Nordstadtblogger

70 Jahre Deutsch-Französische Gesellschaft: Älter als die Bundesrepublik und ein Zeichen einer gelungenen Aussöhnung

70 Jahre Deutsch-Französische Gesellschaft – Anne-Marie Descotes, Botschafterin Frankreichs. Fotos: Klaus Hartmann

Von Gerd Wüsthoff

1948, am 8. Dezember, wurde die Deutsch-Französische Gesellschaft in Dortmund gegründet und ist damit noch vor der Verkündung und Inkrafttreten des Grundgesetzes aktiv geworden. Erste Visionäre, mit Billigung der britischen Besatzungsmacht, hatten im kriegszerstörten Europa die Idee die unheilige „Erbfeindschaft“ zu überwinden. Es war immer wieder diese „Erbfeindschaft“ zwischen den Franken jenseits des Rheins und den Franken, Alemannen, Sachsen diesseits des Rheins, die Europa seit dem 30-Jährigen Krieg in Chaos gestürzt hatten. Hörte man früher, auch nach dem Elysée-Vertrag noch häufig das Schimpfwort „Boche“, so sagte Emmanuel Macron bei seiner Rede am Volkstrauertag, 11. November 2018, im Reichstag: „Frankreich liebt sie!“

Ein Jubiläum der Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich

Klaus Wegener, Präsident der Auslandsgesellschaft

Der Festakt zur 70-Jahr-Feier der Deutsch-Französischen Gesellschaft fand in der Rotunde des Museums für Kunst und Kulturgeschichte  statt. Durch das Programm führten das Leitungstream der Deutsch-Französischen Gesellschaft, Odile Brogden, Pascale Gauchard und David Babin. Die geladenen Gäste wurden mit Sekt empfangen, der dafür sorgte, dass man beschwingter, gelöst und erwartungsfroh in die Rotunde hinaufstieg, um den kommenden Reden zu lauschen.

___STEADY_PAYWALL___

„Welch ein Wandel! Fünf Jahre nach dem 1. Weltkrieg marschierten französische Truppen in das Ruhrgebiet ein; fünf Jahre nach dem 2. Weltkrieg veranstaltet das Auslandsinstitut in Dortmund eine Ausstellung französischer Bücher“, sagte 1950 Stefan Albring, Gründer des Auslandsinstitutes, später Auslandsgesellschaft. Früh schon kamen renommierte Autoren zum Kulturaustausch als Referenten nach Dortmund. So etwa Alfred Grosser und Joseph Rovan. Der Jubilar unterstütze die Einrichtung des bilingualen, deutsch-französischen, Zweiges am Max-Planck-Gymnasium.

Oberbürgermeister Ullrich Sierau

Klaus Wegener, aktueller Präsident der Auslandsgesellschaft, und seit kurzem der Honorarkonsul von Ghana, eröffnete mit seiner Rede den offiziellen Abend. Ihm folgte Oberbürgermeister Ullrich Sierau in seiner dem Anlass angemessenen launigen Ansprache, um das Rednerpult Anne-Marie Descôtes, Botschafterin der Republik Frankreich in Deutschland zu Überlassen.

Für Wegener war es wichtig zu betonen, dass die Deutsch-Französische Gesellschaft noch vor der Auslandsgesellschaft (am 28. März 1949) –  fast ein Jahr nach der Gründung des Jubilars gegründet wurde. Drei Jahre nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg, der von Deutschland ausging, startete man mit dem Versuch aus der Erbfeindschaft eine Freundschaft zu bilden. „Diese Freundschaft basiert auf einer Völkerverständigung im Geiste von Humanismus und Tolleranz“, betonte Klaus Wegener. Früh in de 1950ern wurden erste Kontakte nach Amiens geknüpft, die zur Besiegelung der Städtepartnerschaft im Jahr 1960 führten.

Emmanuel Macron war als Austauschschüler in Dortmund

Wolfram Kuschke, Ex-Europaminister (2. v. r.) und Erich G. Fritz, Ex-MdB

OB Ullrich Sierau wies in seiner Ansprache auf die verstorbene Ursula Sternkopf und ihren Einsatz für die Deutsch-Französische Gesellschaft hin. Er betonte in der Rede das Verbindende zwischen Deutschland und Frankreich, und wie sehr die entstandene Freundschaft aktiv gelebt wird.

„Es ist nicht nur eine politisch und wirtschaftliche Freundschaft, zwischen unseren Ländern, sondern vor allem auch eine persönliche, wie viele Eheschließungen und intensive Freundschaften beweisen, aus den gegenseitigen Besuchen und den Schüler Austauschen“, betonte der Oberbürgermeister.

Auch für Sierau war die Gründung der Deutsch-Französischen Gesellschaft vor der der Bundesrepublik einen positiven Blick wert, wie er auch darauf hinwies, dass die anwesende Botschafterin sich schon vor Monaten im Golden Buch der Stadt Dortmund verewigt habe. Sierau äußerte nicht nur seine Freude über die bevorstehende 60-Jahr Feier mit der Partnerstadt Amiens 2020, sondern auch, dass Generalkonsulin Olivia Berkeley-Christmann anwesend war.

Emmanuel Macron ISBN 978-3-95890-183-4

Wie Sierau kam auch Descôtes in ihrer Ansprache auf den Schüleraustausch zwischen Amiens und Dortmund und darunter eines gewissen Emmanuel Macron nach Dortmund zu sprechen.

Nordstadtblogger hat diese Aussage nicht ruhen lassen und recherchierte diesbezüglich. In der Biografie, „Emmanuel Macron: Ein Visionär für Europa – eine Herausforderung für Deutschland“, erschienen im Europa Verlag, schreibt Michaela Wiegel, dass Emmanuel Macron anläßlich eines Schüleraustausches in Dortmund war.

Jetzt wäre es für die Stadt und die Nordstadtblogger interessant wer eventuell der Austauschpartner und wer die Gasteltern waren. (Melden Sie sich: info@nordstadtblogger.de).

Schüler-, Jugendaustausche und das Lernen der Sprache des „anderen“ verbindet

1963 unterzeichneten Charles de Gaulle und Konrad Adenauer den Elysée Vertrag, der zum offiziellen Beginn der Deutsch-Französischen Freundschaft wurde. Drei Jahre zuvor, 1960, besiegelten die Stadt Dortmund und die Stadt Amiens ihre Städtepartnerschaft.

„Als Stadtgesellschaft sind wir stolz auf die freundschaftliche Partnerschaft mit Amiens. Städte mit stolzen ,Citoyen‘ die für ihre Rechte eintreten“, sagte Sierau bewegt. Er schloss mit einem an Eindringlichkeit kaum zu überbietenden Appell für die Wahl zum Europaparlament 2019, um die europäischen, demokratischen Kräfte dabei zu stärken.

Botschafterin Descôtes sorgte für amüsiertes Lachen, nachdem man ihr eine Podest hinter dem Rednerpult aufgebaut hatte. „Ich weiß nicht was es bedeuten soll, dass ich hier nun ,élevée‘ bin“, lachte sie zu Beginnn ihrer Ansprache.

70 Jahre Deutsch-Franzoesische Gesellschaft. Feier im Museum für Kunst- und Kulturgeschichte Dortmund

Sie spannte ihren Bogen vom Ende des Ersten Weltkrieges, „der vergangene Woche, am 11. November 1918 mit dem Waffenstillstand endete“, zur Rede von Macron am Volkstrauertag im Reichstag. „

Ich danke ausdrücklich der Deutsch-Französischen Gesellschaft für ihr Engagement zum Austausch und der Verständigung zwischen unseren Völkern“, so die Botschafterin und bezog in der Folge die Auslandsgesellschaft in Dortmund mit ein.

Descôtes bedauerte allerdings, dass sich bundesweit im letzten Jahr etwa 300.000 SchülerInnen weniger für Französisch als Fremdsprache entschieden haben. „Die Sprache aber ist die Voraussetzung für Verständigung“, sagte sie. Die Schüler sind die Multiplikatoren, die der Deutsch-Französischen Freundschaft auf privater Ebene immer wieder neue Impulse geben.

Die Städtepartnerschaften, betonte die Botschafterin, seinen die beste Voraussetzung für die lokale Vernetzung auf offiziellen und persönlichen Ebenen. „Nichtsdestotrotz bedarf der Elysée Vertrag einer ständigen Revitalisierung“, betonte Descôtes gegen Ende ihrer Ansprache. Sie lobte ausdrücklich die Ernennung von Ministerpräsident Erwin Laschet zum Beauftragten des Deutsch-Französischen Dialogs und Kulturaustausch.

Die Deutsch-Französische Gesellschaft engagiert sich in vielen Gebieten für den Austausch

Pascale Gauchard

„Wir begleiten auch Schulgruppen bei Studienfahrten zum Beispiel nach Straßburg und in unsere Partnerstadt Amiens“, erklärt Pascale Gauchard.

Daniel Brandes, Deutsch-Französischer Jugendaustausch e.V., und Stefan Endell, zuständig für PR bei der Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa e.V., berichteten im Anschluss von ihren Erfahrungen mit dem und über den Jugend- und SchülerInnen-Austausch zwischen Deutschland und Frankreich. Wie sie auch weitere „101 Ideen!“ für einen vermehrten Austausch von Jugendlichen aus Deutschland und Frankreich haben.

Eine Ehrung erhielten Ingeborg Christ und Waltraud Schleser für die Buchprojekte, „Ideen“, ein Arbeitsbuch für Lehrkräfte, und „Galadio“, ausgezwichnet mit dem „Prix Rovan“.

70 Jahre Deutsch-Franzoesische Gesellschaft. Feier im Museum für Kunst- und Kulturgeschichte Dortmund

Bei Galadio handelt es sich um einen Roman von Didier Daeninckx über das Schicksal eines Jungen aus Duisburg-Ruhrort. Dessen Vater war ein schwarzer, französischer Soldat während der französischen Ruhrbesetzung war.

Es beleuchtet das Leben des Helden bis und nach der Machtergreifung der Nazis und seiner Flucht vor dem Rassenwahn. Der Junge kann sich nur vor dem Rassenwahn retten, weil er es schafft als „schwarzer“ Komparse in UFA – Nazi Filmen zu spielen. Bei Dreharbeiten in Afrika gelingt ihm die Flucjt und er beginnt seinen Vater in Frankreich zu suchen.

Veye Tatah von Afrika Positive betonte in ihrer Ansprache, dass auch das ehemals französische koloniale Afrika mit in den Austausch einbezogen fühlt. Tatah wies aber zugleich auf die Notwendigkeit der Überwindung von alten Kolonialstrukturen hin.

Véronique Elling ist eine Verkörperung der gelebten Deutsch-Französischen Freundschaft

Konzert „Paris chéri“ mit Veronique Elling und mit dem emotionalen Abschluss der „Marseillaise de l´Espoir“

Véronique Elling beendete den wortreichen Abend mit ihren Chansons und Texten ihres Programmes „Paris chéri“. Amüsant, locker trug sie ihre Texte und kurzen Erzählungen vor. Ihr Gesang entführte dann vollends nach Frankreich, besonders mit ihrer Gesangs-Homage an Barbara und Edith Piaf. Sie schloss ihr Konzert, begleitet von einem Akkordeon, Jurij Kandelja, mit der von ihr neu getexteten Marseillaise.

Die Nationalhymne Frankreichs ist ein altes Lied mit altem teilweise recht blutigem Text. Elling beeindruckte mit ihrer Textversion auch Präsident Macron, der erwägt den Text der Hymne entsprechend zu ändern. Ellings Texte und Lieder sind gelebte Deutsch-Französische Freundschaft.

Die Marseillaise als Freundschafts- und fast Liebeslied, „Marseillaise de l´Espoir“ ging nicht spurlos an den Gästen des Festaktes im MKK vorbei. Elling verlor ihren Sohn Victor (16) bei einer von der ISIS reklamierten Messerattacke (2016) in Hamburg, wo sie mit ihrem Lebensgefährten und Tochter lebt. Vielleicht sind deshalb gerade ihre Liedtexte so tiefgehend, und mit der immer wiederkehrenden, eindringlichen Botschaft der Liebe für, zu und miteinander.

Kommentar

Es bedurfte nach dem Zweiten Weltkrieg besonderen Mut auf beiden Seiten, in Deutschland und Frankreich, sich bewusst auf den Weg zur Freundschaft und Aussöhnung zu machen. Eine immer wieder düster betonte „Erbfeindschaft“ zu überwinden und in eine echte Freundschaft zu wandeln. Die Verträge von Versailles waren ein Fehler wie heute geurteilt wird. Sicher, manche mögen heute vielleicht jeweils ein Idealbild vom anderen im Kopf haben, doch sind sie nicht weit von den Realitäten entfernt. Dies kann der Autor von Nordstadtblogger bestätigen, da er auf beiden Seiten des Rheins familiäre Wurzeln hat. Ein zukünftiger gemeinsamer Staat, eine Bundesrepublik Franco-Allemand, warum nicht? „Frankreich liebt sie!“, Emmanuel Macron.

Weitere Informationen:

  • Vereinigung Deutsch-Französsicher Gesellschaften für Europa e.V. www.vdfg.de
  • Deutsch-Französischer Jugendausschuss e.V. www.dfja.eu
  • Prix Joseph Rovan https://vdfg.de/prix-rovan-2016-geht-nach-duisburg-kiel-und-frankfurt/
  • Schüler- und Jugendaustauschideen www.froodel.eu
  • Véronique Elling www.veroniqueelling.com

 

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Infos

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen