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Kampfgeist, Leidenschaft, Kritik: Veye Tatah über 20 Jahre „Africa Positive e.V.“ und scheinheilige Entwicklungspolitik

Veye Tatah ist Herausgeberin des Magazins „Africa Positive“ in Dortmund. Foto: Klaus Hartmann

Veye Tatah ist Herausgeberin des Magazins „Africa Positive“ in Dortmund. Fotos: Klaus Hartmann

Von Ole Corneliussen

Veye Tatah, die umtriebige Unternehmerin, Gründerin, Beraterin, Expertin, Chefredakteurin und Mutter, hat sich Zeit für ein Interview mit nordstadtblogger.de anlässlich des 20. Geburtstages von „Africa Positive e.V.“ genommen. In ihrem – vor Akten überberstenden Büro – im Fritz-Henßler-Haus in Dortmund berichtet die gebürtige Kamerunerin über die Vereinsarbeit und kommende Projekte. Sie spricht über stereotype Berichterstattung von Medien über Afrika, schädliche Entwicklungshilfe und „Empowerment“ und kann sich dabei schonmal in Rage reden. Ihre persönlichen Ideale und Motivation wirken dabei genauso ansteckend wie ihr häufiges Lachen.

Wie ist es denn überhaupt vor 20 Jahren zu der Vereinsgründung von „Africa Positive e.V.“ gekommen?

Veye Tatah moniert die einseitige und verallgemeinernde Berichterstattung über Afrika in deutschen Medien.

Veye Tatah moniert die einseitige und verallgemeinernde Berichterstattung über Afrika in deutschen Medien.

Als ich damals nach Deutschland gekommen bin, habe ich gemerkt, dass hier eine sehr einseitige negative Berichterstattung über Afrika existiert. Die Medien berichten hauptsächlich nur über Kriege, Flüchtlinge, Hunger, Armut und Krankheiten in Afrika.

Das hat mich als junges Mädchen wirklich geschockt, da ich in einem friedlichen Land groß geworden bin, wo es mir an Nichts fehlte. Die Zeitschrift ist entstanden, weil ich nicht wusste, wie ich meinen Unmut darüber kanalisieren konnte.

Eigentlich hatte ich nie vor einen Verein zu gründen, aber für die Umsetzung mussten wir einen Verein gründen. Selbst Artikel zu schreiben, war die einzige Möglichkeit meine Meinung zu sagen. Der Leser soll selber entscheiden, welches Bild, welche Meinung er daraus zieht. Ich finde es nicht in Ordnung, wenn Journalisten nur einseitig berichten.

Was hat Sie über zwei Jahrzehnte motiviert, immer weiterzumachen?

Wir wurden damals viel belächelt. Es wurde gesagt: „Das Ding wird sowieso nicht bestehen.“ Aber dadurch, dass wir unterschätzt wurden, wurden wir indirekt motiviert und entwickelten Kampfgeist. Manchmal frage ich mich auch selber wie wir das geschafft haben. Aber ich glaube, wenn man eine Leidenschaft hat, führt das dazu, dass man Herausforderungen standhält.

Ich habe schon immer sehr viele Fragen gestellt, war immer neugierig. Ich glaube das ist einfach Charaktersache. Ich funktioniere nach Problemlösung, und orientiere mich an Ressourcen, die ich habe. Aber alleine hätte ich das nie geschafft. Ich habe ein Team, das meine Leidenschaft teilt.

Sie engagieren sich heute auch sehr aktiv in Dortmund. Wie ist das entstanden?

2. Platz für Integrationspreis der Stadt Dortmund 2017 für Africa Positive e.V..

2. Platz für Integrationspreis der Stadt Dortmund 2017 für Africa Positive e.V..

Im Laufe der Zeit kamen weitere Projekte dazu. Ich hatte bereits Kinder und war mit meinem Studium fertig. Nach meinem Studium hatte ich viel Kontakt zu afrikanischen Familien in Dortmund und viele wollten meine Hilfe für Ihre Kinder. Aber ich hatte keine Zeit für alle. Mit dem Konzept AFRO Lern- und Integrationsmobil, konnten wir die Familien zuhause besuchen. Unsere Idee war, Hilfe vor Ort anzubieten.

Wir hatten damals sechs Stationen in Dortmund und haben dort Nachhilfe für Kinder angeboten. Wichtig war auch, dass wir die Eltern dabeihatten. Es reicht nicht nur die Kinder zu unterrichten. Die Eltern, vor allem die Mütter müssen wir befähigen durch Sprachkurse und Beratung. Muttersein ist keine Krankheit. Wir wollen dabei helfen unabhängig zu machen.

Kostenlose Deutschkurse befähigen die Leute ihren normalen Alltag selbst zu bewältigen, Arbeit zu finden oder Arztbesuche zu machen ohne Dolmetscher. Wir wollen motivieren und befähigen. Die Menschen sind keine Kinder. Der Schwerpunkt unserer Arbeit ist „Empowering“, die Leute zu bestärken ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Die Angebotspalette des Vereins hat sich inzwischen vergrößert. Was ist hinzugekommen?

Das Afro-Ruhr-Festival findet dieses Jahr vom 29. Juni bis ersten Juli bereits zum neunten Mal in Folge statt.

Das Afro-Ruhr-Festival findet dieses Jahr vom 29. Juni bis ersten Juli bereits zum neunten Mal in Folge statt.

Die Angebote werden inzwischen von viel mehr Menschen angenommen. Wir haben mehrere Nachhilfe-Stationen in Dortmund-Nord und bieten jeden Tag neun Stunden Deutschunterricht in Fritz-Henßler-Haus an. Mittlerweile haben wir auch eine Jugendorganisation „AFRICA POSITIVE Youths“ gegründet, mit der wir Ausflüge machen, das „AFRICA POSITIVE Frauennetzwerk“ und „AFRIDO“, ein Netzwerk für Afrikaner in Dortmund.

Jetzt machen wir ein Journalisten-Training mit der Uni Dortmund. Auch in afrikanischen Ländern, damit JournalistInnen interkulturelle Kompetenzen und Perspektiven für eine ausgewogene Berichterstattung bekommen.

Außerdem will ich das Afro-Ruhr-Festival nicht vergessen, das demnächst zum neunten Jahr in Folge stattfindet. Wir wollen damit eine Plattform anbieten, wo auch der Otto-Normal-Verbraucher, Kulturen in Afrika kennenlernen kann. Wir haben Essen, Musik, Tanz, und Kultur; das sind Dinge, die uns alle verbinden. Wir schaffen es dadurch Kulturen und Nationalitäten zusammenzubringen. Dortmund ist eine weltoffene Stadt.

Gibt es in der Vereinsarbeit heute andere Schwerpunkte als zu Beginn?

Unsere Arbeit, unser Profil hat sich nicht geändert. Es ist das gleiche was wir seit zehn Jahren machen. Wir haben unsere Aktivitäten nicht auf Flüchtlinge umorientiert. Wir haben immer Deutschkurse für Migranten angeboten. Heute haben wir in allen Bereichen ca. 50 Freiwillige. Aber die Wartelisten für unsere Angebote sind immer noch lang. Wir freuen uns sehr über Menschen, die sich bei uns engagieren wollen und die Spaß an der Sache haben. Das ist die einzige Voraussetzung. Jeder der sich traut, ist herzlich willkommen bei uns mitzumachen.

Nach 20 Jahren, ist „Africa Positive“ mittlerweile Ansprechpartner für afrikanische Angelegenheiten in vielen Bereichen. Wir arbeiten stark mit der Stadt zusammen. Zum Beispiel mit dem Jugendamt, weil wir uns für Belange von Familien, egal wo sie herkommen, einsetzen. Früher haben wir uns in erster Linie um afrikanische Familien gekümmert. Aber wir wollen offen für alle sein, egal wo sie herkommen.

Warum ist das Magazin „Africa Positive“ kritisch gegenüber Entwicklungshilfen für Afrika?

Das „Africa Positive“ Magazin stellt einen Gegenpol zu der einseitigen, überwiegend negativen Berichterstattung über afrikanische Länder dar.

Das „Africa Positive“ Magazin stellt einen Gegenpol zu der einseitigen, überwiegend negativen Berichterstattung über afrikanische Länder dar.

Was die EU und USA in puncto Entwicklungshilfe machen, ist alles nur Scheinpolitik und bringt gar nichts. Die Lösung wäre, wenn sie aufhören würden Afrika auszubeuten. Dann bräuchten die Leute auch nicht zu flüchten.

Es gibt Länder wie Niger mit großen Uranvorkommen, die reich sein müssten. Aber das ganze Uran landet in Frankreich. Europäische Agrarsubventionen und internationale Fangflotten schaden afrikanischen Bauern und Fischern. Keiner redet darüber.

Diesen Kreislauf kann man durchbrechen, aber nicht indem man Geld an korrupte Politiker gibt. EU und USA drohen immer damit Entwicklungshilfe zu streichen, wenn Gesetze gegen ihre wirtschaftlichen Interessen gemacht werden. Das ist nicht richtig. Aber das ist die Realität. Diese Länder bleiben arm, weil wir uns hier anmaßen, alles auf Kosten anderer zu bekommen. Und dann wundern wir uns, dass Flüchtlinge auf der Matte stehen.

Wie könnten sich afrikanische Länder denn dagegen wehren?

Chefredakteurin Veye Tatah wünscht sich eine friedliche Revolution.

Chefredakteurin Veye Tatah wünscht sich eine friedliche Revolution und ein Umdenken des Westens.

Wenn Politiker ihre Arbeit richtig machen, setzen sie die Weichen so, dass Wirtschaft und Entwicklung im eigenen Land möglich sind. Die Entwicklung muss im Kopf beginnen.

Wir versuchen diese Hintergrundberichte zu bringen und diesen „mental empowerment“ Prozess auch in Afrika zu unterstützen. Ich versuche die afrikanischen Jugendlichen aufzurütteln.

Sie sollen ihre Probleme in die Hand nehmen. Wir können nicht warten bis irgendjemand das für uns macht. Keiner schenkt dir was. Das ist die „message“ die wir vertreten.

Sie kritisieren auch Missionsarbeit von christlichen Gemeinden in Afrika.

Ja, sehr, sehr stark. Wir haben in vielen afrikanischen Ländern religiöse Gemeinden, die Reichtum und Wohlstand versprechen. Religion ist etwas Gutes. Sie bringt uns Menschlichkeit bei. Aber die Verletzlichkeit von den Menschen für eigene Zwecke auszunutzen und ihnen zu sagen: „bete, und du wirst reich, oder gesund“, das ist doch krank. Man kann doch nicht seine alltäglichen Probleme Gott überlassen. Er hat uns doch schon einen Kopf, Arme und Beine gegeben, damit wir unsere Probleme selber lösen können.

Wenn sie Bilanz ziehen – was haben Sie in 20 Jahren erreichen können?

Veye Tatah will authentisch und ihren Idealen treu bleiben.

„Man muss einfach authentisch bleiben. Das ist es was „Africa Positive“ ausmacht“, sagt Veye Tatah.

In Deutschland hat sich schon viel verändert, was die Berichterstattung angeht. Und ich glaube wir haben dazu beigetragen. Die Arbeit, die wir machen, hat dazu geführt, das viele Unternehmen zum Nachdenken gebracht wurden.

Wir werden oft von Hilfsorganisationen eingeladen, sogar von Kirchen, die fragen, was können wir besser machen? Sogar Ex-Bundespräsident Köhler hat mich zitiert. Wir sind klein, aber unsere Arbeit hat über die deutschen Grenzen hinweg viel bewegt.

Man muss einfach authentisch bleiben. Das ist es was „Africa Positive“ ausmacht. Wir sind unseren Zielen treu geblieben und richten uns nicht danach, wo die Geldscheine wedeln. Keiner finanziert das Magazin. Deshalb sind wir von keinem abhängig. Keiner kann verbieten was wir schreiben. Damals als wir den Verein gegründet haben, waren wir Idealisten. Wir wollten kein Geld. Wir wollten was verändern, mit unserem Wissen und unseren Ressourcen.

Was bedeutet die Arbeit mit „Africa Positive“ für Sie persönlich?

Ich habe früher Informatik studiert und viel Geld verdient. Aber Ich habe immer gespürt, es fehlt irgendwas in meinem Herzen, bis ich damit begonnen habe mich voll für Afrika und die Kinder hier einzusetzen. Als ich meinen sicheren Job kündigte, haben meine Eltern gesagt: „Du spinnst doch.“ Aber ich bin heute froh, dass ich das Risiko eingegangen bin.

Das war eine gute Entscheidung. Meine Arbeit ist mein Hobby. Das ist das schönste. Und ich sehe, dass mit meiner Arbeit das Leben von Menschen positiv beeinflusst wird. Die Kinder von Analphabeten, haben es durch unsere jahrelange Begleitung geschafft auf das Gymnasium zu kommen. Das macht mich glücklich. Das kannst du nicht mit Geld kaufen, aber mit Bildung kannst du viel erreichen.

Zur Person:

Veye Tatah ist Diplominformatikerin, selbstständige Beraterin und Projektmanagerin im Bereich Informationsmanagement sowie politische und kulturelle Angelegenheiten. Nebenbei ist sie Inhaberin des Catering-Service Kilimanjaro Food. Sie führt Workshops im Bereich interkulturelle Kompetenz sowie PR-Arbeit durch. Sie ist Gründerin des Vereins Africa Positive und Chefredakteurin des gleichnamigen Magazins. Für ihr Engagement erhielt sie im Februar 2010 das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Projekte von „Africa Positive e.V.“:

  • Jugendorganisation „AFRICA POSITIVE Youths“
  • Netzwerk für Frauen im „AFRICA POSITIVE Frauennetzwerk“
  • Das Netzwerk der Afrikaner in Dortmund „AFRIDO“
  • Magazin „Africa Positve“ (Print & Online)
  • Deutschkurse für Migranten
  • Nachhilfe für SchülerInnen
  • Entwicklungspolitische Bildungsarbeit
  • Vorbild-Projekt „Erzähl mal, wie du es geschafft hast!“
  • Journalistisches Projekt „Journalism in a Global Context“
  • Das „AFRO RUHR FESTIVAL“ findet einjährig statt

Website von dem Verein, hier:

Website Afro-Ruhr-Festival, hier:

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