TU Dortmund digitalisiert Fotografien von ehemaliger Vogue-Chefin Angelica Blechschmidt

Chefredakteurin dokumentierte Exklusivität als auch Trivialität der Szene

Die ehemalige Vogue-Chefredakteurin Angelica Blechschmidt hat mit ihrer Kamera das Geschehen bei Modeschauen und Branchenevents eingefangen. Ihr fotografischer Nachlass soll nun archiviert werden. Foto: Angelica Blechschmidt / Archive Angelica Blechschmidt, estate represented by Kirsten Landwehr

Auf über 180.000 Einzelfotos hat Angelica Blechschmidt, ehemalige Chefredakteurin der deutschen Vogue, das Geschehen vor und hinter den Bühnen der Modewelt festgehalten. Ein Team um Dr. Jan C. Watzlawik vom Seminar für Kulturanthropologie des Textilen arbeitet daran, das umfangreiche „Modefotografie: Archiv Angelica Blechschmidt“ wissenschaftlich zu heben und international für die Forschung zugänglich zu machen. Die Vorstudie wird durch die TU Dortmund Young Academy gefördert.

Es soll ein wichtiges Archiv für die Mode entstehen

Mit ihrer kleinen Kompaktkamera hat die langjährige Vogue-Chefredakteurin bei Modenschauen und Branchenevents beinahe pausenlos das Geschehen eingefangen und die Filme zumeist über Nacht expressentwickeln lassen. „Der fotografische Nachlass von Angelica Blechschmidt ist ein wichtiges Archiv für die Mode“, sagt Dr. Jan C. Watzlawik, Kulturanthropologe mit den Schwerpunkten Materielle Kultur, Museen und Moden.

Das Team um Dr. Jan C. Watzlawik analysiert die zahlreichen Dokumente aus dem Nachlass von Angelica Blechschmidt, um die Sammlung systematisch als wissenschaftliche Quelle zu erschließen. Foto: M:AAB/TU Dortmund

„Ihre Sammlung zeigt nicht nur Trendentwicklungen, sondern dokumentiert auch umfassend die soziokulturellen Verhältnisse der Branche von den 1980ern bis in die 2000er-Jahre. Das macht sie zu einer wertvollen Quelle für kunst-, kultur- und sozialwissenschaftliche Forschungsprojekte.“

Neben ihren Fotos hat Angelica Blechschmidt bis zu ihrem Ruhestand 2003 auch zahlreiche Dokumente wie Einladungen, Korrespondenzen, Reise- und Schaupläne, Zeitschriften oder Artikelentwürfe gesammelt.

Unzählige Fotografien und Dokumente müssen inventarisiert werden

Nach ihrem Tod 2018 überließ Angelica Blechschmidt ihre umfangreiche Sammlung im Originalzustand der befreundeten Galeristin Kirsten Landwehr, die als Leihgeberin für das Projekt mit den TU-Wissenschaftler:innen kooperiert. Um die unsortierten Bilder und Dokumente für die Forschung zugänglich zu machen, hat das Team in einer Vorstudie einen ersten Teilbestand begutachtet und mögliche Arbeitsprozesse für die Inventarisierung der Sammlung erprobt.

Die Wissenschaftler:innen haben in der Vorstudie mögliche Arbeitsprozesse für die Inventarisierung erprobt, beispielsweise um die empfindlichen Negative effizient zu digitalisieren. Foto: M:AAB/TU Dortmund

Dazu haben die Wissenschaftler:innen zunächst alle verfügbaren Kontextmaterialien analysiert und über 580 Dokumente digitalisiert. Alicia Jablonski, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Kulturanthropologie des Textilen, erklärt:

„Die Dokumente, wie beispielsweise Schaupläne und Einladungen, ermöglichen uns eine Zuordnung der Einzelfotos – wann, wo und bei welchem Anlass sind die Aufnahmen entstanden? In Kombination mit den teilweise vorhandenen Beschriftungen von Angelica Blechschmidt lässt sich die Sammlung dadurch systematisch als wissenschaftliche Quelle erschließen.“

Dokumentation von Exklusivität und Trivialität der Modewelt

Basierend auf der entwickelten Ordnungsstruktur hat das Forschungsteam in der Vorstudie mehr als 530 Fotos eingescannt und kategorisiert. „Angelica Blechschmidt hatte weniger einen künstlerischen Anspruch an ihre Bilder mit der Kompaktkamera und hat sie auch nicht auf speziellem Papier entwickeln lassen. Und doch wird an der Sammlung deutlich, dass sie darin mehr als nur eine Gedankenstütze oder ein Hobby gesehen hat“, sagt Dr. Watzlawik.

Der fotografische Nachlass von Angelica Blechschmidt umfasst 101 Kartons, 5.000 Fotoboxen und 180.000 Fotografien. Foto: TU Dortmund

„Sie hatte auch ein publizistisches Interesse an ihren Schnappschüssen und hat sie beispielsweise in ihrer eigenen Kolumne „Flash!“ in der Vogue veröffentlicht.“

Bei seiner Analyse zum wissenschaftlichen Ertrag der Sammlung bewertet das Team auch, welche Aufnahmen und Dokumente zum Forschungsgegenstand gehören und was als Privates ausgeklammert wird – eine Grenze, die mitunter schwer zu bestimmen und fließend sei.

Jan C. Watzlawik sagt: „Die Sammlung zeigt auf der einen Seite die Rituale des Exklusiven, wie beispielsweise Care-Pakete zu Pariser Fashionshows, gesendet an ihre Gastadresse im Hôtel Ritz. Auf der anderen Seite hat sie mit ihren Aufnahmen auch das ordinäre Leben dieses exklusiven Zirkels dokumentiert, zu dem es damals für die Medien nur einen sehr kontrollierten Zugang gab.“

Nutzungsrechte: Einsatz von KI-Gesichtserkennung geplant

Sowohl für die vollständige Inventarisierung als auch für die juristische Klärung der benötigten Nutzungsrechte für eine potenzielle Forschungs- und Lehrdatenbank stehen die Wissenschaftler:innen vor der Herausforderung, alle abgebildeten Personen zu identifizieren. „Insbesondere für Gruppenbilder würden wir daher in Zukunft gerne KI-gestützt arbeiten, um Gesichter automatisch erkennen zu lassen“, sagt Alicia Jablonski.

Foto: TU Dortmund

Derzeit arbeiten die Wissenschaftler:innen an einem Folgeantrag, um in einem anschließenden Forschungsprojekt den vollständigen Bestand wissenschaftlich auszuwerten. Für die Digitalisierung und die Archivierung der gesamten Sammlung möchte das Team in Zukunft mit externen Partner:innen zusammenarbeiten, damit die große Menge an empfindlichen Negativen und Dokumenten möglichst schnell inventarisiert und fachgerecht konserviert werden kann.

Für die Vorstudie an dem fotografischen Nachlass erhält Dr. Jan C. Watzlawik eine Projektförderung der TU Dortmund Young Academy. Mit dem Programm unterstützt das Graduiertenzentrum der TU Dortmund promovierte Wissenschaftler:innen in der Qualifizierungsphase beim Aufbau eines drittmittelstarken Forschungsprofils. Weitere Informationen zum Projekt finden Interessierte hier.


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Reaktionen

  1. Einblick in „Vogue“-Nachlass: Studierende präsentieren Modegeschichte (PM)

    Die Ausstellung „Paris 2000. Momente von Mode“ gibt Einblicke in den Nachlass der ehemaligen „Vogue“-Chefredakteurin Angelica Blechschmidt. Vom Mittwoch, 6. Mai, bis Mittwoch, 20. Mai, ist die Schau im SUPERRAUM Dortmund an der Brückstraße 64 zu sehen. Der Eintritt ist frei.

    Studierende des Masterstudiengangs Kulturanalyse und Kulturvermittlung der Technischen Universität (TU) Dortmund haben die Ausstellung gestaltet. Im Mittelpunkt stehen Fotografien und Dokumente aus dem Nachlass, die die internationale Modeszene in Paris um die Jahrtausendwende zeigen.

    Die Arbeiten machen Mode nicht nur als ästhetisches Phänomen sichtbar, sondern auch als kulturelles Ereignis. Neben den Inszenierungen auf dem Laufsteg rückt die Ausstellung auch den Alltag hinter den Kulissen in den Fokus. Unterstützt wird das Projekt von Dortmund Kreativ.

    Die Ausstellung ist montags, dienstags und freitags von 15 bis 19 Uhr, samstags von 12 bis 20 Uhr sowie sonntags von 11 bis 15 Uhr geöffnet. Die Eröffnung findet am Mittwoch, 6. Mai, von 17.15 bis 19 Uhr statt.

    Angelica Blechschmidt dokumentierte über Jahrzehnte hinweg Modenschauen und Branchenevents und hinterließ ein umfangreiches Archiv mit Fotografien, Korrespondenzen und weiteren Materialien. Nach ihrem Tod im Jahr 2018 ging die Sammlung an die Galeristin Kirsten Landwehr über.

    Ein Forschungsteam der TU Dortmund hat Teile des bislang unsortierten Nachlasses wissenschaftlich erschlossen. „Der fotografische Nachlass von Angelica Blechschmidt ist ein wichtiges Archiv für die Mode“, sagt Jan C. Watzlawik. „Ihre Sammlung zeigt nicht nur Trendentwicklungen, sondern dokumentiert auch die soziokulturellen Verhältnisse der Branche.“

  2. „Momente von Mode”: Ausstellung im SUPERRAUM zeigt seltene Bilder und Dokumente einer Mode-Ikone (PM)

    Mode-Fans können in der Ausstellung „Paris 2000. Momente von Mode“ im SUPERRAUM (Brückstraße 64) hinter die Kulissen der Modeszene in Paris blicken. Studierende der TU Dortmund zeigen Fotografien und Dokumente der ehemaligen Chefredakteurin der deutschen Vogue, Angelica Blechschmidt. Der Eintritt ist frei.

    Die Ausstellung „Paris 2000. Momente von Mode“ im SUPERRAUM zeigt persönliche Postkarten von Donatella Versace, Yves Saint Laurent oder Karl Lagerfeld und zahlreiche Fotos – alles aus dem Archiv der ehemaligen Chefredakteurin der deutschen Vogue, Angelica Blechschmidt. Die Ausstellung läuft zum passenden Zeitpunkt: Aktuell läuft der Film „Der Teufel trägt Prada 2” im Kino, der sich mit der ikonischen Hauptdarstellerin Miranda Presley stark an der amerikanischen Vogue-Chefredakteurin Anna Wintour orientiert.

    Verborgenen Inhalte der internationalen Modeszene in Paris

    Studierende des Masterstudiengangs Kulturanalyse und Kulturvermittlung an der TU Dortmund widmeten sich dem bislang kaum zugänglichen Fotoarchiv zum Nachlass von Angelica Blechschmidt. Die Ausstellung konzentriert sich auf die internationalen Modeszene in Paris um die Jahrtausendwende. Die Studierenden präsentieren dabei einen besonderen Einblick hinter die Kulissen: Fotografien und Dokumente der Mode werden nicht als Trend dargestellt, sondern auch als kulturelles Ereignis. Es wird sichtbar, wie Mode entsteht: durch Bilder, Begegnungen und persönliche Netzwerke.

    Geöffnet ist die Ausstellung am Montag, Dienstag und Freitag: von 15 bis 19 Uhr, am Samstag: von 12 bis 20 Uhr und Sonntag: von 11-15 Uhr. Die Ausstellung endet am 20. Mai.

    Hintergrund

    Die ehemalige Chefredakteurin der deutschen Vogue, Angelica Blechschmidt, war sowohl für ihre hoch toupierten Haare bekannt als auch für ihre Leidenschaft, selbst Bilder mit ihrer kleinen Kamera zu fotografieren. Sie fotografierte das Geschehen bei Branchenevents und Modeschauen. Dabei sammelte sie zahlreiche Dokumente, zum Beispiel Einladungen oder Zeitschriften. 2003 verließ Angelica Blechschmidt die Vogue, um in den Ruhestand zu gehen. Nach ihrem Tod 2018 überließ sie ihre umfangreiche Sammlung im Originalzustand einer Galeristin. Ein Team um Dr. Jan C. Watzlawik vom Seminar für Kulturanthropologie des Textilen an der TU Dortmund hat die unsortierten Bilder und Dokumente für die Forschung zugänglich gemacht. Sie eröffneten damit einen neuen Blick in die Zeit zur Jahrtausendwende in Paris.

    Begleitprogramm

    Das Begleitprogramm bietet spannende Workshops und Führungen: Zum Beispiel den Fashion Backstage-Workshop mit Alicia Jablonski am 8.,9.,11.,16. und 18. Mai oder die Fashion Ephemera-Führung mit Hannah Langer am 10., 15., 17. und 20. Mai. Genauere Infos zum Programm gibt es unter

    dortmund-kreativ.de/superraum

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