
Die DSW21 startet in Kooperation mit der Essener Firma Staige ein Pilotprojekt, in dessen Zuge Künstliche Intelligenz (KI) zur schnelleren Erkennung von aggressivem Verhalten oder körperlichen Auseinandersetzungen am Dortmunder Hauptbahnhof erprobt werden soll. Besonders wichtig war es den Verantwortlichen zu betonen: Das Pilotprojekt bedeutet keine KI-gestützte Dauerüberwachung am Hauptbahnhof.
Wie genau wird die KI am Hauptbahnhof eingesetzt?
Auf der Verteilerebene über der Stadtbahn-Station „DO-Hauptbahnhof“ sind sieben Kameras angebracht, die schon vor dem Pilotprojekt das Geschehen dort beobachteten und von Mitarbeiter:innen in der Leitstelle überwacht wurden. Zusätzliche Kameras werden für das Projekt nicht installiert, es werden ausschließlich die bereits vorhandenen genutzt.
In der Leitstelle gibt es mit Beginn des Pilotprojekts einen zusätzlichen schwarzen Bildschirm. Dieser bleibt die ganze Zeit schwarz, bis das KI-System ein Verhalten erkennt, das es als aggressiv oder gefährlich einstuft. Dazu vergleicht die eingesetzte KI die aktuellen Kamerabilder fortlaufend mit hinterlegten Mustern körperlicher Auseinandersetzungen und betrachtet dabei nicht nur einzelne Bewegungen, sondern die gesamte Situation in ihrem räumlichen Zusammenhang. ___STEADY_PAYWALL___

Erst wenn das System mit hoher Wahrscheinlichkeit ein solches Muster feststellt, zeigt der Bildschirm die Übertragung der Kamera an, die den besten Blick auf das Geschehen hat. Dann kann ein:e Mitarbeiter:in in der Leitstelle reagieren, etwa mit einer Durchsage im Bahnhof oder der Information an Einsatzkräfte. Das KI-System unterstützt am Ende also lediglich und hat keine eigene Entscheidungsgewalt.
Gewählt wurde die Verteilerebene, weil dort im DSW21-Kontext am häufigsten größere Menschenansammlungen auftreten, etwa an BVB-Spieltagen oder wenn mehrere Großveranstaltungen in der Stadt zusammenfallen. Solche Situationen lassen sich mit dem menschlichen Auge und herkömmlichen Kameras nur schwer im Detail erfassen, hier soll die KI eine Entlastung für die Mitarbeiter:innen und einen Sicherheitsgewinn für die Kund:innen bringen.
DSW21: Es findet keine automatisierte Überwachung statt
Bei den Worten KI und Videoüberwachung tauchten bei vielen sofort Schreckensszenarien im Kopf auf, so der Verkehrsvorstand von DSW21, Ulrich Jaeger. Doch darum gehe es hier nicht.

„Wir wollen nicht die Leute beobachten.“ Biometrische Daten, also eine automatisierte Identifizierung von Personen, würden „zu keinem Zeitpunkt“ erhoben. Ausgewertet werden stattdessen lediglich Bewegungsmuster und Körperhaltung.
Zur Sicherheit war es dem Verkehrsvorstand auch wichtig zu betonen: Der Dortmunder Hauptbahnhof sei vergleichsweise sicher. In den letzten zwölf Monaten habe es auf der Verteilerebene 20 Fälle gegeben, bei denen jetzt das KI-System vermutlich ausgeschlagen hätte. Das sei immer noch zu viel, zeige aber, dass der Bahnhof trotzdem sicher sei.
KI arbeitet datensparsam und ist keine „rassistische KI“
Die Firma hinter dem Projekt: Staige GmbH. Sie bietet digitale, KI-basierte Werkzeuge zur Videoanalyse von Verhalten im öffentlichen Raum an und kooperiert beispielsweise mit der Berliner Polizei. Das Dortmunder IT-Unternehmen Adesso SE hält Anteile an Staige.

Jan Taube, CEO von Staige, betont, wie datensparsam die KI-gestützte Videoanalyse funktioniere. „Das System funktioniert lokal, hat keinen Zugriff aufs Internet und unterliegt den Datenschutzbestimmungen der DSW21.“ Das bedeutet bisher: 94 Stunden lang werden die Videoaufnahmen gespeichert, danach werden sie automatisch gelöscht, es sei denn, sie werden von der Polizei als Beweismittel angefordert.
Das KI-System wurde mit vorhandenem Material so trainiert, dass es Situationen wie ein Mensch einschätzen soll. Kritisch diskutiert wird dabei die Frage, ob die KI einer rassistischen Voreingenommenheit unterliegen könnte, etwa dann, wenn sie überwiegend mit Material trainiert würde, in dem Menschen mit Migrationshintergrund aggressiv auftreten.
Genau darauf wurde geachtet: Das Trainingsmaterial sei nach anerkannten Standards ausgewählt worden, um eine solche Voreingenommenheit zu verhindern. Die Projektverantwortlichen gehen dementsprechend davon aus, „dass es nicht passiert.“
Fahrzeuge des ÖPNV bei Erfolg der nächste Schritt
Das Pilotprojekt soll laut Projektleiter Leon Herf bis Ende des Jahres laufen. Danach werde man evaluieren, ob es fortgeführt wird. „Wenn es nicht funktioniert, schauen wir, was wir machen müssen, damit es funktioniert“, ergänzt Jaeger. Auf den Einsatz von KI wolle man in Zukunft in jedem Fall setzen.
Sollte das Projekt erfolgreich sein, könnte sich die DSW21 vorstellen, die Technik auch in Fahrzeugen des ÖPNV einzusetzen. Das Pilotprojekt soll bis spätestens Montag starten, auf der Verteilerebene wird schon mit Schildern darauf hingewiesen.
Das Pilotprojekt hat laut Projektleiter Herf einen finanziellen Umfang von 40.000 Euro. Sollte es positiv verlaufen, könnte laut den Verantwortlichen auch das Land Nordrhein-Westfalen an einem Einsatz dieser Technologie Interesse haben.
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!


Reaktionen
Sonja Lemke, Mitglied des Bundestags für die Linke
Am 26. August startete DSW21 KI-gesteuerte Videoüberwachung im Dortmunder Hauptbahnhof. Dazu Sonja Lemke, Mitglied des Bundestags für die Linke:
„Mit diesem KI-System wird Dortmund zur Überwachungsdystopie. Das Verhalten von allen Dortmunder*innen wird automatisiert bewertet und alles was von der Norm abweicht alarmiert das Überwachungssystem.
Das Statement der zuständigen DSW21-Menschen zeigt, wie wenig sie wissen wie KI-Systeme funktionieren. Denn KI-Systeme verstehen kein Verhalten von Menschen und sie erkennen auch keine Gefahren. Sie wurden auf gigantischen Datenmengen trainiert und alles was dem dort ermittelten Durchschnitt nicht entspricht kann einen Alarm auslösen. Auch wenn es kein Notfall und keine Straftat ist. Jeder kann ins Visier geraten und die Daten von allen werden ausgewertet.
Diese KI-Überwachung führt gerade im Dortmunder Hauptbahnhof zu noch mehr Ausgrenzung von armen und obdachlosen Menschen. Nachdem durch das Bettelverbot schon diesen Menschen die Lebensgrundlage entzogen wurde, wird jetzt in einem der wenigen wettergeschützten Bereiche in der Innenstadt ein System aufgebaut, das alleine bei Aufenthalt zur Alarmierung des Sicherheitsdienstes führt. Das ist Menschenverachtend!“
Bei dem KI-System handelt es sich um einen Test, der bei Erfolg auf die ganze Stadt ausgeweitet werden soll.
Sonja Lemke: „Es ist jetzt Zeit sich gegen diesen Angriff auf unsere Grundrechte zu wehren! Wir müssen jetzt laut werden und DSW21 klar machen, dass wir das nicht akzeptieren.
Da es sich um einen Test handelt, kann jede*r Dortmunder*in dafür sorgen, dass er fehlschlägt. Einfach indem man das KI-System auslöst, wenn man sich im Bahnhof aufhält: Tanzt, taumelt, vermummt euch, boxt in die Luft oder legt euch auf den Boden. Alles was von der Norm abweicht macht es schwieriger uns zu überwachen.“