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Post-Lockdown Start mit einer Legende – die Rede ist vom „Godfather of Graphic Novel“: Will Eisner

Dr. Alexander Braun (Kurator) in seiner Ausstellung „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“. Foto: Gina Thiel

Bei Comics geht es immer nur um Superhelden, Gewalt und sexy Frauen? Falsch! Der „Godfather of Graphic Novel“, Will Eisner, hat mit seinen Comic-Heften und Illustrationen oft genug das Gegenteil bewiesen. Obdachlosigkeit, Kleinkriminelle, Waisenkinder und Antisemitismus sind nur wenige Beispiele für Eisners Themenvielfalt. Mit seinem Hauptcharakter „Spirit“, der sich bewusst von Superhelden absetzt, und seiner Arbeit für die U.S. Armee machte sich Eisner in der Comic-Welt einen Namen. Er erlebte und prägte den Wandel der Hefte vom Schandblatt in den 40er und 50er-Jahren bis hin zum gehypten Nerd-Magazin in den 2000ern mit. Eisners berühmteste Werke sind aktuell in der Ausstellung „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“ im Dortmunder „schauraum: comic + cartoon“ zu sehen.

Beginn einer wunderbaren Reise: Ausstellungsstart mit kleiner Digital-Revolution

Mit seiner Ausstellung „Will Eisner- Graphic Novel Godfather“ startet Dr. Alexander Braun in Dortmund und zieht anschließend weiter nach Erlangen, Basel und Rensburg. Ab dem 16. März öffnen sich die Türen des schauraum: comic + cartoon am Max-von-der-Grün-Platz 1-3, gleich gegenüber vom Hauptbahnhof. Auf die Besucher*innen warten neben 70 Originalwerken aus Will Eisners Nachlass Vintage-Archivalien – und dazu eine kleine digitale Revolution.

Sonobeacon Boxen als Ausstellungserweiterung. Foto: Gina Thiel

Insgesamt acht Sonobeacon-Boxen sind im Raum verteilt, die Besucher*innen über eine Smartphone-App zusätzliche Informationen zur Ausstellung bereitstellen. „Für uns ist das eine gute Möglichkeit, den Raum zu erweitern“, sagt Dr. Stefan Mühlhofer, Leiter der städtischen Kulturbetriebe. Mit Hilfe eines QR-Codes kann am Eingang des Schauraums die App auf das Smartphone geladen werden, auch kostenloses W-Lan steht in der Ausstellung zur Verfügung. Die Ausstellung schafft so eine Brücke zwischen der Retroperspektive und Digitalisierung.

Zusätzlich zur Ausstellung erscheint außerdem eine Monografie über das Leben und die Werke von Will Eisner, von dem Kurator (Gestalter und Betreuer der Ausstellung) Dr. Alexander Braun. Auf rund 384 Seiten erhält man tiefgehende Einblicke in die einzelnen Werke von Eisner, Anekdoten aus seinem Leben und viele spannende Illustrationen. Sogar das Original-Autogramm, welches Braun damals bei Eisners Dortmund-Besuch 1992 ergattern konnte, findet man auf einer der letzten Seiten im Buch abgedruckt. „Die Ausstellung hat in der Comic-Szene schon für Furore gesorgt, weil das ein Thema ist, worauf Comic-Kenner direkt ansprechen“, freut sich Stefan Mühlhofer. Damit startet die erste große deutsche Retrospektive zu William Eisner in Dortmund – die Erwartungen sind hoch.

William Edward Eisner: Seine Geschichte als eine Geschichte und oft Thema seiner Comics

William Eisner wurde 1917 als Kind jüdischer Migranten geboren und hatte von Beginn an einen schweren Start. Seine Kindheit war geprägt von Armut, der Weltwirtschaftskrise und der Umgebung der New Yorker Bronx. Das spiegelt sich auch in seinen zahlreichen Comics wieder. Viele seiner Geschichten spielen in einem Umfeld, in dem sich Eisner auch selbst bewegte. Trotz seiner Begabung und seinem Ehrgeiz war es für ihn aufgrund seines familiären Backgrounds undenkbar, eine Anstellung bei einer großen New Yorker Zeitung zu bekommen. Wie viele andere, denen diese Chance verwehrt blieb, wendete sich Eisner den Comic-Heften zu. In der Zeit der 1930er-Jahre waren diese ein relativ neues Phänomen. Durch Superhelden wie Superman, die gegen Verbrecher und Nazi-Deutschland kämpften, erlebten die Hefte ab 1938 einen regelrechten Boom.

Hauptcharakter „Spirit“ mit blauem Anzug und Maske. Foto: Gina Thiel

Auch große Zeitungen wollten davon profitieren und begannen, Comic-Hefte als Beileger für Sonntagszeitungen einzuführen. Eisner hatte sich zu dieser Zeit in der Comic-Szene bereits einen Namen gemacht und wurde 1939 von einer der Zeitungen eingekauft, um ein solches Comic-Heft zu gestalten. Statt sich wie alle anderen an Superhelden als Hauptcharakteren zu bedienen, schuf Eisner seine Hauptfigur „Spirit“. Ein Gangster-Jäger in blauem Anzug, Hut und Zorro-Maske.

„Will Eisner hatte überhaupt kein Interesse an Superhelden, der fand das ganz schrecklich“, erzählt Dr. Alexander Braun. Trotz fehlendem Superheld und Enttäuschung der Verleger wurden die Sonntagsbeilagen sehr erfolgreich. Eisner, der eigentlich den Wunsch hatte, über andere Themen zu sprechen wie Kleine-Gangster, Gescheiterte und Obdachlose schuf „Spirit“ als Figur, die es ihm möglich machte, eben diese Geschichten zu erzählen.

Heute undenkbar: Comics aus psychiatrischer Sicht als jugendgefährdendes Material eingestuft

Die 50er-Jahre setzen den Comics erneut schwer zu. Aussagen wie die des Psychiaters Dr. Wolfen, dass Comics zur Kriminalisierung der Kinder- und Jugendlichen beitragen, führten 1954 zur Zensur der Comic-Hefte. Erwachsene Themen wie Sexualität, Gewalt, Horror, Politik, Wirtschaft und Scheidungen waren von nun an verboten. Will Eisner erfand sich in der Krise wieder einmal neu und bot unter seinem neu gegründeten Studio „American Visuals“ Comics als Dienstleistung für die Industrie an. Eisner sah in den Comics großes Erziehungspotenzial. Schwierige Themen konnten einfach bildlich erklärt und vermittelt werden. In den Kriegsjahren zeichnete Eisner Illustrationen, Plakate und Aufklärungskampagnen für das Pentagon und die U.S. Armee. Bis 1972 blieb diese sein wichtigster Auftraggeber. Für die Comic-Szene war Will Eisner in diesen 20 Jahren praktisch unsichtbar.

Graphic Novel von Will Eisner. Foto: Gina Thiel

In den 60er-Jahren hatte sich die Comic-Szene erneut radikal gewandelt. Besonders die Situation innerhalb der Szene – auch für viele Autor*innen – hatte sich deutlich verbessert. Comic-Shops wurden gegründet und Comic-Conventions organisiert. Zu einer dieser New Yorker Comic-Cons wurde auch Will Eisner eingeladen. Er sah im Wandel der Szene vor allem eine Chance, seinen langen Traum endlich aufleben zu lassen – Comics als ein literarisch anspruchsvolles Werk.

1978 erschien dann sein Meilenstein der Comic-Geschichte „Ein Vertrag mit Gott“. Die Erstausgabe des Werkes kann sogar in der Ausstellung im Dortmunder Schauraum betrachtet werden. Auf dem Cover erschien erstmals das Wort „Graphic Novel“, mit dem Eisner bis heute assoziiert wird. Eine Graphic Novel (also, ein grafischer Roman), erklärt Eisner in seinem Buch, ist für ihn ein Werk, in dem der Comic-Schöpfer Herr seines Produktes ist, wo er den Inhalt, die Form, den Umfang bestimmt, nicht der Verlag.

Die Graphic Novel machte es ihm möglich, normale Themen über normale Menschen mit alltäglichen Tragödien zu behandeln. Bis zu seinem Tod im Jahr 2005 hat Eisner immer wieder Graphic Novels mit Themen wie Antisemitismus, Familientragödien und seiner eigenen Geschichte veröffentlicht.

Vorgeschmack: „Little William“ – kleine Zusammenfassung

Der Comic „Little William“ ist ein Thanks-Giving-Comic, der an dem amerikanischen Feiertag erschienen ist. Es geht um einen kleinen Waisenjungen, der traurig ist, dass er keine Familie hat und keinen Anschluss findet. Er kommt in Versuchung, sich den Verbrechern aus Manhattan anzuschließen. Diese planen am Thanks-Giving-Tag, das Archiv des Polizeipräsidiums niederzubrennen, um alle Beweise zu vernichten.

Ausstellungskasten und Illustrationen von Will Eisner. Foto: Gina Thiel

„Little William“ beschließt daraufhin doch, dass er lieber Assistent von „Spirit“ werden möchte. Er wird beim Versuch, „Spirit“ vor der geplanten Tat der Verbrecher zu warnen, von den Verbrechern entführt. Spirit bekommt das mit und verfolgt daraufhin die Verbrecher.

Der Comic unterscheidet sich nicht nur dadurch, dass „Spirit“ als Hauptcharakter abgelöst wird von „Little William“, sondern auch durch seine Form. Die Textstellen erinnern an ein gereimtes Epos. Damit gibt Will Eisner seinem Comic einen literarisch-poetischen Unterbau. Das war damals in den 40er-Jahren für einen Comic etwas völlig Außergewöhnliches.

Wer Lust auf mehr bekommen hat, „Little William“ als visuelle Gestaltung sehen will oder die Erstausgabe des berühmten Werks „Ein Vertrag mit Gott“ bestaunen möchte, kann sich einen Termin für die Ausstellung sichern. Hier der Link zur Terminvergabe: schauraum-comic-cartoon/Terminvergabe

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