinnerung und Gedenken in die Mitte der Stadt und den Alltag der Menschen bringen.

An diesem Tag fährt die Bahn um 12.30 Uhr von der Haltestelle Wittener Straße zur Auftaktveranstaltung an der Haltestelle Wambel Schleife/Pothecke. Hier wird es ab 13 Uhr ein Programm mit Tanz, Musik und Redebeiträgen geben, bevor es um 13.30 Uhr weiter nach Dorstfeld geht.

Zahlreiche Akteure haben das Programm mitgestaltet. Hier: Gesangsproben mit Boris Gott.

Nach einem halbstündigen Zwischenstop mit Musik, Lesungen und Interviews startet um 14 Uhr die Rückfahrt nach Wambel, wo das Programm fortgeführt wird, bevor die Fahrt um 14.30 Uhr erneut Richtung Dorstfeld geht.

Um 15 Uhr findet dort die Abschlussveranstaltung auf dem Wilhelmplatz statt. Das gesamte Programm wird moderiert und koordiniert von den BotschafterInnen der Erinnerung. Jugendliche, Dortmunder und Jugendverbände, Schulen sowie das Respektbüro gestalten es mit KünstlerInnen in- und außerhalb der Bahn.

Als besondere Fahrgäste sind Manfred Kossack (Arbeitsdirektor bei DSW21) und Gregor Lange (Polizeipräsident Dortmund) mit von der Partie. Als Vertreterin der Stadtverwaltung wird Schul- und Jugenddezernentin Daniela Schneckenburger die Tour begleiten. Für den genauen Fahrplan und das Programm, s.u.: Flyer der Gedenkbahn

Sonderausstellung im MKK beleuchtet Geschichte des zum IG-Farben-Konzern gehörenden KZ „Auschwitz III“

Werksgelände des Industrieunternehmens I.G. Farben nahe Auschwitz. Quelle: Bundesarchiv

Im Museum für Kunst- und Kulturgeschichte (MKK) wird an diesem Tag eine Sonderausstellung ihre Türen öffnen, die sich mit der Rolle des IG-Farben-Konzerns zur Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt. Im Besonderen geht es um das firmeneigene, privat betriebene und zum Auschwitz-Komplex gehörende Konzentrationslager Buna-Monowitz, besser bekannt unter der Bezeichnung „Auschwitz III“.

Buna-Monowitz war das erste von einem privaten Industrieunternehmen geplante und finanzierte Konzentrationslager, das ausschließlich für die Zwangsarbeit von Häftlingen vorgesehen war. Tausende kamen durch die unmenschlichen Arbeitsbedingungen zu Tode oder wurden später, wenn sie nicht mehr arbeitsfähig waren, in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet. Unter ihnen befanden sich auch Insassen jenes Deportationstransports, der am 2. März 1943 Dortmund in Richtung Auschwitz verlassen hatte. Die Ausstellung zeichnet Entstehung, Betrieb und Auflösung des KZ Buna-Monowitz nach.

Das Grauen von Auschwitz darf niemals in Vergessenheit geraten. Foto: Alex Völkel

Neben der Ausstellungseröffnung um 11 Uhr wird es am 27. Januar einen Vortrag von Prof. Dr. Sybille Steinbacher – Direktorin des Fritz Bauer Instituts und Inhaberin des Lehrstuhls für die Erforschung der Geschichte und Wirkung des Holocaust an der Goethe-Universität Frankfurt am Main – mit dem Titel „Auschwitz . Eine Stadt und ihr Lager“ geben.

Im Anschluss daran werden sich der Präsident von Borussia Dortmund, Reinhard Rauball, und Thomas Wessel vom Vorstand der Evonik Industries AG einem offenen Dialog stellen.

Der Eintritt zu allen Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung ist kostenfrei. Auch der Besuch der Ausstellung ist gratis. Für die öffentlichen Führungen wird eine Gebühr von drei Euro pro Person fällig. Für die Öffnungszeiten der Ausstellung und Kontaktdaten, s.u. Schulklassen und Gruppen können sich über die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache anmelden.

Gedenkveranstaltung des BDgR und der VVN/BdA auf dem jüdischen Teil des Ostfriedhofs

Wie immer, seit seiner Gründung vor 19 Jahren, nimmt das parteiübergreifende Bündnis Dortmund gegen Rechts (BDgR) den 27. Januar zum Anlass, eine Gedenkveranstaltung zu organisieren.

Über eine Million Menschen starben nach seriösen Schätzungen in dem Lager der Nazis. Quelle: Flickr

Zusammen mit dem VVN/BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der AntifaschistInnen), erstmalig mit der jüdischen Kultusgemeinde und dem Humanistischen Verband NRW, dem Internationalen Rombergparkkomitee sowie dem Förderverein Steinwache findet die Veranstaltung diesmal auf dem jüdischen Teil des Ostfriedhofs statt, der durch die Bombenangriffe während des 2. Weltkriegs stark beschädigt wurde.

Die Nazis hatten dort zunächst Bestattungen eingeschränkt, schließlich konnte es aus naheliegenden Gründen – wegen der Massendeportationen in die Vernichtungslager – an Ort und Stelle keine mehr geben.

Da nach 1945 ein eigener Bereich auf dem Dortmunder Hauptfriedhof für jüdische Gräber reserviert wurde, kamen auch später keine neuen hinzu.

„Sag mir nie, Du gehst den letzten Weg“ – die Hymne jüdischer Partisanen bezeichnet und macht Mut

Leichen werden von einem Sonderkommando verbrannt, fotografiert von Alberto Errera, 1944. Quelle: Wiki

Geplant ist am Sonntag, den 27. Januar, ein Gang zum Mahnmal für die jüdischen Opfer des NS-Terrors. Gedacht werden soll allerdings nicht nur den bzw. ihnen als Opfer, wie Ula Richter betont: denn sie seien nicht nur Opfer gewesen, sondern hätten sich gewehrt.

Die Sprecherin des Bündnisses erinnert an die vielen Juden und Jüdinnen, die auf der Seite der Alliierten, vor allem aber im Osten als sowjetische Partisanen gegen die Invasoren Hitlerdeutschlands gekämpft hätten. Ebenso, wie beispielsweise allerorten in den Lagern sich Gefangene gegen die Faschisten organisierten.

Dies drückte sich aus in den Liedern, die damals immer wieder gesungen wurden. Allen voran: „Sage nie, Du gehst den letzten Weg“ – das von Hirsch Glik geschriebene Partisanenlied wurde praktisch zur Hymne des jüdischen Widerstands, „ein Mutmacher“, so Ula Richter. Daran zeige sich aber, dass auch in den dunkelsten Zeiten Widerstand möglich sei.

Heute gäbe es dafür zwar mehr Räume, doch passierte zu wenig, wo es doch so bitter nötig wäre – ist herauszuhören: im Einsatz gegen Faschismus, Rassismus, Antisemitismus – deren Adepten sich bekanntlich auch in Dortmund versuchen.

Kritik: Opfer des Nazi-Regimes in der Sowjetunion werden in der Bundesrepublik zu schnell ausgeblendet

Der Holocaust in Europa. Quelle: Wiki

Einmal bei der Tagespolitik angekommen, ist für Helmut Manz vom BDgR ein Aspekt besonders wichtig, der heutzutage viel zu kurz käme: der Umstand, dass es die Rote Armee war, die Auschwitz befreite.

Beide VertreterInnen des Bündnisses betonen: es würde heute auf allen Kanälen gegen Russland gehetzt – und machen hier ein Defizit an „historischer Gerechtigkeit“ aus.

Denn es hätte immerhin als Teil des „Generalplan Ost“ (der strategischen Konzeptualisierung des Nazi-Paradigmas einer angeblich überlebenswichtigen Eroberung und Sicherung von „Lebensraum“ im Osten) an die 30 Millionen Slawen in den zu kolonisierenden Gebieten zu viel gegeben.

Deren gewollte Vernichtung kalkulierte das NS-Regime in Konsequenz über den 1941 aufgestellten „Hungerplan“ durch Zwangsabgaben von Nahrungsmitteln an die Besatzer.

Erinnerungskultur, Gedenken: junge Leute bei den Opfern von Auschwitz. Foto: Alex Völkel

Die fast zweieinhalb Jahre dauernde Blockade Leningrads verfolgte dieselben Ziele. Allein bei diesem Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht verloren etwa 1,1 Millionen Zivilisten ihr Leben, die meisten durch Hunger.

Im KZ Buchenwald sei diese Strategie erprobt worden, so Manz, indem bei den sowjetischen Kriegsgefangenen die Nahrungsmittelrationen immer weiter gekürzt worden wären.

Letzter Punkt des überzeugten Antifaschisten: nachdem zudem zur Befreiung Berlins mehr russische Soldaten als amerikanische im ganzen Zweiten Weltkrieg fielen – da seien die Suppenküchen der Roten Armee für die Berliner Bevölkerung in der zerstörten Hauptstadt nach dem Ende des Krieges beileibe keine Selbstverständlichkeit gewesen, s. „historische Gerechtigkeit“.

Hebräische Totenklage, Gedichte und Lieder des jüdischen Widerstands auf dem Ostfriedhof

Stele auf dem jüdischen Teil des Ostfriedhofs in Dortmund. Darauf steht: „Zur Erinnerung an die Männer, Frauen und Kinder, die dem Völkermord der Nazis zum Opfer gefallen sind. Hier liegt ihre Asche. Mögen ihre Seelen in Frieden ruhen.“ Quelle: Wiki

Bei der Gedenkfeier wird der russische Beauftragte für Kriegsgräberfürsorge anwesend sein, der sich in Dortmund und Umgebung um die Restauration von Gräbern sowjetischer Opfer während der Nazi-Zeit kümmert. Auf dem sog. Ausländerfriedhof am Rennweg in Brackel sollen demnächst Stelen mit den 1.000 bekannten Namen von über 5.000 Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion aufgestellt werden.

Von der jüdischen Kultusgemeinde wird ein Kantor erwartet, der auf hebräisch ein Totengebet vorträgt; eine verschriftlichte Übersetzung soll verteilt werden. Der Schauspieler Andreas Weißert trägt Gedichte vor, unter anderem die „Todesfuge“ von Celan, Peter Sturm singt Lieder des jüdischen Widerstands.

Treffpunkt ist um 15 Uhr am Haupteingang zum Ostfriedhof (Robert Koch-Straße). Sollte es so kalt bleiben, könnte ein Teil der Zeremonie, wenn es um das Geigenspiel geht, für das Eva Weber gewonnen werden konnte, in die kleine Kapelle dort verlegt werden, bevor es zu dem Mahnmal geht. Nach Einschätzung der Veranstalter wird die Veranstaltung insgesamt etwa anderthalb Stunden dauern.

Doch dabei soll es nicht bleiben. Für das Frühjahr plant das Bündnis einen erneuten „Saubermachspaziergang“, weil sich in verschiedenen Vororten Dortmunds erneut Nazi-Schmierereien, Geklebtes und Plakatiertes brauner Herkunft gehäuft hätten, wie Dagmar Stüber-Najib vom BDgR erklärt. Die entsprechende AG der Heinrich-Böll-Gesamtschule in Lütgendortmund wird zu diesem Zweck bald ein wenig kundschaften, um den anstehenden Frühlingsputz angemessen planen und gestalten zu können.

Weitere Informationen:

Informationen zur Sonderausstellung im MKK

  • Der Zugang zur Ausstellungshalle ist barrierefrei
  • Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag und Sonntag von  10 bis 17 Uhr; Donnerstag 10 bis 20 Uhr; Samstag 12 bis 17 Uhr
  • Anmeldung für Schulkassen und Gruppen: über die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache Tel. 0231/ 50-2 50 02 (Dienstag bis Sonntag 10 -17 Uhr)
  • Eintrittspreise: Der Eintritt für die Ausstellung ist frei. Für die öffentlichen Führungen ist eine Gebühr von 3 Euro pro Person fällig. Die Veranstaltungen sind kostenlos.
  • Informationen zur Ausstellung: Tel.: 0231/ 50-26028 oder info.mkk@stadtdo.de
  • Museum für Kunst und Kulturgeschichte: Hansastraße 3, 44137 Dortmund, Tel.. 0231/50-25522, Mail: www.mkk.dortmund.de

 

 

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