Rat entscheidet zudem über Medizin-Preis, Grabpflege und Gedenkstein

Entscheidung der Nordstadt-BV: Die Speestraße soll künftig Dr. Safiye Ali-Straße heißen

Die Speestraße in Nähe des Hafens soll einen neuen Namen bekommen – als Ehrung für Dr. Safiye Ali. Klaus Hartmann | Nordstadtblogger

Nach dem Beschluss zur Umbenennung der Nettelbeckstraße 2020 hat die Bezirksvertretung Innenstadt-Nord jetzt mit großer Mehrheit die Umbenennung der Speestraße in Dr. Safiye-Ali-Straße beschlossen. Bereits 2014 wurde vom Stadtarchiv die Umbenennung der beiden Straßen aufgrund der kolonialistischen und militaristischen Hintergründe der beiden Namenspatrone empfohlen – doch 2015 gab es noch keine Mehrheit dafür. Für Dr. Safiye Ali soll neben der Straßenbenennung in diesen Tagen noch eine zweite Ehrung beschlossen werden.

Namensgeberin gilt in der Türkei als Wegbereiterin für Frauen in der Medizin

Dr. Safiye Ali Krekeler (1894 bis 1952) war die erste türkische Ärztin und gilt in der Türkei als Wegbereiterin für Frauen in der Medizin. Zuletzt praktizierte sie auch in Dortmund, wo sie 1952 starb. 70 Jahren nach ihrem Tod möchte der Verwaltungsvorstand der Stadt Dortmund ihre Verdienste als Medizinerin, Sozialpolitikerin und Frauenrechtlerin würdigen. Er schlägt vor, zum ehrenden Gedenken einen nach ihr benannten Preis für Kindermedizin und -gesundheit zu vergeben. Außerdem soll die Pflege ihres Grabs von der Stadt übernommen und ein Gedenkstein aufgestellt werden. Der Rat der Stadt soll in seiner Dezember-Sitzung darüber entscheiden. 

Bezirksbürgermeisterin Hannah Rosenbaum
Bezirksbürgermeisterin Hannah Rosenbaum

„Wir sind sehr froh nach der Nettelbeckstraße nun auch die Speestraße umbenennen zu können. Mit der neuen Namensgeberin Dr. Safiye Ali, wurde eine herausragende Persönlichkeit gefunden und setzen ein Zeichen für mehr Diversität im Dortmunder Straßenbild“, erklärt Hannah Rosenbaum, Bezirksbürgermeisterin der Dortmunder Nordstadt. 

Die Speestraße in der Nordstadt war nach Admiral Maximilian von Spee (1861-1914) benannt worden, der wegen seiner militaristischen Vergangenheit kritisiert wird. Die Nationalsozialisten hatten in Dortmund 1939 eine Grundschule nach ihm benannt, die bereits 1945 wieder umbenannt wurde.

Safiye Ali studierte wegen des Verbots in der Heimat in Deutschland Medizin

Dr. Safiye Ali Krekeler (1894 bis 1952) war die erste türkische Ärztin.
Dr. Safiye Ali Krekeler (1894 bis 1952) war die erste türkische Ärztin.

Safiye Ali wurde am 2. Februar 1894 in Istanbul als jüngste von vier Schwestern geboren. Sie entstammte einer Familie der Istanbuler Oberschicht. Da Safiye Ali als Frau im Osmanischen Reich nicht studieren durfte, nahm sie ein Medizinstudium in Würzburg auf, das sie nach fünf Jahren mit einer Dissertation abschloss. Danach spezialisierte sie sich auf Kinder- und Frauenheilkunde.

1923 konnte sie eine Praxis in Istanbul eröffnen. Weil es schwierig war, sich als niedergelassene Ärztin wirtschaftlich gegen die männliche Konkurrenz zu behaupten, engagierte sie sich in einer Klinik und als Dozentin für Gynäkologie und Geburtshilfe.

Überdies begann sie, sozialpolitisch für ihre Anliegen einzutreten: Safiye Ali wirkte in Wohltätigkeitsorganisationen mit, war eine aktive Streiterin in der türkischen „Volkspartei der Frauen“ und warb für ein gesundes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen. So kämpfte sie gegen die Prostitution junger Mädchen oder organisierte Schulungen für Mütter unterernährter Kinder.

Sie erlebte immensen Widerstand ihrer männlichen Kollegen

Ihr Wirken und zusätzlich ihre publizistischen Tätigkeiten trugen ihr einen immensen Widerstand bei männlichen Kollegen ein, so dass sie mit ihrem deutschen Ehemann, dem Augenarzt Dr. Ferdinand Krekeler aus Würzburg, nach fünf gemeinsamen Jahren in Istanbul 1929 nach Dortmund übersiedelte, um eine Praxis für Frauen- und Augenheilkunde zu führen. 

Nachdem sie während des Zweiten Weltkriegs mehrfach ausgebombt worden waren, versuchte das Ehepaar nach 1945, sich abermals in der Türkei niederzulassen. Als 1945 bei Dr. Safiye Ali Krekeler Krebs diagnostiziert wurde, kehrten sie nach Dortmund zurück und nahmen hier ihre medizinischen Berufe wieder auf. Während der Ehemann noch bis 1970 praktizieren konnte, erlag Safiye Ali am 5. Juli 1952 ihrem Krebsleiden. 

Dr. Safiye Ali Krekeler war Pionierin des Frauenstudiums in der türkischen Medizin, erste Ärztin und Dozentin, erklärte Frauenrechtlerin und Sozialpolitikerin – eine emanzipierte Frau in einer türkisch-deutschen Ehe mit wechselnden Aufenthaltsorten in der Türkei und in Deutschland. In der Türkei sind Krankenhäuser nach dieser Ärztin benannt. 

Ihre Grabstelle soll künftig mit einem Gedenkstein versehen werden

Stadtdirektor Jörg Stüdemann
Stadtdirektor Jörg Stüdemann Foto: Anja Cord für Nordstadtblogger.de

„Sie lieferte damals und sie gibt heute Orientierung für eine selbstbewusste und gleichberechtigte Lebensgestaltung in türkisch-deutscher Verbundenheit“, sagt Stadtdirektor Jörg Stüdemann. Die Grabstelle soll künftig mit einem Gedenkstein versehen werden. Die jährlichen Pflegekosten sowie die Vorbereitung der Grabstätte und die Reinigungskosten werden von der Stadt übernommen. 

Der geplante „Dr. Safiye Ali Krekeler-Preis für Kindermedizin und –gesundheit“ soll alle zwei Jahre für herausragende Leistungen der Kindermedizin und Kinderchirurgie sowie die Förderungen der Kindergesundheit verliehen werden. Mit der Auszeichnung sind ein Preisgeld von 20.000 Euro und eine Festveranstaltung verbunden. 

Er soll an Kandidat:innen gehen, die qualitativ hochwertige wissenschaftliche Projekte aus der Pädiatrie, Kinderchirurgie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und verwandten Fachrichtungen vorweisen können und dabei ein besonderes Engagement zur Förderung der Kinder- und Jugendgesundheit an den Tag gelegt haben. Auch Institutionen oder Projekte können eine Auszeichnung erhalten. 

Die Auswahl der Preisträger*innen übernimmt eine Jury unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters und unter Beteiligung der Leitung des Westfälischen Kinderzentrums am Klinikum Dortmund, einer Vertretung des Rates, des Türkischen Generalkonsulats in Essen sowie des Dezernats für Soziales und Kultur. 

Beteiligungsprozess zur Umbenennung der Nettelbeckstraße

Die Nettelbeckstraße ist wegen ihres Namenspatrons erneut in der Diskussion. Foto: Alex Völkel
Die Nettelbeckstraße ist wegen ihres Namenspatrons weiter in der Diskussion. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

„Wir freuen uns darauf die Straße jetzt möglichst schnell nach Safiye Ali umwidmen zu können. Und auch bei dem Beteiligungsprozess zur Umbenennung der Nettelbeckstraße geht es voran. Kürzlich hat sich die Bezirksvertretung auf ein gemeinsames Verfahren geeinigt. 

In einem ersten Schritt sollen nun Namensvorschläge entwickelt werden, über die im Anschluss die Bewohner:innen abstimmen können. Wir hoffen, dass wir auch hier sehr bald den hoch problematischen Namenspatron durch einen geeigneteren Vorschlag ersetzen können“, so Marko Unterauer Sprecher der Grünen-Fraktion in der Bezirksvertretung, abschließend. 

Initiator der Umbenennung waren die ehrenamtlichen Jugendlichen aus dem Verein „forum JUGEND e.V.“: Sie hatten am 16. August 2022 durch eine Bürger:innen-Eingabe einen Antrag zur Umbenennung der Speestraße bei der Bezirksvertretung Innenstadt-Nord gestellt. Auch der Vorschlag, die Speestraße in „Dr. Safiye Ali- Straße“ umzubenennen, kam von den Jugendlichen.

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