
Viele Handwerksbetriebe stehen aufgrund steigender Kosten, zunehmender Bürokratie und offener Nachfolgefragen unter Druck. Mit der neuen Kampagne „Ständig du selbst“ möchte die Handwerkskammer (HWK) Dortmund mehr Menschen für die Selbstständigkeit im Handwerk begeistern. Beim diesjährigen Werkstattgespräch wurde nicht nur die neue Initiative vorgestellt, sondern auch die aktuellen Herausforderungen der Branche thematisiert.
Das Optikerhandwerk verbindet moderne Technik mit traditionellen Fertigkeiten
In den Ausbildungswerkstätten der Handwerkskammer an der Ardeystraße befinden sich unter anderem die Werkstätten der Augenoptiker:innen. Für HWK-Präsident Berthold Schröder steht dieser Beruf beispielhaft für ein modernes Handwerk, das traditionelle Fertigkeiten mit hochspezialisierter Technik verbindet.

Optikermeister und Ausbilder Markus Knopp erklärte die verschiedenen Mess- und Fertigungsgeräte. Durch die anspruchsvolle Ausbildung sind Fachkräfte später in der Lage, eng mit Augenärzt:innen zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig werde der Markt aber zunehmend von großen Filialketten geprägt und inhabergeführte Fachgeschäfte würden immer seltener.
Grund dafür seien vor allem steigende Kosten und hohe Investitionen. Moderne Geräte zur Messung der Sehstärke oder des Augeninnendrucks seien teuer. Auch Mieten und Energiekosten seien in den vergangenen Jahren gestiegen. Für kleinere Betriebe werde es dadurch immer schwieriger, wirtschaftlich zu arbeiten.
Das Handwerk sieht sich mit mehreren Herausforderungen konfrontiert
Im Gespräch zeichnete Schröder ein gemischtes Bild der wirtschaftlichen Situation. Obwohl es Entlastungen gebe, stehe das Handwerk vor einer Reihe struktureller Herausforderungen. Besonders kritisch seien die gestiegenen Lohnnebenkosten, die in den vergangenen Jahren weiter angestiegen seien. „Wer kann sich eigentlich noch gute Handwerksarbeit leisten?“, fragte Schröder.

Insgesamt positiv bewertete der Kammerpräsident die jüngst vorgestellten Reformvorhaben der Bundesregierung. Insbesondere die geplanten Rentenreformen und angekündigte Maßnahmen zur Stärkung von Investitionen gingen in die richtige Richtung. Das reiche aber noch nicht aus. Besonders bei Energiepreisen und Bürokratie bestehe weiterhin erheblicher Handlungsbedarf.
Blick auf neue Technologien wie Künstliche Intelligenz dürften Betriebe den Anschluss nicht verlieren. Daher müssten die Rahmenbedingungen für Investitionen verbessert werden.
Gleichzeitig beobachte man, dass sich junge Menschen zunehmend die Frage stellten, welche Berufe langfristig überhaupt noch eine Zukunft hätten.
Die Frage nach der Nachfolge rückt für viele Betriebe in den Fokus
Neben den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stellt auch der demografische Wandel eine zunehmende Herausforderung für das Handwerk dar. Immer mehr Inhaber:innen von Betrieben erreichen das Rentenalter. Während der Anteil der über 50-jährigen Betriebsinhaber:innen im Jahr 2000 noch bei etwa 28 Prozent lag, seien es heute bereits rund 48 Prozent, wie Schröder erklärt.

Damit wachse der Druck bei der Unternehmensnachfolge. „Wir müssen mehr dafür tun, dass wir Nachfolger finden“, erklärte Schröder. Sollte dies nicht gelingen, so drohten weitere Betriebsschließungen, warnt er.
Dafür müssten auch die Hürden bei der Gründung neuer Unternehmen reduziert werden. Umfangreiche Genehmigungsverfahren und lange Bearbeitungszeiten würden viele Interessierte abschrecken. Es brauche daher verlässlichere und einfachere rechtliche Bedingungen.
Ständig du selbst: Kampagne möchte jungen Menschen Mut machen
Hauptgeschäftsführerin Olesja Mouelhi-Ort stellt vor diesem Hintergrund die neue Kampagne „Ständig du selbst“ vor. Diese soll vor allem jungen Menschen zeigen, dass Selbstständigkeit in einem handwerklichen Beruf erfolgreiche Perspektiven eröffnen kann und Raum für eigene Ideen bietet.

Die Kampagne fokussiert sich bewusst auf Menschen, die bereits den Schritt in die Selbstständigkeit gegangen sind. Echte Menschen sollten zeigen, wie unterschiedlich unternehmerische Lebenswege im Handwerk aussehen können und welche Chancen damit verbunden sind.
Die Initiative wird auch von NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Bündnis 90/ Die Grünen) unterstützt. „Lasst uns gemeinsam die Selbstständigkeit nach vorne bringen“, betont sie in einer Ansprache.
Konditormeisterin Wächter: Ich gestalte meine Selbstständigkeit so, wie ich sie brauche
Die Bochumer Konditormeisterin Tabea Wächter ist eine der Botschafterinnen der Kampagne. Mit ihrer veganen Patisserie „Caya“ hat sie sich einen langjährigen Wunsch erfüllt. Zuvor arbeitete sie mehrere Jahre als Angestellte, entschied sich nach ihrer Meisterausbildung jedoch bewusst für den Schritt in die Selbstständigkeit.

Besonders der bürokratische Aufwand habe sie in der Anfangsphase beschäftigt. Für lebensmittelverarbeitende Betriebe seien zahlreiche Auflagen zu erfüllen, von Hygienevorschriften über bauliche Anforderungen bis hin zu langwierigen Genehmigungsverfahren. Auch machten steigende Miet-, Heiz- und Energiekosten den Aufbau ihres Unternehmens nicht einfacher.
Für Wächter überwiegen jedoch die Vorteile. Sie können ihren Betrieb so gestalten, wie es zu ihrem Leben passt. „Ich gestalte meine Selbstständigkeit so, wie ich sie brauche“, erklärt sie. Dabei setzt sie Innovationen, sowohl mit ihrem veganen Konzept als auch mit ihrer Online-Präsenz in den soziale Medien.
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