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Sicher Radfahren im Alltag: Aufbruch Fahrrad demonstriert mit „Kidical Mass“ für besseres Radwegenetz in Dortmund

An der ersten „Kidical Mass“-Radtour durch Dortmund nahmen mehr Menschen teil, als die VeranstalterInnen sich erhofft hatten. Ein Zeichen, wie wichtig den Menschen in Dortmund das Thema Radverkehr ist. Fotos: Karsten Wickern

von Angelika Steger

Sonntag nachmittag am Friedensplatz in Dortmund. Nach und nach kommen RadfahrerInnen am Platz an, steigen ab, laufen umher, begrüßen sich. Auffällig sind die vielen Anhänger und Lastenräder und kleineren Fahrräder. Denn diese Tour heute ist keine gewöhnliche Stadtrundfahrt wie die monatliche „Critical Mass“. Heute findet die erste „Kidical Mass“ in Dortmund statt, die „Demonstration der Kinder für bessere Radwege und ein kinderfreundlicheres Dortmund“, so Mit-Organisator Peter Fricke. „Wir sind schwer begeistert, mit 1000 TeilnehmerInnen hätten wir nicht gerechnet“, so Fricke weiter. Zuerst hätte man 100, dann 300 angemeldet. Das sonnige Wetter, das einen Spätsommertag ausmachte, kam den vielen jungen und älteren RadlerInnen entgegen.

„Kidical Mass“ macht auf Missstände in der Radinfrastruktur aufmerksam

Zum Start hielten die OrganisatorInnen ein Banner hoch „Kinder wollen auf´s Rad – Mut zum Umdenken in den Rat!“ Lautes Klingeln folgte, das die (Stadt-)politik wachrütteln soll. Der Begriff „Kidical Mass“ ist angelehnt an die „Critical Mass“. Das ist eine Radtour durch die Stadt, zu der sich an jedem dritten Freitag im Monat um 19 Uhr spontan einige hundert Menschen am Friedensplatz treffen, um eine entspannte Runde mit dem Rad zu drehen. Organisatorisch hat „Kidical Mass“ aber nichts mit der „Critical Mass“ zu tun.

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Die Tour führte einmal um den Wallring und das Ziel war der Westpark.

Dass in Dortmund noch viel für sichere Radwege, gerade für die jüngsten VerkehrsteilnehmerInnen getan werden muss, konnte man bei einem Halt am Dortmunder U sehen. Entlang des Hohen Walls befindet sich seit Monaten eine Baustelle, seitdem die alte Volkshochschule, auch bekannt als „Studieninstitut Ruhr“ abgerissen wurde.

Nur mutige RadfahrerInnen trauen sich, Richtung Hauptbahnhof zu fahren. Der sonst benutzungspflichtige Radweg ist gesperrt, es existieren nur mehrere Autofahrspuren, der Autoverkehr ist übermächtig und es besteht die Gefahr, als RadfahrerIn nicht wahrgenommen zu werden.

In der Gegenrichtung (Richtung Hiltropwall) ist der Radweg komplett zugunsten des motorisierten Verkehrs gestrichen, auch dort befindet sich eine Baustelle. An beiden Stellen wurde nicht an eine sichere Führung für RadfahrerInnen, insbesondere für Kinder, gedacht. Selbst wenn es eine Umfahrung für RadfahrerInnen wie derzeit in der Langen Straße gibt, muss sich der ohnehin schon schmale Weg mit den FußgängerInnen geteilt werden, was zu unnötigen Konflikten führt.

Radfahren soll auch Spaß machen – bei der „Kidical Mass“ ebenso wie im Alltag

Foto: Karsten Wickern

Mit lustiger Musik aus großen und kleinen Boxen, zum Teil auf Lastenrädern aufgebaut, ging es einmal um den gesamten Wall. Die Polizei sperrte die Querstraßen ab, manchmal musste einem/einer MotorradfahrerIn oder AutofahrerIn erklärt werden, warum sie gerade jetzt warten müssen. Unter den TeilnehmerInnen gab es zum Teil Beschwerden, dass das vorausfahrende Polizeifahrzeug zu langsam fahren würde.

Tatsächlich war es zeitweise schwierig, nicht auf seinen oder ihre VorfahrerIn aufzufahren. Vorwitzig fuhren manche Kinder neben dem Polizeiauto. Insgesamt war die Stimmung aber gut: Menschen kamen ins Gespräch, lachten, manche sangen Liedtexte der abgespielten Musik mit. Radfahren soll Spaß machen, alle sollen sich im Straßenverkehr sicher fühlen können.

Für anderthalb Stunden war der Wall frei vom motorisierten Verkehr und damit auch freier von schlechter Luft und frei von Stau. Die meisten Menschen, die hier heute unterwegs waren, hatten ein Lächeln im Gesicht. Kinder fuhren nebeneinander mit ihren FreundInnen und ihren Eltern. Eine entspannte Verkehrssituation, wie es sie im Alltag in Deutschland leider nicht gibt.

Radfahren fördert die Selbständigkeit von Kindern

Foto: Karsten Wickern

Wenn Kinder selbständig zur Schule radeln würden, würden sie selbständig und selbstbewusster, davon ist Max Kumpfer von der Gruppe „Aufbruch Fahrrad Dortmund“ überzeugt. 43 Prozent der Grundschulkinder werden mit dem Auto zur Schule gebracht, so ist es in der Studie „Mobilität in Deutschland“ zu lesen.

„Für einen sicheren Schulweg muss es ausreichend breite Radwege, getrennte Ampelschaltungen für Rad und motorisierten Verkehr sowie übersichtliche Kreuzungen nach niederländischem Vorbild geben“, fügt Kumpfer hinzu. Denn wenn sich schon Erwachsene im deutschen Straßenverkehr nicht sicher fühlen, können es Kinder erst recht nicht. Die Folge sind oft Elterntaxis, die für noch mehr Staus und Behinderungen gerade vor der Schule sorgen.

Nach etwa fünf Kilometern Fahrt kamen die kleinen und großen RadfahrerInnen im Westpark an. Viele Familien blieben noch, es wurde gepicknickt, Kinder konnten mit Kreide auf die Wege malen. Für das Frühjahr 2020 ist eine weitere Kidical Mass geplant, denn: die Erfahrung zeigt, dass man nicht aufhören darf, die Politik regelmäßig an ihre Aufgabe zur Schaffung von sicheren Radwegen zu erinnern.

„Aufbruch Fahrrad“: die OrganisatorInnen der „Kidical Mass“

Die Gruppe „Aufbruch Fahrrad Dortmund“ ist aus der Volksinitiative „Aufbruch Fahrrad“ hervorgegangen, die in ganz NRW 206.000 Unterschriften für besseren Radverkehr gesammelt hat. Allein in Dortmund wurden 30.000 Unterschriften gesammelt, das sind bezogen auf die Einwohnerzahl mehr als in jeder anderen Großstadt in NRW.

„Wir wissen also, dass sich viele Menschen in Dortmund wünschen, dass Politik und Verwaltung endlich Rahmenbedingungen schaffen, unter denen der Umstieg aufs Fahrrad leichter wird“, sagt Lukas Michel. „Dazu ist eine Qualitätswende nötig, die auch die Bedürfnisse von Kindern berücksichtigt.“

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Ein Gedanke zu “Sicher Radfahren im Alltag: Aufbruch Fahrrad demonstriert mit „Kidical Mass“ für besseres Radwegenetz in Dortmund

  1. Roberto

    Dortmund ist sehr weit davon entfernt, auch nur annähernd eine fahrradfreundliche Stadt zu sein. Im Gegenteil-Radfahren in Dortmund ist -gelinde gesagt- nahezu durchgängig ätzend.

    Und wenn man beispielsweise den eigentlich noch gar nicht so lange abgeschlossenrn , durchaus ansprechenden Umbau der östlichen Kampstraße vom Pilon aus in Richtung Hamburger Straße betrachtet, kann man nur noch beten und sich wünschen, dass der liebe Herrgott – so es ihn denn gibt-endlich Unmengen an Hirn auf fie Dirtmunder Verkehrsplaner regnen lässt.

    Warum nicht einmal hier ein Radweg, fragt sich der Radler fassungslos, während er in die Bremsen tritt, um nicht mit dem Kellner am Eiscafe zu kollidieren ?

    Radwege in Dortmund sind doch leider vor allem eines-Alibi. Und das Radfahren eine lebensgefährliche Zumutung

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