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Gewerkschaft erfährt täglich von Vertragsbrüchen: „Die Arbeitsbedingungen haben sich erheblich verschlechtert“

Von Susanne Schulte

Das 150jährige Bestehen ihrer Gewerkschaft NGG – Nahrung, Genuss, Gaststätten – feierten die Mitglieder in Dortmund gleich zweimal. Vor 15 Jahren erinnerte eine Festschrift an die Gründung des Dortmunder Zweigvereins der „Association der Cigarrenarbeiter Deutschland“ im November 1850, der kurz darauf nach Repressionen durch die Polizei wieder aufgelöst wurde.
Jetzt ist es die Mitgliederzeitschrift „einigkeit“, in der die Geschichte der Zigarrenarbeiter-Gewerkschaft erzählt wird, die am 26. Dezember 1865 auf Initiative von Friedrich Wilhelm Fritzsche erneut entstand.

Politische Rahmenbedingungen machen den Beschäftigten sehr viel Druck

Hat sich in den 15 Jahren zwischen den beiden Gründungsdaten nichts für die Arbeiter verbessert, muss auch Manfred Sträter, Gewerkschaftssekretär der NGG in Dortmund, über die Zeit zwischen den beiden Jubiläumsfeiern sagen: „Die Arbeitsbedingungen habe sich erheblich verschlechtert.“

Er zählt auf: auf zwei Jahre befristete Verträge, die Verschlechterung des Kündigungsschutzes, die Leiharbeitsbedingungen, die Werkverträge.

Gäbe es die NGG nicht und ihre Mitglieder, gäbe es keine Tarifverträge für die System-Gastronomie – das sind die Unternehmen wie McDonald’s und Burger King –, wären die Beschäftigten einer Dortmunder Brauerei immer noch in der ausgelagerten Firma beschäftigte und nicht zu besseren Konditionen bei der Brauerei selbst, würden kleine und große Betriebe nach Gutsherrenart den Urlaub einteilen und Leute rausschmeißen, zu wenig Lohnüberweisen und unbezahlte Überstunden verlangen.

Nach dem Berufsschultag noch eine volle Schicht bis in die Nacht hinein

Sträter kennt fast jeden Betrieb in seinem Bezirk, der Lebensmittel herstellt, ob im Handwerk oder der Industrie, er kennt fast jedes Restaurant, jeden Gasthof, jedes Hotel. Kein Wunder: Er ist seit 25 Jahren NGG-Gewerkschaftssekretär in Dortmund, war vorher in gleicher Position in Hagen.

Das HoGa-Gewerbe war einer der letzten Bereiche, in dem die 40-Stunden-Woche noch nicht galt. Foto: NGG

So weiß er auch, was sich in den Betrieben tut, nachdem, Söhne oder Töchter von den Eltern das Sagen übernommen haben.

Eine Auszubildende, die am Berufsschultag nach dem Unterricht frei hätte, musste im Restaurant helfen, bis spät in die Nacht. Wegen einer großen Gesellschaft.

„Wenn kein anderer vom Personal den Betrieb in dieser Lage retten kann, kann es auch nicht die Auszubildende im ersten Lehrjahr.“

Massive Gesetzesverstöße: Bei der Urlaubseinteilung will nur die Chefin das Sagen haben

Das hätte es unter dem alten Chef nicht gegeben. Und die jetzige Leitung habe doch die gleiche Ausbildung gemacht wie jetzt die junge Frau. „Warum vergessen die das?“

Da ist die Wirtin eines kleinen Gasthofes, die jetzt 27 Tage des Jahresurlaubs ihrer Belegschaft auf drei Zeiten im Jahr verteilt, wenn sie den Gasthof schließt. „Das ist doch nur dreist. Im Bundesurlaubsgesetz steht an erster Stelle, dass die Wünsche des Beschäftigten zu berücksichtigen sind. Die Reihenfolge ist doch nicht willkürlich geschrieben worden.“

Keine Übernahme von Jugendvertretern nach der Ausbildung

Kündigungen während der Probezeit, weil sich Auszubildende über zu lange Arbeitszeiten beschweren, keine Übernahme von Jugendvertretern nach der Ausbildung, weil sie vermeintlich unbequem sind, Sträter kriegt tagtäglich diese Arbeitswirklichkeit erzählt.

Er kritisiert diese Profitgier, die er oft als einziges Motiv für unternehmerisches Handeln erkennen kann und der immer mehr kleine Betriebe von Nahrungsmittelherstellern „über die Klippe drückt“. Die politischen Rahmenbedingungen begünstigten das.

Nach Aufhebung der Milchquote „produzieren wir gerade einen Milchsee“. 22 Cent bezahle die Industrie für einen Liter Milch. „Der Preis war mal bei mehr als 40 Cent.“

NGG fordert ein Verbot des Verkaufs von Nahrungsmitteln unterm Einstandspreis

Es sei immer eine NGG-Forderung gewesen, „generell zu verbieten, dass Produkte unter Wareneinstand verkauft werden“, sagt Sträter mit Blick auf die vier großen Unternehmen Aldi, Lidl und Schwarz, Rewe und Edeka.

Die vier bestimmten 88 Prozent des Marktes. Und womöglich bald noch mehr. Die Kartellbehörde habe die Übernahme der Tengelmann-Läden durch Edeka untersagt, „doch Gabriel setzt sich darüber hinweg“.

Gewerkschaftsarbeit wandelt sich vom Arbeitsrecht zum Sozialrecht

Manfred Sträters NGG geht auf die Organisation der Zigarrrenarbeiter vor 165 Jahren zurück. Foto: Völkel

Trotz Mindestlohn und Rente mit 63 – „Zwei Gesetze, die sich positiv abheben“ – sieht und hört der Gewerkschaftssekretär von immer mehr Armut. So habe sich seine Arbeit „ein bisschen vom Arbeitsrecht zum Sozialrecht“ gewandelt.

„Wenn wir eine Gesellschaft haben wollen, die sich um die Menschen kümmert, müssen wir Schäubles Sparpolitik ausrotten.“ Bis die ausgerottet ist, bleibt der Gewerkschaft meist nur der Klageweg.

Sträter zeigt das Prozessregister. Ging die Gewerkschaft im Auftrag ihrer Mitglieder 2008 bereits 261 vor Gericht, waren es bei jährlicher Steigerung 2015 bereits 570 Prozesse, die geführt werden mussten.

Ein Ausreißer war das Jahr 2013 mit der Pleite der Süßwarenfirma van Netten und den Insolvenzen im Bäckerhandwerk. „Da war gefühlt nicht eine Lohnabrechnung richtig“, sagt er im Rückblick auf die vielen Klagen der Beschäftigten, denen die NGG half, zu ihrem Recht und Geld zu kommen.

Beschäftigte lassen sich tarifliche Errungenschaften abkaufen – zum Wohle des Arbeitgebers

In den meisten so genannten systemgastronomischen Betrieben ist die Gewerkschaft über Betriebsräte vertreten. Nur Pizza Hut, Kentucky Fried Chicken (KFC) und Osteria „die haben wir noch nicht“.

Trotz Tarifverträgen ließen sich Beschäftigte dennoch auf außertarifliche Bedingungen ein und ließen sich die tariflichen Nachtzulagen abkaufen. Die sind dann zwar steuerfrei, aber für die Renten- und Arbeitslosengeldberechnung zählen sie nicht.

Die Angestellten haben ein paar Euro mehr im Monat, der Arbeitgeber spart die Sozialabgaben. „Die kriminelle Phantasie ist auch da ziemlich groß.“

HINTERGRUND

  • Die Gewerkschaft NGG hat 5000 Mitglieder im Bereich der Verwaltungsstelle Dortmund.
  • Die Mitglieder arbeiten in Gastronomiebetrieben, im Lebensmittelmittelhandwerk und in der Nahrungsmittelindustrie.
  • Das Büro ist am Ostwall17-21.
  • Die Telefonnummer: 0231/557979-0.

Mit diesem Beitrag ist die NGG-Serie anlässlich des 150. Jahrestages der Gründung der ersten deutschlandweiten Gewerkschaft  – dem Allgemeinen Deutschen Zigarrenarbeiterverein – abgeschlossen.

Die früheren Teile der Serie auf nordstadtblogger.de:

 

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