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Hannibal II: Der langsame, traurige Verfall des Wohnkolosses in Dortmund-Dorstfeld wird leider immer offensichtlicher

Auf den ersten Blick sieht alles nach bester Ordnung aus. Doch der Schein trügt. Fotos: Sascha Fijneman

Von Sascha Fijneman

Von Ferne betrachtet, sieht es aus, als sei alles in bester Ordnung am Vogelpothsweg 12 bis 26 in Dortmund-Dorstfeld. Aufgespannte Sonnenschirme, vereinzelte, im Wind und in der Sonne flatternde, ordentlich auf der Wäschespinne aufgehangene Kleidungstücke und zahllose Parabolantennen auf den Balkonen erwecken den Eindruck, die BewohnerInnen seien nur mal kurz zum Brötchen Holen unterwegs. Doch der erste Eindruck trügt. Je mehr man sich dem Gebäudekomplex des Hannibal II nähert, umso trauriger und offensichtlicher werden die fatalen Folgen des Leerstands der rund 28.000 Quadratmeter umfassenden Wohnimmobilie.

Wo früher das Leben pulsierte, frisst nun langsam der Zahn der Zeit

Traurige Einöde, wo früher das Leben pulsierte.

Früher spielten hier Kinder an Kletterstangen und Spielanlagen in den Vor- und Hinterhöfen der Häuser, Familien entspannten auf ihren Balkonen beim Grillen von der Arbeit. Der Hannibal II war ein pulsierender, lebendiger Ort und Heimat für rund 750 Dortmunder Bürger und Bürgerinnen.

Doch aktuell erobert die Natur zurück, was der Mensch vernachlässigt. So wuchern die umliegenden Grünanlagen zunehmend auf die Gebäude zu und nehmen Spielplätze und Stellflächen in Beschlag. 

Die Hauseingänge mit den Klingelarmaturen sehen aus, als würde hier schon seit Jahrzehnten niemand mehr leben. Überhaupt überkommt einer/m ein mulmiges, fremdelndes Gefühl bei diesem Anblick. Der Hannibal II mutet aktuell wie ein Relikt aus einem Schauerroman an, in dem die Menschheit von der Erde verschwunden ist und die Rest-Welt sich selbst überlassen bleibt.

Behördliche Absperrsiegel wurden gebrochen, die Hintertüren teilweise aufgebrochen

Der verwaiste Infostand der Eigentümergesellschaft Intown Properties.

Schaut man im Hinterhof durch die Fenster in die Erdgeschosswohnungen, zeugen zurückgelassene Alltagsgegenstände, Kinderspielzeuge und Möbel in wildem Durcheinander von der Hast und Eile der Evakuierung.

Behördliche Absperrsiegel wurden gebrochen, die Hintertüren teilweise aufgebrochen. Spuren von Einbrüchen und Vandalismus sind unübersehbar. Von einem Wach- oder Objektschutz ist weit und breit nichts zu sehen.

Die von der Eigentümergesellschaft Intown Properties für die Mieter angebrachten Hinweise in Infokästen oder an Anschlagstafeln vergilben oder verrotten bereits in den riesigen Bauruinen. Der verwaiste Info-Point, den das Unternehmen während und nach der Evakuierung für die BewohnerInnen einrichtete, spricht Bände.

Es kursieren unbestätigte Gerüchte über den Verkauf des Hannibal II-Komplexes

Spuren von Einbrüchen und Vandalismus sind unübersehbar.

Seit Mitte Februar geht am und im Hannibal II nichts mehr. Das Gebäude ist behördlich versiegelt; alle Zugänge sowie Fahrstühle und Treppenhäuser sind verbarrikadiert, Strom- und Wasserleitungen gekappt.

Der juristische Streit um die Rechtmäßigkeit der Räumung aus Brandschutzgründen zwischen der Eigentümergesellschaft und der Stadt Dortmund geht weiter. Die im Zuge der Evakuierung entstandene Vermüllung der Umlagen ist größtenteils bereinigt worden.

Doch wie geht es für die rund 120 noch bestehenden Mietverhältnisse weiter? Aktuell kursieren Gerüchte, Intown Properties wolle sich von seinem gesamten Wohnimmobilienbestand trennen.

Für die MieterInnen besteht weiterhin nur die Möglichkeit, über den Rechtsweg per einstweiliger Verfügung Zugang zu ihren Wohnungen zu erwirken. Es ist nicht klar, wie sie entschädigt werden. Auch stehen noch unzählige Kautionsauszahlungen von MieterInnen, die eine neue Bleibe gefunden haben, aus.

Klar ist nur, dass sie erst wieder dauerhaft in ihre Wohnungen zurückziehen können, wenn die Brandschutzauflagen erfüllt sind. Für die dafür benötigten Arbeiten ist mit einem Zeitraum von ungefähr zwei Jahren zu rechnen.

Den Noch-MieterInnen bleibt nur das Warten auf die langsamen Mühlen der Justiz

Unmut, bildlich, vor Ort

Während die Stadt weiter auf die Einsicht und Verantwortung der Eigentümergesellschaft hofft, bleibt den Betroffenen nichts anderes übrig, als den langsamen Verfall ihres ehemaligen Heims wohl oder übel mitanzuschauen.

Ihnen sind die Hände gebunden, während sich für zwielichtige Gestalten Optionen öffnen. Ohne ganztägigen Wachschutz nutzen sie die günstige Gelegenheit und bedienen sich an dem, was die BewohnerInnen zurückgelassen haben oder zerstören in blinder Einfältigkeit wahllos Inventar und Bausubstanz.

Den Noch-MieterInnen bleibt nur das Warten auf die langsamen Mühlen der Justiz. Ihr Unmut bricht sich verständlicherweise zunehmend seine Bahn. Sie fühlen sich von Intown Properties betrogen und sehen in dem Unternehmen einen ausgefuchsten Immobilienhai, der die alleinige Verantwortung für die aktuelle Situation trägt.

Doch wessen Einschätzung der Gefahrenlage letztendlich Bestand haben wird, die der Stadt oder Eigentümergesellschaft, wird sich vor Gericht erst noch zeigen müssen. Bis dahin ist der Hannibal II vorerst eine Bauruine, in der die Erinnerungen und zurückgelassenen Habseligkeiten der ehemaligen BewohnerInnen eingeschlossen bleiben.

Im September 2017 startete die Odyssee für die BewohnerInnen des Hannibal II

Aus Brandschutzgründen musste der Hannibal 2017 geräumt werden. Foto: Marcus Arndt

Zur Erinnerung, September 2017: Die Stadtverwaltung Dortmund stellt gravierende Mängel bei der Einhaltung der Brandschutzauflagen in den Gebäuden des Hannibal II-Komplexes fest.

Bei Baumaßnahmen der Eigentümergesellschaft Intown Properties mit Sitz in Berlin war unsachgemäß, rechtswidrig und unzulässig gearbeitet worden. Daher war keine klare Trennung mehr zwischen Parkdeck und Wohneinheiten gewährleistet.

Sie sind aktuell durch mehrere vertikale Schächte miteinander verbunden, wodurch im Brandfall mit einer immensen Rauchentwicklung in den Wohnungen selbst und auf den Rettungswegen zu rechnen ist.

Evakuierung der mehr als 400 Wohneinheiten  war für die 753 BewohnerInnen eine Katastrophe

Hinterlassenes Chaos zeugt von Hast und Eile der Räumung. Foto: privat

Durch die bestehende Gefahr für Leib und Leben der MieterInnen – und unter dem Eindruck des Brandes im Londoner Greenfell Tower mit über 70 Toten im Juni 2017 – ordnete die Stadtverwaltung Ende September letzten Jahres die sofortige Evakuierung der rund 400 Wohneinheiten des Hannibal II-Komplexes an.

Für die seinerzeit 753 BewohnerInnen eine Katastrophe – mussten sie doch innerhalb kürzester Zeit ihre Haushalte auflösen und eine neue Bleibe finden. Und das nicht nur vorübergehend. So viel war von Anfang an klar.

Nach der Räumung konnten die BewohnerInnen nur noch in Begleitung von Sicherheitspersonal in bestimmten Zeiträumen ihre Wohnungen betreten, um ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen. Von Unterstützung seitens der Eigentümergesellschaft war in den ersten Wochen keine Spur zu erkennen. Intown machte sich vor Ort und medial rar.

Wie zu erwarten, ließ das Unternehmen ein Gegengutachten erstellen, welches zu gegenteiliger Einschätzung der Sachlage führte und die Evakuierung des Hannibal II aufgrund von „Ermessensfehlern“ als rechtswidrig und unzulässig ansieht. Es kam zur Klage. Der Rechtsstreit dauert weiter an. Im Oktober 2017 erhielten die Betroffenen die Hiobsbotschaft, dass für die Sanierungsarbeiten mindestens zwei Jahre eingeplant werden müssten.

Seit dem 16. Februar 2018 ist das Gebäude bauwerkstechnisch gesichert

Nach erfolgreicher Evakuierung ging die Schlüsselgewalt und somit die alleinige Verantwortung für den Gebäudekomplex im Oktober 2017 wieder an die Eigentümergesellschaft über.

Hier geht seit Mitte Februar nichts mehr rein oder raus.

Die MieterInnen und diverse VertreterInnen aus Politik und Zivilgesellschaft forderten die Eigentumsübertragung des Hannibal II in die öffentliche Hand. Intown Properties war bereits vermehrt in anderen Städten negativ aufgefallen.

Am 16. Februar 2018 machte das Unternehmen seine Ankündigung wahr und ließ den Gebäudekomplex „bauwerkstechnisch sichern“. Fenster und Türen der jeweiligen Erdgeschosse sowie der Zugang zur Tiefgarage wurden hierfür durch bauliche Barrikaden versperrt, die Strom- und Wasserversorgung eingestellt, Hauseingänge und alle Wohnungen amtlich versiegelt und baulich verbarrikadiert. 

Trotz bestehender Mietverhältnisse haben die Betroffenen seitdem keinen Zugang mehr zu ihren Wohnungen. Ihnen bleibt nur noch die Möglichkeit, mit Hilfe des Mietervereins den Rechtsweg einzuschlagen, um den Zugang zu ihrer Wohnung per einstweiliger Verfügung zu erwirken. Seitdem steht der Hannibal II in Dortmund-Dorstfeld leer. Der Rechtsstreit zwischen Stadtverwaltung und Intown Properties geht weiter.

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2 Gedanken über “Hannibal II: Der langsame, traurige Verfall des Wohnkolosses in Dortmund-Dorstfeld wird leider immer offensichtlicher

  1. Dorstfelder

    Wie sieht die Zukunft aus?

    Vielleicht ja so: Die Stadt Dortmund verliert vor Gericht und bleibt nicht nur auf eigenen Kosten sitzen, sondern muss noch Schadenersatz leisten. Bei insgesamt 10 Mio. Euro also pro Dortmunder dann rd. 150 Euro.

    Unvorstellbar?

    Abwarten…

  2. Hans Mücke

    Als Bewohner des Stuttgarter Hannibals schmerzt es mich immer, wenn ich lesen muss dass vergleichbare Wohnanlagen seit Jahren dem Verfall preisgegeben sind. Gibt es mir doch das Gefühl, dass ich hier im „letzten Dinosaurier“ lebe … und das gerne tue.

    Warum das so ist mag sich Mancher jetzt fragen …

    Nun … ich denke es liegt daran, dass nach der Pleite der NH die Anlage nicht in die Hände der Kommune und im Weiteren dann in die Hände irgendwelcher Heuschrecken geriet, sondern dass die Eigentümer der Wohnungen (von denen immer noch viele selber hier wohnen, ebenso viele der Kinder von damals) die Entscheidung getroffen haben die Sache in die eigenen Hände zu nehmen und eine Eigentümergemeinschaft gegründet haben. Klar … auch hier gibt es alle Nase lang Themen wie Brandschutz etc. … aber die Eigentümer haben eben ein Interesse daran, dass der Wert nicht verloren geht und kümmern sich darum. Probleme wie in Dortmund sind uns hier fremd.
    Wütend macht mich, dass in DO auch wieder alles ausschließlich auf dem Rücken der von der Räumung betroffenen ausgetragen wird. Man klagt sich zu Tode … am Brandschutz selber wird solange nichts gemacht bis ein entsprechendes Urteil vin ein paar Jahren vielleicht vorliegt.

    In diesem Sinne … mit traurigen Grüßen aus dem Asemwald in Stuttgart

    Hans Mücke

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