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SERIE Nordstadt-Geschichte(n): Both & Tilmann bauten an der Glückaufstraße in Dortmund Weichen und Waggons

Das 120 Jahre alte Gebäude von Both & Tilmann, Waggon- und Weichenbau, ist teilweise erhalten. Foto: Klaus Hartmann

Von Klaus Winter

An der Nordseite der Glückaufstraße befindet sich ein Ensemble ehemaliger Fabrikgebäude, das in seinen ältesten Teilen inzwischen 120 Jahre alt ist. Hier hatte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Both & Tilmann GmbH erfolgreich Gleisanlagen und Schienenfahrzeuge hergestellt. Zwar wurde die Produktion schon vor vielen Jahrzehnten eingestellt, doch von den Fabrikgebäuden haben sich bis heute erstaunlich viele erhalten. Selbst ein alter Firmenschriftzug ist noch an einem Giebel zu sehen, der jedoch nicht mehr vollständig lesbar ist.

Das Unternehmen wurde in der Nähe des Hauptbahnhofs gegründet

Die Wurzeln des Werks sind an der alten, heute nicht mehr existierenden Lindenstraße westlich des Hauptbahnhofs zu suchen. Dort standen die erste Fabrik des am 1. Januar 1890 gegründeten Unternehmens. Firmengründer war der Ingenieur Joseph Both.

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Both nahm noch 1890 Joseph Tilmann als stillen Teilhaber in sein Unternehmen auf. Die Zusammenarbeit der beiden Ingenieure trug rasch Früchte. Mit Wirkung vom 2. Januar 1893 wurde die Both & Tilmann GmbH, Fabrik für Eisenkonstruktionen und Maschinenfabrik, mit einem Stammkapital von 160.000 Mark ins Leben gerufen.

Die Fabrik wuchs aufgrund großer Nachfrage nach ihren Produkten rasch. Das dicht bebaute Umfeld nahe dem Hauptbahnhof und dem Stadtzentrum verhinderte aber eine Expansion an dieser Stelle. Deshalb wurde an der Glückaufstraße im Norden der Stadt ein großes Grundstück erworben. Auf diesem erbaute man ab 1896 eine moderne Fabrik, die im Sommer 1897 in Betrieb genommen werden konnte. Im Laufe der Jahre wurden weitere Gebäude errichtet, moderne Werkzeugmaschinen aufgestellt und allerlei weitere Verbesserungen vorgenommen.

Fabrik der Both & Tilmann G. m. b. H. an der Glückaufstraße (Stadtarchiv Dortmund)

An der Glückaufstraße wurde großzügig gebaut

Der Fabrikneubau wurde durch eine Erhöhung des Stammkapitals finanziert, das neue Gesellschafter in das Unternehmen einbrachten. Both und Tilmann blieben jedoch die alleinigen Geschäftsführer. Nachdem Joseph Both im September 1902 sich krankheitsbedingt aus der Fabrik zurückziehen musste, lag die Unternehmensführung allein in den Händen von J. Tilmann. 1906 wurden dann mit dem Ingenieur Franz Otte und dem Kaufmann C. A. Ulrich zwei langjährige Mitarbeiter als Teilhaber in die Gesellschaft aufgenommen.

Fabrik- und Büroräume erstreckten sich über eine Fläche von etwa 8.500 qm. Dazu kamen noch umfangreiche Lagerplätze für Material. Weitere Grundstücke dienten als Reserve für eine mögliche Betriebserweiterung, wurden aber bis dahin verpachtet.

Den Strom für die gesamte Beleuchtung und den Antrieb von Werkzeugmaschinen und Kranen sicherte eine firmeneigene Stromerzeugung, doch gab es auch einen Anschluss an das Leitungsnetz des Städtischen Elektrizitätswerks.

Innerbetriebliche Transportwege wurden großzügig angelegt

Großen Wert hatte man bei der Konzeption der Fabrik auf die innerbetrieblichen Transportmöglichkeiten gelegt. Immerhin galt es u. a. schwere und sperrige Gleisanlagen in den 100 Meter langen Montagehallen zusammenzusetzen und zu transportieren. Neben den elektrischen Laufkränen wurden Laufkatzen mit Handbedienung genutzt, und zum Rangieren und für Be- und Entladearbeiten stand ein Dampflokomotiv-Kran zur Verfügung.

Fabrikhalle von Both & Tilmann G. m. b. H. mit Lokomotiv-Kran (Stadtarchiv Dortmund)

Im Werk war ein normalspuriges, etwa 1.000 Meter langes Anschlussgleis mit drei Weichen, zwei Waggon-Drehscheiben, einer Schiebebühne sowie einer Waggon-Wage verlegt worden. Alle Abteilungen der Fabrik waren durch Gleise miteinander verbunden.

Eine eigene Abteilung des Werkes war der Metallverarbeitung vorbehalten, die mit vielen Spezialmaschinen ausgestattet war: Bohr-, Fräs- und Hobelmaschinen, Drehbänke, Stanzen und Scheren in schwerster Ausführung. Von herausragender Bedeutung für die Leistungsfähigkeit der Abteilung Weichenbau waren neun nebeneinander stehende Hobelbänke.

Druckluftleitungen in den Montage-Werkstätten und beim Modellbau ermöglichten den Betrieb von Bohrmaschinen, Niet- und Meißelhämmern. Die Schmiede arbeiteten an einer großen Anzahl von Schmiedefeuern, mit mechanischen Hämmern sowie einer Schweiß- und Stauchmaschine. Schreinerei, Stellmacherei, Lackiererei und alle anderen Werkstätten waren mit Dampfheizung ausgestattet.

Das Unternehmen hatte mit Weichen- und Waggonbau zwei Schwerpunkte

Die Both & Tilmann GmbH warb für sich: „Dank unserer vorzüglichen Einrichtungen, gestützt auf langjährige Erfahrungen und im Besitz eines reichen Zeichnungs-Archivs über erprobte Konstruktionen sind wir in der Lage, billigste und schnellste Erledigung jedes Auftrags zu gewährleisten.“

Am Standort Glückaufstraße hatte das Unternehmen zwei Produktionsschwerpunkte: den Weichen- und den Waggonbau. Both & Tilmann stellten Weichen und Schienenkreuzungen für schmal- und normalspurige Klein-, Neben- und Straßenbahnen ebenso wie für Hauptbahnen und zugehörige Anschlussbahnen her. In den ausgedehnten Montagehallen und aufgrund der effektiven werksinternen Transporteinrichtungen konnten Weichen und Weichenanlagen auch für große Ausführungen vollständig vor dem Versand zusammengebaut werden. Das garantierte eine sichere Montage der Anlage vor Ort.

Both & Tilmann G. m. b. H., Abteilung Weichenbau (Stadtarchiv Dortmund)

Die zweite Abteilung des Werks, der Waggonbau, war in der Lage, alle Art von schienengebundenen Fahrzeugen für den Gütertransport herzustellen, d. h. sowohl schmal- als auch normalspurige Waggons sowie Rollwagen zum Transport von Normalspur-Fahrzeugen auf Schmalspurgleisen. „Diejenigen Fahrzeuge, die für Übersee bestimmt sind und daher in zerlegtem Zustand per Schiff versandt werden, kommen derart zur Ausführung, daß der Zusammenbau am Bestimmungsort leicht erfolgen kann.“

Both & Tilmann G. m. b. H., Abteilung Waggonbau (Stadtarchiv Dortmund)

Kundenliste umfasste lokale, nationale und internationale Abnehmer

Die Kundenliste der Both & Tilmann GmbH war lang! Hier ein Auszug: Vorort-, Kreis- und Städtische Straßenbahnen in Bonn und Köln – Straßenbahn Konstantinopel – Grote Markt in Groningen (Holland) – Bremerhavener Straßenbahn – Rheinisch Westfälisches Elektrizitätswerk AG, Bahnabteilung, Düsseldorf – Allgemeine Deutsche Kleinbahn-Gesellschaft AG, Berlin – Coblenzer Straßenbahn AG – Straßburger Straßenbahn-Gesellschaft – Deutsche Kolonial-Eisenbahnbau- und Betriebsgesellschaft in Berlin für die Kamerun-Eisenbahn und die Usambara-Eisenbahn – Continentale Eisenbahnbau- und Betriebsgesellschaft in Berlin – Gutehoffnungshütte AG, Oberhausen – Eisen-und Stahlwerk Hoesch AG, Dortmund – Hansa-, Kronen- und Germania-Brauerei, Dortmund – Victoria Brauerei AG, Bochum u. a.

Hoesch übernahm 1921 die Both & Tilmann GmbH

In den schwierigen ersten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg verlor die Both & Tilman GmbH ihre Selbständigkeit. 1921 wurde sie von Hoesch übernommen. In den Beständen der Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv, Dortmund, befinden sich u. a. zwei Exemplare eines zu Werbezwecken hergestellten Abreißkalenders für das Jahr 1925. Auf ihnen findet sich neben dem alten Firmenschriftzug auch das Hoesch-Logo.

Gemäß einem Eintrag im Dortmunder Adressbuch 1932 umfasste das Produktionsfeld von Both & Tilmann neben dem Waggon- und Weichenbau auch Bergwerksbedarf. Die Geschäftsführung lag in den Händen des Direktors Gustav Sassenberg, Oberingenieur Esau hatte Prokura und Dipl.-Ing. Neelsen war Handlungsbevollmächtigter. Im Adressbuch des folgenden Jahres wurde zur Firma nur noch mit Anschrift und Telefonanschluss erwähnt. In den Adressbüchern ab 1934 fehlt dann jeglicher Hinweis auf das Unternehmen. Vermutlich war die Firma erloschen.

Both & Tilmann G. m. b. H., Weichenmontage im Freien. Im Hintergrund das damalige Brüder-Krankenhaus, zuletzt Anne-Frank-Gesamtschule (Stadtarchiv Dortmund)

 

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