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SERIE Nordstadt-Geschichte(n): Im Uhland-Haus sollten Altstadt-Bewohner*innen ein neues Zuhause finden

Uhlandblock mit Uhland- und Haydnstraße

Dortmund kämpfte auch vor 100 Jahren mit der Wohnungsnot. Der Bau des Uhlandblocks an der Uhland- und Haydnstraße war eine der Antworten des Magistrats. Fotos: Alex Völkel

Von Klaus Winter

Im zehnten Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte Dortmund noch immer mit einer allgemeinen Wohnungsnot zu kämpfen. Politik und Verwaltung mussten sich ständig mit Maßnahmen zur Beseitigung dieses Übelstandes befassen. So stand auf der Tagesordnung der Stadtverordneten-Sitzung vom 30. Januar 1928 die Abstimmung über ein Wohnungsbeschaffungsprogramm, das der Magistrat vorgeschlagen hatte.

Stadtverordneten-Versammlung genehmigte Bauprogramm des Magistrats

Die Stadtverordneten sollten dem Bau von Wohnhäusern an der Uhlandstraße sowie von Notwohnungen (Baracken) am Leierweg, an der Blücherstraße und an der Wambelerholzstraße zustimmen und die Aufnahme einer Anleihe genehmigen, durch welche die Baumaßnahmen finanziert werden sollte. Die veranschlagten Kosten beliefen sich auf 1.485.000 Mark.

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Die vom Stadtverordneten-Vorsteher Fritz Henßler eröffnete Sitzung verlief kontrovers. Die im Stadtparlament vertretenen Kommunisten kritisierten, dass das Bau-Programm zu kurz greife, Notwohnungen in Holzbaracken könnten nicht von Dauer sein.

Die Zentrumspartei bemängelte das Vergabeverfahren für die Wohnungen, die Mietern den Vorrang gab, die ihre bisherigen Wohnungen verloren hatten, weil sie sich nicht an Hausordnungen gehalten und keine Miete gezahlt hatten. Dagegen betonte Stadtrat Levermann, dass es Aufgabe des Wohlfahrtsamtes sei, gerade die bedürftigsten Wohnungssuchenden zu unterstützen, auch wenn dann tadellose Mietinteressenten, die schon seit Jahren auf der Wohnungssuchliste standen, das Nachsehen hätten.

Gärten zwischen Schützen- (links) und Münsterstraße (rechts), unten die Schillerstraße, um 1926 (Regionalverband Ruhr)

Gärten zwischen Schützen- (links) und Münsterstraße (rechts), unten die Schillerstraße, um 1926 (Regionalverband Ruhr)

Die Stadtverordneten stimmten schließlich dem Antrag des Magistrats auf Genehmigung des Wohnungsbauprogrammes zu. Von den beantragten 1.485.000 Mark entfielen 1.235.000 Mark auf das Bauprojekt an der Uhlandstraße.

Der Nordwesten der heutigen Nordstadt war in den 1920er Jahren noch Gartenland

In einem ehemaligen Ladenlokal befindet sich heute ein DOGEWO21-Service-Büro.

In einem ehemaligen Ladenlokal befindet sich heute ein DOGEWO21-Service-Büro.

Die Summe allein führte selbst denen, die über keine näheren Erkenntnisse über das Vorhaben verfügten, vor Augen, dass damit eine große Baumaßnahme in Angriff genommen werden sollte. Die Pläne sahen 16 Wohngebäude mit 81 Zwei-, 47 Drei- und vier Vierzimmer-Wohnungen sowie  vier Ladenlokale vor.

In den frühen 1920er Jahren hatte es an der Uhlandstraße, nördlich der Schillerstraße noch eine große Zahl unbebauter Grundstücke gegeben.

So bestand der ganze Bereich zwischen Uhland-, Schiller-, Schützen- und Kleiststraße aus Gärten, die lediglich von der Goethestraße und einigen Wegen durchzogen waren. Erst gegen Ende des Jahrzehnts setzte hier die Bebauung durch die Stadt und durch Wohnungsbaugesellschaften ein.

Auch östlich der Uhlandstraße, zwischen Haydn- und Goethestraße und „hinter dem Bismarck-Realgymnasium“ (heute Helmholtz-Gymnasium) lagen bis 1928 fast ausschließlich Gärten, die die Inhaber vermutlich von der Stadt gepachtet hatten, denn diese war Eigentümerin des Geländes. Lediglich die Häuser Haydnstr. 18, 20 und 22, die schon vor dem Ersten Weltkrieg erbaut worden waren, unterbrachen die Gartenlandschaft.

Nun sollten hier unter der Regie des städtischen Hochbauamtes zwei Häuserblöcke mit jeweils einem großen Innenhof entstehen. Dazu vergab das Hochbauamt Aufträge an insgesamt acht verschiedene ortsansässige Bauunternehmen.

Gutes Wetter und fleißige Arbeiter sorgten für einen raschen Baufortschritt

Einer der beiden Innenhöfe, Blick nach Süden

Einer der beiden Innenhöfe, Blick nach Süden

Die Arbeiten an dem ersten der beiden Häuserblöcke, dessen eine Längsseite an der Uhlandstraße liegen sollte, begannen noch im April 1928 und machten „Dank des guten Wetters und dem Fleiß der Arbeiter“ rasche Fortschritte.

Nach vier Monaten Bauzeit konnte im August das Richtfest der drei- bis vierstöckigen Häuser gefeiert werden. Bis Anfang September waren die Dächer fertiggestellt.

Der Innenausbau sollte ebenfalls im September 1928 abgeschlossen werden. Jede Wohnung hatte Gasanschluss und elektrisches Licht, teilweise verfügten sie sogar über Bäder. Sämtliche Wohnungen unterstanden der Wohnungsfürsorge des Wohlfahrtsamtes und waren bereits in der ersten Hälfte September vergeben. Der Erstbezug sollte zum 1. Oktober erfolgten, verzögerte sich aber um einen Monat.

Da es gängige Praxis war, großen Gebäuden einen Namen zu geben, was auch der leichteren Orientierung diente, wurde vorgeschlagen, den an der Uhlandstraße entstandenen „prachtvollen Großneubau“  „Uhland-Haus“ zu nennen. Der Name hat sich aber nicht durchgesetzt und ist heute kaum noch bekannt.

Nach Fertigstellung des ersten wurde gleich der zweite Häuserblock in Angriff genommen

Die Franz-Liszt-Straße trennt die beiden Wohnblöcke.

Die Franz-Liszt-Straße trennt die beiden Wohnblöcke.

Im November 1928 begann die zweite Phase des städtischen Bauprojekts. Östlich des bereits bezogenen ersten Häuserblocks entstand – durch die neue Franz-Liszt-Straße von ihm getrennt – ein zweiter von gleicher Erscheinung und Ausstattung. Lediglich an der Haydnstraße störten die drei bereits vor dem Ersten Weltkrieg gebauten Häuser Nr. 18-22 den regelmäßigen Gesamteindruck der neuen Wohnanlage.

Die Wohnungen, die hier entstehen sollten, waren für Familien bestimmt, die wegen des Abbruchs ihrer im Stadtzentrum gelegenen Häuser umziehen mussten.

Ende der 1920er Jahre wurde innerhalb des Wallrings in einem so großen Umfang gebaut, dass einige Straßenzüge ein völlig neues Aussehen erhielten: An der Reinoldi-Kirche wurde das unter dem Namen „Friedhofsinsel“ bekannte historische Gebäudeensemble vollständig und ersatzlos abgerissen, an der Ecke Brück-/1. Kampstraße errichtete man das „Reinoldihaus“ und an der Ecke 1. Kamp-/Hansastraße entstand das „Westfalenhaus“.

Zahlreiche alte Häuser verschwanden und mit ihnen Wohnraum, denn die großen Neubauten waren für Geschäfts- und Bürozwecke vorgesehen. Deshalb mussten viele Altstadtbewohner in die Neubaugebiete außerhalb des Wallrings umziehen.

Bis Ende April 1929 waren die Arbeiten am zweiten Häuserblock abgeschlossen

Die Ausbesserungen an der Fassade erzählen eine eigene Geschichte.

Die Ausbesserungen an der Fassade erzählen eine eigene Geschichte.

Der außerordentlich strenge Winter 1928/29 ließ die Bauarbeiten stocken. Sogar der Kalkmörtel gefror und machte die Ausführung von Maurerarbeiten unmöglich.

Erst Mitte März 1929 besserten sich die Wetterverhältnisse, so dass die Arbeiten an fünf Häusern an der Franz-Liszt-Straße wieder aufgenommen werden konnten.

In der Folge gab es rasche Fortschritte, so dass es Ende April 1929 hieß, dass der zweite Block bis auf einige noch auszuführende Innenarbeiten fertiggestellt sei. Er könne in „allernächster“ Zeit bezogen werden.

Im Zusammenhang mit dem Abschluss der Arbeiten an den neuen Häusern wurde noch die Erwinstraße an der Nordseite der beiden Wohnblöcke ausgebaut.

Nord- und Südfassaden wurden mit Figuren verziert

An jeder Nord- und Südfassade beider Wohnblöcke wurden in Höhe der zweiten und dritten Etage und nahe den Hausecken etwa lebensgroße Figuren einer Frau und eines Mannes angebracht, die auf Sockeln stehen. Die Sockel tragen einheitlich die Jahreszahl „1928“. Heute sind die Statuen-Paare nicht mehr vollständig: An der Nordseite fehlt eine Frauenstatue, an der Südseite gleich ein ganzes Paar.

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