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SERIE Nordstadt-Geschichte(n): Jüdische Gemeinde richtete 1929 ein rituelles Bad an der Leopoldstraße ein

Jüdisches Leben gibt es in Dortmund schon sehr lange. Im Bewusstsein ist vor allem die wechsel- und leidvolle Geschichte der großen Synagoge, die die Nationalsozialisten noch vor der Reichsprogromnacht abreißen ließen. Am Opernhaus erinnert der Platz der alten Synagoge an das beeindruckende Bauwerk. Doch jüdisches Leben gab es nicht nur am Wallring. Auch in mehreren heutigen Dortmunder Stadtteilen bestanden jüdische Gemeinden und Einrichtungen. Daran erinnern heute zumeist nur noch die alten Friedhöfe und Denkmäler. Einem vergessenen Kapitel des jüdischen Lebens in der Nordstadt widmet sich Heimatforscher Klaus Winter. Er skizziert die kurze Geschichte des rituelle Bades – einer Mikwe – in der Leopoldstraße.

Die Dortmunder Synagogengemeinde kaufte für ein neues rituelles Bad ein Haus in der Leopoldstraße

Straßenfront des ursprünglichen Hauses Leopoldstr. 31 (Stadtarchiv)

Das nahe der Einmündung der Priorstraße gelegene Grundstück Leopoldstr. 31 wurde Mitte der 1870er Jahre mit einem vierstöckigen Wohnhaus und einem Hinterhaus bebaut. Im Erdgeschoss des Hauses befanden sich zwei Ladenlokale, in den Etagen darüber Wohnungen. Im Hinterhaus war eine Werkstatt eingerichtet.

Im Mai 1910 erwarb Johannes Marcussen, Inhaber eines Geschäfts für Haus- und Küchengeräte, Glas- und Porzellanwaren, Münsterstr. 24-26, das Haus Leopoldstr. 31 im Rahmen einer Zwangsversteigerung. Er sollte rund 20 Jahre lang Eigentümer dieser Immobilie bleiben.

In der Repräsentantensitzung der Dortmunder Synagogengemeinde vom 18. Juni 1929 kam – augenscheinlich zum wiederholten Male – „die Mikwe-Frage“ zur Sprache. Unter einer Mikwe versteht man ein rituelles Tauchbad. Es gehört zu den wichtigsten Institutionen einer jüdischen Gemeinde, denn nur an solchen Orten können die vorgeschriebenen rituellen Reinigungen vorgenommen werden. Da die über 4.000 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde Dortmunds sicherlich bereits über eine Mikwe verfügte, dürfte es hier um ein zusätzliches Bad gegangen sein.

Dr. Kempenich, Mitglied des Gemeindevorstandes, berichtete, dass Kaufmann Marcussen sein in der Leopoldstraße gelegenes Grundstück nur noch bis zum Ende des Monats der Gemeinde zum Kauf anbieten wollte. Einschließlich diverser Nebenkosten sollte es ca. 13.000,– Reichsmark kosten. Dazu kamen geschätzte Instandsetzungskosten in Höhe von 3.000,– RM und etwa 9.000,– bis 10.000,– RM für Bau und Einrichtung des Bades.

Lageplan zur Mikwe an der Leopoldstraße (Stadtarchiv)

Die anwesenden Vorstandsmitglieder empfahlen den Repräsentanten den Kauf des Hauses. Die Vertreter der Ostjüdische Vereinigung innerhalb der Gemeinde sagten zu, die Kosten der Verwaltung der Mikwe tragen zu wollen. Da die Versammlung dann noch beschloss, die Mieteinnahmen aus dem Haus Leopoldstr. 31 der Gemeinde zufließen zu lassen, wurde dem Kauf zugestimmt unter der Bedingung, dass die Baupolizeibehörde ihre Genehmigung zu dem Vorhaben erteilen würde.

Mikwe wurde im Hof gebaut

Der Vorstand der Dortmunder Synagogen-Gemeinde legte der städtischen Baupolizei-Verwaltung Ende 1929 einen Plan der Architekten Pinno und Grund für den Neubau einer Badeanstalt im Hof des Hauses Leopoldstr. 31 vor.

Front des im Hof stehenden Badehauses (Stadtarchiv)

Mitte Dezember des Jahres wurde die baupolizeiliche Genehmigung erteilt, und schon vier Wochen stellte man amtlich fest, dass mit den Arbeiten begonnen worden war. Bei der im April 1930 vorgenommenen Prüfung der Schornsteinanlage wurden wie auch bei der Bauabnahme im September 1930 einige Mängel festgestellt und ihre Beseitigung behördlicherseits angeordnet. Das geschah dann auch.

Um die Mikwe zu erreichen, musste man durch das Haus Leopoldstr. 31 auf den Hof gehen. Das Bad stand an der Rückseite des Hofes und grenzte an die Grundstücke der an der Zimmerstraße gelegenen Häuser. In der zwischen 8 und 9 Meter langen Front waren zwei Türen und drei Fenster eingebaut. Gemäß den Bauzeichnungen war die rechte der beiden Türen die Eingangstür.

Grundriss der Mikwe an der Leopoldstraße (Stadtarchiv)

Treppen führten hinab zu den Tauchbecken

Rechts vom Eingang befand sich ein Wartebereich. An der Rückwand – zur Zimmerstraße – waren drei Kabinen mit Badewannen sowie Duschzellen eingerichtet. Ein warmes Bad gehört ebenso wie das Schneiden der Fingernägel, das Zähneputzen und anderen Hygienemaßnahmen zur Vorbereitung des Tauchbades.

Zu den eigentlichen Badebecken führte jeweils eine Treppe rechts und links des kleinen Flures, der zur linken Außentür führte, hinunter. Es gab zwei Bäder, um die Benutzung nach Geschlechtern getrennt zu ermöglichen. Über die Größe der Becken kann nur gesagt werden, dass ihre Länge 1,80 Meter betrug. Zweifellos waren sie tief genug, um ein vollständiges Untertauchen zu ermöglichen, so wie es vorgeschrieben war.

Gespeist wurden die Becken mit Regenwasser und somit vorschriftsmäßig. Die Bauzeichnungen überliefern keinen Hinweis, dass Leitungswasser zugeführt wurde, aber man muss wohl davon ausgehen, dass das bei Regen gesammelte Wasser nicht ausreichte.

Querschnitt durch die Mikwe an der Leopoldstraße mit gut erkennbarer Treppe zum Tauchbecken (Stadtarchiv)

Haus und Badeanbau fielen dem Bombenkrieg zum Opfer

Wie lange die Mikwe an der Leopoldstraße genutzt werden konnte, ist unklar. Sicherlich hat sie Ende der 1930er Jahre ihren Zweck nicht mehr erfüllen können. Im Zweiten Weltkrieg – vermutlich 1943 – wurde das Haus Leopoldstr. 31 bei einem Bombenangriff total zerstört. Lediglich das Kellergeschoss blieb erhalten. Auch das Bad im Hof fiel den Bomben zum Opfer.

Da bis zum Jahre 1944 der damalige Vorstand der Synagogengemeinde, Rechtsanwalt Willi Meier, noch in Dortmund lebte, wird die Verwaltung des Grundstückes in seinen Händen gelegen haben, jedenfalls so lange bis das Eigentum der Reichsvereinigung der Juden vom Deutschen Reich beschlagnahmt wurde.

Das heutige Gebäude hat mit dem Vorgänger nicht mehr gemein als den Standort und den Umfang seines Grundrisses. Wenn die Durchfahrt zum Hof geöffnet ist, ist auch vom Bürgersteig der Blick frei auf Garagen, die dort erbaut wurden, wo sich bis zu ihrer Zerstörung im Krieg eine Mikwe der Synagogengemeinde Dortmund befand.

Hinter dem Vorgänger dieses Hauses in der Leopoldstraße befand sich eine Mikwe, ein jüdisches rituelles Badehaus.

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4 Gedanken über “SERIE Nordstadt-Geschichte(n): Jüdische Gemeinde richtete 1929 ein rituelles Bad an der Leopoldstraße ein

    1. Klaus Winter Beitrags Autor

      Bevor die Mikwe erbaut wurde, befand sich an ihrer Stelle ein Werkstattgebäude, das zu einem der beiden Ladenlokale gehörte. Kunden sind zu der Zeit wohl nur bis in den Laden gekommen. – Über den Umbau eines Ladenlokals im Zusammenhang mit dem Mikwe-Bau gibt es keine Informationen. Folglich muss wohl ein Ladenlokal als Durchgang zum Hof /Badehaus gedient haben.

        1. Klaus Winter Beitrags Autor

          Da damals, anders als heute, an beide Seiten des Hauses Leopoldstr. 31 Nachbarhäuser grenzten, kann es keinen Seiteneingang gegeben haben und der Zugang zum Haus und den Wohnungen der oberen Etagen nur durch eine der abgebildeten Türen der Geschäftslokale erfolgt sein. Einzigartig ist das nicht, denn auf alten Haus- und Straßenansichten findet man diese Situation immer wieder mal.

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