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Ubbo de Boer hört als Nordstadt-Obmann auf: Kein „Edelpraktikant“, aber ein erfolgreicher Kümmerer

Ubbo de Boer hört als Nordstadt-Obmann auf. Doch das Kuratorium Nordwärts wird er weiter führen. Fotos: Alex Völkel

Ubbo de Boer hört als Nordstadt-Obmann auf. Doch das Kuratorium Nordwärts wird er weiter führen. Fotos: Alex Völkel

Die Nordstadt verliert ihren ehrenamtlichen Obmann: Ubbo de Boer hat dem ebenfalls scheidenden Oberbürgermeister mitgeteilt, dass er dieses zeitintensive Ehrenamt niederlegt. Aus persönlichen Gründen – de Boer ist seit diesem Jahr Witwer – möchte er nicht mehr so viel Gremienarbeit haben und an so vielen Sitzungen teilnehmen. Doch an einzelnen Projekten will er ebenso weiter mitwirken wie bei Nordwärts, wo er ja auch Kuratoriumsvorsitzender ist. Der Nordstadt wird er dabei eng verbunden bleiben – enger noch als bisher: er wird künftig im Hafenquartier wohnen.

BV war skeptisch, „ob da eine „Art Edelpraktikant des Quartiersmanagements“ kommt

Bürgermeisterin Birgit Jörder gehörte anfangs zu den Kritiker*innen der Berufung des Obmanns.

Als vor fast acht Jahren die Nachricht publik wurde, dass OB Ullrich Sierau den pensionierten Pfarrer und Klinik-Geschäftsführer Ubbo de Boer zum ehrenamtlichen Obmann beruft, war das Echo keineswegs nur positiv. Sowohl Nordstadt-SPD als auch die CDU Innenstadt-Nord waren skeptisch.  ___STEADY_PAYWALL___

„Ich würde mir wünschen, dass jemand nur mal ein Problem abräumt und nicht neue benennt“, sagte Bürgermeisterin Birgit Jörder. „Ich freue mich über ihr Engagement. Allerdings haben wir kein Erkenntnis-, sondern ein Handlungsdefizit in der Nordstadt“, sagte sie in der Bezirksvertretung, als die Nachricht bekannt wurde. Sie und andere Aktive fürchteten Parallelstrukturen.  

„Wir haben die Bezirksvertreter, die Ratsvertreter, das Quartiersmanagement, die Foren, Nachbarschaftskreise und viele andere Gruppen“, so die Bürgermeisterin. Ganz abgesehen davon, dass wohl die gewählten Bezirksvertreter die ersten Ansprechpartner der Bürgerinnen und Bürger sein sollten. Auch die CDU teilte die Bedenken der SPD: Der Boer dürfe nicht „zu einer Art Edelpraktikant des Quartiersmanagements“ werden, betonte der damalige CDU-Fraktionssprecher Thomas Bahr. 

Kritik gab es, weil die örtliche Politik an der Bestellung nicht ausreichend beteiligt wurde

Die damalige Skepsis ist verflogen, auch Ubbo de Boer kann über die Vorbehalte seinerzeit heute nur noch schmunzeln. Damit steht er nicht allein, auch die scheidende Bürgermeisterin Birgit Jörder sieht die Berufung jetzt anders: „Rückblickend würde ich die Arbeit von Ubbo de Boer als ausgesprochen hilfreich bewerten. Das liegt in der Person von Ubbo de Boer begründet. Er wurde vom Oberbürgermeister installiert und konnte so die Belange der Nordstadt gut an die Verwaltungsspitze herantragen und tat dies“, so Jörder. „Meine damalige Skepsis bezog sich ausschließlich darauf, dass die örtliche Politik an der Bestellung nicht ausreichend beteiligt wurde.“

Sehr versöhnlich fiel der Abschied von Bezirksbürgermeister Dr. Ludwig Jörder (li.) und Obmann Ubbo de Boer (re.) durch den stv. Bezirksbürgermeister Dorian Marius Vornweg aus.

Sehr versöhnlich fiel die Verabschiedung von Bezirksbürgermeister Dr. Ludwig Jörder (li.) und Nordstadt-Obmann Ubbo de Boer (re.) durch den stv. Bezirksbürgermeister Dorian Marius Vornweg aus.

„In der Rückschau erweisen sich diese Vorbehalte als unbegründet. Ein Problem im besten Sinne waren Sie seitdem sicherlich gelegentlich für Verwaltung, lokale Wirtschaft und andere Akteure, wenn es darum ging, für die Nordstadt etwas Gutes zu erreichen“, würdigte auch Bahrs Nachfolger, CDU-Fraktionschef Dorian Marius Vornweg in der letzten Sitzung der Bezirksvertretung das Engagement von de Boer.  

„Allerdings haben sich nicht bloß die Vorbehalte als falsch erwiesen, sondern es ist Ihnen zweifelsfrei gelungen das Amt des Obmannes durch Engagement und Leidenschaft mit Leben und Inhalt zu füllen. Ihre Nordstadt-Affinität ist authentisch, Ihre umfangreichen Netzwerke ziehen Sie selbstverständlich zum Nutzen des Stadtbezirks heran und hätte man Ihnen Sitzungsgeld zugesagt, so wäre das Loch in der Stadtkasse, in Anbetracht der Vielzahl an Terminen und Sitzungen, die Sie im Laufe der Jahre wahrgenommen haben, noch beträchtlich größer“, so Vornweg – zugleich stv. Bezirksbürgermeister.

„Deshalb möchte ich Ihnen herzlich für Ihr Engagement danken. Ich gehe davon aus, dass sich die Bezirksvertretung diesem Dank anschließt und wünsche Ihnen alles Gute für die Zeit danach. In der Nordstadt sind Sie jedenfalls immer gerne gesehen“, so Vornweg.

Ubbo de Boer: „Ich habe angepackt und wir haben gemeinsam gehandelt.“ 

Auf Einladung von Nordwärts fand eine Vorbereitung der Gründung einer Interessengemeinschaft statt.

Auf Einladung von Ubbo de Boer fand die Gründung einer Interessengemeinschaft Bornstraße statt.

„Rückblickend glaube ich, ein gutes Verbindungslement zwischen Bürger*innen, Politik und Verwaltung gewesen zu sein“, sagte de Boer. Dies sei gelungen, weil sowohl innerhalb der Bezirksvertretung als auch in der Verwaltung sein Rolle akzeptiert wurde. Er hat im Auftrag des Ob an einer Vielzahl von internen und externen Gremiensitzungen teilgenommen. Das „Abräumen von Themen“ sei ihm in den sieben Jahren gelungen: „Ich habe angepackt und wir haben gemeinsam gehandelt.“ 

Ihm fällt eine Vielzahl von Projekten und Vorhaben ein. Seit über fünf Jahren kümmert er sich um das Lotsen-Projekt von Auslandsgesellschaft und Rotary-Clubs – die verbindlich jährlich 15.000 Euro für das Vorhaben geben. „Das Projekt ist mein Kind – die Lotsen arbeiten hauptsächlich in der Nordstadt, weil es der Stadtteil des Ankommens ist“, so de Boer.

Doch auch um die Initiativen und Projekte von anderen hat er sich gekümmert: „Die Stadt Dortmund hat auch eine Menge Initiativen – das hat sich gegenseitig befruchtet.“ Bunte Schule, Kulturmeile, die Jugendfahrten des Jugendforums des Stollenparks u.a. zum Anne-Frank-Haus in Amsterdam. „Es gibt eine ganze Menge Beispiele, wo ich Menschen zusammengebracht habe.“ 

Hand in Hand gearbeitet sowie die eigenen Kontakte und Netzwerke genutzt

Gemeinsam mit anderen – beispielsweise mit Christian Schmitt – sei es ihm gelungen, dass mehr Privatleute und Firmen in der Nordstadt investieren und Problemhäuser wieder in Wert setzen. „Das habe ich immer handlungsorientiert gesehen.“ Dabei wurde allen Beteiligten deutlich, dass der Nordstadt-Obmann nicht mit „spinnerten Ideen“ um die Ecke kam, sondern oft die Verantwortung und das Heft des Handelns in die Hand nahm.

Dabei arbeitete er auch mit Birgit und Ludwig Jörder Hand in Hand – mittlerweile ist es echte Freundschaft:  „Es ist eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit. Es hat nie irgendwo einen öffentlichen Dissens gegeben. Wir haben alles vorher miteinander besprochen und uns ausgetauscht. Zu 90 Prozent waren wir immer einer Meinung und haben gemeinsam am selben Strang gezogen.“ Oft sind der scheidende Bezirksbürgermeister und der Obmann gemeinsam auf Terminen oder bei Gesprächen aufgelaufen. 

Nicht nur mehr oder weniger kluge Ratschläge von außen wollte er geben, sondern Dinge aufgreifen. Dies hat er bei der Organisation der Workshops für die Interessengemeinschaft Münsterstraße gemacht oder auch bei der Gründung der Interessengemeinschaft Bornstraße. 

Er hat seine Kontakte und Netzwerke genutzt und dabei auch für die Finanzierung verschiedenster Vorhaben gesorgt, „das, was richtig gut in die Strümpfe kommt“. Ob bei den Sprachscouts, den medizinischen Angeboten für nicht versicherte Zuwanderer*innen aus Südosteuropa oder die Erweiterung des Gast-Hauses.

Scheidender Obmann kritisiert teils schlechte Kommunikation innerhalb der Verwaltung

Verlassene Schrottplätze wie dieser geben der Bornstraße ein wenig attraktives Erscheinungsbild.

Schrottplätze gaben der Bornstraße ein unattraktives Erscheinungsbild. Darüber wurde lange diskutiert: Das i-Tüpfelchen: Diese Fläche gehört der Stadt.

Wichtig war ihm dabei immer die Beteiligung von Bürger*innen sowie die Einbindung von Akteur*innen vor Ort. Allerdings ist nicht jedes Projekt zu seiner Zufriedenheit gelaufen. Ein Beispiel ist der sogenannte Pocketpark an der Bornstraße. Bis zum Herbst 2019 sah es dort gut aus, bevor dort ohne Rücksprache eine Baustelle eingerichtet und der Park zu einem Bauhof wurde. 

„Das war so typisch“, beklagt de Boer diesen Fall als Beispiel für schlechte Kommunikation innerhalb der Verwaltung. Schon zuvor bei der Diskussion um die Brachfläche gab es Kopfschütteln: „Die Stadt hat ein Jahr gebraucht, um zu merken, dass das ihr Grundstück ist.“

Als die Fläche dann 2019 endlich als Pocketpark neu gestaltet war – unter anderem mit Patenschaft der Medienakademie WAM, deren Studierende sich um die Sauberkeit kümmerten – kam das Projekt nicht nur sprichwörtlich unter die Räder. Selbst nach der Wiederherstellung war der Spirit verflogen – und das ehrenamtliche Engagement.

Falsches Verwaltungshandeln oder Untätigkeit kann Aktive vor Ort demotivieren

Bei Nordwärts wird Ubbo de Boer  – hier mit OB Ullrich Sierau – noch weitermachen. Foto: Archiv

Ein gutes Projekt sei durch eine Nicht-Absprache zwischen Ämtern kaputt gemacht worden: „Das hat auch die Studenten demotiviert. Warum sollen die da morgens pflegen, wenn es der Stadt selbst nichts wert ist. Nach der Baustelle ist das Vorhaben nie wieder auf die Beine gekommen“ bedauert de Boer. 

„Das demotiviert die handelnde Leute“ – und war nicht die einzige Enttäuschung für die Aktiven an der Bornstraße: Auch die Gründung der Interessengemeinschaft Bornstraße hatte de Boer begleitet. Im Verlauf hatte die Stadtplanung versucht, die Anliegen aufzunehmen. „Wir wollten die Bornstraße attraktiver gestalten.“ 

Es gab eine ganze Menge Ideen, auch bei dem Workshop, zu dem die Stadtplanung eingeladen hatte. „Die übernahmen die Regie – seitdem gab es kein Zwischenergebnis mehr. Still und starr ruht der See“, bedauert de Boer. Die Akteure seien demotiviert und hätten sich abgewandt, weil es nicht vorwärts gegangen sei. 

Ubbo de Boer würde sich seine Nachfolge wünschen – aber abgestimmt mit der BV

Vielleicht könnte das ja eine Aufgabe für einen möglichen Nachfolger sein. „Ich glaube schon, dass das hilfreich ist, wenn jemand nachfragt, Menschen zusammen bringt und darauf achtet, dass Prozesse nicht im Sande versickern.“ Daher würde er sich einen Nachfolger für sich wünschen. 

Es sollte auch jemand sein, der dies nicht aus finanziellen Motiven macht. 15 bis 20 Stunden pro Woche sei er in diesem Ehrenamt unterwegs gewesen – seine monatliche Aufwandsentschädigung von 450 Euro musste er voll versteuern. „Ich bin ziemlich frei vom Verdacht, dass ich das aus finanziellen Gründen gemacht habe“, sagte Ubbo de Boer lachend.

Damit es stimmungsmäßig nicht so schlecht anläuft wie bei ihm, plädiert er dafür, dass der neue Oberbürgermeister das Thema mit der neu gewählten Bezirksvertretung diskutieren sollte –  ob  eine Nachfolge gewünscht ist und auch gemeinsam ein Profil zu entwerfen. „Das war der Fehler, der die Anfangsirritationen bei mir ausgelöst hat“, wünscht de Boer einer möglichen Nachfolge einen leichteren Start.

 

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