Wissen aus Jahrhunderten steht auf 24 Regalkilometern im Untergeschoss

Die Stadt- und Landesbibliothek hütet erhaltenswerten Lesestoff

Markus Luhmann und Heike Fonteyne
Im Magazin der Stadt- u. Landesbibliothek Dortmund – Markus Lohmann und Heike Fonteyne. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Von Susanne Schulte

In den Untergeschossen der Bücherei am Max-von-der-Grün-Platz hütet die Stadt einen großen Schatz: Auf den 24 Kilometern Regale ist Platz für 800.000 Bände Literatur, darunter Erstausgaben und seltene Exemplare, die bereits im 18. Jahrhundert gedruckt wurden. Den Überblick in Räumen und Gängen hat seit 2015 Heike Fonteyne.

Mit 22.000 Bänden begann 1908 der Betrieb der Stadtbücherei

Im Magazin der Stadt- u. Landesbibliothek Dortmund. Logo der frühen Bücherei
Der Gründungsname: Wilhelm-Auguste-Viktoria-Bücherei. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Einmal im Jahr öffnet sie das Magazin dreimal am Abend für Gäste und führt diese entlang der gelagerten Sammlungen. Am 19. September 2026 ist es wieder soweit: Unter dem Titel „Wissen in der Unterwelt“ können im Rahmen der Museumsnacht jeweils um 18.30, 20 und 21.30 Uhr 25 Personen mit Heike Fonteyne ihr Wissen über den Wissensdurst der Dortmunder*innen der vergangenen Jahrzehnte stillen.

Die Wilhelm- und Auguste Viktoria-Bücherei schloss am 16. Mai 1908 ihre Türen für die Leser*innen auf, die sich von den 22.000 Bänden, die man seit Juli 1907 gekauft und bereits vorher von Bürger*innen gespendet bekommen hatte, einen oder mehrere ausleihen konnten.

Im Magazin der Stadt- u. Landesbibliothek Dortmund
Das Buch hat Gerald von Swieten geschrieben – der Leibarzt von Kaiserin Maria Theresia. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Die Bevölkerung war im Jahrhundert davor stark gewachsen: von 4000 Einwohner*innen im Jahr 1815 auf 142.733 im Jahr 1900. „Eine Gemeinde, die keine Bibliothek hat, ist wie ein Bauernhof ohne Brunnen“, so habe die Dortmunder Zeitung 1904 geschrieben, erzählt Fonteyne.

Dieser Meinung waren auch zahlreiche Menschen der Stadt sowie auch die Verwaltung, die bereits den 1898 angelegten Bibliotheksfond mit Büchern und Geld füllten. Die Bibliothek war als Einheitsbücherei angelegt. Ihr Bestand umfasste sowohl die Werke einer Volksbücherei wie die einer wissenschaftlichen Bücherei.

Lektüreausleihe im selben Gebäude wie die Geldausleihe

Eine Reihe Regalmeter sind vollgestellt mit Büchern aus dem Mitte des 16. Jahrhundert gegründeten Archi-Gymnasiums, dem heutigen Stadtgymnasium. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Neben dem Rathaus am Alten Markt war unter der Planung von Stadtbaurat Friedrich Kullrich das Bibliotheksgebäude entstanden, in dem auch die Sparkasse untergebracht war.

Als Bibliotheksdirektor wurde Dr. Erich Schulz eingestellt, der sich selbst im Laufe seines Lebens eine umfangreiche Privatsammlung zu Hause anlegte. Diese steht jetzt ebenfalls im Magazin, „ist abgeschlossen und wird nicht ausgeliehen“, so Fonteyne im Vorübergehen am entsprechenden Regal.

Im Magazin der Stadt- u. Landesbibliothek Dortmund. Seltene nicht ausleihbare Bücher
Im Magazin  stehen die seltenen und teils nicht ausleihbaren Bücher. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Das gilt auch für viele andere Bücher. Sie beurteilt unter anderem, durch welche geblättert werden darf, welche man befristet aus der Hand geben kann und welche noch zu kopieren sind.

Bei der Zahl der Magazin-Bände eine ewige Aufgabe. Ja, es kommen ja immer noch viele dazu, doch die historischen Bestände sind mittlerweile eine abgeschlossene Sammlung: „Wir kaufen nichts mehr hinzu.“

Besonders geschätzt in Fachkreisen ist die umfangreiche Westfalica-Sammlung

Bücher von Henriette Davids gehören zur Sammlung Westfalica. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Für die Anfangsjahre der Dortmunder Bibliothek galt das jedoch nicht. Nach dem Ende des ersten Weltkriegs änderte die Bücherei ihren Namen und hieß nun Stadtbibliothek. Direktor Erich Schulz ließ zunehmend wissenschaftliche Werke kaufen und legte Sammlungen an.

Darunter ist auch die weit über Dortmund hinaus geschätzte Westfalica-Sammlung, zu der die lückenlose Sammlung westfälischer Autor*innen der Vergangenheit und Gegenwart gehört: Da finden sich Kochbücher von Henriette Davidis, Romane und Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff und Aufzeichnungen der Herren von der Recke.

Der Westfalica-Sammlung verdankt die Dortmunder Bücherei auch den Ehrentitel Landesbibliothek, der ihr 1932 zum 25jährigen Bestehen durch den Provinzialverband verliehen wurde.

Schon sechs Jahre nach der Eröffnung passte kein Buch mehr in die Regale

Schon sechs Jahre nach Eröffnung war die Einrichtung überfüllt mit Büchern. Platz war für 100.000 Stück, 135.000 waren es, die nicht nur in den Regalen standen, sondern sich auch in den Gängen stapelten. Nachdem die Sparkasse 1924  ihren Neubau an der Hansastraße bezog hatte, entspannte sich die Lage.

Im Magazin der Stadt- u. Landesbibliothek Dortmund
Im Magazin der Stadt- u. Landesbibliothek Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Knapp 20 Jahre später stand das Haus am Alten Markt nicht mehr. In der Nacht auf den 6. Mai 1943 wurde es beim ersten von acht Luftangriffen zerstört.

Vorher hatte man bereits 70.000 wertvolle Bände in der Nähe vom Möhnesee in Sicherheit gebracht, die zu diesem Zeitpunkt 250.000 in Dortmund verbliebenen gingen in Flammen auf. Direktor Schulz erlebte die Zerstörung nicht mehr. Er war 1941 gestorben.

Nur 70.000 Bände überstanden den Krieg – sie waren ausgelagert

Der Kapselkatalog war bis 1943 in Betrieb.
m Magazin der Stadt- u. Landesbibliothek Dortmund Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Nach dem Krieg öffnete die Bibliothek 1948 ihren Betrieb im Schulte-Witten-Haus in Dorstfeld. Schon drei Jahre früher,1945, wurde die Städtische Volksbücherei mit Filialen in Hörde, Syburg und Asseln in Betrieb genommen. Ihr Leiter war Fritz Hüser, der um Buchspenden bat, weil es wenig zu lesen gab. Er nahm alles an, aber „keine Abenteuer-, Liebes- und Kriminalromane“, zitiert Heike Fonteyne aus seinem Aufruf.

Im Magazin der Stadt- u. Landesbibliothek Dortmund. Markus Lohmann steht in den Gängen. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Das neue Haus der Bibliotheken entstand am Hansaplatz und öffnete am 2. Juli 1958. Untergebracht waren dort die Stadt- und Landesbibliothek als Magazinbibliothek, die Bücherei-Mitte mit der Kinder- und Jugendbücherei sowie die Verwaltung der Volksbüchereien und das Institut für Zeitungsforschung.

40 Jahre später hatte dieser Bau ausgedient. Gegenüber vom Hauptbahnhof zogen Bücher und Belegschaft 1999 in ein neues Haus um. Das Magazin, das hier auf 3000 Quadratmeter Platz fand, sei schon etwas ganz Besonderes, da Stadtbibliotheken keinen Sammel- und Archivierungsauftrag hätten, erzählt Heike Fonteyne.

Logbücher von Captain Cook und dem Leibarzt der Kaiserin

Im Magazin der Stadt- u. Landesbibliothek Dortmund
Ein Buch von Schiffen, auf denen Captain Cook unterwegs war. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Und so ist auch ein Gang durch die Gänge im Untergeschoss etwas Besonderes. Die Magazinchefin zeigt Logbücher von Schiffen, auf denen Captain Cook unterwegs war, holt ein Buch hervor, das Gerald von Swieten geschrieben hat, der Leibarzt von Kaiserin Maria Theresia. Ihn schickte die Monarchin im 18. Jahrhundert auch zum Balkan, um dort die Vampirlage zu klären.

Eine Reihe Regalmeter sind vollgestellt mit Büchern aus dem Mitte des 16. Jahrhundert gegründeten Archi-Gymnasiums, dem heutigen Stadtgymnasum. Fonteyne zeigt noch so viel mehr: den Kapselkatalog, die vollständig erhaltenen Bestandsbücher seit 1907, Erstausgaben sowie das erste Buch, das die Bibliothek 1907 kaufte. Und das Buch, durch den der Bücherwurm sich fraß.

Am 19. September wieder möglich: ein Besuch im Magazin

Bei all diesen Schätzen ist es kein Wunder, dass die Räume nicht öffentlich zugänglich sind. Doch für Besucher*innen könnte es ohne Aufsicht auch gefährlich sein.

Im Magazin der Stadt- u. Landesbibliothek Dortmund Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Denn die Rollregale lassen sich mit lediglich einem leichten Handgriff verschieben – und von dem Gewicht von 3000 bis 4000 Büchern möchte sich niemand erdrücken lassen, der übersehen wurde.

Aber das kann ja nicht passieren, wenn Heike Fonteyne am 19. September mit ihren Erklärungen die Gäste um sich herumscharrt und die somit gar nicht auf die Idee kommen, die Kurbeln anzufassen.


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

Unterstütze uns auf Steady

Reaktion schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert