Auf neun Friedhöfen befinden sich 1.233 historische jüdische Grabstätten

Steinerne Zeugnisse erinnern an das reiche und vielfältige jüdische Leben in Dortmund

Historisches Gräberfeld auf dem Hauptfriedhof, Rennweg
Das historisches Gräberfeld auf dem Hauptfriedhof am Rennweg in Dortmund-Wambel. Klaus Winter | Nordstadtblogger

Von Klaus Winter

In einer bevölkerungsreichen Stadt wie Dortmund sterben naturgemäß auch viele Menschen. Entsprechend groß muss die Vorsorge sein, für die Verstorbenen würdige Plätze als letzte Ruhestätte zu finden. Das gilt selbstverständlich für alle Bevölkerungsgruppen der Stadt, auch für Angehörige von Minderheiten.

Es gibt neun jüdische Friedhöfe im Stadtgebiet

Grabsteine auf dem Friedhof in Lütgendortmund
Grabsteine auf dem Friedhof in Lütgendortmund Klaus Winter | Nordstadtblogger

Die jüdische Bevölkerung Dortmunds wird für das Jahr 1933 auf deutlich weniger als 5.000 Personen geschätzt. Sie lebte verteilt auf einem Gebiet, das nach der letzten großen Vorkriegs-Eingemeindungswelle (1929) in etwa die Größenordnung der heutigen Stadt hatte.

Hier gab es bis in den Nationalsozialismus hinein mehrere jüdische Friedhöfe, die noch belegt wurden: den Ostfriedhof und die Abteilung des Hauptfriedhofs am Rennweg, zwei kleine Friedhöfe in Aplerbeck, je einer in Dorstfeld, am Hörder Kampweg in Benninghofen, in Lütgendortmund, Mengede und Wickede.

Neun Grabsteine in Wickede, 689 auf dem Hauptfriedhof

Die Zahl der heute noch anhand der vorhandenen Grabmale erkennbaren Gräber auf den verschiedenen Friedhöfen variiert sehr stark. Natürlich überrascht es nicht, dass auf den zentralen Friedhöfen am Rennweg 689 Grabinschriften gefunden werden können und 300 auf dem Feld 14 des Ostfriedhofs.

Grabstein auf dem Friedhof am Hörder Kampweg
Grabstein auf dem Friedhof am Hörder Kampweg Klaus Winter | Nordstadtblogger

Von den Vorort-Friedhöfen ist der am Hörder Kampweg mit 91 Inschriften der größte. Dagegen finden sich in Lütgendortmund nur elf und in Wickede nur neun. Von den letztgenannten ist auch nur eine Original, die übrigen befinden sich auf „Ersatz“-Grabsteinen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden.

Der älteste jüdische Grabstein befindet sich auf dem Friedhof am Hörder Kampweg. Er stammt aus dem Jahre 1779. Ablesen kann das nicht jeder.

Zum einen liegt das daran, dass der Friedhof gewöhnlich nicht zugänglich ist. Andererseits ist der Grabstein nur hebräisch beschriftet und deshalb für die allermeisten Dortmunder nicht lesbar. Hebräische Inschriften finden sich auch auf einer ganzen Reihe anderer jüdischer Grabsteine.

Steinheim-Institut säuberte und fotografierte alle Grabsteine

Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte, Essen /Ruhr
Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte, Essen /Ruhr Klaus Winter | Nordstadtblogger

Im Rahmen eines Projekts des Historischen Vereins für Dortmund und die Grafschaft Mark e. V. übernahm das Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte, Essen, die Aufgabe, sämtliche Grabsteine auf den historischen jüdischen Friedhöfen in Dortmund zu dokumentieren.

Dazu wurden alle Grabsteine von Bewuchs befreit, mit Wasser und Bürsten gesäubert und fotografiert. Die Inschriften – deutsch und hebräisch – wurden notiert. Wegen altersbedingter Verwitterung oder gewaltsamer Beschädigungen war das oft mit Schwierigkeiten verbunden.

Verschwundene Grabmale wurden wiederentdeckt

Zerbrochene Grabplatte der Mathilde Elias auf dem Ostfriedhof
Zerbrochene Grabplatte der Mathilde Elias auf dem Ostfriedhof Klaus Winter | Nordstadtblogger

Bei der Arbeit auf den Friedhöfen wurden auch einige Grabmale wiederentdeckt, die im Laufe der Zeit verschwunden schienen. Sie waren von Laub bedeckt und überwachsen oder standen verdeckt im Gebüsch.

Zu den Grabmalen, die jetzt wieder sichtbar sind, gehört zum Beispiel die Grabplatte von Mathilde Elias. Sie war die erste, die 1885 auf dem jüdischen Teil des Ostfriedhofs beigesetzt wurde.

Mit der Dokumentation der einzelnen Grabsteine auf den verschiedenen Friedhöfen war die Arbeit des Steinheim-Instituts nicht abgeschlossen.

Datenbank informiert über jeden einzelnen Grabstein – Hebräisch ist kein Hindernis mehr

Grabmal auf dem Friedhof in Mengede
Grabmal auf dem Friedhof in Mengede Klaus Winter | Nordstadtblogger

Die Informationen wurden in eine Datenbank des Instituts eingepflegt, die online einsehbar ist. Die Datenbank ermöglicht es, sich über jeden der 1.233 historischen Grabsteine auf neun jüdischen Friedhöfen in unserer Stadt zu informieren.

Hebräische Texte sind jetzt kein Hindernis mehr, denn sie werden in der Datenbank auch auf Deutsch wiedergegeben. Dort können auch biografische Grunddaten der Bestatteten nachgelesen und verwandtschaftliche Verbindungen zu anderen Begräbnissen entdeckt werden.

Das ist besonders interessant, wenn die Beziehungen über den Stadtkreis hinausgehen. Die Datenbank „Epidat“ des Salomon Ludwig-Steinheim-Instituts kann hier aufgerufen werden: steinheim-institut.de

Grabstein für Moses Mendel, Mengede
Grabstein für Moses Mendel, Mengede Klaus Winter | Nordstadtblogger

Der Link führt zu einer Übersicht der vom Steinheim-Institut bisher dokumentierten jüdischen Friedhöfe in Deutschland. Nach Auswahl eines Friedhofs folgt zunächst eine Seite mit allgemeinen Informationen.

Über „Inschriften“ gelangt man zu dem ersten Grabstein des ausgewählten Friedhofs. Von dort kann man von Grabstein zu Grabstein weiterblättern. Es stehen auch verschiedene Suchfunktionen zur Verfügung, mit denen man seine Recherchen durchführen kann.

Hintergrund:

  • Der Historische Verein für Dortmund und die Grafschaft Mark e. V. (gegr. 1871) ist Träger des Projekts „Jüdische Identität, jüdisches Leben und jüdische Friedhöfe in Dortmund“.
  • Ausgehend von einer wissenschaftlich fundierten Bestandsaufnahme aller historischen jüdischen Friedhöfe im Stadtgebiet sollen neue Erkenntnisse über das Leben und Wirken jüdischer Mitbürger gewonnen und dokumentiert werden.
  • Das Projekt wird gefördert mit Mitteln aus dem Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen („Heimatzeugnis“).
  • Das Projekt ist nominiert für den Heimatpreis der Stadt Dortmund 2022. Hier können Sie bis zum 3. Juli 2022 an der Abstimmung teilnehmen: www.dortmund.de/heimat
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Reaktionen

  1. Spaziergänge über den Jüdischen Friedhof und durch den Westfalenpark (PM)

    Zum jüdischen Friedhof und in den Westfalenpark führen zwei Spaziergänge zur Kunst im öffentlichen Raum am kommenden Sonntag und Montag.

    Um das jüdische Leben, die Kultur, die unterschiedlichen Traditionen und auch die Friedhofskultur geht es bei einem Spaziergang über den Jüdischen Friedhof am Hauptfriedhof. Start ist am Sonntag, 12. Juni, 14 Uhr am Eingang zum Jüdischen Friedhof, Rennweg 119. Die Führung übernimmt Marco Prinz. Mitzubringen ist eine Kopfbedeckung. Tickets (8 Euro, ermäßigt 4 Euro) gibt es an der Kasse des Museums für Kunst und Kulturgeschichte (Hansastraße 3) oder online unter http://www.dortmunder-museen.de/kunst-im-oeffentlichen-raum.

    Der Dortmunder Westfalenpark spiegelt mit seiner Vielfalt an Skulpturen und Plastiken die Entwicklung der Kunst im öffentlichen Raum wieder. Bereits 1894 wurde im damaligen Kaiser-Wilhelm-Hain die Ehrenstatue Kaiser Wilhelms I. aufgestellt. Mit den Bundesgartenschauen 1959 und 1969 kamen zahlreiche Werke hinzu, ebenso mit dem Bildhauersymposium 1982. In einem Rundgang am Montag, 13. Juni, 15 Uhr zeigt Kunsthistorikerin Simone Rikeit die Entwicklung der Kunst im Park vom Denkmal zur freien künstlerischen Arbeit und erläutert die Hintergründe zu einzelnen Werken. Los geht es am Eingang Florianstraße. Die Führung ist kostenlos, nur der Eintritt in den Park ist zu zahlen.

  2. Jüdische Heimat Dortmund: Webseite zur jüdischen Geschichte Dortmunds online – Gräberfelder im Fokus (PM)

    Welche Spuren haben Dortmunder*innen jüdischen Glaubens in der Stadt hinterlassen? Wie prägten sie Kultur, Politik, Wirtschaft und das Stadtbild? Diesen Fragen geht seit einiger Zeit der Historische Verein für Dortmund und die Grafschaft Mark e.V. gemeinsam mit der Geschichtsmanufaktur nach.

    Auf Spurensuche begab man sich zunächst auf den neun erhaltenen jüdischen Gräberfeldern, um von dort ausgehend die Biografien einzelner Personen zu rekonstruieren. Die ersten Ergebnisse dieser Arbeit sind nun auf der Webseite juedische-heimat-dortmund.de nachzulesen, die stetig ergänzt wird.

    In den Sommermonaten bieten die Projektpartner kostenlose Führungen über die jüdischen Friedhöfe und Gräberfelder an. Der nächste Termin ist eine Radtour zu den jüdischen Friedhöfen Lütgendortmund und Dorstfeld am Sonntag, 12. Juni, ab 14 Uhr. Die Strecke zwischen den Friedhöfen beträgt ca. 8 km, los geht es an der Dellwiger Str. 267.

    Der Historische Verein für Dortmund und die Grafschaft Mark e.V. und die Geschichtsmanufaktur erarbeiten derzeit außerdem Info-Tafeln für einzelne Gräberfelder und eine Quellenmappe für Schüler*innen sowie eine Dokumentation in gedruckter Form. juedische-heimat-dortmund.de

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