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schauraum comic + cartoon: „Nimm das, Adolf!“ -wie Superman und Co. die Nazi-Schergen das Fürchten lernten 

Die Ausstellung umfasst über 100 Exponate. Die NS-Diktatur bezeichnete das Comic-Genre als giftige Saat „entarteter Kunst“. Während einige Superhelden offenkundig dem Regime den Kampf ansagten, taten andere dies unterschwellig.

Am 1. September 2019 jährte sich zum 80. Mal der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Die zweite große Menschheitskatastrophe des 20. Jahrhunderts beschäftigte Kunstschaffende aller Sparten – und fand auch Eingang in das damals noch junge Medium Comic. Der Dortmunder „schauraum comic + cartoon“ widmet diesem Thema seine nächste Ausstellung. „Nimm das, Adolf! Zweiter Weltkrieg im Comic“ läuft vom 13. Oktober 2019 bis zum 15. März 2020 und zeigt knapp 100 seltene, zumeist erstmals ausgestellte Originalzeichnungen und Dokumente. 

Captain America und die Liga der Superhelden gegen Hitler-Deutschland

Das Medium des Comic-Heftes war mit der Erfindung Supermans 1938 gerade in rasantem Aufstieg begriffen, als der Krieg in den USA zunehmend ein Thema wurde. Amerika war nach dem Blutzoll junger Männer im Ersten Weltkrieg zunächst eher wenig geneigt, ein weiteres Mal in einen europäischen Konflikt einzugreifen. Der japanische Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 und die sich anschließende Kriegserklärung Adolf Hitlers veränderte die Situation allerdings radikal. 

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Wayne Boring, Superman, Sonntagsseite vom 4. März 1945, Detail, © DC Comics

Eine ganze Phalanx von Superhelden engagierte sich jetzt im Kampf gegen Hitler-Deutschland, Mussolinis Italien und das kaiserliche Japan. Die Superhelden der ersten Stunde, wie Superman oder Batman, griffen eher verhalten ein, die Superhelden der zweiten Generation, wie Captain America, dagegen mit voller Schlagkraft und ohne Pardon. 

Und auch die Comic-Strip-Helden in den großen US-Zeitungen – die Premium-Liga des Comics – mochten nicht hintenanstehen. Milton Caniff transformierte seinen Abenteuer-Strip „Terry and the Pirates“ in einen Kriegs-Strip, und Frank King ließ seinen jungen Helden Skeezix (Gasoline Alley), gerade volljährig geworden (und bald frisch verheiratet), in den Kampf für die gute Sache in Europa und in den Pazifikraum ziehen. 

Selbst Helden, von denen man es nicht erwartet hätte, taten – mehr oder weniger unterschwellig – ihren Dienst: Flash Gordon kehrte aus dem Weltraum auf die Erde zurück, um Washington im Kampf gegen einen finsteren Diktator beizustehen. Selbst Prinz Eisenherz vom mittelalterlichen Hof König Arthurs stellte sich tapfer gegen einfallende Hunnen-Horden. 

NS-Propaganda bezeichnete das Medium Comic als dekadent, kulturlos und „entartet“

Das Dritte Reich hatte dieser Übermacht von Helden wenig entgegenzusetzen. E. O. Plauens „Vater und Sohn“ wurde zwar in die Pflicht genommen, für das Winterhilfswerk und Adolf Hitler bei den anstehenden Reichstagswahlen zu werben, für Kriegsaktivitäten taugte der humoristische Familien-Strip allerdings wenig. 

So schoss sich die NS-Propaganda lieber auf das Medium Comic im Allgemeinen ein: „enttarnte“ die Erfinder von Superman als Juden und beschimpfte das Erzählen in Bildern mit Sprechblase per se als dekadent, kulturlos und „entartet“. Eine giftige Saat, die noch lange nach dem Krieg ihre Wirkung tat und Deutschland in Sachen Comic-Kultur zum Schlusslicht in der Welt machte. 

Ganz anders in Belgien, wo Hergé seit 1929 mit „Tim und Struppi“ eine eigene europäische Comic-Kultur begründete. Mit seinen frühen Abenteuern ohnehin in extrem konservativen und katholischen Milieu zu Hause, wechselte Hergé mit seinem Helden 1940 zur Brüsseler Zeitung „Le Soir“, die ganz unter der Kontrolle der deutschen Besatzer stand, und der er Dank der Popularität von Tintin zu einer Verdopplung der Auflage verhalf: ein Umstand, der ihm nach dem Krieg den Vorwurf der Kollaboration einbrachte. 

Heldengeschichten und Anti-Kriegs-Erzählungen 

Ein anderer belgischer Held von Weltruhm, der Hotelpage Spirou (erfunden 1938), übte sich dagegen im zivilen Ungehorsam gegenüber den Nationalsozialisten und unterstützte die belgische Resistance so gut es ging. Dieses Vorbild gibt zeitgenössischen Zeichnern wie Émile Bravo oder Olivier Schwartz heute Gelegenheit, jene „dunklen“ Kriegsjahre anhand dieser historischen Figur neu zu reflektieren. 

Nach Ende des Krieges teilten sich in den USA die Kriegs-Comics in das große Lager jener, die den historischen Kontext als Folie für heroische Heldengeschichten nutzten (Marvel, DC etc.), während ein Verlag wie EC bereits ab den frühen 1950er-Jahren – unter Federführung von Harvey Kurtzman – atemberaubend ambitionierte Anti-Kriegs- Erzählungen veröffentlichte. 

Crossover-Produktionen mit Vampiren, Werwölfen, Zombies – und Nazis

Fabrice Le Hénanff, Wannsee, 2018, © Casterman/Knesebeck

Die 1970er-Jahre erlebten dann eine sukzessive Enthistorisierung des Themas. Cross-over-Produktionen des Kriegs-, Horror- oder Fantasy- Genres hielten Einzug, und die Figur des Nazis fügte sich in eine Reihe aus Vampiren, Werwölfen und Zombies.

In Italien kreuzte man Nazi- Fantasien mit Pin-up-Kultur, und das MAD-Magazin klebte seinem Maskottchen Alfred E. Neumann kurzerhand das typische Hitler-Bärtchen an und stellte ihn neben »Größen« der Weltgeschichte wie Napoleon und Attila den Hunnenkönig. 

Diese postmoderne Diversität hält bis heute an. Aufwendig gestaltete und um historische Authentizität bemühte Graphic-Novels wie Fabrice Le Hénanffs Chronologie der Wannsee-Konferenz (2018) stehen neben actionreichen schwarzhumorigen Nazi-Zombie-Pulp-Burlesken. 

Die Ausstellung wird kuratiert von Dr. Alexander Braun. Zur Ausstellung erscheint ein 224 Seiten starker Katalog mit ca. 340 Abbildungen. Der Katalog ist ausschließlich im schauraum: comic + cartoon erhältlich und kostet 20 Euro. Zur Eröffnung am Sonntag, den 13. Oktober 2019, wird der Direktor des Museums für Kunst- und Kulturgeschichte, Dr. Jens Stöcker, die Gäste um 11 Uhr begrüßen. Anschließend wird Kurator Braun thematisch in die Ausstellung einführen. Als Special Guests werden Autor und Zeichner des erfolgreichen Superhelden-Comics Captain Berlin, Jörg Buttgereit und Rainer F. Engel erwartet, die für die interessierten Gäste ihre Hefte und Bücher signieren werden.

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Weitere Informationen:

„Nimm das, Adolf!“ Zweiter Weltkrieg im Comic

13. Oktober 2019 bis 15. März 2020
schauraum: comic + cartoon
Max-von-der-Grün-Platz 7, 44137 Dortmund
Eröffnung: Sonntag, 13. Oktober 2019, 11 Uhr
Eintritt frei

Der schauraum: comic + cartoon eröffnete im April 2019 am Max-von- der-Grün-Platz 7 gegenüber des Hauptbahnhofs. Auf 160 Quadratmetern bieten die Kulturbetriebe Dortmund einen Ausstellungs- und Mitmachort rund um Comics, Cartoons und Karikaturen. Angedockt ist er an das Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK), die Projektleitung haben Dr. Nassrin Sadeghi (MKK) und Sophia Paplowski (Stadt- und Landesbibliothek).

Für die Bespielung arbeitet das MKK mit der Stadt- und Landesbibliothek, dem Kulturbüro und der Bildungsetage UZWEI im Dortmunder U zusammen. Der schauraum: comic + cartoon bietet Gelegenheit, sich auf hohem Niveau mit Comics als Phänomen der Popkultur auseinanderzusetzen – in anspruchsvollen Ausstellungen, Workshops und Partizipationsprojekten (nicht nur) für Kinder und Jugendliche. 

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Ein Gedanke zu “schauraum comic + cartoon: „Nimm das, Adolf!“ -wie Superman und Co. die Nazi-Schergen das Fürchten lernten 

  1. schauraum: comic + cartoon (Pressemitteilung) Beitrags Autor

    Feierabend-Führung durch den Comic-Schauraum:
    „Nimm das, Adolf!“ – Zweiter Weltkrieg im Comic

    Der Zweite Weltkrieg fand auch Eingang in das damals noch junge Medium Comic. Der Dortmunder „schauraum comic + cartoon“ widmet diesem Thema eine Ausstellung: „Nimm das, Adolf! Zweiter Weltkrieg im Comic“ läuft noch bis zum 15. März 2020 und zeigt knapp 100 seltene, zumeist erstmals ausgestellte Originalzeichnungen und Dokumente. Sie erzählt vom Kampf der Superhelden gegen die Nazis, von der Instrumentalisierung des Mediums bis zum Eingang des Themas ins Horror- und Fantasy-Genre. Eine einstündige After-Work-Führung durch die Ausstellung gibt es am Donnerstag, 7. November, 18 Uhr. Die Führung kostet 3 Euro, der Eintritt ist frei.

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