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Holocaustgedenktag: Erinnerungsgang zum Gedenken an die Dortmunder Opfer des Faschismus

Die Stolpersteine vor dem Haus Nummer 41 am Westenhellweg erinnern an die früheren Bewohner.

„Aber doch nicht vor Lütgenau“, ruft eine Passantin entsetzt, „wir sollten doch froh sein, dass das Geschäft wieder eröffnet hat“. Nein, ein Flugblatt möchte die Frau auch nicht haben, schon gar nicht eine Erklärung zu dem Geschehen vor dem Nachbarhaus des traditionsreichen Dortmunder Spielwarengeschäfts. Sie dreht sich auf dem Absatz um und verschwindet in der Masse der Menschen, die an diesem Samstag die Einkaufsmeile bevölkern.

Schon damals in den dreißiger und vierziger Jahren war der Westenhellweg eine belebte Geschäftsstraße. Vor dem Haus Westenhellweg Nummer 41 liegt über den frisch gereinigten Stolpersteinen ein Kranz. Auf der Schleife steht „Niemals Vergessen“.

Bündnis Dortmund gegen Rechts und VVN erinnern auf dem Westenhellweg das Schicksal der Bewohner des „Judenhaus“

Zu einem Erinnerungsgang hatten das Bündnis Dortmund gegen Rechts und die  VVN eingeladen.

Das Haus gehörte bis 1941 der Familie Friede. Walter Friede hatte hier ein Bettengeschäft. Seine Schwester Meta Nußbaum lebte ebenfalls mit ihrer Familie in dem Haus. Die Friedes und Nußbaums wurden 1942 in die Konzentrationslager deportiert und kamen dort um. Die Spuren der anderen Familienmitglieder verlieren sich, sie wurden 1945 für tot erklärt. Einzig Margot, eine Tochter der Nußbaums konnte rechtzeitig nach England emigrieren und von dort nach Palestina auswandern.

Anlässlich eines Klassentreffens hat sie ihre Heimatstadt wieder besucht. An das Schicksal der Familien erinnern heute acht Stolpersteine. Das Bündnis Dortmund gegen Rechts und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) starten hier ihren Erinnerungsgang zum Gedenken der Ermordeten des Faschismus. „Doch damit ist das Schicksal der Bewohner des Hauses noch nicht zu Ende erzählt“, erklärt Iris Bernert-Leushacke vom VVN in ihre Rede und erzählt von den Schicksalen der Schönemanns, Samsons und Wollfs, die sie recherchieren konnte.

„Nachdem die Familien Friede und Nußbaum deportiert waren wurde das Haus als so genanntes Judenhaus weitergenutzt“. In dem Haus wurden Juden zusammengepfercht um auf ihre Deportation zu warten. Die Erinnerungsgänger und die Passanten, die für eine Weile innehalten halten, erfahren von den Schicksalen der Bewohner: So zum Beispiel von Benjamin Samson, der 1860 geboren wurde. Der hochbetagte Dortmunder wurde im Alter von fast 82 Jahren im KZ Treblinka ermordet, ebenso wie Herz Samson, nur zwei Jahre jünger und die anderen.

Gedenktstein an der Weißenburger-/ Ecke Gronaustraße erinnert an deportierte Sinti und Roma

Peter Sturm singt am Gedenkstein für die Sinti und Roma Stücke von Django Reinhardt.

Der Musiker und Schauspieler Peter Sturm singt zur Gitarre jiddische Lieder, sowie an der zweiten Station des Erinnerungsganges, dem Gedenkstein für die deportierten Sinti und Roma, Stücke von Django Reinhardt. Der belgische Sinti Reinhardt gilt als Begründer des europäischen Jazz.

Der Stein an der Weißenburger- Ecke Gronaustraße wurde 1998 vom Verband Deutscher Sinti und Roma gestiftet und eingeweiht. Am 9 März 1943 wurden Sinti und Roma aus Dortmund und Umgebung vom ehemaligen Ostbahnhof nach Ausschwitz-Birkenau verbracht und ermordet. „500 000 Frauen, Männer und Kinder waren dem Rassenhass der Nazis zum Opfer gefallen, mit bestialischen , medizinischen Experimenten zu Tode gequält, verhungert, erschlagen, vergast“, erinnert Ulla Richter vom Bündnis an diese Opfer des Nationalsozialismus.

Debatte über die Zuwanderung aus Süd-Ost-Europa schürt Ressentiments

Ulla Richter kritisierte das Schüren der Ressentiments gegen Flüchtlinge und Zuwanderer.

Die Malerin spricht in ihrer Rede auch von der aktuellen Debatte in Politik und Medien über die Zuwanderung aus Süd-Ost Europa, „die alle Ressentiments gegen Flüchtlinge und Zuwanderer bedient, die Rassenhass schürt und insbesondere auf die Roma abzielt.“

Über Unworte wie „Sozialtourismus“, Sätze wie: „Wer betrügt, der fliegt“, die in der aktuellen Diskussion fallen, und andeuten, das die Armutsflüchtlinge sich in „unsere Sozialsystemen einnisten wollen. Von den Willkommenen, „die den Ansprüchen unsere hiesigen Arbeitsmärkte entsprechen“, den „Unwillkommenen“, die zu Billigstlöhnen ausgebeutet werden und zu horrenden Mieten ihr Dasein in heruntergekommenen Häusern, ganz in der Nähe des Gedenksteines, in der Dortmunder Nordstadt, fristen.

Hier endet nun der Rundgang. der seit gut zehn Jahren zum Jahrestag der Befreiung des KZ Ausschwitz stattfindet. „Den Lebenden zur Mahnung, der Unmenschlichkeit entgegen zu treten“, steht auf der Inschrift des Steines.

 

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