20 Jahre Seniorenbüros: Ein Netzwerk für selbstbestimmtes Altern in Dortmund

Beratung, Hausbesuche und Hilfe gegen Einsamkeit:

Im Dezember fand in der Stadtteilbibliothek Eving in Kooperation mit dem Seniorenbüro Eving erneut ein Lesecafé statt. Foto: Seniorenbüro Eving

Die Dortmunder Seniorenbüros feiern ihr 20-jähriges Bestehen. Was 2004 als Modellprojekt in der Innenstadt-West und in Hörde begann, ist inzwischen aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Seit 2006 gibt es die Seniorenbüros flächendeckend in allen zwölf Stadtbezirken. Ihr Ziel ist bis heute unverändert: älteren Menschen ein möglichst selbstbestimmtes Leben in ihrer vertrauten Umgebung zu ermöglichen und ihnen Unterstützung im Alltag anzubieten.

„Es sind Orte, die den Menschen guttun und ihnen das Leben erleichtern“

Portrait der neuen Dezernentin.
Sozialdezernentin Frauke Füsers Foto: Roland Gorecki für die Stadt Dortmund

Träger der Seniorenbüros sind die Stadt Dortmund, die Wohlfahrtsverbände und die Städtische Seniorenheime gGmbH. Zu den beteiligten Verbänden gehört auch die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Dortmund. Die Beratung ist kostenfrei und trägerneutral. Mitarbeitende informieren zu Themen wie Pflege, Wohnen, Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, Pflegeversicherung, Wohngeld oder Schwerbehinderung und vermitteln passende Hilfsangebote.

„In den Seniorenbüros geht es um mehr als Beratung. Sie begleiten Menschen und deren Angehörige dabei, möglichst lange selbständig und selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden zu leben und bieten Orientierung im komplexen Pflegesystem“, sagt Sozialdezernentin Frauke Füsers.

Michael Gonas, der neue Leiter des Sozialamts.
Michael Gonas, der neue Leiter des Sozialamts. Foto: Mara Odparlik für Nordstadtblogger.de

Durch die Arbeit der Seniorenbüros entstünden häufig weitere Kontakte und Unterstützungsangebote im Stadtteil. „Kurz gesagt: Es sind Orte, die den Menschen guttun und ihnen das Leben in wichtigen Bereichen erleichtern“, so Füsers.

Auch Michael Gonas, Leiter des Sozialamts, beschreibt die Einrichtungen als wichtige Orte für Austausch und Teilhabe. Menschen fänden dort Anschluss und Möglichkeiten, sich einzubringen. Gemeinsam mit zahlreichen Netzwerkpartner*innen entstünden Räume für Begegnung und Gemeinschaft – sowohl für Senior*innen als auch für Angehörige und Menschen, die ihren Stadtteil aktiv mitgestalten möchten.

Bereits vor 20 Jahren rückten Einsamkeit und Versorgungslücken stärker in den Fokus

Die Idee hinter den Seniorenbüros entstand bereits lange vor dem offiziellen Projektstart. Christine Gilbert, erste Mitarbeiterin der AWO im Seniorenbüro Innenstadt-West, erinnert sich an eine intensive Vorbereitungszeit und viele Diskussionen über die zukünftige Ausrichtung. Die AWO habe früh die Idee verfolgt, für ältere Menschen im häuslichen Bereich ein verlässliches und vernetztes Unterstützungsangebot aufzubauen.

Christine Gilbert war erste Mitarbeiterin der AWO im Seniorenbüro Innenstadt-West. Foto: Alexander Völkel

Schon damals seien Einsamkeit und die unzureichende Versorgung alleinlebender Senior*innen große gesellschaftliche Themen gewesen. Viele ältere Menschen hätten zwar in ihrer vertrauten Umgebung leben wollen, seien aber bei Krankheit, eingeschränkter Mobilität oder fehlender familiärer Unterstützung schnell auf Hilfe angewiesen gewesen. Besonders pflegende Angehörige, etwa bei der Betreuung von Menschen mit Demenz, hätten häufig Entlastung benötigt.

„Solange wie möglich selbstständig im Alter leben“ wurde deshalb zum Leitbild der Seniorenbüros. Ziel sei es gewesen, „zu einer besseren Versorgung zu kommen und ein selbstbestimmtes Leben sowie Teilhabe am gesellschaftlichen und sozialen Leben zu ermöglichen“, erinnert sich Gilbert.

Damals habe es zwar bereits zahlreiche Hilfsangebote gegeben, allerdings oft nebeneinander statt miteinander. Vielen Betroffenen sei zudem gar nicht bekannt gewesen, welche Unterstützungsmöglichkeiten existieren oder an wen sie sich wenden können. Genau hier sollten die Seniorenbüros ansetzen: als zentrale Anlaufstelle im Stadtteil, die Hilfen bündelt und Menschen Orientierung gibt.

Der Begriff „Seniorenbüro“ stieß anfangs nicht überall auf Begeisterung

Im August 2004 startete das erste Seniorenbüro in der Innenstadt-West, im November folgte Hörde. Von Beginn an arbeiteten Stadt und Wohlfahrtsverbände eng zusammen. „Alle waren skeptisch und das Ding hatte noch nicht mal einen Namen“, sagt Gilbert rückblickend. Der Begriff „Seniorenbüro“ sei ein Vorschlag der AWO gewesen und habe sich trotz anfänglicher Widerstände schließlich durchgesetzt.

In allen Dortmunder Stadtbezirken gibt es Anlaufstellen für Seniore:innen. Foto: Stadt Dortmund

Die Skepsis habe sich nicht nur auf den Namen bezogen, sondern auch auf die neue Struktur. Viele Beteiligte hätten zunächst abgewartet, ob das Konzept tatsächlich funktioniere. Denn die Seniorenbüros sollten keine zusätzliche Verwaltungsebene sein, sondern eine praktische Unterstützung im Alltag älterer Menschen bieten.

Von Anfang an stand deshalb die direkte Arbeit mit den Menschen im Mittelpunkt. Die Mitarbeitenden sollten nicht nur beraten, sondern aktiv begleiten, Kontakte herstellen und konkrete Hilfen organisieren. Gerade diese Mischung aus Beratung, Netzwerkarbeit und aufsuchender Unterstützung habe das Modell früh von klassischen Beratungsstellen unterschieden.

Hausbesuche und aufsuchende Beratung wurden früh zum Markenzeichen

Schon in den ersten Jahren setzte das Konzept auf Hausbesuche. Mitarbeitende besuchen ältere Menschen zu Hause, wenn diese die Büros nicht mehr selbst erreichen können. Ratsuchende, Angehörige oder Nachbar:innen können sich an die Seniorenbüros wenden, wenn Unterstützung benötigt wird. Vor Ort verschaffen sich die Mitarbeitenden einen Eindruck der Situation und koordinieren Hilfen, bis eine Versorgung sichergestellt ist.

André Kaufung vom Seniorenbüro Hombruch. Foto: Alexander Völkel

„Das war eine vertrauensvolle Zusammenarbeit“, erinnert sich Gilbert an die Anfangsjahre. Die direkte Arbeit in der Häuslichkeit habe geholfen, Probleme frühzeitig zu erkennen und passende Unterstützung zu organisieren. Gerade ältere Menschen, die alleine leben oder gesundheitlich eingeschränkt sind, profitierten von diesem niedrigschwelligen Angebot.

Viele Gespräche gingen dabei weit über klassische Pflegefragen hinaus. Oft hätten Menschen zunächst einfach jemanden gebraucht, der zuhört, erklärt oder bei Unsicherheiten unterstützt. Häufig sei es darum gegangen, Ängste abzubauen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.

Bis heute gehören Hausbesuche zum Alltag der Seniorenbüros. Sie richten sich vor allem an Menschen, die aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen nicht mehr selbst ins Büro kommen können. Die Mitarbeitenden beraten dann direkt vor Ort und organisieren notwendige Unterstützung. Themen seien „alles, was mit Alter zu tun hat“, sagt André Kaufung vom Seniorenbüro Hombruch.

Ein Netzwerk aus mehr als 500 Partner*innen gilt bis heute als besondere Stärke

Parallel zur Beratungsarbeit entstand ein enges Netzwerk aus ambulanten und stationären Diensten, Krankenkassen, Polizei, Gesundheits- und Sozialamt, Rechtsanwält*innen, Betreuungsvereinen und weiteren Einrichtungen. Bereits in der Anfangszeit wurde ein Runder Tisch mit rund 50 Beteiligten organisiert. Das Interesse an dem neuen Ansatz sei groß gewesen. Das Seniorenbüro sollte ein „Haus der Häuser“ sein, in dem unterschiedliche Hilfsangebote zusammenlaufen.

Das Nachbarschaftsfest „Lange Tafel“ ist  ein Beispiel für die Zusammenarbeit verschiedener lokaler Partner: Neben Vonovia beteiligten sich unter anderem die Stadt, das Seniorenbüro, der Förderverein Gerne in Derne e.V., Begegnung VorOrt und das Integrationsnetzwerk „lokal willkommen“. Foto: Vonovia / Stachelhaus

Heute kooperieren die Seniorenbüros mit mehr als 500 Partner*innen in Dortmund. Dieses Netzwerk gilt bis heute als besondere Stärke der Struktur. Durch die enge Zusammenarbeit können Hilfen häufig schnell und passgenau organisiert werden.

Dabei geht es nicht nur um Pflege oder medizinische Unterstützung. Auch Begegnungsstätten, Ehrenamtsinitiativen, Kirchengemeinden, Nachbarschaftsprojekte oder Freizeitangebote sind Teil der Netzwerkarbeit. Ziel ist es, ältere Menschen möglichst umfassend zu unterstützen und soziale Teilhabe zu ermöglichen.

Die Arbeit der Seniorenbüros reicht heute weit über klassische Pflegeberatung hinaus

Seit 2020 wurde die personelle Ausstattung der Seniorenbüros erweitert. In jedem Seniorenbüro arbeiten mindestens vier Mitarbeitende, jeweils zwei bei einem Wohlfahrtsverband und zwei bei der Stadt Dortmund. Die Aufgaben reichen von Einzelfallhilfe über Netzwerkarbeit bis zur Koordination ehrenamtlichen Engagements.

Kerstin Jung vom Seniorenbüro Innenstadt-West. Foto: Alexander Völkel

In der täglichen Arbeit übernehmen die städtischen Mitarbeitenden häufig stärker das Einzelfallmanagement, während die Mitarbeitenden der Wohlfahrtsverbände Netzwerkarbeit und Ehrenamt koordinieren. In der Praxis greifen die Aufgaben jedoch eng ineinander. „Am Ende können wir aber alles“, sagt André Kaufung. Vertretungen seien selbstverständlich – auch stadtbezirksübergreifend.

Neben Beratung und Einzelfallhilfe spielt auch die Förderung sozialer Kontakte eine große Rolle. Die Seniorenbüros initiieren Projekte, stärken Nachbarschaften und fördern ehrenamtliches Engagement. Kerstin Jung vom Seniorenbüro Innenstadt-West berichtet beispielsweise vom „(Gem)Einsamkeitscafé“, das Menschen aus der Beratungsarbeit zusammenbringt. Dort entstehen neue Kontakte, Nachbarschaftshilfe und gegenseitige Unterstützung im Alltag.

Ehrenamtliche begleiten Senior*innen zu Terminen, helfen beim Einkauf oder verbringen Zeit mit Menschen, die nur wenige soziale Kontakte haben. Gerade Einsamkeit sei in vielen Beratungen ein wichtiges Thema geworden. Die Seniorenbüros versuchen deshalb nicht nur praktische Hilfe zu organisieren, sondern auch Begegnungen zu schaffen.

Smartphone-Sprechstunden und digitale Angebote werden immer wichtiger

Auch digitale Teilhabe gewinnt zunehmend an Bedeutung. Elektronische Patientenakten, Online-Termine oder digitale Tickets im öffentlichen Nahverkehr stellen viele ältere Menschen vor Herausforderungen. Deshalb bieten die Seniorenbüros unter anderem Smartphone-Sprechstunden und Unterstützungsangebote im Umgang mit digitalen Anwendungen an.

Persönliche Nachhilfe in Sachen Smartphone-Benutzunggab es in der AWO-Begegnungsstätte Lanstrop – organisiert von Begegnung VorOrt. Foto: Susanne Schulte

„Niemanden abhängen“, beschreibt Kaufung den Anspruch der Mitarbeitenden. Viele ältere Menschen wollten digitale Angebote nutzen, benötigten dafür aber Unterstützung und verständliche Erklärungen. Die Nachfrage nach entsprechenden Angeboten sei in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

Neu ist zudem die engere Einbindung des Projekts „Begegnung VorOrt“ (BVO) in die Arbeit der Seniorenbüros. Die Koordinator*innen unterstützen Begegnungsstätten und organisieren Angebote wie Stadtteilspaziergänge, Lesungen, Kreativtreffs oder Kleidertauschbörsen. Ziel ist es, Begegnungen zu fördern und Einsamkeit vorzubeugen.

Die Seniorenbüros verstehen sich dabei nicht nur als Beratungsstellen, sondern auch als Orte der Mitgestaltung im Quartier. Menschen sollen die Möglichkeit bekommen, sich einzubringen und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Veranstaltungen werden möglichst kostenfrei organisiert, damit Teilhabe nicht am Geld scheitert.

Jubiläumsveranstaltungen in allen Stadtbezirken geplant

Zwanzig Jahre nach dem Start hat sich das Konzept der Seniorenbüros fest etabliert. Was einst mit Skepsis begann, ist heute ein wichtiger Bestandteil der sozialen Infrastruktur in Dortmund. Die Seniorenbüros stehen für wohnortnahe Beratung, starke Netzwerke und das Ziel, älteren Menschen Teilhabe und ein würdevolles Leben im eigenen Zuhause zu ermöglichen.

Zum Jubiläum planen die Seniorenbüros Veranstaltungen in allen zwölf Stadtbezirken. Die Teams vor Ort organisieren Informationsangebote, Begegnungsformate und kreative Aktionen. Jeder Stadtteil setzt dabei eigene Schwerpunkte – von informativen Angeboten bis hin zu kulturellen und geselligen Veranstaltungen. Gefeiert wird dort, wo die Seniorenbüros seit zwei Jahrzehnten aktiv sind: mitten in den Quartieren und nah bei den Menschen.


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

Unterstütze uns auf Steady

 

Reaktion schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert