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„Ramadan – Monat der Begegnung“: Interreligiöser Dialog beim ersten gemeinsamen Fastenbrechen in Dortmund

Interreligiöser Dialog beim ersten gemeinsamen Fastenbrechen im DKH. Fotos: Alex Völkel

Für fünf Millionen MuslimInnen in Deutschland ist am 3. Mai – mit Beginn des Fastenmonats Ramadan – die wichtigste Zeit des Jahres angebrochen. Dabei ist der Ramadan ein Monat der Begegnung und Verbindung – auch über die Religionen hinweg: Für viele MuslimInnen ist es selbstverständlich, dass am allabendlichen Fastenbrechen auch Menschen anderer Religionen teilnehmen. Dies zeigte sich auch beim ersten gemeinsamen Fastenbrechen im Dortmunder Dietrich-Keuning-Haus. Eingeladen – und gekommen – waren VertreterInnen der evangelischen und katholischen Kirche, der jüdischen Gemeinde und der Stadt Dortmund – sowie zahlreich Gäste aus der muslimischen und nicht-muslimischen Stadtgesellschaft.

„Ramadan ist der Monat der Begegnung – nicht nur unter den Muslimen“

Integrationsrat, Rat der muslimischen Gemeinden und das DKH hatten erstmals zusammen eingeladen – Emre Gülec, Ahmad Aweimer, Levent Arslan und Aysun Tekin.

Die Teilnehmenden folgten einer Einladung des Rates der Muslimischen Gemeinden in Dortmund (RMGD) und des Integrationsrates der Stadt. Das Motto des Abends: „Dialog. Vertrauen. Vielfalt. Respekt. Toleranz“.

Dass das gemeinsame Fastenbrechen hervorragend eignet ist, um den bestehenden interreligiösen Dialog weiter zu stärken ist für Ahmad Aweimer selbstverständlich – Für den Sprecher des Rates der Muslimischen Gemeinden Dortmund steht fest: „Ramadan verbindet. Ramadan lässt Brücken entstehen – nicht nur unter den Muslimen, nicht nur innerhalb der Familie. Ramadan ist der Monat der Begegnung. Das wollten wir zeigen.“

Aysun Tekin als Vorsitzende des Integrationsrates ergänzt: „ Wir wollen zeigen, wie viel Verbindendes es zwischen den Kulturen und Religionen gibt und betonen, was uns alle weltweit verbindet: Respekt, Toleranz und Offenheit.“ Der Ramadan ist für sie ein guter Zeitpunkt um muslimische Bräuche und Traditionen zuteilen, denn „beim Fastenbrechen sind auch traditionell Menschen anderer Religionen dabei.“

Die interreligiöse Podiumsdiskussion stand im Mittelpunkt des Abends

Bürgermeisterin Birgit Jörder

Auch die in der Nordstadt wohnende Bürgermeisterin Birgit Jörder freute sich über die Einladung: „Weltoffenheit ist uns [als Stadt Dortmund] wichtig. Wir möchten die Interkulturalität als Markenzeichen.“ Der Monat Ramadan böte sich dabei an „um einen interreligiösen Dialog zu fördern“ und „zur Versöhnung beitragen.“

Der Abend wurde von kurzen Gebeten und Koranversen begleitet. Außerdem sorgten der Auftritt des interkulturellen Chors und ein Musikbeitrag von Ilahi Issam Bayan für Abwechslung. Im Mittelpunt stand jedoch eine Podiumsdiskussion, bei der die VertreterInnen der Religionsgemeinden über ihre Erfahrungen in der interreligiösen Zusammenarbeit in Dortmund sprachen.

Neben Aweimer und Tekin waren Alexander Krimhand von der jüdische Gemeinde Dortmund, Ansgar Schocke von der katholischen Stadtkirche, Heike Proske, Superintendantin des evangelischen Kirchenkreis Dortmund und Stefanie Rentsch, Programmleiterin beim evangelischen Kirchentag, beteiligt.

Solidarität, individueller Einsatz und Offenheit wichtig für interreligiösen Dialog in Dortmund

Proske sieht die Einladung zum Fastenbrechen als ein „Zeichen dafür, dass wir miteinander unterwegs sein wollen – hin zum Frieden.“ Sie zeigte sich beeindruckt durch die Solidarität der letzen Wochen nach den Anschlägen in Sri Lanka: „Ein kleines, aber ein unglaublich tiefgehendes Zeichen waren in die Blumensträuße an Kirchen und Gemeindehäusern  von verschieden muslimischen Gemeinden und einzelnen Personen.“

Für Krimhand ist auch der individuelle Einsatz von einzelnen Personen zu bedenken: „Jedes Projekt entsteht nur mit der Unterstützung von Menschen, die hinter den Institutionen stehen und die Initiative übernehmen.“ Als Beispiel bringt er das Dortmunder interreligiöse Theaterprojekt an:  „Dies ist eine Privatinitiative gewesen. Solche Projekte sind nur möglich, wenn Menschen dahinter stehen und es weiter entwickeln wollen.“

Für Schocke ist es wichtig, dass schon Kinder eine Offenheit gegenüber anderen Menschen und Religionen vermittelt wird. Er verweist auf das Projekt „Essen und Lernen“ der St. Antonius Gemeinde in der Nordstadt, „wo auch muslimische und nicht-religiöse Kinder mit einem Mittagessen versorgt werden und bei den Hausaufgaben betreut werden.“

„Auch der Kirchentag ist ein ganz großes interreligiöses Projekt“

„Auch der Kirchentag* ist ein ganz großes interreligiöses Projekt“, erklärt Rentsch. Sie freue sich außerordentlich, dass  das „Zentrum Juden und Christen“ und das „Zentrum Muslime und Christen“ beim Kirchentag in Dortmund Ende Juni das erste Mal an dem selben Ort stattfinden.

„Es gibt sogar Veranstaltungen, die trialogisch angelegt sind – wo sich das Christentum, das Judentum und der Islam gemeinsam auf die Bühne stellen und den Dialog bzw. Trialog auf die große Bühne heben“, führt sie über das Konzept des interreligiösen Programmteils weiter aus.

Aweimer ergänzt, dass viele Projekte in Dortmund nicht nur im interreligiösen Kontext, sondern auch in Kooperation mit der Stadt stattfinden. So werde zum Beispiel das diesjährige DORTBUNT! Stadtfest mit einem interreligiösen Gebet eröffnet. Außerdem nannte er das jährliche Dortmunder Islamseminar. „Es gibt viel in Dortmund: Wir müssen das alle nur unterstützen und mitmachen“, so sein Resümee.

Auch Konfliktfelder werden bei der Ramadan-Diskussion nicht gescheut

Doch auch vor der Ansprache von Verbesserungsmöglichkeiten wurde nicht zurückgescheut. So gab Schocke zu bedenken, dass die Strukturen innerhalb der muslimischen Gemeinde bzw. Gemeinden nicht immer sofort ersichtlich seien – Nicht immer sei für ihn die richtige Kontaktperson eindeutig auszumachen.

Awmeier verwies auf die Vielfalt innerhalb des Islams und gestand ein: „Wir sind noch jung in diesem Land. Man kann uns natürlich [bezüglich der Organisation und Strukturen] nicht mit der katholischen Kirche vergleichen. Wir sind aber auf einem guten Weg, wir bemühen uns. Und wir bitten um Entschuldigung und Geduld, wenn es mal langsam voran – Aber es geht voran.“

Tekin ergänzt, dass die Arbeit im RMGD und in den Gemeinden selbst ehrenamtlich geleistet wird. „Deswegen gibt es oft eine hohe Fluktuation.“ Außerdem stehe so den Aktiven oft nur ein begrenzter zeitlicher Rahmen für Ihre Tätigkeit zur Verfügung. Dies ist aber auch für sie kein Hindernis, weiter am interreligiösen Dialog zu arbeiten.

Islamwissenschaftler Dr. Esnaf Begic: Hintergründe des religiösen Fastens

Dr. Stefan Mühlhofer , Leiter der Dortmunder Kulturbetriebe, sprach Worte der Erinnerung.

Dass das friedliche Miteinander im Mittelpunkt steht, wurde durch das anschließende Gedenken an den 8. Mai als Jahrestag des Kriegsendes des Zweiten Weltkrieges unterstrichen – Dr. Stefan Mühlhofer , Leiter der Dortmunder Kulturbetriebe, sprach Worte der Erinnerung.

Als letzten Programmpunkt vor dem eigentlichen Fastenbrechen gab der Islamwissenschaftler Dr. Esnaf Begic von der Universität Osnabrück Einblicke in die Hintergründe des muslimischen Fastens – sowie zu ähnlichen Traditionen in anderen Religionen:

Schon Hippokrates habe auf die reinigende Wirkung des Fastens Hingewiesen. Im religiösen Kontext gehe das Fasten jedoch über den Aspekt der physische Gesundheit hinaus: „Es hat zum Beispiel auch die Funktion der Reinigung der Seele, der Buße und der Konzentration“. Außerdem solle es zur „seelischen Harmonie, Demut, Willenskraft und psychischer und sozialer Kontrolle“ führen.

Ramadan: Wer fastet – und warum – Hintergründe zum Fest

Islamwissenschaftler Dr. Esnaf Begic

Während des Monats Ramadan wird so an 29 bis 30 Tagen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gefastet. Zur Teilnahme sind alle – im religiösen Sinne – volljährige MuslimInnen verpflichtet, die frei und nicht gesundheitlich eingeschränkt sind. Das Fasten soll zur Selbstreflektion anregen und die Gläubigen näher zu Gott bringen.

Weltgeschichtlich sei der Fastenmonat für MuslimInnen dabei von besonderer Bedeutung, da die erste Offenbarung des Propheten Mohameds am Ende des Monats Ramadan im Jahr 610 stattfand. Dies war der Start für viele weitere Offenbarungen über die nächsten 32 Jahre bis zu seinem Tod.

Durch das Fasten solle darüber hinaus „das soziale Gewissen und das Mitgefühl mit den Hungernden auf der Welt stärken. Die Zahl der hungernden Menschen ist gestiegen“, so Begic – wofür er politische und ökonomische Entscheidungen verantwortlich macht.

Es geht auch um: Mitgefühl und soziale Verantwortung

Einstimmung auf den Ramadan.

Während des Ramadan gehe es so drum, sich – auch durch die verpflichtende Lebensmittelspende am Ende des Monats – seiner eigenen Verantwortung bewusst zu werden.

Außerdem ruft er die fünf Millionen in Deutschland lebenden MuslimInnen dazu auf, die Zeit der Reflektion zu nutzen „um sich der Verantwortung gegenüber dieser Gesellschaft zu besinnen – und sich zum Beispiel stärker politisch zu engagieren“. Auch die muslimischen Gemeinden als solches müssten sich stärker für eine weitere Öffnung hin zur Gesamtgesellschaft einsetzen.

Doch nicht nur das Fasten, sondern eben gerade auch das allabendliche Fastenbrechen sei von hoher Bedeutung: „Das gemeinsame Essen ist gemeinschaftsbildend. Es zeigt: Du bist willkommen, ich habe dich gerne hier.“ Das Fastenbrechen sei somit mehr als reine Nahrungsaufnahme, sondern vielmehr ein Zusammenkommen, das Stärke und Orientierung gibt.

21.12 Uhr: Mit dem Sonnenuntergang findet das gemeinsame Fastenbrechen statt

Um 21.12 Uhr – mit Untergang der Sonne und dem Gebetsaufruf Ezan (Abendgebet) – war es Zeit für das gemeinsame Fastenbrechen.

Um 21.12 Uhr – mit Untergang der Sonne und dem Gebetsaufruf Ezan (Abendgebet) – war es Zeit für das gemeinsame Fastenbrechen.

Mitglieder der muslimischen Gemeinden hatten für ein ausgiebiges Buffet mit selbstgemachter Linsensuppe, Reis und Couscous mit Gemüse und Fleisch, gefüllte Weinblätter und vieles mehr gesorgt.

So fand der Abend einen – wie versprochen – geselligen Ausklang, bei dem der interkulturelle Dialog auf individueller Ebene weiter ging.


*Der evangelische Kirchentag ist 1949 als „evangelische Laienbewegung“ und „ein  Gegenüber zur Amtskirche“ entstanden. Von Anfang an stellte er „ein Forum für die politischen Themen und geistlichen Herausforderungen der Zeit dar“, so heißt es auf der offiziellen Homepage. Alle zwei Jahre findet der Kirchentag seitdem in einer anderen deutschen Stadt statt – dieses Jahr vom 19. bis 23. Juni in Dortmund. Es werden bis zu 100.000 BesucherInnen erwartet.

Um allen InteressentInnen – unabhängig vom persönlichen Budget – die Teilnahme zu ermöglichen wendet sich der Kirchentag an die Dortmunder BürgerInnen: Es fehlen noch einige Übernachtungsmöglichkeiten. Wer einen Schlafplatz für Kirchentag-BersucherInnen von außerhalb bereit stellen kann und möchte, ist herzlichst eingeladen sich an den Kirchentag zu wenden.

 

Weitere Informationen:

  • Dortmunder Islamkonferenz, hier:
  • Jüdische Gemeinde Dortmund, hier:
  • Katholische Stadtkirche, hier:
  • Evangelischer Kirchentag allgemein, hier:
  • Gasterber*in für Privatquartier beim Kirchentag werden, hier:

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Ein Gedanke zu “„Ramadan – Monat der Begegnung“: Interreligiöser Dialog beim ersten gemeinsamen Fastenbrechen in Dortmund

  1. Islam-Seminar (Pressemitteilung)

    Islamseminar: Einladung zum Fastenbrechen

    Es ist eine langjährige Tradition, dass das Dortmunder Islamseminar im islamischen Fastenmonat Ramadan zum Iftar (Fastenbrechen) einlädt. In diesem Jahr findet es am Dienstag, 28. Mai, ab 20 Uhr in der VIKZ-Moschee, Bachstraße 5-7, statt.

    Vor dem gemeinsamen Essen und Trinken wird es Grußworte geladener Gäste geben. Imam Ahmad Aweimer hält ein Kurzreferat zum Thema „Ramadan – Monat der Begegnung“.

    Das Islamseminar ist eine gemeinsame Initiative des Evangelischen Kirchenkreises, des Katholischen Forums und Dortmunder Moscheevereine.

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