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Mit unvorstellbarem menschlichen Leid Geld verdient: Straße im Hafenquartier nicht mehr nach Sklavenhändler benannt

Kein Dortmunder Straßenname wird nach dem „Kapitän“ solcher Schiffe zukünftig benannt sein. Am Boden liegen 292 Menschen, auf der zweiten Ebene am Rand nochmals 130 Menschen. Insgesamt hatte das Zwischendeck eine Höhe von unter 1,50 Meter. Quelle: Thomas Clarkson: The cries of Africa to the inhabitants of Europe, 1822

Kommentierender Bericht von Thomas Engel

Die Innenstadt-Nord spricht Klartext: der Name des Sklavenhändlers „Nettelbeck“ muss weg. Nicht aus dem Gedächtnis, sondern symbolisch aus dem Hafenquartier. Er hat als Straßenname, so die Mehrheit in der Bezirksvertretung (BV), gerade in der Nordstadt – mit ihren multiethnischen Hintergründen – nichts (mehr) zu suchen. Noch anderswo im Lande, werden die Schatten deutscher Geschichte nicht verleugnet oder verharmlost. Jetzt soll in einem Beteiligungsverfahren nach angemessenen Alternativen Ausschau gehalten werden. – Gegen den Beschluss für eine Umbenennung votierten in dem Gremium: SPD, CDU und AfD. Das reichte nicht: es waren gerade einmal sieben Stimmen gegen einen entsprechenden Antrag der Grünen-Fraktion – bei 19 Sitzen. Und an dieser politisch bedeutsamen Machtverteilung wird sich in den nächsten Jahren grundsätzlich nichts ändern.

Nach Kommunalwahl im September: Alte Mehrheiten in BV-Innenstadt-Nord sehen schweren Zeiten entgegen

Bezirksvertretung der Innenstadt-Nord im Dietrich-Keuning-Haus, letzte Woche. Foto: Thomas Engel

Darin liegt Signalwirkung, denn die neuen Mehrheitsverhältnisse werden in der Dortmunder Nordstadt-Bezirksvertretung (BV) für die nächsten fünf Jahre Bestand haben. Besagte drei Parteien, die in der letzten Woche gegen die Umbenennung der „Nettelbeckstraße“ votierten, bringen zukünftig maximal acht Stimmen (SPD/5, CDU/2, AfD/1) gegenüber elf (Grüne/6, Linke/3, Die Partei/1, BVT/1) zusammen. ___STEADY_PAYWALL___

Insofern: Times will change. – 2014 war der BV das Eisen noch zu heiß – sie vertagte damals, protokollarisch vermerkt, nach kontroverser Diskussion. Ob der umstrittene Straßenname im Hafenquartier nun geändert werden sollte oder nicht. Die Mehrheit war dagegen: in dem Gremium dominierte – unter Leitung von SPD-Bezirksbürgermeister Dr. Ludwig Jörder – noch ein gewisser Konservatismus.

Doch seit den letzten Kommunalwahlen weht ein frischer Wind durch die Reihen der Nordstadtvertretung. Die Bürgerschaft hat im September gewählt, die Karten verteilen sich fortan anders. Mit der Veränderungsresistenz im politischen Stadtbezirk, das war gestern.

Nazi-Straßennamen in Dortmund: teils Vergangenheit, teils besteht Handlungsbedarf

Sechs Straßennamen hatte 2014 das Dortmunder Stadtarchiv auf eine Bürgerbeschwerde hin im Auftrag des zuständigen Ausschusses beim Stadtrat identifiziert. Die seien in einer weltoffenen Stadt nicht tragbar. So zumindest dessen seinerzeit stellvertretender Leiter, Dr. Stefan Mühlhofer. Übrigens ein ehemaliger Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung und daher wenig verdächtig, die Kommune rot anmalen zu wollen.

Die Idee von wegen Umbenennung, das hatte nach 2014 in einigen Fällen geklappt. Die damalige Stehrstraße in Alt-Scharnhorst – deren Name einem schlesischen Heimatdichter und begeisterten Nazi geschuldet war – heißt heute Paul-Ronczka-Straße. Und die Lenardstraße im Jungferntal (Lenard war Physik-Nobelpreisträger und ebenfalls überzeugter Nazi) ist jetzt die Schrödingerstraße. Benannt nach Erwin Schrödinger, gleichfalls bekannter Physiker, aber eben Antifaschist.

Doch es verbleibt Handlungsbedarf. Dortmund ist nicht befreit von Straßen, deren Namen von Personen mit expliziter Nazi-Vergangenheit stammt. Wie etwa die Wagenfeldstraße östlich des Westfalenparks, deren Umbenennung das Dortmunder Stadtarchiv damals ebenfalls befürwortete. Anders als in Arnsberg und Bottrop mit zwei gleichnamigen Grundschulen oder in Münster (Realschule), die den Namen Karl Wagenfeld trugen, ist hier nichts geschehen.

„In Erfurt und anderswo ist er [Nettelbeck – d.A.] als Namensgeber einer Straße ungeeignet“

Jetzt aber die Nettelbeckstraße, es geht nicht um einen Faschisten. Gelegen im Hafenquartier, inmitten von Größen aus den antinapoleonischen Befreiungskriegen und von Reformern: Scharnhorst, Gneisenau oder Blücher sind hier daheim.

Die Nettelbeckstraße ist wegen ihres Namenspatrons erneut in der Diskussion. Foto: Alex Völkel

Die „Nettelbeckstraße“ im Hafenquartier steht wegen ihres Namensgebers zur Disposition. Foto: Alex Völkel

Joachim Christian Nettelbeck (1738 – 1824) war Seefahrer, Sklavenhändler, überzeugter Kolonialpropagandist, dazu 1807 beteiligt an der Verteidigung Kolbergs gegen Napoleon (jetzt das polnische: Kołobrzeg) und wurde, weil er dabei auch zur Durchhaltepropaganda griff, in der Nazi-Zeit deutlich verherrlicht.

Beantragt wurde die Umbenennung der Straße vonseiten der Nordstadt-Grünen, die nun einen neuen Namen in einem Beteiligungsverfahren finden möchten, bei dem alle Bewohner*innen des Stadtbezirks mitwirken können sollten. Es ist insbesondere die seit einigen Jahren stärker in den Fokus geratene Diskussion um die koloniale Vergangenheit Deutschlands und die damit verbundenen Verbrechen, welche das Hinterfragen der bereits 1928 vergebenen Straßenbezeichnung motiviert.

Im Weiteren bezieht sich der Grünen-Antrag in der BV-Nord ausdrücklich auf die derzeit aktive Initiative „Decolonize Erfurt“, die mit einer Petition die Umbenennung des Nettelbeckufers in der thüringischen Landeshauptstadt erreichen möchte. Zu diesem Zweck wurde bei Wissenschaftler*innen der Uni Erfurt und TU Braunschweig ein Gutachten in Auftrag gegeben, das die Rolle Nettelbecks im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert näher beleuchten sollte. Es gelangt am Ende zu einem klaren Schluss: der Mann sei „in Erfurt und anderswo … als Namensgeber einer Straße ungeeignet“.

Auftragsforschung im Spannungsverhältnis widerstreitender Interessen?

Das hat auch die Bezirksvertretung der Nordstadt nun beschlossen – gegen Widerstand. Dorian Vornweg (CDU), vormals stellvertretender Bezirksbürgermeister, spricht sich für seine Fraktion – ebenso wie der AfD-Vertreter Bernd Hempfling – gegen eine Umbenennung der Nettelbeckstraße aus. Beide haben sich mit einer schriftlichen Stellungnahme vorbereitet, die sie während der Sitzung vortragen. Die Angelegenheit scheint in ihren Augen einiges an Gewicht zu haben, da wollen Worte trefflich gewogen sein.

Um seine Ablehnung einer Neuwidmung des Straßennamens zu begründen, versucht Vornweg, einerseits den Argumentationsgang der Historiker*innen und Verfasser*innen des Gutachtens infrage zu stellen. Dem er von vorneherein insofern misstrauisch gegenübersteht, als es sich hier um Auftragsforschung handele, die für ihn offenkundig in einem potentiellen „Interessenkonflikt“ befangen ist: zwischen dem Auftragsziel und der gebotenen wissenschaftlichen Sorgfalt.

Gleichwohl: Historische Forschung ohne Erkenntnisinteresse, ohne forschungsleitende Fragestellungen ist genauso wenig sinnvoll wie sich darin enthaltene Zusammenhangshypothesen in einer ergebnisoffenen Untersuchungspraxis als unhaltbar erweisen könnten. Mit anderen Worten: der Auftrag für ein Gutachten antizipiert nicht zwingend deren Ergebnis.

Nettelbeck „nahezu unmittelbar für die Rezeption seiner Person“ verantwortlich“ gemacht?

Routen des Sklav*innenhandels. Quelle (2): Transatlantic Slave Trade Data Base

Inhaltlich hat Vornweg drei wesentliche Einwände gegenüber der Expertise. Die Autobiographie Nettelbecks würde da „als zuverlässige Quelle“ herangezogen, wo sie „ihrem Verfasser zum Nachteil gereicht“. – Nettelbeck hatte in späten Jahren, zwischen 1821 und 1823, in der Tat drei Bücher veröffentlicht, in denen er sein Leben erzählt. Sie dienten den gutachtenden Geschichtswissenschaftler*innen als Primärquelle, mit der sie nach den Regeln der Zunft und daher entsprechend kritisch umgingen:

„In der Autobiographie verschmilzt die Schilderung der damaligen Aktivitäten mit Perspektivierungen, die dem Zeitpunkt der Abfassung des Textes knapp fünfzig Jahre später geschuldet sind. Um seine Beteiligung am transatlantischen Versklavungshandel sinnvoll zu beurteilen, muss daher unterschieden werden zwischen dem, was Nettelbeck getan hat, seinem späteren Umgang mit diesem Tun und seiner späteren allgemeinen Bewertung des Versklavungshandels“, schreiben die Wissenschaftler*innen in ihrer Stellungnahme (S. 5).

Zwischen 1772 und 1774 war Nettelbeck als Obersteuermann auf verschiedenen Sklavenfangschiffen unterwegs und fuhr in einem Beiboot die Küsten Westafrikas zum Zweck des Menschenkaufs ab, nutzte dabei die Bereicherungsmöglichkeit des Handels mit Goldstaub, die mit dem Posten des Obersteuermanns verbunden war. Er „hat also nicht nur Versklavungsschiffe gelenkt, sondern er wickelte auch den Menschenkauf vor Ort ab“, wie die Autor*innen der Studie feststellen (S. 6).

Unmissverständliches Urteil: „Der Mensch war Sklavenhändler, das ist keine Kleinigkeit.“

Und er war „als höchster Schiffsoffizier maßgeblich an den Praktiken während der Überfahrt beteiligt“, heißt es weiter (S. 6). Dazu gehörten damals – wie Nettelbeck von einem seiner Schiffe, der „Sara Henrietta“, berichtet – demütigende Beschäftigungs- und Bestrafungsrituale; sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen deutet er an, bestreitet gleichwohl jedwedes Involviertsein in seinen späteren „Erinnerungen“. Was sollte er auch sonst schreiben? Dass er dabei war?

Anzahl der Verschleppten – und wie viele „ankamen“.

Eigentlich alle unschuldig, von denen, die später berichten – das kennt man aus der deutschen Geschichte. Konkret belegbar sind etwaige Untaten Nettelbecks im Einzelnen auch nicht, sondern sie sind nur erschließbar. Doch Beteiligung liegt nahe. Mindestens hat er geduldet: das, was gängig war. – Dass er es mit der Wahrheit nicht so genau nahm, ist hingegen beweisbar. Wenn er etwa in seiner Autobiographie davon spricht, besagtes Schiff, die „Sara Henrietta“, habe in vier Monaten „nicht mehr als 4 von unsern Matrosen und 6 Sklaven, verloren“ (II, 240).

Die Autor*innen der Studie korrigieren: „Die Transatlantic Slave Trade Data Base [Datenbank unten verlinkt – d.A.] spricht hier eine andere Sprache: Von geschätzt 313 Versklavten auf der „Sara Henrietta“ überlebten nur 271 die Überfahrt.“ (S. 7)

Unter anderem angesichts dessen ist für Sonja Lemke von den Linken während der Debatte in der Bezirksvertretung klar: „Der Mensch war Sklavenhändler, das ist keine Kleinigkeit.“ Sondern eines der größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Wenn Menschen verschleppt worden seien, „unter übelsten Bedingungen in die Schiffe gekarrt“, dort vielleicht elend verstorben. Das sei nichts, was man sich irgendwie schönreden könne, ist sie dezidiert.

Business as usual: eigentlich alles paletti für die AfD – Nettelbeck war „Kind seiner Zeit“

Bernd Hempfling von der AfD versucht es dennoch. Zitiert aus einem kürzlichen Beitrag der Nordstadtblogger zu Nettelbeck: „hatte durch den Handel mit Sklav*innen zwischen Westafrika und Amerika ordentlich verdient“. – „Aha, also ein Verbrechen“, so der AfD-Vertreter süffisant.

Und versucht, die Dinge analog zu seinem Weltbild zurechtzurücken. „Seeleute haben in der damaligen Zeit nach Aufträgen gesucht.“ So einer war eben Nettelbeck. Ein ganz normaler Job also, so war’s damals einfach – könnte man meinen. Die großen Handelskompanien, englische, dänische, holländische, französische, „das sind Sklavenhändler“, weist er die Schuld in schlicht-rechtspopulistischer Nachlese den Anderen zu.

Die hätten die Sklaven im Vorfeld schon geordert, ihnen seien entsprechende Kontingente bereitgestellt worden. Nettelbeck sei dort unten nicht auf private Rechnung unterwegs gewesen und habe Sklaven eingekauft, behauptet Hempfling weiter. „Er war nur Kapitän.“ Armes Tuc Tuc, Marionette fremder Mächte, so hört es sich an.

Es fallen Redewendungen wie: „So zynisch das klingt“: um „frische, verderbliche Ware“ habe es sich quasi gehandelt, weswegen die Leute ständig an Deck hätten geholt werden müssen, damit sie nicht unten im Schiff komplett erstickten. – Es sei hinzugefügt, wie die Wissenschaftler*innen in ihrer Stellungnahme ausführen: Wurden die verschleppten Menschen krank und „die Ware“ war versichert – kam sofort die profitabelste Option in den Blick, nämlich sie einfach über Bord zu schmeißen.

Schweigen zum einstigen Sklavenhändler, wo der Rassismus heute durch die Straßen fegt?

Cornelia Wimmer, Fraktion Die Linke. Archivfoto (2): Alex Völkel.

Später im Leben hätte sich Nettelbeck, „laut seinen eigenen Aufzeichnungen“, vom Sklavenhandel selber distanziert, glaubt Hempfling den autobiographischen Einlassungen des Sklavenhändlers. „Er war eben ein Kind seiner Zeit.“ Sein Resümee zu dem Antrag der Grünen: das sei politisch sehr „durchsichtig“. – Dass es was mit Politik zu tun hat, daraus wiederum machen die Befürworter*innen einer Straßenumbenennung aber auch gar kein Geheimnis.

Cornelia Wimmer, Die Linke, verweist auf die in der Weltöffentlichkeit wahrgenommenen, „unglaublichen rassistischen Vorkommnisse“ in „einem uns bekannten überseeischen Land“, den USA. Es ist ein weiteres Motiv für die Initiative. Vor diesem Hintergrund sei es richtig, „einen Menschen, der sich grundlegend in Richtung Rassismus benommen hat, am Sklavenhandel teilgenommen hat, den nicht mit einer Straßenbenennung in Ehren zu halten“.

Der CDU-Repräsentant hat gegen eine Neubenennung aber noch ein paar Pfeile im Köcher. Zweitens, so Vornweg mit Blick auf das Gutachten, „erachten die Autorinnen und Autoren die von Nettelbeck angeführte Verteidigung Kolbergs als nicht mehr zeitgemäß und für die geschichtlichen Ereignisse bedeutungslos“. Darin stecke, so sein geniales Resümee, „eine unzulässig verkürzte, wenn nicht gar eine falsche Darstellung der historischen Abläufe“.

„Anschlussfähigkeit an die nationalsozialistische Propagandamaschinerie“ ist kein Zufall

Ähnlich der AfD-Vertreter: Zur Zeit, als überall im Lande die Nettelbeckstraßen benannt worden seien, „da hatte die Bevölkerung eigentlich nur den Verteidiger Kolbergs im Hintergrund“, so Hempfling. „Und das ist ein Anschlag auf unsere Geschichte.“ Man könne auch nicht Adam und Eva aus der Geschichte streichen, weil sie von den Nazis vereinnahmt worden seien.

Auch für CDU-Politiker Vornweg wird dem Sklavenhändler Nettelbeck scheinbar Unrecht getan. Er würde, so sein dritter Punkt in der vorbereiteten Erklärung für die BV, „nahezu unmittelbar für die Rezeption seiner Person verantwortlich“ gemacht. Und die gipfele in seiner „vermeintlichen Anschlussfähigkeit an die nationalsozialistische Propagandamaschinerie“. – Vermeintlich? Zumindest die Nazis selbst fanden Nettelbeck ziemlich anschlussfähig. Und das hatte seine Gründe.

Die liegen im „totalen Krieg“, den sie später alle wollen sollten – die Deutschen. So Goebbels im Berliner Sportpalast, Februar 1943. Dazu passte als „Vorbild“ Nettelbecks Durchhaltepropaganda von 1807. Gegenüber denen, die in Kolberg vor der napoleonischen Übermacht – als es seit Herbst 1806 mit den Niederlagen von Jena und Auerstedt vorbei war mit der preußischen Herrlichkeit – ein zu jenem Zeitpunkt sinnloses Blutvergießen wohlweislich nicht weiter wollen konnten.

„Kolberg“ als NS-Propagandafilm: Durchhalteterror mit Rekurs auf Nettelbeck

Das war, als die Stadt Kolberg schon kurz vor dem Fall stand, im Zentrum brannte, die Feuer nicht mehr gelöscht werden konnten. Da rettete das einstige Kolberg gewissermaßen der Zufall: die plötzliche Mitteilung eines Waffenstillstandes „von oben“, in dessen Folge der spätere Diktatfrieden von Tilsit zwischen Preußen/Russland hier, der Siegermacht Frankreich dort verhandelt wurde.

Heinrich George als Nettelbeck im NS-Propagandafilm „Kolberg“. Quelle: WDR, Screenshot.

Doch bis dahin wütete Nettelbeck gegen alle in der Stadt, die sich der sinnlosen Gewalt widersetzten. „Und hörten es je meine Ohren, daß irgend jemand – er sei Bürger oder Militär – von Übergabe spräche: bei Mannes Wort! dem rennte ich gleich auf der Stelle diesen meinen Degen durch den Leib, und sollte ich ihn in der nächsten Minute mir selbst durch die Brust bohren müssen!“, zitiert er sich selbst stolz in seinen Memoiren.

Dies ist der Vorschein einer sukzessiven Militarisierung des deutschen Bürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die sich im Verbund mit den sich verbreitenden völkischen Ideen und ihrem Autoritarismus zu einem explosiven Gemisch verwandelte, das 1933 zündete.

Der in den letzten zwei Kriegsjahren gedrehte NS-Propagandafilm „Kolberg“ konnte fast zwanglos an Nettelbecks heroischen Männlichkeitswahn anschließen; als die Stadt von sowjetischen und polnischen Truppen März 1945 erobert wurde, verbot Goebbels eine Erwähnung dessen im Wehrmachtbericht nicht zufällig.

Bei den sog. „Endphaseverbrechen“ haben Nazis Tausende von deutschen Deserteuren und Zivilist*innen ermordet. An die Fahnenflüchtigen, die auf dem Erfurter Petersberg ermordet wurden, erinnert seit 1995 ein Deserteursdenkmal.

Straße nicht umbenennen, weil sich sonst gleichsam Büchse der Pandora öffnete?

Sei’s drum: Christdemokrat Vornweg möchte der Umbenennung nicht zustimmen. „Nicht, weil ich unbedingt an dem Namen hänge“, sondern: „Die Begründung, wie sie dargestellt worden ist, ist zu schwach und nicht ausreichend“, gibt er in der BV zu Protokoll.

Auch, dass Nettelbeck sich in drei (zu seiner Zeit noch vergeblichen) Anläufen bei drei Monarchen als Koloniallobbyist betätigte, ändert daran nichts. Und überhaupt: Wenn es denn schon um eine Neuauszeichnung von Straßennamen geht, da gäbe es nach Auffassung von Vornweg in Dortmund aber noch einiges zu tun.

Verweist auf Dichter der deutschen Klassik und anderer literaturgeschichtlicher Epochen: „Die Namensgeber waren schließlich nicht selten die Lüstlinge und Profiteure irgendwelcher antimonarchischer Fürsten und Monarchen.“ Und dann wäre da noch vor dem Kundencenter der DEW21 der (nach dem ehemaligen Dortmunder OB benannte) Günther-Samtlebe-Platz, ehemals Teil der Waffen-SS.

Eine Karl-Marx Straße dürfe es in Dortmund dann übrigens auch nicht geben, „die in seinem Namen begangenen Verbrechen des Marxismus-Leninismus, nicht nur der stalinistischen Ära der Sowjetunion in Betracht“ gezogen – wirft Vornweg weiterhin fröhlich – und garniert mit einem Hauch an Demagogie – alles in einen Topf, was sich hinsichtlich der motivationalen Ausgangsbedingungen, historischer Situiertheit, Zieldefinitionen, Menschen- wie Weltbild oder Wertehorizont kaum miteinander vergleichen lässt.

SPD möchte nicht umbenennen, sondern unter dem alten Straßenschild Informationstafeln anbringen

Thomas Oppermann im Interview bei Nordstadtblogger.

Und die SPD? Thomas Oppermann lässt für die Sozialdemokratie keinen Zweifel: Seine Partei teilt die Einschätzung der Grünen zu Nettelbeck, d’accord. Die entscheidende Frage für ihn: Wie damit umgehen? „Es muss schon darum gehen, diese Straße nicht einfach so zu lassen, wie sie ist, an der Stelle.“ Da sei eine Auseinandersetzung um die Person, vor allem aber die Thematisierung des Kolonialismus wichtig. Denn daraus bzw. aus der preußisch-militaristischen Tradition, daraus sei diese Straße benannt worden.

Die Sozialdemokrat*innen formulieren einen eigenen Vorschlag in einem separaten Antrag: Ergänzung der Straßenbeschilderung „Nettelbeckstraße“ um Informationstafeln, auf denen auf Nettelbecks „Beteiligung am Sklavenhandel und seine Unterstützung für einen deutschen Kolonialismus“ verwiesen würde.

Das brächte weiter, als eine Straße umzubenennen. Zudem, was die Genoss*innen beim Grünen-Antrag stört: Beteiligungsverfahren bei Umbenennung ja, aber, wie dort angedeutet, keine „besondere Stellung antifaschistischer Initiativen“. Das widerspräche dem eigenen demokratischen Grundverständnis, da müsse es einen Zugang für alle geben.

Keine Kosten wegen Adressänderung auf dem Personalausweis

Ihr Lösungsansatz ist nicht neu und entspricht in etwa den Vorschlägen des Sozialhistorikers Karl Ditt. Der Wagenfeld-Kenner befürwortete eine aufklärende Ergänzung der Straßenschilder statt deren Umbenennung. „Wir sehen im Anbringen einer solchen Tafel die Möglichkeit, die ,Ehrung‘ durch die Straßenbenennung umzukehren“, heißt es entsprechend in dem SPD-Antrag.

Was implizit aber auch soviel bedeutet wie: Ablehnung des weitergehenden Antrags von Bündnis 90/Die Grünen. Die Nein-Front lautet bei der Abstimmung in der BV mithin: SPD, CDU, AfD.

Zumindest geklärt werden konnte, was den Aufwand für die betroffenen etwa 130 Anwohner*innen im Falle der (nun fälligen) Straßenumbenennung betrifft, den Ämtern eine andere Anschrift mitteilen und den Personalausweis ändern zu müssen: Kosten (normalerweise 22,80 resp. 28,80 Euro für einen neuen Ausweis) entstehen offenbar nicht. Es reicht ein zusätzlicher Aufkleber.

Weitere Informationen:

  • Transatlantic Slave Trade Data Base; hier:

 

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